Einleitung zur bilingualen Lyriksammlung "άυλο άσυλο einmalig zweimalig"

 Dies ist meine erste zweisprachige veröffentlichung, und es wird vielleicht auch meine einzige bleiben. Ich habe kein interesse daran, ständig zwischen sprachen hin- und herzuspringen und darüber zu schwadronieren. Das überlasse ich gerne anderen. Ich wollte aber einmal so ein büchlein machen. Als zweisprachler lag das für mich nahe.

Zweisprachig, bilingual aufzuwachsen - ich habe das eigentlich nie explizit zum thema gemacht, erst anlässlich meines Elytis-essays habe ich begonnen, darüber in bezug auf fragen der übersetzung eingehendere überlegungen anzustellen. Ansonsten war es für mich schlicht eine biographische tatsache. Die mir allerdings bei meiner professionellen arbeit als übersetzer sehr zugute kam.

Manche theoretiker bemühen die vorstellung von der gastgeberschaft, um näheren aufschluss über die art und weise zu erhalten, in der zwei sprachen bei der übersetzung interagieren. Vielleicht ist, wenn man sich in dieser hinsicht überhaupt auf solche anthropomorphismen einlassen will, zumindest, was gedichte betrifft, der prekärere begriff des asyls angemessener. Das ist ein grund, warum ich ihn in den titel dieses bandes aufgenommen habe. Άυλο άσυλο -: mit gedachtem komma oder ohne, adjektivisch oder substantivisch, über die sphäre der übersetzung hinaus verbinden diese worte das erste und das letzte gedicht des bandes, und sie deuten ebenfalls auf einen atmosphärischen ort, an dem das gedicht aufenthalt nimmt.

Der deutsche titel-teil ist aus meiner langjährigen auseinandersetzung mit Paul Celans poetik erwachsen. Celan antwortet im jahre 1961 auf eine umfrage:


An Zweisprachigkeit in der Dichtung glaube ich nicht. Doppelzüngigkeit - ja, das gibt es, auch in diversen zeitgenössischen Wortkünsten bzw. -kunststücken, zumal in solchen, die sich, in freudiger Übereinstimmung mit dem jeweiligen Kulturkonsum, genauso polyglott wie polychrom zu etablieren wissen.

Dichtung - das ist das schicksalhaft Einmalige der Sprache. Also nicht - erlauben Sie mir diese Binsenweisheit: Dichtung sieht sich ja heutzutage, wie die Wahrheit, nur allzuoft in die Binsen gehen - also nicht das Zweimalige.


Jeder zweisprachige autor wird über diese stelle stolpern, und so ist es auch mir ergangen. Sie beginnt mit dem apodiktisch zusammenfassenden satz “An Zweisprachigkeit in der Dichtung glaube ich nicht.”  

Nun ist das mit dem glauben bekanntlich so eine sache, man kann an alles mögliche glauben oder nicht, gerade auch in spiritueller hinsicht, und diese fragen bleiben meist im umkreis des persönlichen. Ich erinnere mich zum beispiel, dass A. mir auf meine feststellung, sie sei eine recht untypische theologiestudentin, antwortete, dies sei nicht erstaunlich, man müsse auch nicht unbedingt an gott glauben, um dieses fach zu studieren.

Was aber ist “zweisprachigkeit in der dichtung” eigentlich genau? Celan sagt ja nicht “zweisprachigkeit im gedicht”. Hätte er dies gesagt, so würde ich ihm zustimmen. Auch ich bin gegen zwei- und mehrsprachigkeit als poetisches prinzip, einsprachigkeit sollte im gedicht die regel sein. Deswegen lasse ich mir beispielsweise auch nicht einreden, The Waste Land von TS Eliot sei ein grandioses werk, und ich zähle die allermeisten gedichte, die Gottfried Benn in den 1920er jahren schrieb, nicht zu seinen besten.

“Zweisprachigkeit in der dichtung”: Das wort dichtung hat hier wohl eine weitere bedeutung, es umfasst offenbar sowohl die gesamtheit eines bestimmten dichterischen werkes als auch dichtung als phänomen mit den prinzipien und haltungen dahinter. Dies bestätigt sich, wenn wir auf Celans poetologie blicken, insbesondere auf seine berühmte rede Der Meridian, der begriff der dichtung erhält da eine immense bedeutung und emphase.

Hierauf deutet in obigem zitat der zweite wichtige satz: “Dichtung - das ist das schicksalhaft Einmalige der Sprache.”

Der blick in den Meridian bestätigt uns, dass hier eine subjektivität ins spiel kommt, “Atem, Richtung und Schicksal”, sagt Celan dort, “gestaltgewordene Sprache eines Einzelnen”, “Gegenwart und Präsenz”. Dies alles zeichnet die dichtung, wie er sie versteht, aus. Dies soll nicht “zweisprachig” sein.

Ist es nicht bemerkenswert, dass ein dichter wie Paul Celan, der nicht nur zwei-, sondern mehrsprachig aufgewachsen ist, sich in seiner poetik so entschieden auf die seite der einsprachigkeit schlägt? Aber vielleicht ist hier gerade die mehrsprachigkeit ausschlaggebend, und keine zweisprachigkeit.

Die “arbeitsteilung” des deutschen und des griechischen war mein ganzes leben hindurch klar. Ich sprach zu hause mit meinen griechischen eltern griechisch und ausserhalb des elternhauses und in der deutschen schule deutsch. Meine kompetenz im griechischen hat nie meine kompetenz im deutschen erreicht, obwohl sie sich ihr in den letzten fünfzehn, sechzehn jahren angenähert hat. Dies hängt selbstverständlich mit meiner professionellen übersetzertätigkeit zusammen.

Insofern fand ich mich stets in der eigenartigen position, dass meine mutter- und vatersprache nicht die sprache ist, die ich souverän beherrsche. Weiter auf dem terrain unscharfer linguistischer begriffe wandelnd, liesse sich sagen, dass meine zweit- zur erstsprache wurde. Stets habe ich die qualifikation, ein native speaker des deutschen zu sein, intuitiv für mich reklamiert. “Gebürtiger sprecher”, so etwas gibt es im deutschen nicht, wohl aber den “einheimischen sprecher”. Kann dieser dann, Celan folgend, nicht auch ein “zweiheimischer sprecher” sein oder sich zu einem solchen entwickeln? Kommt wiederum jemand als “eingeborener sprecher” auf die welt und in die wiege, so wird man vielleicht irgendwann einmal sagen können, dass er “ein geborener sprecher” sei, mit einiger sicherheit aber von anfang an kein “zweigeborener” solcher.

Spass beiseite, worauf ich hinauswill, ist, dass jede biographie und somit auch jede autorenbiographie zunächst einmal für sich und aus ihren eigenen bezügen und prägungen heraus begriffen werden sollte. Das liegt ja auch durchaus auf der linie von Celans poetologischem individualismus. Nicht nur in meinem fall ist es die biographie eines zweisprachig aufgewachsenen und diese zweisprachigkeit entschieden kultivierenden autors.

Ich versuche einmal, in kürze die haupt-stationen dieser zweisprachigen entwicklung zu skizzieren. Ich habe bereits an anderer stelle erzählt, dass meine mutter mir, als ich ein kind war, griechisch-unterrricht gegeben hat, besser gesagt: mich dazu gezwungen hat, sicherlich mit dem ziel, meine kompetenz im griechischen früh meiner kompetenz im deutschen anzunähern. Das hat nicht funktioniert. Wenn ich mir das heute zu erklären suche, so scheint es mir, dass es gleich mehrere hinderungsgründe gab: kindlicher ungehorsam, die tatsache, dass das zuhause nicht die schule war, oder auch, dass ich nicht von meiner eigenen mutter, einer ausgebildeten lehrerin, unterrichtet werden wollte. Im übrigen hatte ich stets einen zug zum autodidaktischen. 

Man kann auch sagen, die zeit war einfach nicht reif dafür. Ich hatte kein griechisches umfeld ausserhalb meines elternhauses, und hier funktionierte die kommunikation im griechischen ja problemlos, auch wenn meine mutter mit ihrem lehrerfimmel es nicht lassen konnte, mich regelmässig zu verbessern. Wozu also das heim täglich in einen klassenraum verwandeln, und sei es nur für eineinhalb stunden und mit einem einzigen schüler? Meine mutter hatte bald ein einsehen. Schulunterricht fand also weiterhin nicht zu hause, sondern an der Lutherschule statt, die damals, gemäss den neuerungen in der bildungspolitik, für zwei jahre als orientierungsstufe fungierte, und ab der siebten klasse im Max-Planck-Gymnasium am Theaterplatz zu Göttingen, bis hinauf ins dreizehnte schuljahr. Diese ganze schulzeit hindurch hatte ich fast ausschliesslich deutsche mitschüler, und wenn man die gesamtheit meines etwa achtzig personen umfassenden abiturjahrganges nimmt, so war ich, denke ich, der einzige ohne deutschen pass.

Mein griechisches umfeld war also zeit meines lebens deutlich von meinem deutschen umfeld getrennt. Ich hatte keine griechischen freunde in Deutschland. Jedes jahr fuhren wir nach Griechenland und besuchten unsere zahlreichen verwandten. Diese zeit, die, wenn ich mich recht entsinne, jeweils nicht viel mehr als einen monat dauerte, bildete jährlich mein griechisches leben als griechisch sprechender grieche im vaterland, inmitten von etwa zwanzig cousins und cousinen und mindestens ebensovielen onkeln und tanten.

Diese fahrten fanden bis ins jahr 1992, also bis zu meinem achtzehnten lebensjahr statt. Generationsgenossen werden sich erinnern: Es war eine zeit ohne world wide web, ohne mobiltelefone, mit eben erst anlaufendem privatfernsehen und einer noch intakten kinokultur. Das wort globalisierung kannten wir nicht, es trat erst gegen ende der dekade ins allgemeine bewusstsein. 

Damals war Hellas im eigentlichen Sinne ein anderes land. Ein südeuropäisches land, dessen vom norden deutlich unterscheidbares klima es zum vielfrequentierten urlaubsziel prädestinierte. Und man hatte auch das deutliche bewusstsein, den boden eines anderen landes zu betreten und sich darin aufzuhalten. Die nicht-globalisierten hirne der langsamkeit und differenzierung nahmen dies notwendig wahr. Auch die reiseerfahrung war in dieser hinsicht eine andere. Es war die zeit vor der billigfluginflation, aber wir fuhren meist sowieso mit dem auto, durch Österreich und Italien nach Brindisi oder Ancona, dann mit der fähre hinüber nach Patras; später, vor dem krieg, durch Jugoslawien, übernachteten in Belgrad.

War mir das land als rückkehrendem einheimischen ohne weiteres offen, so galt dies doch nicht für die neugriechische literatur. Sie sperrte sich einem einfachen zugang. Ich hatte Thomas Bernhard und Heinrich Böll gelesen, Gottfried Benn und Paul Celan, nicht aber Stratis Tsirkas und Dimitris Hatzis, Konstantinos Kavafis und Odysseas Elytis. In der bibliothek im arbeitszimmer meines vaters war neuere griechische prosa im übrigen dünn gesät, nach Kazantzakis nahm sein interesse ab, dafür stachen die kunstvoll aufgemachten lyrikbände von Elytis heraus, der am leben war und weiterproduzierte. Yiannis Ritsos starb 1990, Alexandros Kotzias 1992, diese namen zeigen an, dass die griechische literatur im bewusstsein der leser damals noch von der alten garde dominiert wurde, und ob ihr seither viel ausserordentliches hinzugefügt wurde, ist die frage.

Es geht mir hier jedoch darum, die schwierigkeit meines zugangs zu begreifen. Im “Griechischkurs” meines gymnasiums rezipierten wir Homer als obligatorisches “abendländisches bildungsgut”, aber jedes einzelne gedicht von Kavafis stand wie ein fremdkörper vor mir, eine hieroglyphenähnliche ansammlung von chiffren, die auf einen enigmatischen historisch-kulturellen hintergrund deutete. Ich weiss, ich übertreibe. Aber irgendwann, anfang-mitte der 1990er jahre, formte sich auf diese weise in mir das bewusstsein von der diachronen griechischen literatur als eines abgrenzbaren bereiches unermesslichen reichtums, der einen sorgfältigen und konzentrierten zugang erforderte.

Und das hiess nicht zuletzt: übersetzung. Damals entstanden sporadisch meine ersten übertragungen, übertragungsversuche besser gesagt, einzelne gedichte, oder auch ein ankündigungstext für eine theaterveranstaltung, kleine auftragsarbeiten für meine mutter, die damals in der Griechischen Gemeinde der stadt sehr aktiv war und sogar eine lokale griechisch-deutsche zeitschrift mitherausgab.

Allein, mit meinem umzug nach Heidelberg im jahr 1996 änderte sich dies. Diese beginnende linie meines beitrages zur griechisch-deutschen kulturvermittlung brach zunächst ab. Der grund war ohne zweifel die entfernung vom elternhaus, aber auch von der familie insgesamt. Keine fahrten mehr nach Griechenland, und ich hatte tatsächlich auch kein bedürfnis danach, an dieser linie festzuhalten. Ausserhalb meines elternhauses hatte ich mich stets als deutscher gefühlt, schlicht und ergreifend, weil ich teil eines deutschen umfeldes war und von diesem, weitgehend vorbehaltlos, muss ich sagen, auch akzeptiert wurde. Die in jedem fall natürliche emanzipation von den eltern bedeutete in meinem fall deshalb eben auch eine gewisse germanisierung, zumal mit dem studium der Deutschen Literatur von Gottfried von Strassburg bis Günter Grass und der Philosophie von Kant und Fichte bis zu Husserl und Heidegger. 

Das studentenleben hatte seine eigenen sozialen signifikanzen. Auch sprachlich: So sprach ich in Heidelberg über ein jahr lang fast ausschliesslich Englisch, weil in meiner WG eine Bulgarin war, die eben erst Deutsch lernte, und in meinem freundeskreis ein Franzose. Ich wäre damals, das war 1999/2000, übrigens nicht im traum darauf gekommen, darin eine zu bekämpfende dominanz der gegenwärtigen lingua franca zu erblicken. Denn wenn wir deutsch sprachen, sprachen wir wirklich deutsch und keinen anglodeutschen oder sonstigen mischmasch. Es ist erstaunlich, wie sich die dinge von da an entwickelt haben. Aber das ist ein anderes thema.

Als ich im jahre 2004 mit dreissig jahren mit dem doktordiplom in der tasche nach Göttingen zu meinen eltern zurückkehrte, vorübergehend, wie ich dachte, war ich weiter denn je von der griechischen kultur und literatur entfernt. Eigentlich sprach alles dafür, dass ich bis auf weiteres in Deutschland bleiben würde, ich wollte mich erst einmal in der heimatstadt höchstens ein paar jahre ausruhen und ernsthaft mit dem literarischen schreiben beginnen, dann auf jeden fall wieder weg, es würde, schloss ich aus meinen erfahrungen, anlass geben umzuziehen, endlich in eine grosse stadt, Frankfurt, Hamburg oder gleich Berlin, das damals seinen nimbus als magnet für emporkömmlinge noch nicht ganz eingebüsst hatte. Nach kurzem verweilen im elternhaus - ich hatte die dissertation auf den veröffentlichungsweg zu bringen - mietete ich mir ein billiges kleines zimmer in der gegend hinter dem campus, in einem niedrigen hochhausklotz, einem sogenannten Briesebunker, wie man in Göttingen mit anspielung auf den namen eines lokalen immobilientycoons sagte. Hier schrieb ich grosse teile des dritten bandes von Inertia, und die gegend diente mir später auch als vorbild für die wohnsituation von Vincent Meurer im zweiten teil der kriminaltrilogie.

Also, jene zeit! Ich denke auch heute noch, dass mein leben in den jahren bis zum ende der dekade durchaus eine ganz andere richtung hätte nehmen können. Ein entscheidender punkt war ohne zweifel die nachricht vom gewinn des übersetzungspreises im herbst 2007. Einigermassen verblüfft nahmen meine mutter und ich zur kenntnis, dass unsere übertragung zweier erzählungen von Georgios Vizyinos ins deutsche, bei einem Göttinger kleinstverlag erschienen, den “griechischen staatspreis für die übersetzung in eine fremde sprache” erhalten hatte. Damit sah ich mich mit der tatsache konfrontiert, dass nicht mein herzensprojekt, die Inertia-romane, anerkennung fand (die beiden fertigen bände wurden von etwa dreissig deutschen verlagen abgelehnt), sondern ein in jeder hinsicht sekundäres parergon, hatte ich das ausgiebige lektorat, durch das ich zum co-übersetzer avancierte, doch lustlos und aus reinem pflichtbewusstsein übernommen, was man dem endprodukt, mit dem ich überhaupt nicht zufrieden war, auch ansah.

Aber, sagte ich mir, nun heisst es, die gelegenheit am schopf packen, ein professioneller übersetzer aus dem griechischen werden und so innerhalb der bunten literatursphäre einen weiteren tätigkeitsbereich aufmachen, der mir türen öffnen und meine literarische laufbahn mitanschieben und vielleicht richtig in gang bringen würde. So dachte ich, und ich dachte falsch.

Heute weiss ich, dass ich als übersetzer aus dem portugiesischen, litauischen oder isländischen auf deutlich mehr interesse bei deutschen verlagen gestossen wäre denn als übersetzer aus dem sogenannten neugriechischen, einer sprache, der in Westeuropa nicht einmal die identifikation mit ihrem nationalen raum zugestanden wird. “Griechisch” ist im abendland seit jeher altgriechisch, mit der gegenwärtigen sprachstufe muss also irgendetwas nicht stimmen. Tatsächlich gibt es für repräsentanten des status quo über die naive annäherung hinaus nachvollziehbare gründe, den heutigen griechischen sprachraum niederzuhalten. Dessen tradition führt nämlich keineswegs unmittelbar und in gerader linie zurück auf das Athen der antiken klassik, sondern durch die jahrhunderte der osmanenherrschaft und der diaspora hindurch zunächst nach Konstantinopel und in das reich, das man heute byzantinisch nennt, das sich selbst aber als rhomäisch bezeichnete, weil es Ostrom war, das imperium, das nach dem fall des lateinischen west-teiles zu fast tausendjähriger blüte erwuchs.

Die anerkennung dieser historischen tatsachen bedeutet aber zu registrieren, dass für den griechischen sprachraum nicht nur in dieser hinsicht  eine richtung nach osten auszumachen ist. Ich habe dazu im vorwort des Buber-bandes genug gesagt und kann mich hier auf diesen hinweis beschränken. Das im engeren sinne biographische weiterführend, komme ich heute, im rückblick, nicht umhin festzustellem, dass die leichte richtungsänderung bzw. erweiterung meiner arbeit als folge des preises eine weit grössere bedeutung hatte, als ich damals wissen konnte.

Wir fuhren im Januar 2008 nach Athen, um den preis entgegenzunehmen. Ich war sehr lange, etwa fünfzehn jahre nicht im vaterland gewesen, aber das wiedersehen mit den verwandten und der aufenthalt auf dem griechischen boden waren von keinem befremden begleitet. Ich hatte immer das gefühl gehabt, dass das familiäre band von diesem zeitlichen abstand unberührt bleiben würde, und dies bestätigte sich. Das land selbst, in diesem falle das urbane rätsel Athens, war mir so gut bekannt, dass ich die rückkehr bei aller neuorientierung eine heimkehr nennen konnte. Und ich kam nicht einfach so, sondern mit einem plan zurück: teil der griechischen kulturszene zu werden, die übersetzertätigkeit als startpunkt für die arbeit des deutsch-griechischen kulturvermittlers zu nehmen, eine arbeit, für die ich kraft meines aufwachsens und meiner entwicklung prädestiniert war.

Mit der erst vor ein paar jahren in betrieb genommenen metro fuhren wir zum Benaki-Museum, wo die preisverleihung stattfand. Dort traten eine menge leute auf, jüngere und ältere, dichter, prosaiker, essayisten, kinderbuchautoren, übersetzer, bekanntere und unbekanntere namen (ich erinnere mich zum beispiel an Ioanna Karystiani und Paola Maria Minucci), und schliesslich auch meine mutter, die bekanntgab, dass sie den preis mit mir teile.

So weit, so gut. Zurück in Deutschland, machte ich mich mit gesteigertem elan daran, meine übersetzertätigkeit richtig in gang zu bringen. In diese zeit datiert meine intensive auseinandersetzung mit dem werk von Alexandros Kotzias. Dies ist insofern bedeutsam, als eben nicht nur der synoptisch-diachrone blick, sondern gerade auch die konzentration auf einen aussergewöhnlichen autor meiner arbeit die dimension eröffnete, innerhalb derer die übersetzung ihrer wahren, die grenzen der profession übersteigenden bestimmung zugeführt wird.

Ich verbrachte einen grossen teil des jahres 2008 mit der lektüre und übersetzung neugriechischer literatur. Damit hatte ich einen weg eingeschlagen, der meine laufbahn entscheidend veränderte und, wie man heute mit sicherheit sagen kann, meinem autorendasein eine bestimmende komponente hinzugefügt hat: die der übersetzung als unabdingbaren teils der gesamtunternehmung.

Ich übergehe hier die näheren umstände des desinteresses der deutschen verlage (das übrigens, in recht dreister weise, erst vor ein paar wochen wieder von einem Berliner und einem Leipziger verlag bestätigt wurde), zumal ich meinem entsprechenden kleinen essay von 2016 über Mein Abenteuer als Übersetzer neugriechischer Literatur ins Deutsche bald einen zweiten folgen lassen werde. Diese betrieblichen schwierigkeiten haben nichts an der bedeutung der neuen richtung meiner arbeit geändert, die nun im eigentlichen sinne die arbeit eines zweisprachigen autors wurde.

Als eine weitere wichtige station würde ich meinen ersten direkt auf griechisch verfassten literarischen text nennen, den ich im Mai oder Juni 2015, kurz vor unserer übersiedelung nach Griechenland, schrieb. Eine prosaskizze geringen umfangs, aber doch recht komplex und mit bewusstem bezug auf literarische vorläufer. Dem ging kein plan voraus, sondern eine inspiration, eine idee, und so begriff ich bei und nach dem verfassen, dass die zeit reif geworden war, dass ich den ersten schritt zur qualifikation als griechischer autor getan hatte.

Vor kurzem habe ich meine erste griechische gedichtsammlung zusammengestellt, sie enthält auch die erwähnte, bislang unveröffentlichte prosaskizze. Ich bin nun so weit, dass ich mich mit fug und recht als griechischer autor bezeichnen kann und möchte in Griechenland auch als solcher anerkannt werden. Wenn ich nicht all die jahre in der glücklichen lage gewesen wäre, dass meine deutschen texte regelmässig von meiner mutter, Paraskevi Sidera-Lytra, ins griechische übertragen und dann im gemeinsamen lektorat für die veröffentlichung fertiggestellt werden, hätte ich viel mehr direkt auf griechisch geschrieben. Ich weiss, dass man sich in Griechenland besonders schwertut, autoren mit einer biographie wie der meinen als nationale autoren anzuerkennen, aber die griechische literaturgeschichte selbst mit eckpfeilern wie Dionysios Solomos und Konstantinos Kavafis spricht eine deutliche sprache. Wir kennen auch die entsprechenden grossen namen anderer literaturen, Joseph Conrad und Vladimir Nabokov zum beispiel. Um es einmal ganz deutlich zu sagen: Was an früherworbener und -kultivierter sprachlicher kompetenz fehlt, wird in solchen fällen durch arbeit und talent wettgemacht. Die ergebnisse sprechen für sich.

Mit fünfzig jahren sage ich also heute: Ich bin ein zweisprachiger autor. Ich sage es bewusst und entschieden, und ich erwarte, dass diese tatsache bei jeder ernsthaften beschäftigung mit meinem werk im ganzen zur kenntnis genommen wird. Ich erwarte, in Deutschland als deutscher autor anerkannt zu werden, unbesehen meines griechischen werk-teiles. Ich erwarte, in Griechenland als griechischer autor anerkannt zu werden, unbesehen meines deutschen werk-teiles.

Mit diesem statement kehre ich nun zu Celan zurück und muss ihm widersprechen. Es gibt, und zwar mit vollem recht, zweisprachigkeit in der dichtung, in einer literarischen erscheinung im ganzen. Ich plädiere in fällen wie dem meinen für eine “einmalige zweimaligkeit”, zusammengehalten durch das band der subjektivität, die so und nicht anders ausdruck findet. 

“Atem, Richtung und Schicksal”, “das schicksalhaft Einmalige der Sprache”: Ich sehe, von meiner eigenen produktionsgeschichte ausgehend, keinen grundlegenden widerspruch zu diesen poetologischen charakterisierungen Celans, nur dass ich eben für mich die zweisprachigkeit in anspruch nehme. Mit der betonung auf “schicksal”, “schicksalhaft” ist Celan hier übrigens gar nicht so weit von seinem antipoden Gottfried Benn entfernt, der regelmässig von “Moira” sprach, der undurchsichtigen auferlegung des ausdruckszwanges, dem der dichter zu folgen hat. Auch ich bin auf meine weise diesem ausdruckszwang, meinem sprachgeschick gefolgt, und auch ich versuche, seiner gestalt theoretisch auf die spur zu kommen.

Vor zwanzig jahren, als ich nach beendigung meiner ersten germanistisch-philosophischen studie (über Benn und Celan, wen sonst) mit dem Inertia-romanprojekt begann, sah ich allerdings eine ganz andere laufbahn vor mir, eine durchaus konventionellere. Ich wollte, mit dem roman als mittelpunkt, teil meiner literarischen generation werden. Ich sah mich vorwiegend als prosaiker. Inertia sollte der start sein, dann würde ich, wie die anderen auch, zur erzählung, zum essayistischen und gegebenenfalls journalistischen übergehen, wieder zum roman zurück und munter weiter, im idealfall mit unterstützung eines renommierten verlages, kommerziell relevant und preisbedacht.

Wenn einem autor aber, wie mir, der eintritt in die deutsche literaturlandschaft verweigert wird, dann läuft das spiel nicht so. Man ist dann nicht in der maschinerie drin und auch nicht teil ihres reziproken systems. Ob man dies nun als vor- oder nachteil sieht oder schlicht als gegeben hinnimmt, es verändert entschieden die art und weise der produktion. Mir selbst wurde durch die allmähliche entwicklung meiner literarischen zweisprachigkeit, deutlicher noch durch die kultivierung meiner übersetzertätigkeit ein weg aufgezeigt, wie ich meine laufbahn in relativ unabhängiger form, aber nicht minder relevant fortführen konnte, ohne am tropf des betriebes zu hängen. Ich bin vor einigen jahren zudem zur philologie und philosophie zurückgekehrt und räume meiner theoretischen arbeit seither einen gleichberechtigten platz im ganzen meiner schriftstellerischen bemühung ein. 

Damit hat sich die eigenart meiner produktion recht weit von dem bild entfernt, das mir vor zwanzig jahren vorschwebte. Literarische prosa und lyrik stehen nicht mehr im mittelpunkt meiner arbeit. Sie sind teile des ganzen, das weiterhin mit philosophie, philologie, essay, übersetzung, lektorat, kritik, journalismus umrissen ist, in zweisprachiger perspektive. Das bedeutet etwa, dass meine Heidegger- und Buber-übersetzung ebenso gleichberechtigt zu meinem werk gehört wie die trilogie von kriminalromanen, an der ich derzeit schreibe, und dass meine drei gedichtsammlungen meinen übersetzungen von Ritsos an die seite zu stellen sind. Demnächst erscheint eine auswahl meiner philologischen und philosophischen arbeiten unter dem titel Das abwegige Ich.

Ich verfolge hin und wieder, wenn auch nicht mit dem früheren interesse, sporadisch, was sich in der deutschen literaturszene tut, ich nehme ausschnitte wahr. Manches ist befremdlich. Benjamin von Stuckrad-Barre, mein alter mitschüler, hat sich, warum auch immer, mit Martin Suter zusammengetan. Clemens Meyer hat zu den tausendseitern aufgeschlossen. Juli Zeh fängt zu buddeln an, und sofort kommt ein neuer roman heraus. Verstehen wir uns nicht falsch, ich habe auch anrührendes und ergötzliches gelesen und gehört. Aber ich kann all dem nicht mehr die alte aufmerksamkeit entgegenbringen. Vielleicht wird sich das ändern, wenn meine krimis auf dem deutschen buchmarkt reissenden absatz finden. Bis dahin gehe ich auf meiner alleigenen bahn weiter.

Kehren wir zum thema der zweisprachigkeit zurück. Kehren wir zu Paul Celan zurück. Der sagt in der anfangs zitierten umfragenantwort noch mehr, das von interesse ist. Er spricht von doppelzüngigkeit, “auch in diversen zeitgenössischen Wortkünsten- bzw. -kunststücken, zumal in solchen, die sich, in freudiger Übereinstimmung mit dem jeweiligen Kulturkonsum, genauso polyglott wie polychrom zu etablieren wissen.”

Hier ist darauf hinzuweisen, dass diese stelle erst im rahmen von Celans poetologischem denken und unter berücksichtigung seiner lyrischen entwicklung gänzlich verständlich wird. Es wäre von der “graueren sprache” zu reden, die Celan drei jahre zuvor, ebenfalls in antwort auf eine umfrage  derselben librairie, als repräsentativen duktus der zeitgenössischen deutschen lyrik propagiert, es müssten die historischen und literarhistorischen bezüge erklärt werden. Ich verweise dazu auf meine studie über Benn und Celan.

Ich möchte im vorliegenden zusammenhang, im zusammenhang dieser bilingualen sammlung, einen anderen akzent setzen. Ich lese nämlich in der erwähnung des polyglotten und polychromen (“das Polychrome des scheinbar Aktuellen”, sagt Celan drei jahre zuvor) eine mahnung heraus, die für die literatur der gegenwart bedeutsam ist. Dazu muss ich biographisch etwas ausholen.

Ich lebe seit drei jahren in Grossbritannien, in London, der metropolis, in der sich das wirtschaftliche und politische leben der nation konzentriert, dem pulsierenden capital, auf dessen strassen die wege der angehörigen aller herren länder sich kreuzen. Noch in Athen, habe ich die ersten schritte zur annäherung an die britische kultursphäre getan, an den akademischen bereich zunächst, in dem ich nach wie vor das naheliegendste betätigungsfeld für mich sehe. Es war mitten in der Coronazeit, als eine konferenz mit dem imposanten titel Breaking down the walls of Babel meine aufmerksamkeit erregte. Ich nahm durch die ankündigung zum ersten mal notiz von dem abgegrenzten feld der translation studies, das im anglophonen raum zu grosser blüte gelangt ist. Es war auch der anlass für mich, endlich Walter Benjamins kanonischen essay Die Aufgabe des Übersetzers zu lesen. Der ankündigungstext der konferenz hob den sonderstatus von übersetzung und übersetzungstheorie innerhalb des akademischen ganzen heraus, er verwies auf die notwendigkeit der interdisziplinarität und versprach, diese durch die veranstaltung zu fördern. Das las sich für jemanden wie mich, der sowohl professioneller übersetzer als auch ausgebildeter philologe ist, sehr spannend. Ich folgte dem call for papers, und obwohl mein beitrag nicht ausgewählt wurde, wohnte ich der konferenz per Zoom bei und fand mein interesse bestätigt. Das war im Mai 2021, im August desselben jahres war ich dann schon in London. 

Ich wusste auch vom British Centre for Literary Translation (BCLT) in Norwich, das wohl am deutlichsten den status repräsentiert, den übersetzung und übersetzungstheorie hierzulande besitzen. Es schien angeraten, sich dort umzusehen, vielleicht an der jährlich stattfindenden summer school teilzunehmen. Aber auch andere institutionen fördern übersetzer, das National Centre of Writing mit seinem mentorship program zum beispiel. Kurz, mir schien sich hier ein feld zu eröffnen, innerhalb dessen ich tätig werden und einen beitrag leisten konnte, während ich meine übertragungen aus dem griechischen und deutschen an den mann zu bringen versuchte. In meinem ersten jahr in London, mit dem die Coronazeit zuendeging, sah ich mich auf den seiten des BCLT und anderer einrichtungen um und wohnte per Zoom nicht wenigen vorträgen, lesungen und diskussionen bei, die fast alle mit translation und translation studies zu tun hatten. Das war alles neu für mich, und hier schien sich, wie gesagt, ein weg aufzutun, der unmittelbar mit der entwicklung meiner laufbahn zu tun hatte.

Ebenfalls neu war mir, dass es im anglophonen raum eine literarische richtung gibt, die zwei- und mehrsprachigkeit wie auch die übersetzungsproblematik in den schöpferischen prozess und den literarischen text integriert. Darüber wurde auch in den diskussionen viel geredet, der theoretiker Lawrence Venuti übt mit seinem konzept des foreignizing einen gewissen einfluss aus, was übersetzungen betrifft, war der tenor im allgemeinen, dass es darum gehe, die leicht verdauliche as-if-the-original-was-written-in-English-übersetzung zu bekämpfen, den anonymen service für den English reader, in dem die person des übersetzers mit ihren choices und principles verschwinde und der kulturraum des originals vernachlässigt wenn nicht verfälscht werde. Hier sind die decolonial studies nicht weit, überhaupt der ganze komplex, von dem viele der jüngeren linken so zehren, der zwar auch in Deutschland in den letzten jahren in den vordergrund getreten ist, im anglophonen raum aber seine ursprüngliche stätte hat.

Im laufe jenes ersten jahres habe ich viel inspirierendes gehört und gelesen, ich habe zum beispiel schon an anderer stelle den debütroman von Jessica Gaitan Johannesson erwähnt, der wohl einigermassen repräsentativ für die art und weise ist, wie die erwähnte literatur der mehrsprachigkeit funktioniert, und mich, bei aller kritik, dazu gebracht hat, generell darüber nachzudenken, wie mehrsprachigkeit im literarischen text verwirklicht werden kann. Allerdings entstanden nach einiger zeit auch irritationen und fragen, und inzwischen, muss ich sagen, scheint mir diese ganze scheinbar progressive veranstaltung zwischen literarischer diversität und globalem bewusstsein nicht unbedingt und nicht in jedem falle das zu sein, was sie vorgibt.

Kehren wir etwa wieder zum BCLT zurück, nicht, weil es in dieser hinsicht besonders heraussticht, sondern weil es sich als repräsentatives beispiel anbietet. Es hat eine vortragsreihe dem bei Tilted Axis im sommer 2022 erschienenen band Violent Phenomena gewidmet, einer anthologie von essays verschiedener literarischer übersetzer vorwiegend nichteuropäischer literatur, die sich in kritischer weise mit den schwierigkeiten auseinandersetzen, denen sie auf dem anglophonen buchmarkt begegnen. Diese anthologie kommt recht kämpferisch daher, es werden bezüge zur bewegung der statuenbeseitigung (“Rhodes must fall”) hergestellt, hier und da fragt man sich, warum denn genuin politische fragen in den engen rahmen der übersetzungsproblematik gezwängt werden müssen, aber sei’s drum. Das BCLT widmet also dieser anthologie eine vortragsreihe, und nun soll man wohl sagen: toll, das ist progressiv, das ist anti-eurozentristisch, decolonial undsoweiter.

Wenn man sich aber das programm des BCLT im ganzen ansieht, stellt man fest, dass diese vortragsreihe ziemlich allein auf weiter flur ist. Es entsteht der eindruck einer alibiveranstaltung. Mehr noch, ein genauerer blick zeigt, dass sprachen mit nicht-lateinischer schrift und herkunft, wie Griechisch und Russisch etwa, sträflich vernachlässigt werden. Das sind europäische sprachen bedeutender historischer kulturräume, das griechische bezeichnet sogar beginn und ursprung der abendländischen zivilisation und muss nicht nur hier einem sekundären zugang, einem latinozentrismus weichen, dessen ungerechtfertigte dominanz durch globalistisch-pseudoprogressive zugeständnisse kaschiert wird.

Diese vorgehensweise hat methode, in Norwich und anderswo. Das polyglotte und polychrome wird der generellen tendenz als attraktives kleid übergezogen, diese tendenz aber bleibt die gleiche, diese bestimmte transatlantische tendenz. Ich registriere dies als deutschgriechischer autor, der ziemlich neu im land ist und hier noch nichts veröffentlicht hat. Nun kann ich sagen: Das ist eben so, es hat offensichtliche politische implikationen, man kann dafür oder dagegen sein, aber mein blick als nichtbrite ist ein blick von aussen. Da aber die erwähnte tendenz sich auch im sprachraum meiner eigenen literaturen (vor allem im deutschen, in Griechenland schaffen sich westeuropäische trends regelmässig verspätet raum) bemerkbar macht, kann ich dabei doch nicht stehenbleiben. Deshalb noch einige sätze zu den spezifischen formen literarischer globalisierung, wie ich sie kennengelernt und oben beschrieben habe, aus der persönlichen erfahrung heraus gesprochen.

Worauf ich immer wieder gestossen bin, ist das problem der beliebigkeit. In der globalistischen hypokrisie beansprucht alles ohne unterschied die aufmerksamkeit des theoretikers, jeder sprachraum, jede abweichung von der abweichung einer seit jeher vom “westlichen kanon” vernachlässigten lingua. Wer will, etwa in einer konferenz, schon derjenige sein, der sagt: Der sprachraum soundso interessiert mich nicht? Solch einer kann der logik des pseudoprogressismus nach nur ein reaktionär sein, wahrscheinlich rechts, auf jeden fall angehöriger einer vergangenen epoche. Wenn aber alles mit gleichem recht unsere aufmerksamkeit beansprucht, dann beansprucht nichts mehr mit recht unsere aufmerksamkeit, weil nämlich die massstäbe verlorengegangen sind, nach denen sich diese aufmerksamkeit richtet. Und diese massstäbe können nur aus erfahrener, gelebter und kultivierter tradition erwachsen.

Noch ein wort zu übersetzung und übersetzungstheorie. Wenn mir in all den damit zusammenhängenden panels, conferences und presentations, aber auch vielen papers eines aufgefallen ist, dann dies: dass man über übersetzung unheimlich viel, ja schier endlos reden kann, und zwar ohne gefahr zu laufen, theoretisch und begrifflich abgrenzbares gebiet zu betreten, von philosophischer grundlegung einmal ganz zu schweigen. Da nimmt es allerdings auch nicht wunder, dass der plauderer Derrida der bevorzugte denker so vieler übersetzungstheoretiker zu sein scheint.

In dieser perspektive sehe ich also heute das polyglotte und polychrome, von dem Celan vor über sechzig jahren sprach. Es ist eine perspektive, die weiterhin keinen anlass sieht, sich vom begriff der nationalliteratur zu verabschieden und in diesem begriff phänomene wie mehrsprachigkeit und migrantenliteratur integriert sieht. Im rahmen dieses begriffes hat sich auch meine eigene bisherige autorenlaufbahn entfaltet, deren koordinaten, sofern sie meine zweisprachigkeit betreffen, ich hier auf die spur kommen wollte.

Im voranstehenden ist schon einiges zur motivation, dieses büchlein zu machen, enthalten. Es ist, auch wenn mir das bei der konzeption nicht gänzlich bewusst war, unter anderem durchaus als eine antwort auf die globalistische literatur der mehrsprachigkeit zu verstehen. Ich hatte aber auch konkretere gründe, die auswahl zusammenzustellen und zu kommentieren. Mit meiner lyriksammlung Resonanzraum habe ich noch einmal auf prägende situationen meiner schönsten jahre in Deutschland zurückgeblickt, und es war für mich folgerichtig, diesen rückblick hier in anderer weise fortzusetzen und mit fragen der übersetzung, einer tätigkeit, die mich mein leben lang begleitet hat. zu verbinden. So stehen die biographischen kommentare zu den gedichten neben den kommentaren zu den spezifischen problemen der übersetzung des einzelnen gedichts. Um das ganze noch bunter zu machen, habe ich zu allen zehn gedichten auch jeweils einen pop- bzw. rocksong ausgewählt, der in irgendeinem bezug zur lyrischen äusserung steht. Einige songs lassen sich mit bestimmten teilen von Inertia verbinden; in band zwei und drei spielt populäre musik ja eine nicht zu unterschätzende rolle. Mit dem potpourri aus lyrik, übersetzung, prosa, theorie und auch diesem vorwort ist etwas geboten, in dem vielleicht auch derjenige, der sich nicht für übersetzungsfragen interessiert und/oder eine der beiden sprachen nicht beherrscht, sich etwas fruchtbares herauspicken kann. 

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