Praeludium
Ich habe neulich einen Band mit dem Titel Praeludien. Zur neueren deutschen Literatur zusammengestellt. Die zehn darin enthaltenen theoretischen Texte umkreisen mein Selbstverstaendnis als literarischer Autor. Ich veroeffentliche hier das Vorwort des Bandes. Es mag darauf hindeuten, in welchen aesthetischen und literaturgeschichtlichen Zusammenhang die Gedichte, Erzaehlungen und Essays, die hier zu finden sein werden, einzuordnen sind.
Praeludien
Zur neueren deutschen Literatur
Vorwort
Der vorliegende kleine Band bewegt sich zwischen Philologie, Poetik und Kritik. Nach meinen beiden akademischen Büchern Paul Celan und Gottfried Benn - Zwei Poetologien nach 1945 und Das abwegige Ich hatte ich das Bedürfnis, doch endlich einmal diejenigen Texte zu versammeln, die ein deutliches Licht darauf werfen, wo ich als literarischer Autor herkomme und stehe.
Die Autoren, von denen hier die Rede ist, sind deutschsprachige Autoren des 20. Jahrhunderts. Die relevanten literarischen Werke reichen ungefähr von 1910 bis 1970. Das bedeutet nicht, dass ich nichts mehr danach gelesen habe. Es bedeutet, dass innerhalb dieses Zeitraumes Werke entstanden sind, die mein Schreiben und die Art, wie ich Literatur begreife, nachhaltig beeinflusst haben.
Ich habe mich entschieden, den Band mit einem Text über Gottfried Benn beginnen und enden zu lassen. Damit ist nicht nur die wichtige Rolle bezeichnet, die Benn nach wie vor für mich spielt. In der Auseinandersetzung mit Benn kommt die Richtung meines eigenen Schreibens, gerade als Lyriker, besonders deutlich zum Ausdruck. Neben Benn tritt Paul Celan als einer, der, zusammen mit anderen, die deutsche Lyrik auf den Weg geführt hat, den ich, nicht als einziger, weitergehen möchte. Martin Heidegger ist der Denker, der hier als erstes zu Rate zu ziehen ist. Bei Max Frisch hat Celan wertvolle Anregungen gefunden, um in seiner programmatischen Büchnerpreisrede Der Meridian (1960) bis heute gültige Wegweisungen zu geben.
Somit gehören die ersten drei und die letzten drei Texte des Bandes zusammen und umreissen den poetologischen Bereich, innerhalb dessen meine lyrische Produktion zu ihrem Selbstverständnis findet. Als zweisprachiger Autor richte ich meine Aufmerksamkeit dabei häufig auf Fragen der Komparatistik und der Übersetzung, wie nicht nur meine Studie zur Polyglottie bei Benn, sondern auch die Einleitung in meinen zweisprachigen Gedichtband άυλο άσυλο einmalig zweimalig zeigt. Zusammen mit der Auseinandersetzung mit den Problemen der Lyrik bildet dieser Text das bisher ausführlichste Dokument meiner schriftstellerischen Selbstbesinnung.
Die Texte in der Mitte des Bandes über Franz Kafka, Alfred Andersch und Heinrich Böll haben vorwiegend mit Prosa und Zeitkritik zu tun. Sie enthalten auch Erinnerungen an meine ersten Schritte als Leser, an die beginnende Faszination.
Alle Texte in diesem Band einschliesslich dieser Einleitung sind ausserhalb Deutschlands entstanden, neun in London, einer in Athen. Den letzten Text habe ich während meines diesjährigen ernüchternden Aufenthaltes in Heidelberg beendet.
Ernüchternd, sage ich, und damit komme ich zur Frage nach meiner Position im Ganzen der deutschsprachigen Literatur heute. Um sie zu beantworten, muss ich zurückblicken und die letzten zwanzig Jahre Revue passieren lassen, biographisch, literarisch und politisch. Ich werde versuchen, mich so kurz wie möglich zu fassen, zumal vieles ausführlicher im Text zu άυλο άσυλο zu finden ist.
Nach meiner Dissertation begann ich als literarischer Autor zu arbeiten. Im Herbst 2008 lehnte nach vielen anderen Verlagen auch Rowohlt mein Romanprojekt Inertia, von dem zwei Bände fertig vorlagen, ab. Was ich damals nicht wusste und Jahre später erst begriffen habe, war, dass diese Ablehnung die Weigerung bezeichnete, mich offiziell Teil der zeitgenössischen deutschen Literatur werden zu lassen. Die beiden Inertia-Bände waren der geglückte Versuch, dem, was als sogenannte Popliteratur herumdilettiert hatte, Form und Substanz zu verleihen, und schlossen damit eine Lücke in der zeitgenössischen deutschen Literatur. Dass dies nicht anerkannt wurde, bedeutet mehr als bloss eine verlegerische Fehleinschätzung.
Zweimal hatte ich das deutliche Gefühl, dass die Literatur meiner Generation einen falschen Weg einschlug. Das eine Mal Ende der Neunziger beim Auftreten der Pop-Schwafler, das andere Mitte des nächsten Jahrzehnts angesichts des erstaunlichen Erfolgs der Vermessung der Welt. Zwischen diesen beiden Polen drohte etwas verlorenzugehen, und ich war angetreten, es wiederzubringen. Bücher von Helmut Krausser, Thor Kunkel, Franz Dobler konnten dabei, so schien es mir, eine Inspiration sein. Es war das, was bei Rainald Goetz nicht zu finden gewesen war, obwohl manchmal latent vorhanden. Es deutete zurück in eine Zeit, als Pop noch Beat war, und Literatur Nonkonformismus, Kritik und Widerstand bedeutete.
Nun, mein Eintritt in die deutsche Literaturlandschaft wurde planvoll verhindert, aber ich ahnte nichts davon. Ich tat, was mir logisch schien: Ich veränderte mein Konzept. Ich orientierte mich am bewunderten Joerg Fauser und erinnerte mich, dass es nicht nur das Feuilleton gab, sondern auch Menschen, die Bücher lesen. Und die lesen meist nicht das, was als künftige Literaturgeschichte zurechtbesprochen wird. Ich beschloss, einen Krimi zu schreiben.
Inzwischen waren die 2010er Jahre im Gange, das katastrophale Jahrzehnt, das Jahrzehnt der Globalisten, das Merkel-Jahrzehnt, die völlige Aufloesung dessen, was einmal, im Guten wie im Schlechten, die Bundesrepublik gewesen war. Ich lebe seit 2015 nicht mehr in Deutschland. Zunächst bin ich mit meinen Eltern nach Griechenland gezogen, später habe ich drei Jahre in London verbracht. Mein offizieller Wohnsitz ist in Athen. Erst vor kurzem habe ich dort einen Verlag gefunden, der regelmässig Bücher von mir publiziert. Seit Frühjahr 2024 sind bei Οδός Πανός meine Arbeit zu Kafkas Schakale und Araber, die griechische Übersetzung von Das abwegige Ich, Πέραν του ατόμου betitelt, und die Interpretation von Karl Jaspers Freiheitsrede erschienen. Daneben entstanden Übersetzungen, zum Beispiel die griechische Erstausgabe von Martin Bubers Ich und Du in Zusammenarbeit mit Paraskevi Sidera-Lytra, meiner häufigen Mitarbeiterin und Co-Übersetzerin.
Den Krimi, den ich vor über zehn Jahren begann, habe ich zu einer Trilogie erweitert. Daneben liegen vier Gedichtbände von mir vor, drei deutsche (Stadthalle, Regenmass, Resonanzraum) und ein griechischer (Ποιήματα και ένα βήμα). Des weiteren ein deutscher Erzählungsband (Der lange Weg von A bis C) und eine Vielzahl von Übersetzungen aus dem Griechischen ins Deutsche und umgekehrt, philologische und philosophische Arbeiten, Rezensionen.
In den vergangenen zehn Jahren sind die Reaktionen in Deutschland auf meine Arbeit immer dreister geworden. Ich sehe inzwischen kaum noch einen Sinn darin, regelmässig an Verlage und Zeitschriften dort zu schreiben. Da nun aber ein nicht geringer Werkteil vorliegt, denke ich an alternative Veröffentlichungsmöglichkeiten, auch im Internet. Auf meiner Academia-Seite findet sich meist Wissenschaftliches, aber zum Beispiel auch meine Auseinandersetzung mit den Problemen der Lyrik. In einem literarischen Blog koennen regelmässig ausgewählte Texte von mir erscheinen, so auch die Krimi-Trilogie als Fortsetzungsroman.
Schauen wir, was die Zukunft bringt. Die Gegenwart ist Herausforderung genug, und ich trage mein Scherflein dazu bei, dass die zeitgenössische deutsche Literatur nicht völlig vergisst, wo sie herkommt, und was uns im Durchgang durch das 20. Jahrhundert überliefert worden ist. Die Situation in Deutschland heute gibt zu grosser Sorge Anlass. Ich selbst kann mir nicht vorstellen, noch dort zu leben. Ich sehe aber auch keinen Grund zu verleugnen, dass ich die ersten vierzig Jahre meines Lebens im deutschen Sprachraum verbracht habe und ein deutscher Schriftsteller geworden bin. Man kann uns kritische Geister ausgrenzen und bekämpfen, unseren Anteil am Kulturganzen aber nicht ignorieren.
Praeludien
Zur neueren deutschen Literatur
INHALT
Vorwort
1. “German song”: Gottfried Benn als Dichter der Mehrsprachigkeit
2. Paul Celan und Martin Heidegger: Ein u-topischer Dialog
3. Martin Heideggers Philosophie und der Begriff der Autorschaft
4. Franz Kafka: Schakale und Araber. Vorwort
5. Alfred Andersch: Sansibar oder der letzte Grund. Einleitung
6. Alfred Andersch: Tochter. Vorwort
7. Heinrich Böll: Doktor Murkes gesammeltes Schweigen. Einleitung
8. Max Frisch: Öffentlichkeit als Partner. Einleitung
9. άυλο άσυλο einmalig zweimalig. Einleitung
10. Gottfried Benn: Probleme der Lyrik. Einleitung
Kommentare
Kommentar veröffentlichen