London girls
Was ich also meine, ist, sie hätten es nicht tun sollen, aber das ist eine andere Geschichte. An dem Punkt, an dem sie auftauchte, war die Sache schon fortgeschritten, und ich war gerade erst in London angekommen.
Ich hatte von Anfang an das Gefühl, dass die Angelegenheit nicht ganz koscher war, kommt natürlich drauf an, was man unter koscher versteht, ach ja. Nur, sie kam eben mit ihren schlagenden Argumenten auf mich zu, und dann bin ich ja auch ein Frauenfreund, warum sie also wegschicken? Dabei war sie gar nicht mal mein Typ. Das nur am Rande.
Der Punkt ist, ich war in einem anderen Land, frisch angekommen, wie gesagt, und wollte mich von meiner besten Seite zeigen. Ich bin zu gutmütig, ich weiss. In gewisser Weise gelang es ihr, mich an sich zu binden, einfach durch diese Ausgangssituation. Und dann hat sie auch sofort angefangen, für das Business zu liefern, da konnte man nix sagen.
Jocelyn war verheiratet, also habe ich mich da etwas zurückgehalten. Die Sache war, vieles hat mich zu ihr hingeleitet. Leute haben gesagt: Die solltest du kennenlernen. Ich muss dazu sagen, dass ich eine gewisse Schwäche für Schriftstellerinnen habe. Ich weiss nicht, ich glaube, das fing damit an, dass ich vor zig Jahren diesen amerikanischen Cartoon gesehen habe, da ging es um ein junges Mädchen mit schwarzen Haaren und Brille, das so ein bisschen eine Aussenseiterin ist in ihrer Community. Sie ist aber sehr cool, beobachtet alles irgendwie aus einer Distanz, ist recht gescheit und sagt: “Ich will Schriftstellerin werden.” Ich weiss nicht mehr, wie sie hiess, oder die Serie. Sally? Na, ich habe damals jedenfalls zufällig reingezappt, und es hat mir gefallen, und dann habe ich alle Folgen gesehen. Ich glaube, es hat mir gefallen, weil ich mich als Teenager auch immer als Aussenseiter gefühlt habe. Da war ich aber schon zweiundzwanzig, als ich das gesehen habe.
Bloss, es kam noch mehr dazu. Wie soll ich das erklären. Also lauter so Kleinigkeiten. Zum Beispiel hatte Jocelyn, wie ich im Netz gesehen habe, an einem bestimmten Tag im Dezember Geburtstag und zwar genau an dem Tag vor den drei darauffolgenden Tagen, an dem drei meiner Freunde aus der Vergangenheit Geburtstag haben. Nenn mich meinetwegen abergläubisch, aber es waren lauter so Kleinigkeiten, die mich zu Jocelyn hinleiteten. Ich habe einmal eine Story gelesen, da geht es darum, dass in einer Bibliothek ein einziger Platz für ein einziges bestimmtes Buch frei ist, und es geht darum, dieses Buch zu finden. Also diese Passendheit, alles, was Jocelyn anging, schien zunächst so passend, das will ich damit sagen.
Ich gehe also zum ersten Mal in meinem Leben auf eine, ja, Buchmesse heisst das, nicht wahr? Man sagt ja auch Buchmarkt, genau. Das war damals oben im Norden, auf dem Olympia-Gelände. Ich nehme also die Jubilee Line, und dann waren es noch fünfzehn Minuten Fussweg. Ich komme in die Halle rein und bin erst einmal verloren. Es war schon der dritte Tag von der Messe, und es herrscht ein Gedränge. Wie durch ein Wunder finde ich aber im ersten Stock die Ecke, wo Jocelyns Lesung stattfindet, ich komme auf die Minute pünktlich, und ich schwöre dir, gerade als ich mich setze, fängt die Lesung an. Ich fühlte mich wie dieses bestimmte Buch, das in die schmale freie Ecke der Bibliothek geschoben wird. Es hat alles scheinbar so gut gepasst. Zu gut.
Ich hatte mit Jocelyn bis dahin nur zweimal am Telefon gesprochen. Erinnerst du dich an George, der seit Jahren in London für uns arbeitet? Er hat mir ihre Nummer gegeben. Sie hat nämlich früher, bevor sie Schriftstellerin wurde, in unserer Grafik-Abteilung gearbeitet. Ich habe sie also angerufen und einige Plattitüden aus unserer PR-Abteilung zum Besten gegeben, über gesellschaftliche Synergien und die Zusammenarbeit mit kreativen Köpfen, du kennst den Quatsch. Sie hat mich am nächsten Tag zurückgerufen und auf die Lesung eingeladen.
Das Beste war: Jocelyn sah wirklich ein bisschen aus wie das Mädchen in dem Cartoon, mit schwarzen Haaren und Brille. Die Lesung? Ich habe nicht viel verstanden. Ich habe immer mal wieder versucht, zeitgenössische Literatur, so nennt man das wohl, zu lesen, und das meiste war ein Reinfall. Sally Rooney - na, da hast du eine Sally - ich bitte dich. Der Punkt ist, ich fand das meiste, wie soll ich sagen, zu abstrakt. OK, Lee Child, damit kann ich was anfangen, vielleicht auch noch Ian Rankin. Jocelyn gehörte jedenfalls auch zu den Abstrakten. Aber sie sah ziemlich gut aus. Ich meine, sie hatte was. Wie das Mädchen in dem Cartoon. Auch wenn ich von dem, was sie gelesen hat, nicht viel verstanden habe.
OK, die Lesung ist also vorbei, und ich trotte so zu ihr hin, nette Begrüssung, und sie sagt, sie sei sehr eingespannt, aber wir könnten nachher unten in der Halle einen Kaffee trinken, beim Stand neben dem Übersetzer-Panel. Ich frage, wo ist das Übersetzer-Panel? Sie sagt, gegenüber dem Stand von Tilted Axis Press. Ich frage, wo ist der Stand von Tilted Axis Press? Sie sagt, lass dir am Eingang einen Guide geben. Die absolute Insiderin. Ich also ab nach unten und wieder zum Eingang.
Zehn Minuten später stösst sie am Kaffeestand zu mir, und wir beginnen uns auszutauschen. Sie ist sehr elegant gekleidet, mit Bluse und Rock, aufgebrezelt, würde ich fast sagen, für ihren Typ. Ich habe mein Kulturoutfit an, Jeans, Sakko und ein Band-T-Shirt, an diesem Tag war es das Nirvana-Shirt, glaube ich, das alte, das es schon vor Nevermind gab. Wir unterhalten uns also. Und jetzt muss ich etwas erklären, eine Sache, die mir bei vielen dieser Kulturleute aufgefallen ist.
Es ist die Art, wie sie sprechen. Als müssten sie einem Code folgen. Als hätten sie etwas auswendig gelernt, das sie nun herbeten. Nicht alle. Aber viele. Auch Jocelyn. Sie war aber sehr nett und offenbar erpicht auf ein weiteres Treffen. Sie sagte, dass sie verheiratet ist, da habe ich mich, wie gesagt, erstmal etwas zurückgehalten, aber die Initiative ging von ihr aus. Ich habe mir insgeheim gesagt, sie erhofft sich vielleicht einen neuen Job bei uns, diese Künstler sind ja oft recht klamm und suchen nach Möglichkeiten, ihr Portemonnaie zu füllen.
Wir haben uns dann noch zweimal getroffen. Einmal im Costa in der Nähe von Euston, und dann zum Essen im Balthazar im Covent Garden. Beidesmal wurde ich ein eigenartiges Gefühl nicht los. Aber ich war noch unter dem Eindruck von diesen Koinzidenzen, die Geschichte mit dem Cartoon-Girl und dem Geburtsdatum, also, schätze ich, habe ich Jocelyn mit rosaroter Brille gesehen. Dahinter wuchs aber ein Misstrauen. Und dann ihr Verhalten. Da war ein Widerspruch. Eine Mischung von sich Ranschmeissen und plötzlicher Abwehr. Ich hatte mal eine Freundin, die war Borderlinerin. Du weisst, was ich meine?
Jedenfalls, das dicke Ende kam für mich, als wir so nett beim Essen im Covent Garden sassen, ich mit meinem Gratin vor mir, und Jocelyn ziemlich unmotiviert in ihrem vegetarischen Burger stochernd. Ich machte ihr ein Kompliment und fügte scherzhaft hinzu, sie solle es aber nicht sexistisch auffassen. Darauf antwortete sie, ich solle mir keine Sorgen machen, sie habe mir eine temporäre Amnestie für meinen Sexismus erteilt. Wörtlich.
Da wusste ich, es ist aus. Ich meine, es war vielleicht ihre Art der Anmache, keine Ahnung. Aber damit war es für mich vorbei. Ich hätte lieber sofort das Weite gesucht, wollte aber noch meinen Gratin aufessen und mein Ale trinken. Ich hörte mir also noch an, was Jocelyn über ihr neues Buchprojekt erzählte, entrang mir ein paar Höflichkeiten und schlug dann die Einladung zum Kaffee aus. Ich glaube, sie hat sich ein wenig gewundert. Aber ich machte mich, nachdem ich natürlich alles zusammen bezahlt habe, schnurstracks auf den Weg zur tube station. Übrigens, wenn ich heute an Jocelyn denke, fällt mir immer ein Wort ein: altklug. Sie ist zwölf Jahre jünger als ich.
Und jetzt muss ich etwas über diese Woke-Geschichte sagen. Ich glaube, Jocelyns Verhalten hatte damit zu tun. Ich hatte das erst überhaupt nicht begriffen, frisch in London, und dann bin ich ja auch eine andere Generation. Aber dann kam dieser ganze junge Muff auf mich zu, inklusive he/her, she/they und dem ganzen Kram. Und immer ging es um the male gaze. Gaze, nicht Gaza, das ist die andere Manie. Mate, dein gaze ist nicht in Ordnung, er ist ein Geburtsfehler wie dein Schwanz. Arbeite gefälligst an deinem gaze, trainier ihn dir ab. Du arbeitest also an der Abschaffung deines male gaze und fängst glatt zu schielen an lol. Glaub bloss nicht, dass sie damit zufrieden sind.
An diesem Punkt tritt sie wieder auf den Plan, mir fällt ein, ich habe noch gar nicht gesagt, wie sie hiess. Liz, wie sonst? Nicht Liz Phair.
Ich sage mir also, wenn der feministische Obergerichtshof mir eine Amnestie erteilt hat, dann bin ich doch eigentlich fein raus und kann mich weiter umsehen. Ich bin also am mich Umsehen, und da pflanzt Liz sich wieder vor meine Nase. Wie herbestellt. Sie war zwei Wochen in Coventry bei ihrer Familie, ich hatte ihr extra freigegeben. Und sie nimmt mich in Beschlag, noch viel mehr als zuvor. Ich beginne mir aber Gedanken zu machen. Da wusste ich noch nicht, dass sie für Norton arbeitet. In die Firma hat sie sich gut eingegliedert, wir hatten nichts zu meckern.
Und jetzt komme ich zu Vera. Bei ihr bin bei meiner Umschau gelandet. Es war draussen auf der Latimer Road, ich bin dort herumgeirrt, weil ich eine neue Wohnung gesucht habe. Es war Oktober, abends, und es begann gerade dunkel zu werden. Ich kam von einem ziemlich enttäuschenden viewing, der Tag ging zuende, die Leute gingen von der Arbeit heim, es war eine Atmosphäre, in der man leicht mit Fremden ins Gespräch kommt. Vera stand vorne am Eingang der tube station vor dem Blumenladen. Ich fragte sie, ob sie auch Tulpen mag, da sie diese offenbar eingehend betrachtete. Ein Wort gab das andere, und am Ende tauschten wir Mailadressen und Handynummern aus. Ich erfuhr, dass sie im British Musuem arbeitete. Nicht an leitender Stelle, hinter den Kulissen als Restauratorin. Manchmal sass sie auch bei den Ausstellungsobjekten herum und passte auf. Ich schätzte sie auf etwa fünfunddreissig.
Sie hatte schwarze lockige Haare und ein sehr englisches Gesicht. Fand ich zumindest. Sie war kein Modeltyp, stell dir jetzt bitte nicht Liz Hurley vor oder so jemanden. Sie hatte etwas Praktisches, Zupackendes. Und jetzt kommen wir zum Kern der Sache, also, warum sie mir gefiel.
Die Sache ist die, du musst dir das so vorstellen, ich laufe durch eine tube station in der Zone 2, und da ist vielleicht an der Wand eine historische Bildergeschichte über die station und wie sie im Krieg bombardiert und dann wieder aufgebaut worden ist. Und dann siehst du zum Beispiel die alten Schwarzweissbilder mit women workers, die dabei tätig geholfen haben. Da bleibe ich immer vor stehen und sehe mir das an und lese mir das durch, und dann werde ich oft rührselig und denke mir, dass ich damals auch beim Wiederaufbau mitgeholfen hätte, so wie mein Grossvater. Ich bin ja kein Biodeutscher. Und dann sehe ich eine Frau wie Vera in diesem Zusammenhang beziehungsweise ihr historisches Pendant, und mich vielleicht als Emigranten aus Nazideutschland, und ich bin also auch irgendwie in diesem Bild. Verstehst du? Was Vera angeht, stell sie dir ungefähr so vor wie die Frau, die dieser Landarzt in Der Doktor und das liebe Vieh kennenlernt und heiratet, da in der englischen Pampa mit einem Wasserbottich in der Hand im Schlamm zwischen Pferde- und Schweinestall lol.
Wie gesagt, Vera war sehr praktisch veranlagt, äusserlich aber eher zierlich. Ist dir übrigens mal aufgefallen, dass Engländerinnen in der Regel höhere Stimmen haben als deutsche Mädels? Ah nein, du warst ja noch nicht hier. Na, jedenfalls passte das für mich alles zusammen, und ich habe Vera am nächsten Tag, als sie Feierabend hatte, vom British Museum abgeholt, da am Eingang zum Montague Place zwischen den zwei Löwen, und wir sind ein wenig durch Bloomsbury geschlendert. Wir suchten uns eine Bank in der Russell Square und fingen an zu quatschen. Es war wie gesagt Oktober und erstaunlich warm für englische Verhältnisse. Ein klein wenig Sonne treibt die Briten schon hinaus in die Parks, und die girls ziehen sich an wie Juli in Malaga. Wir gingen dann Richtung Tottenham Court Road und assen in einem brasilianischen Restaurant. Dann spazierten wir ein wenig durch die Gegend, Denmark Street und hinein nach Soho, wo Vera ein nettes Café kannte. Es war ein wunderschöner Tag, und ich dachte mir, dass es eine feine Sache wäre, Vera doch jeden Abend vom museum abzuholen, wenn die Arbeit in der Firma das erlaubte.
Und jetzt muss ich mich ein bisschen an meine eigene Nase fassen. Gerade in dieser Situation schmiss sich Liz an mich ran. Als hätte sie es darauf angelegt, mich von Vera wegzubringen. Ein Quickie auf dem Firmenklo ist eben eine handfeste Sache, und da sind wir Männer auch schwach, wenn das Weib mit der Mumu lockt. Und Vera war nicht so eine, die gleich ins Bett hüpfen will. Wie es das Schicksal wollte, fiel auch gerade in diesen Tagen viel Arbeit an, wir sassen jeden Tag bis 8 pm in der Southampton Row, und ich konnte nicht zum Museum, obwohl es nur einen Katzensprung entfernt war. Liz mächtig engagiert, in jeder Hinsicht. Später verstand ich, warum.
Ich traf mich mit Vera ein paarmal, es war immer sehr nett, aber ich wusste es nicht zu schätzen. Und die Quittung kam. Ohne dass ich es richtig mitbekommen hatte, waren drei Monate verstrichen, und ich realisierte eines Tages, dass ich seit Ewigkeiten nicht mit Vera gesprochen geschweige denn sie gesehen hatte. Ich rufe sie also an, und ich erfahre, sie ist in Bristol. Hat dort einen besseren Job gefunden. Tja. Wir blieben zwar in Kontakt, schrieben uns ab und zu, aber mit der Zeit begriff ich, dass ich zu leichtfertig gewesen war, mich von Liz ablenken zu lassen. Vor allem, als ich herausfand, dass sie für Norton arbeitet. Hinterher ist man immer klüger, wirst du sagen.
Jetzt komme ich zu einer ganz eigenartigen Sache. Es ist so, wenn ich mich in der Gegend zwischen King’s Cross und Euston Station befinde und etwas Zeit habe, dann latsche ich manchmal zur St Pancras Parish Church und schaue, ob es eine Ausstellung in der Crypt Gallery gibt. Diese Crypt Gallery ist nichts anderes als der Raum unter der Kirche, wo sich alte Gräber befinden und die Leute im Blitz Unterschlupf gesucht haben. Es ist ein eher kalter Tag, ich stehe also vor der Church und sehe, zwei Künstlerinnen stellen aus. Ich gehe nun wie üblich die Treppen zur crypt hinunter, und da stehen die beiden am Eingang zu ihrer eigenen Ausstellung. Die eine etwas groesser, rothaarig, die andere kleiner und dunkelblond. Ich komme nun vor der Grösseren zu stehen, labere sie an, und etwas passiert mit mir. Ich bin inzwischen wohl zu alt für die Liebe auf den ersten Blick, und dann spielte noch etwas anderes mit rein. Ich muss dazu sagen, dass die meisten Männer wahrscheinlich eher auf die andere abfahren würden, die daneben stand, niedlich, würden manche sagen, und mit einem Vorbau. Mich lässt aber die andere nicht los, und ich versuche mich auf meine Worte zu konzentrieren, während ich mich frage, was mit mir geschieht. Die Ausstellung war übrigens gut, aber mich hat natürlich mehr die Künstlerin beschäftigt, also die eine von beiden, Kristina. Nachdem ich herumgelaufen bin und mir die Werke, hauptsächlich Malereien, angesehen habe, bin ich wieder zurück zum Eingang und habe noch ein wenig mit den beiden gesprochen. Ich erfahre, dass sie für eine groessere Ausstellung in Whitechapel im Gespräch sind, und ich erkläre, dass ich mich darüber informieren und kommen werde. Und ich verlasse die Crypt Gallery, diesen verwunschenen Ort, mit meinem Eindruck und vergesse glatt, dass ich auf dem Weg zur Store Street war wegen einer Kopiersache.
Die Begegnung mit Kristina fiel in die Zeit mit Vera. Die Ausstellung in Whitechapel hat nicht stattgefunden, soweit ich das im Netz überprüfen konnte. Ich hatte von Kristina keine Telefonnummer, keine Mailadresse, nichts als den Namen auf dem kleinen Plakat vor St Pancras. Immer wieder habe ich daran gedacht, sie zu suchen, nach Whitechapel zu fahren und nach ihr zu fragen, aber ich habe es nie gemacht. Ich könnte das nun auf Liz oder auf das Business schieben. Οder auf beides. Aber vielleicht war das gar nicht ausschlaggebend. Manchmal frage ich mich, ob ich deswegen nicht nach Kristina gesucht habe, weil ich diesen Augenblick sozusagen rein erhalten wollte, verstehst du? Viel später habe ich gelesen, dass sie ein Stipendium in Italien bekommen hat. Sie scheint also Erfolg zu haben in ihrer noch jungen Künstlerlaufbahn, und das freut mich für sie.
In diesen Tagen nimmt mich aber, wie gesagt, Liz sehr in Beschlag, und sie hängt sich ja so rein, die Gute! Ich beginne mich schon zu fragen, ob wir mit ihr vielleicht das grosse Los gezogen haben, wir haben nämlich immer so jemand gebraucht, so ein Mädchen für alles, das die verschiedensten Jobs verrichtet und Kommunikationsarbeit macht, und dann fehlte einfach auch ein Ansprechpartner für unsere Kunden im spanischsprachigen Raum.
Wie ich herausgefunden habe, dass Liz für Norton arbeitet? Sie hat versucht, Unterlagen zu kopieren, und ich habe sie dabei erwischt. Ich komme also eines Tages kurz vor Feierabend in den Raum, wo Lucas arbeitet, und da ist aber nicht Lucas, sondern Liz am Machen. Reiner Zufall, dass ich Lucas etwas fragen wollte, mit dem habe ich eigentlich nie viel zu tun. Liz ist aufgeschreckt, ich bin zu ihr hin und sehe, es handelt sich um unseren Jahresplan, und sie fängt an, lächerliche Erklärungen zu stammeln. Ich habe sie stammeln lassen und so getan, als würde ich ihr glauben. Keine Ahnung, ob sie das geschluckt hat. Ich habe jedenfalls die Unterlagen, die sie offensichtlich aus meiner Schublade stibitzt hatte, wieder an mich genommen und begonnen, mir so meine Gedanken zu machen.
Liz hat einige Tage gebraucht, um sich nichts mehr anmerken zu lassen, und ich habe so getan, als sei alles in Ordnung. In Wirklichkeit aber habe ich Nachforschungen über Liz angestellt. Und dabei habe ich einiges herausgefunden. Ich erspare dir jetzt die Einzelheiten, die Sache ist, ich habe damals langsam gemerkt, wie es läuft, wenn Norton ihre Finger im Spiel haben. Ich habe ja Connections in London, und ich habe mit den Nachforschungen da angefangen, wo Liz vorher gearbeitet hat.
Norton sind ein Fall für sich. Ich habe ja geglaubt, unsere Firmen würden sich in einem normalen Konkurrenzverhältnis befinden, jeder macht seins, und man sieht eben, was dabei herauskommt. Und weil wir im Vergleich zu Norton klein und unabhängig und neu auf der Insel sind, dachte ich tatsächlich, dass sie keinen Grund haben, sich Sorgen zu machen. So läuft das aber nicht bei denen. Die strecken ihre Krakenarme überallhin aus, weil sie nicht ertragen können, dass etwas anderes von ganz alleine wächst, und deswegen sind sie auch so koscher, wenn du weisst, was ich meine.
Okay, ich habe Liz dann rausgeschmissen, und ich war dabei wohl nicht allzu höflich. Jedenfalls hat sie versucht, das auf gender discrimination zu schieben und ist mit lächerlichen Beschwerden gekommen. Das ist hier so üblich, eine Frau verarscht und verhöhnt dich, und wenn du auf den absurden Gedanken kommst, dich dagegen zu wehren, dann bist du ein chauvinistisches Schwein und sie das Opfer.
Also die Sache mit Liz war erledigt, aber nun wusste ich, dass Norton ihre schäbigen Methoden auch gegen uns anwendeten, und das hat mich beschäftigt. Ich habe auch andere Fälle kennengelernt, ich habe mich umgehört, und manchmal hatte ich den Eindruck, dass Norton ihre Leute, also ihre Laufburschen und Dienstmägde, auch einfach ins offene Messer laufen lassen, um ihre Zwecke zu erreichen und Einfluss zu gewinnen. Nicht sehr nobel, wie? Dabei tun sie so gross mit diversity, anti-discrimination und dieser ganzen awareness. Wenn sie eine awareness haben, dann ist es die awareness ihrer Bilanzen, deswegen springen sie auf jeden Modezug mit auf und geben einen Scheiss auf ihre Angestellten. Nachdem ich eine Weile darüber nachgedacht habe, bin ich also zu dem Schluss gekommen, dass es sie stört, dass wir überhaupt Erfolg haben und uns eine Marktnische erobert haben.
Nach der Liz-Affäre habe ich mich ein wenig mit Serena getröstet, und das war so gut, weil sie gar nichts von dem Genderdefekt abbekommen hatte und einfach sehr natürlich war. Ich wollte aber nicht von ihr erzählen, sondern von einem Mädel, das ich gesehen habe, als ich wegen Jocelyn auf der Buchmesse war. Als ich auf dem Weg von Jocelyns Lesung zurück zum Eingang war, bin ich im Erdgeschoss an einem Panel vorbeigekommen, und da sass sie rechts vor einer Stellwand mit einem Hintergrund aus Palmen und Strand. Es ging offensichtlich um Reiseführer. Ich habe ja ein bisschen ein Faible für Pummelige, aber vielleicht war es auch einfach nur die Art, wie die Haare ihr ins Gesicht fielen und nicht das Dekolletee. Jedenfalls blieb ich unvermittelt stehen und beobachtete, wie sie sprach, lebhaft und mit vielen Handbewegungen. Ich fragte den Typen neben mir und erfuhr, dass sie Esmeralda hiess. Ich habe das nie vergessen, obwohl ich mich sofort wieder auf den Weg zum Eingang gemacht habe wegen dem Treffen mit Jocelyn. Zuhause habe ich dann auf der Website des Verlages geguckt und gesehen, dass sie Lektorin ist und Halbkolumbianerin.
Und in den Tagen vor den Treffen mit Jocelyn habe ich, wenn ich Feierabends in der tube war oder am Wochenende im Park, manchmal an Esmeralda gedacht und dass ich sie gern wiedersehen würde. Das habe ich nie vergessen, bis in den März hinein, als es wärmer wurde, die green spaces zu blühen begannen, und der Frühling in der Luft lag. Und so sehe ich mich selbst, wenn du ein Bild von meinem Leben hier haben willst, dann dieses: in der tube, von Ealing bis Mile End, von Brixton bis Wood Green, und immer unterwegs zu einem Rendezvouz.
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