Die Schnitzeljagd (Folge XXXI)

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Als die S8 den Main überquerte und in Niederrad einfuhr, begann ein leichter Regen zu fallen. Das Wetter war sonst nicht schlecht gewesen, ein lauer Herbsttag, der Lust darauf machte, sich in wärmere Gefilde zu begeben. Vincent hatte diesmal den ICE genommen, um keine Zeit zu verlieren. Er würde locker um zwei Uhr am Alitalia-Schalter sein.

Vincent dachte an das Gespräch mit Beiz und Kwiebitz. Die Idee, ihnen Sören als Köder vorzuwerfen, war ihm kurz vor dem Treffen gekommen. Es war wirklich nicht nett Sören gegenüber, aber es sollte vor allem den Zweck erfüllen, die beiden Lokalbullen von Samir abzulenken. Wenn er sich in Den Haag eingerichtet hatte, dachte Vincent, würde er einmal ganz in Ruhe nach Nordingen kommen und sich wieder mit Samir treffen. Er wünschte ihm von Herzen, dass er den Absprung schaffte.

Man musste eben Prioritäten setzen. Wenn er ehrlich war, hatte er Sören nie wirklich gemocht. Es war nicht das erste Mal, dass Vincent jemanden ans Messer lieferte, auch wenn es jeweils Abstufungen der Gefährdungslage gegeben hatte. Sören hatte eigentlich nichts Schwerwiegendes zu befürchten, obwohl Samir zum Beispiel mehr Erfahrung mit der Polizei hatte. Wenn Vincent aber an die Umstände zurückdachte, unter denen der alte Heidelberger Zusammenhang auseinandergefallen war, und Guus ihm selbst den Absprung ermöglicht hatte, dann waren die Kollateralschäden damals grösser gewesen, viel grösser. Ihm war bis heute nicht klar, wie sich alles genau abgespielt hatte, wer wen verpfiffen hatte, und warum manche ins Kittchen wanderten, während andere vor dem Zugriff des Gesetzes bewahrt wurden, die Clique um Tschingis etwa.

Nun, man würde auch diesmal sehen, was am Ende dabei herauskam. Ob der Mord an Christine Baggenfurth überhaupt aufgeklärt werden würde? Wahrscheinlich. Vielleicht waren Beiz und Kwiebitz der Lösung schon nahe. Der Rauschgiftfall dagegen würde Vincent und Guus in Den Haag wohl noch eine Weile beschäftigen. Vincent konnte sich nicht vorstellen, dass der Besuch bei Lucien in dieser Hinsicht Klarheit bringen würde. Lucien, der auch diesmal die besten Voraussetzungen hatte, nicht belangt zu werden. Vincent war jedoch sehr neugierig zu sehen, was der Ausflug in die Abruzzen zutage fördern würde.

Die S8 näherte sich der Gegend um das Waldstadion. Vincent hätte gern einmal die Eintracht spielen sehen. Nordingen hatte keine erstligataugliche Fussballmannschaft, und Hannover war ihm immer etwas fremd geblieben, er war eigentlich nur in der Landeshauptstadt gewesen, wenn er dort etwas erledigen musste. Die Eintracht hatte er immer schon gemocht. Es war ein Traditionsverein und aus der Bundesliga der achtziger Jahre nicht wegzudenken. Seit Vincent angefangen hatte, die Sportschau zu verfolgen, hatte sich natürlich einiges verändert, manch ein Traditionsverein hatte den Weg nach unten genommen, aber die Eintracht hatte den Wiederaufstieg geschafft, und er wünschte ihr viel Erfolg. 

Die Bahn näherte sich Frankfurt Flughafen. War hier nicht irgendwo diese Amisiedlung? Sie hiess, Vincent erinnerte sich, Gateway Gardens. An einem der Tage ziellosen Herumirrens im Frankfurter Umland hatte es ihn mit Marcia auch dorthin verschlagen, während Sören sich mit Lucien zoffte, und sie noch nicht wahrhaben wollten, dass das, was sie grossspurig und zukunftssicher aufgebaut hatten, zu zerfallen begann und sie mitreissen würde.  

Eine andere Zeit. Vincent hatte jetzt eine neue Zukunft, sie war mit Guus und Europol verbunden. Er freute sich auf die Reise nach Italien. Die Bahn fuhr in die Station ein, und Vincent ergriff seine Tasche. Es war die gleiche blaue Tasche, die er vorgestern mitgenommen hatte. Sie würden ja nicht lange bleiben, nur das Wochenende über, also brauchte er nicht viel. 

Vincent folgte dem Pulk der Mitreisenden zu den Rolltreppen, die zur Abflughalle führten. Mithilfe einer Anzeigetafel lokalisierte er den Schalterbereich der italienischen Fluggesellschaft. Dort hinten.

Guus stand in der Nähe der Maschinen für das elektronische Check-in. Er trug Jeans, ein gelbes Hawaiihemd mit roten Palmen und darüber eine leichte blaue Jacke. Als Vincent vor ihm stand, sagte er überrascht: “Du bist ja kaum wiederzukennen. Und ich wollte mich diesmal dir anpassen.”

Vincent trug eine beige Hose, ein ockerbraunes Hemd mit grauer Krawatte und darüber ein schwarzes Sakko. Er stellte seine Tasche ab und gab Guus die Hand.

“Ich war mir bei dem Hemd zuerst nicht sicher wegen der Farbe”, sagte er. “Aber es ist das einzige, das zu meiner Lieblingskrawatte passt.”

Guus blickte ihn fragend an. Als Vincent ihn schmunzelnd anblickte, ging ihm ein Licht auf. “Ah, du meinst, du bist ein Braunhemd? Nein, keine Sorge, Vincent, ich spreche dich als Holländer vom Nazi-Verdacht frei.”

“Dann ist ja gut.” Vincent deutete auf das Hawaiihemd seines Partners. “Das nennst du Anpassung? Du übertreibst, Guus. Du siehst aus wie ein amerikanischer Tourist. Fehlen nur noch die kurzen Hosen.”

“Nicht im Oktober”, erwiderte Guus. “Ich finde, es ist eine gute Tarnung. Wer würde vermuten, was für einen Job ich habe?”

“Wie du meinst.” Vincent nahm wieder die Tasche in die Hand. “Komm, wir sollten einchecken.”

“Ist längst geschehen”, sagte Guus. “Es hat seine Vorteile, bei Europol zu sein.”

“Wunderbar.” Vincent blickte hinüber zur grossen Anzeigetafel. “Wann fliegen wir?”

“Viertel nach drei”, antwortete Guus. “Die Gepäckkontrolle müssen wir allerdings hinter uns bringen. Wir hätten auch direkt zum Flieger gehen können, aber ich wollte, dass wir einen Anstrich von Normalität bewahren.”

“Sehr richtig. Wir können uns langsam aufmachen, oder?”

Guus nickte. “Gehen wir.” Er schob den Griff seines kleinen blauen Koffers nach oben. 

Die beiden Männer folgten der Beschilderung. Eine Stunde später sassen sie im Flugzeug. Der Abflug erfolgte pünktlich, und bald sahen sie Frankfurt aus der Vogelperspektive. 

“Warst du schon einmal in Italien?” fragte Guus.

“Nur für ein Wochenende in Rom mit Freunden”, erwiderte Vincent. “Bevor wir uns kennengelernt haben. Wir waren sehr betrunken, ich kann mich an wenig erinnern. Und du?”

“Schon mehrmals. Beruflich, aber einige Jahre haben wir auch mit Famke und den Kindern Urlaub in Rimini gemacht.” Guus lehnte sich zurück und schloss die Augen. “Inzwischen bevorzugen wir Portugal.”

Das Flugzeug hatte die richtige Höhe erreicht. Auf dem Display über den Sitzen erlosch das Zeichen zum Angeschnalltsein. Vincent holte den Schneemann aus seiner Reisetasche und fuhr fort zu lesen. Er bemerkte wieder, wie es Fauser gelungen war, die Drogenerfahrung, Jahre des Rausches regelmässig in wenigen starken Sätzen zu bündeln. Was so zum Ausdruck kam, war eigentlich in dem ganzen Buch spürbar, in diesem Krimidestillat, trotz oder gerade wegen der szenefremden Hauptfigur. Später, im Schlangenmaul und in der extremen Raffung von Kant zeigte Fauser die inzwischen gewonnene Routine. Vincent mochte aber neben Rohstoff den Schneemann am liebsten, weil Fauser sich hier am Anfang seiner Karriere als Romancier befand und das, was er erfahren und sich erarbeitet hatte, erstmals in eine überzeugende Form brachte. Vincent empfand wieder das Bedürfnis, mehr zu schreiben. Vielleicht würde er sich wirklich an eine Short Story machen.

Vincent vermeinte wieder, im Hintergrund des Buches die Enttäuschung der Nonkonformisten Ende der siebziger Jahre zu spüren. Das Driften und die Experimente waren an ein Ende gekommen. Man musste sich neu orientieren. Das galt auch für ihn, als er aus Heidelberg zurückgekommen war. Die Neunziger erschienen ihm nun wie ein langer Dämmer, ein bunter Traum, eine Schlaraffenlandsimulation, aus der er ziemlich unsanft in die graue Wirklichkeit gestossen worden war.

Als sie die Alpen überquert hatten, war Vincent mit der Wiederlektüre fertig. Er blickte neben sich und sah, dass Guus nicht mehr schlief.

“Warst du eigentlich schon einmal in Ostende, Guus?” fragte er ihn.

Der Holländer wandte sich ihm zu. “Nein, warum?” fragte er.

“Ach, nur so”, sagte Vincent. “Das Buch, das ich lese, endet dort.”

“Ich bin oft in Brüssel”, sagte Guus. “Das lässt sich nicht vermeiden. Ich war auch ein paar mal in Antwerpen, für Ermittlungen. Es zieht mich im allgemeinen nicht zu unseren belgischen Nachbarn.”

“Aha”, bemerkte Vincent. “Aber nach Deutschland, wie?”

“Du weisst, ich habe in Köln studiert. Deutschland ist im Grunde meine zweite Heimat.” Guus machte einen vergeblichen Versuch, die Beine auszustrecken. “Inzwischen müssten wir über Italien sein”, sagte er.

“Bestimmt”, erwiderte Vincent. 

Für den Rest des Fluges redeten sie nicht viel. Vincent versuchte, ebenfalls die Augen zuzumachen, aber er schlief nicht ein. Fast genau Punkt fünf Uhr landeten sie auf dem Fiumicino. Da sie kein Gepäck aufgegeben hatten, machten sich Vincent und Guus nach der Passkontrolle direkt auf den Weg zum Taxistand.   

Sie stellten sich in die Reihe der Wartenden und sassen nach fünf Minuten in einem Wagen. Sie sassen beide hinten. Als sie das Flughafengelände hinter sich gelassen hatten, fragte Vincent: “In welchem Hotel steigen wir in Rom eigentlich ab?”

“Im Spa Resort Hotel in der Via Cavour”, antwortete Guus. “Ganz in der Nähe der Stazione Termini. Von dort werden wir den Zug in die Abruzzen nehmen”

“Spa Resort Hotel? Das klingt nach Heilquellen, Badeort, Wellness.”

“Ich glaube, sie haben einen Swimmingpool”, erwiderte Guus. “Ich hoffe, du hast eine Badehose mitgenommen.”

“Pack die Badehose ein, nimm dein kleines Schwesterlein”, referierte Vincent. “Nein. Ich hatte nie viel Lust aufs Plantschen.”

“Apropos Schwesterlein”, sagte Guus. “Wie ist es nun eigentlich genau mit der jungen Frau gelaufen, auf die du in Nordingen ein Auge geworfen hattest?”

Vincent machte eine wegwerfende Handbewegung. “Ach, das kannst du vergessen. Aber ich stehe auf Italienerinnen. Ich glaube, ich werde mich heute abend in der urbs aeterna ein wenig umsehen.”

Es war wenig Verkehr, und so erreichten sie in einer Dreiviertelstunde das EUR-Viertel. Als sie die Porta San Paolo passierten und die Viale Aventino hinunterfuhren, erinnerte sich Vincent, wie sehr ihm Rom damals gefallen hatte, und er nahm sich vor, die Ewige Stadt einmal ganz in Ruhe und mit viel Zeit im Gepäck zu besuchen. Auch wegen den Italienerinnen. Es war eben etwas anderes, der Atmosphäre der Stadt und all ihrer Schönheiten wirklich teilhaftig zu werden, als die italienische Szenerie in den Gialli, Commedie und Poliziotteschi, die er ständig konsumierte, zu betrachten. 

Das Taxi setzte Vincent und Guus direkt vor dem Hotel in der Via Cavour ab. Sie bezahlten den Fahrer, gingen durch die Drehtür und betraten die geräumige Lobby. Das Hotel war sicher nicht billig, dachte Vincent. Europol zahlte, wenn auch leider nur für ein verlängertes Wochenende.

Die Zimmer befanden sich im dritten Stock. Das Hotel schien altes und neues Design, traditionelles und modernes Flair kombinieren zu wollen, und so fanden sich neben altertümlichen Holztischen und -schränken gelb, grün, rot gestrichene Regale und die in einem hellen Blauton gehaltene Wand. Das Bett war sehr gross, und die breite Fensterfront, die auf die Via Principe Amadeo sah, liess viel Licht hinein. 

Vincent verteilte seine wenigen Sachen im Bad und in dem grossen Holzschrank neben der Zimmertür. Er warf den Schneemann mit Marius und Polly auf die Tischfront unter dem grossen TV. Neuer Lesestoff musste her, dachte Vincent. Am besten zuerst einige italienische Zeitungen, damit er sich in der Sprache üben konnte. Er hatte vor Jahren einen Volkshochschulkurs besucht. Er verstand viel, konnte aber noch nicht richtig Konversation machen. Das Latein, das er in der Schule gelernt hatte, half, und natürlich auch das Englische. 

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