Zu Gottfried Benns "Doppelleben"
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Ich habe in einem meiner neueren Texte, der Einleitung zu einer Auswahl von Essays Rüdiger Bubners, beschrieben, wie ich letztes Jahr in meinem mir ziemlich fremd gewordenen, aber treu geliebten Heidelberg mit der Strassenbahn wie in alten Zeiten auf der Theodor-Heuss-Brücke den Neckar überquerte. Inzwischen frage ich mich, ob die Fahrt über diese Brücke, wie ich sie im Zusammenhang mit den übrigen Eindrücken an jenem Tag beschreibe, auch eine zeitliche Symbolik beinhaltete, so dass es sich um eine Fahrt handelte nicht so sehr in die nahe Zukunft, sondern eher zurück in der Zeit. (Für die Nichtdeutschen: Theodor Heuss wurde im Jahr 1949 der erste Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland.)
"Zunächst also war ich noch in Berlin, und der Umschmelzungsprozess der Nation ging weiter, aber meine inneren und äusseren Verhältnisse wurden so, dass ich an Veränderung dachte." (S. 103)
Mit diesem Satz beginnt das zweite Kapitel von Gottfried Benns Buch Doppelleben, es ist betitelt Leier und Schwert. Benn beschreibt im ersten Kapitel sein missglücktes Engagement für das neue Regime in den ersten Monaten nach der “Machtergreifung” im Jahr 1933, die scharfe Reaktion auf seine Rundfunkrede Antwort an die literarischen Emigranten von ebendieser Seite, die Vorgänge bezüglich der Umstrukturierung der Abteilung Dichtkunst der Preussischen Akademie der Künste und seine damit zusammenhängende einsetzende Ernüchterung, die spätestens im folgenden Jahr zu der Situation führte, die er mit obigem Satz umreisst.
Ich habe mir im Jahr 1991 den gerade frisch herausgekommenen fünften Band der Stuttgarter Ausgabe von Benns Sämtlichen Werken besorgt, der auch Doppelleben enthält, und ich hätte mir damals nicht vorstellen können, dass ich dieses Werk meines Lieblingslyrikers einmal so lesen werde, wie ich es heute tue.
Benn beschreibt die Stadien seiner Ausgrenzung und Demütigung, die mit der Umstrukturierung der Akademie 1933 begannen und im März 1938 in seinem Ausschluss aus der Reichsschrifttumskammer gipfelten.
"[…] nahm ich, wie alle anderen noch hier gebliebenen Mitglieder, an der Sitzung vom 6./7. Juni 1933 teil, die Rust eröffnete und Herr von Schillings leitete. Johst und Blunck wurden zu Vorsitzenden gewählt und lauter neue Senatoren ernannt. Ich blieb völlig im Hintergrund, doch erinnere ich mich sehr deutlich, wie es einige der neuen Mitglieder kaum über sich gewinnen konnten, mir bei der Begrüssung die Hand zu geben. Seit dieser Sitzung habe ich nichts mehr von der Akademie gesehen und gehört. Ob sie getagt hat, was sie getan hat, weiss ich nicht. Ich will noch hinzufügen, dass ich im Sommer 1933 zunächst von ihr beauftragt war, aus Anlass des Todes von Stefan George eine Gedächtnisrede auf ihn zu halten, aber mein Auftreten wurde untersagt." (S. 100f.)
Ich kehrte im November 2024 nach Deutschland zurück. Im Gepäck hatte ich die Auswahl aus Georges Werk, die Helmuth Kiesel, mein Doktorvater, kürzlich besorgt hatte, betitelt Geheimes Deutschland. Ich hatte das Buch mit grosser Begeisterung gelesen, Georges Werk war mir bis dato nicht allzu präsent, nun sah ich, dass ich es als drittes in meine Beschäftigung mit Benn und Rilke eingliedern konnte, und ich freute mich ungemein darauf. Umso mehr, als ein bestimmtes frühes Gedicht die Erinnerung an die Begegnung mit Julia wachrief, ja, einige Verse darin diese Begegnung geradezu emblematisch in ihrer monumentalen Bedeutung im Ganzen meines Lebensstroms erstrahlen liessen.
Ich hatte mich von London aus mit dem kleinen, gemütlichen Hotel in der Heidelberger Altstadt in Verbindung gesetzt, in dem ich in der Vergangenheit bereits einige Male abgestiegen war. Nun befand ich mich am Frankfurter Flughafen, eben frisch angekommen, es war später Nachmittag, und ich stellte fest, dass ich es nicht bis acht Uhr, wenn die Rezeption schloss, zum Hotel schaffen würde. Ich rief also dort an und sagte Bescheid, dass ich in Frankfurt übernachten und erst am nächsten Morgen in Heidelberg auflaufen würde. Die Unfreundlichkeit des Hoteliers, der offenbar derselbe war wie vor zwanzig Jahren, erstaunte mich. Ich kehrte mit meinem schweren Gepäck im Sheraton am Flughafen ein, zahlte teuer für eine Nacht, verputzte in einem der drei Hotelrestaurants ein Hühnchensteak nach texanischer Art und verbrachte die Stunden vorm Schlafengehen nachdenklich vor dem Fenster meines Zimmers mit Aussicht auf das Frankfurter Kreuz.
Benns Ausgrenzung setzt sich im beruflichen Bereich fort. Er lebt weiterhin von seiner ärztlichen Praxis in Berlin, erfährt aber auch im Medizinwesen die Folgen der allgemeinen Umstrukturierung. Er wird telefonisch vom Vorsitzenden des nationalsozialistischen Ärztebundes beschimpft und muss bizarre Schulungsabende über sich ergehen lassen. Er resümiert:
"Nun hatte ich mich ja in gewissem Sinne entschieden gehabt, mich der Volksgemeinschaft anzuschliessen, aber doch nicht in diesem Sinne. Ich hatte nicht erwartet, dass die Intelligenz an dem Punkt traktiert werden sollte, ganz unten, von wo aus sie vielleicht einmal begonnen hatte. Also was war zu machen?" (S. 104)
Benn entscheidet sich für die Aufgabe seiner Arztpraxis und den Wiedereintritt in die Armee. Er setzt sich mit alten Kollegen und Kameraden in Verbindung. Das Unterfangen glückt. Er bricht seine Zelte in Berlin ab und macht sich auf ins niedersächsische Hannover, wo er eine halbjährige Probezeit ableisten muss. Er tritt 1935 in das E(rsatz)-Offizierskorps ein und verbringt insgesamt zwei Jahre in Hannover.
"Alles in Allem waren es keine schlechten zwei Jahre, die ich dort verbrachte. Der Dienst war nicht schwer und dauerte nicht lange, ich war ungemein pünktlich und korrekt, ich wollte mir ja meine Aufnahme in die Wehrmacht verdienen und dann eine baldige Beförderung zu einer höheren Gehaltsklasse. Unmittelbare Geldsorgen hatte ich nicht, ich bekam 3-400 RM, ich wohnte wieder wie als Student in einem möblierten Zimmer und kochte mir selbst. Sonntags fuhr ich mit den grossen Reiseomnibussen in mir bis dahin unbekannte Gegenden der Weser, der Heide, des Solling oder in mir fremde Städte, wie Hameln, Celle, Wolfenbüttel, alles interessante Orte." (S. 109)
Benn erhält jedoch im Mai 1936 in Göttingen einen Vorgeschmack auf das, was ihn nun von seiten der gleichgeschalteten Kulturszene erwartete. Das Schwarze Korps greift ihn in einem Artikel an, der vom Völkischen Beobachter übernommen wird und Benns Kommandeur zur Kenntnis gebracht werden muss. Der entscheidet immerhin, dass ein “Saublatt” wie das Schwarze Korps einen Offizier gar nicht beleidigen kann und lässt es dabei bewenden.
Als Benn nach Berlin zurückkehrt, muss er jedoch bald feststellen, dass die Nazi-Kulturwächter ihn nicht vergessen haben.
Heidelberg, die Ländlichschönste, zu beiden Seiten der schroff aufsteigenden waldigen Höhen im Neckartal gelegen, war, abgesehen von den hässlichen Neubauten auf der Kurfürstenanlage, dieselbe Stadt wie vor zwanzig Jahren, aber viele Bewohner hatten sich offenbar verändert, namentlich deutsche. Das musste ich bereits in den ersten Wochen im Winter jenen Jahres 2024 feststellen.
Die Unfreundlichkeit des Hoteliers wuchs mit jedem Tag. Es war unbegreiflich. Die Freude über die Rückkehr in die geliebte Stadt wurde beträchtlich getrübt, denn es blieb nicht dabei. Nach einem kurzen Zwischenaufenthalt in einem anderen Hotel in der Altstadt musste ich erneut das Domizil wechseln, und dass zehn Heidelberger Hotels scheinbar kein Zimmer für mich hatten, trug zu meinem Misstrauen bei. Ich landete schliesslich im Hotel der Gaza-Kolonne, das ich in meiner Einleitung zu Rüdiger Bubner beschrieben habe, und die Monate, die ich dort verbrachte, waren nicht schön.
Ich hatte natürlich die Hoffnung, im universitären Bereich, zu dem ich lange Jahre gehört hatte und eigentlich immer noch gehörte, etwas Trost und Gesprächspartner finden zu können, die keine Nazis geworden waren. Zu meinem Erstaunen war das gar nicht leicht.
Die grösste Enttäuschung war sicherlich das Wiedersehen mit meinem Doktorvater. Er war ebenfalls bemerkenswert unfreundlich und machte sich mit einem anderen ehemaligen Lehrstuhlinhaber in meinem Beisein über die Demütigungen, denen ich ausgesetzt war, lustig, möglicherweise im Glauben, ich würde ihre literarischen Andeutungen nicht durchschauen.
1937 erscheint im Verlag Lehmann in München das Buch von Wolfgang Willrich Säuberung des Kunsttempels: eine kunstpolitische Kampfschrift zur Gesundung deutscher Kunst im Geiste nordischer Art. Darin wird Benn erneut angegriffen, und er erhält von seinem Vorgesetzten den Befehl, dafür zu sorgen, dass in der nächsten Auflage die entsprechenden Sätze fehlen. Dies erweist sich als unmöglich, und Benn meldet dies seinem Vorgesetzten im August jenen Jahres.
Den Schlusspunkt von Benns systematischer Ausgrenzung bildet dann ein Schreiben des Präsidenten der Reichsschrifttumskammer vom 18. März 1938, in dem der einstmals gefeierte Lyriker von seinem Ausschluss aus ebenderselben erfährt, obwohl er seit Jahren nichts mehr veröffentlicht hat.
Benn geht von einem Irrtum aus, erhält aber auf Nachfrage die Bestätigung vom Präsidenten, der ihm zudem von einem Ehrengerichtsverfahren gegen ihn erzählt. Der verblüffte Benn sucht nach Gründen und überlegt:
"Gedichte, die ich vor dem I. Weltkrieg geschrieben hatte und von denen einige immerhin in mehrere Kultursprachen übersetzt waren, konnten es doch wohl kaum sein. Andere Gründe persönlicher oder literarischer Art lagen keinesfalls vor, und die entartete Kunst alleine, zu der ich als Expressionist natürlich von vornherein zählte, schien mir auch kein genügender Grund. Aber es blieb mir nichts anderes übrig, als nun wieder zu meinen Vorgesetzten zu laufen und ihnen die Affäre darzustellen." (S. 115)
Benns Vorgesetzte entscheiden nach einigen Wochen, dass er seine Stelle zwar behalten kann, aber aus der höheren Laufbahn ausgeschlossen ist. Damit ist die Angelegenheit erledigt, und der über Fünfzigjährige, markanter, unverwechselbarer Teil der blühenden Kulturszene der Weimarer Republik, ist als Schriftsteller in Nazideutschland nicht mehr vorhanden, und so wird es bis 1950 bleiben. Seine Bilanz in Doppelleben:
"Ich glaube nicht, dass es auf der ganzen Welt irgendeine Berufsgenossenschaft, Gewerkschaft, Handwerkskammer geben kann, die mit ihren alten, nicht kriminell gewordenen Mitgliedern so verfahren wäre. Die hätten vielleicht geschrieben: Werter Kollege, wir müssen sie leider aus politischen Gründen ausschliessen, kommen Sie bei uns vorbei zur Rücksprache, wir wollen sehen, ob wir Ihnen weiterhelfen können. […] Nicht so die Kulturkammer - ein eingeschriebener Brief, keine Begründung, dafür ein Minister, ein Präsident oder wenigstens dessen Schreibpapier und gleich Strafandrohung. Sie glaubten eben, sich wirklich alles erlauben zu können." (S. 117)
Ich habe im Vorwort zu den Präludien erklärt, dass es einige Zeit gedauert hat, bis ich begriffen habe, dass die tonangebenden Kreise der deutschen Literaturszene wohl bereits Mitte der 2000er Jahre entschieden hatten, dass ich nicht zu ihr gehören sollte, wenn nicht noch früher. Im Gegensatz zu etwa Christian Kracht, Benjamin von Stuckrad-Barre, Feridun Zaimoglu. An der Qualität meiner Arbeit konnte es also nicht liegen, es musste andere Gründe geben. Ich war auch kein Folklore-Kanacke wie der Letztgenannte und einige andere inzwischen Arrivierte, also fiel die verlogene Patronage des linksgrünen Milieus in meinem Fall von vornherein weg. Was war also los?
Wann immer ich nach Antworten suche, ich werde jedesmal zu dem Rassismus zurückgeleitet, den ich bei meinem neueren Aufenthalt in Heidelberg erfahren habe. Ich gehöre wie Benn damals für die genannten Kreise eben einfach nicht dazu, bei ihm war hauptsächlich Faschismus der Grund, bei mir ist es hauptsächlich Rassismus, aber die Nazi-Ideologie ist die gleiche, damals und heute.
Sagen wir auch ganz deutlich, wie es weltpolitisch zu erklären ist, dass die neuen deutschen Nazis sich ihrer Sache so sicher glauben: Es ist der israelische Faschismus, mit oder ohne US-amerikanische Unterstützung, der mit seinen internationalen technokratischen Einflussmöglichkeiten dem deutschen politischen und kulturellen Establishment heute zur Bestätigung dafür dient, dass es sich weltanschaulich auf dem richtigen Wege befinde. Der israelische Faschismus gibt diesen Deutschen die Möglichkeit, sich endlich als Freunde der Juden zu gerieren und damit die Kontinuität ihrer Nazi-Ideologie zu kaschieren, mehr schlecht als recht natürlich.
Viel mehr ist dazu eigentlich nicht zu sagen. Jedem rechtschaffenen Schriftsteller kann es, wie Benn damals und mir heute, in vielen Teilen der Welt geschehen, eingeschränkt, ausgegrenzt, gedemütigt zu werden, wenn nicht noch Schlimmeres. Das ist die Lehre, die jeder heute Schreibende aus den fünfzehn Jahren des Ausschlusses, wie sie in Doppelleben beschrieben werden, ziehen sollte. Benn hatte das Glück, nicht nur Krieg und die damalige Naziherrschaft in seiner Heimat überstanden zu haben, sondern dort auch ein glänzendes Comeback zu erleben. Viele von uns werden solch ein Glück nicht haben. Unsere Zeit ähnelt mehr dem Jahre 1937 als dem Jahre 1950. Das ist die wirkliche, bittere Lehre von Doppelleben, und nur aus dieser Einsicht heraus kann heute wahrhaftig und zeitgemäss geschrieben werden.
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Es geht hier immerhin um meinen Lieblingslyriker, ja Lieblingsautor von denjenigen, die ich an einer Hand abzählen kann, und so möchte ich nicht nur bei den düsteren Teilen unserer Auswahl - Schatten der Vergangenheit, Leier und Schwert, Block II, Zimmer 66 - bleiben, sondern auch noch ein Streiflicht werfen auf den folgenden poetologischen Teil und die beiden kurzen Schlusskapitel.
Ich habe diese Teile immer mit Rührung gelesen. Inzwischen habe ich eine Lyriktheorie entwickelt, die sich zur Bennschen durchaus antagonistisch verhält, aber das ist an dieser Stelle nicht so wichtig. Man muss sich einmal vergegenwärtigen, in welcher Situation und aus welcher Position heraus Benn hier auf die prägenden Komponenten seiner literarischen Laufbahn zurückblickt. Er hat mehrmals darauf hingewiesen, dass er einer der wenigen bekannten Vertreter der expressionistischen Generation war, die nach dem Zweiten Weltkrieg noch am Leben und produktiv waren, und wir mögen hier zunächst an zwei weitere grosse B’s denken, die sich allerdings im anderen Teil Deutschlands einfanden: Johannes R. Becher und Bertolt Brecht.
Schauen wir aber einmal auf jene Komponenten, die Benn aphoristisch auflistet. Rüde bescheinigt er der neuen Generation, sie habe “nichts mehr in Händen, keine Substanz und keinen Stil, keine Bildung und kein Wissen, keine Gefühle und keine formalen Strebungen, überhaupt keine Grundlage mehr” (S. 160). Das wirkt zunächst vielleicht überzogen, aber wenn man etwa an die Kahlschlagspoetik der Prosaiker denkt, die sich in der Gruppe 47 zusammenfanden, dann scheint doch zumindest etwas dran zu sein, und auch in einem späteren Glanzstück wie Alfred Anderschs Roman Sansibar und der letzte Grund (1957) ist noch die Atmosphäre der Stunde Null spürbar.
Benn verweist erneut auf Nietzsche, für ihn “der weitreichende Gigant der nachgoetheschen Epoche” (S. 161), ergeht sich noch einmal im diachronen Relativismus und kommt schliesslich zur Naturfremdheit der Grossstadtpoesie, ein Bewusstsein, das mir im Manierismus der heutigen deutschen Lyrikproduktion ebenfalls verkümmert zu sein scheint.
Das Weitere kennen wir im grossen und ganzen auch aus anderen poetologischen Texten Benns, und es sei mir erlaubt, hier zu erwähnen, dass ich meine bahnrechende Studie zu Benn und Celan, die Benns Poetologie ausführlich behandelt, kürzlich völlig überarbeitet habe und wohl bald online veröffentlichen werde. Meine Studie beginnt im Rahmen der Subjektivitätsproblematik mit der Erörterung der “Montagekunst” des “Phänotyps”, welche die “Phase II des nachexpressionistischen Stils” bezeichnet, deren Darlegung und Propagierung den originären und wichtigsten poetologischen Teil von Doppelleben bildet (S. 168-170). Interessierte seien also darauf verwiesen.
"Von aussen gesehen, verlief mein Leben nicht ohne Glück. Ich kam auf ein humanistisches Gymnasium und konnte trotz wirtschaftlicher Schwierigkeiten und vieler Geschwister, die auch ihr Recht beanspruchten, das studieren, was meiner Neigung entsprach: Medizin und Naturwissenschaften, also die Disziplinen die im spezifischen Sinne das letzte Jahrhundert erkenntnismässig bestimmten. Und das in einer Zeit, wo man noch wirklich studierte: mit Musse, mit Abschweifungen, mit “Nebendingen”. Vieles, was dann kam, verdanke ich mehr meiner Indifferenz als meinem Charakter." (S. 173)
Wenn man die Geschwister weglässt, von der Medizin und den Naturwissenschaften absieht und dafür “Germanistik und Philosophie” und die 1990er Jahre einsetzt, dann könnten das auch Sätze von mir sein. Vincent Meurer sinniert in der Schnitzeljagd über seine Vergangenheit und das Glück, das er gehabt hat, über Sieg und Niederlage. “Du stehst für Reiche, nicht zu deuten, und in denen es keine Siege gibt”, zitiert Benn zum Schluss von Doppelleben sich selbst aus Weinhaus Wolf, und ich bejahe: Das Andere forderte auch in meinem Fall früh Gefolgschaft, und ich kann nicht so tun, als sei ich stets in der Lage gewesen, seine Zeichen klar zu deuten. Ich ging seinen Spuren nach und geriet auf Abwege, ich vergass und erinnerte mich meiner von neuem, ich ging weiter und liess viel zurück, aber bei alldem lernte ich, zahlte und empfing das Geschenk des schöpferischen Daseins. Die Theodor-Heuss-Brücke zu Heidelberg, die Kölner Rheinbrücke, der Dresdner Garten, der Hamburger Hafen - es sind auch jetzt keine fernen Orte für mich, sie sind Teil der Geographie meiner inneren Landschaft, wie das lyrische Werk und die Gedankenwelt Gottfried Benns.
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