Die Schnitzeljagd (Folge XXX)

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Vincent bemerkte erneut, wie sehr sich das neue Polizeigebäude, der grosse rechteckige Klotz im Hagenweg, von dem alten Quartier der Gesetzeshüter am Geröllgraben unterschied. Von der Kahlheit und dem matten Licht im Flur ging eine Sterilität aus, die ihn an alte Science Fiction-Filme denken liess. Es passte zu dem neuen Anstrich, den sich die Stadt zu geben bemühte. 

Vincent klopfte vernehmlich gegen die Tür im ersten Stock, hinter der sich das Dienstzimmer des Hauptkommissars befand. Er hörte ein “Herein” und drückte die Klinke herunter. 

Da sassen sie wieder, Kommissar Carl Beiz und Polizeiobermeister Benjamin Kwiebitz, auch bekannt als sein alter Mitschüler Ben, der Schwafelkasper. 

“Willkommen zurück”, hob Beiz humoristisch an und wies Vincent wieder den Stuhl zu, der vor seinem Schreibtisch stand. Kwiebitz sass ebenfalls wieder links neben Beiz und strengte sich offenbar an, einen taxierenden Eindruck zu machen.

“Also, da wären wir erneut.” Carl Beiz trug die gewohnte schwarze Jacke und darunter ein kariertes Hemd. Benjamin Kwiebitz hatte sich diesmal für seinen Krawattenaufzug entschieden und den Pullover weggelassen. Vincent setzte sich.

“Es haben sich offensichtlich einige zusätzliche Gesichtspunkte ergeben”, erklärte der Kommissar. 

“Offensichtlich”, bestätigte Vincent.

Beiz hob die Augenbrauen. “Auch bei ihnen? Oder meinen sie, dass Herr Schröer sie über unsere Gespräche auf dem laufenden gehalten hat? Nun, wie dem auch sei, ich würde jedenfalls vorschlagen, wir teilen ihnen zunächst von unserer Seite den Ermittlungsstand mit, und wenn sie zusätzliche Erkenntnisse besitzen, ergänzen sie unsere Ausführungen.”

Vincent nickte. “Das ist eine gute Idee”, antwortete er. Beiz konnte sich nicht vorstellen, dass Guus ihm etwas vorenthielt, sagte er sich. Das kam seinen Plänen zugute.

Beiz wandte sich an seinen Assistenten. “Wollen sie das nicht übernehmen, Polizeiobermeister?” 

Kwiebitz nickte. Beiz reichte ihm einige zusammengeheftete Blätter. Kwiebitz legte sie vor sich auf den Tisch, holte aber auch einen Notizblock aus der Tasche seiner schwarzen Jacke.

“Also schön”, begann er in seinem beflissenen Ton. “Wir sind ein gutes Stück weitergekommen, denke ich.” 

Kwiebitz begann mit Ursula Lubasch, die Christine Baggenfurth zuletzt beherbergt hatte, und bei der Christines Rucksack gefunden worden war. Er sprach von dem vielen Geld, das sich in Christines Portemonnaie befunden hatte, und von Sören Barghausers Visitenkarte mit dem Gruss von “L”. Er berichtete von den Besuchen bei Laura Wirthing, Adelheid Leitner und Samir Nabhani. 

Sein Vorgesetzter schaltete sich ein. “Wir haben versucht, Patrick Leitner in England zu erreichen. Ohne Erfolg. Seine Freunde in London haben gesagt, dass er nach Norden weitergereist sei. Wo er sich jetzt genau befindet, wussten sie nicht. Womöglich sogar Schottland oder Irland. Seine Frau wird uns informieren, sobald er sich bei ihr meldet. Es ist offenbar nicht das erste Mal, dass er dort oben herumreist. Er bezeichnet sich laut Heidi Leitner als Anglophilen.”

Vincent schmunzelte. “Patrick Leitner war auf meiner Schule”, sagte er. Einen Jahrgang über uns. Er hatte damals schon den Spleen. Das war wohlbekannt.”

“So?” bemerkte Beiz. “Nun, wie dem auch sei. Sagen sie uns doch einmal, was ihnen zu alldem einfällt, Herr Meurer. Und ob sie etwas hinzuzufügen haben.”

Vincent nickte. “Vielen Dank für die Informationen, Ben”, sagte er zunächst konziliant. “Ich sehe, sie sind wirklich weitergekommen, Herr Beiz. Auf meiner Seite sieht es etwas mau aus. Ich habe noch einmal mit Herrn Schröer telefoniert, und er hat betont, dass der Mord an Christine Baggenfurth und der florierende Drogenhandel in der Region zwei unterschiedliche Fälle darstellen. Möglicherweise gibt es aber eine Verbindung, und insofern wären wir natürlich froh, wenn wir ihnen bei der Aufklärung des Mordes helfen könnten.”

Auf dem Gesicht des Kommissars zeichnete sich Zustimmung ab. Gut, dachte Vincent. Nun konnte er ihm den Köder hinwerfen.

“Ich bin in den zwei Tagen seit unserem ersten Treffen hier nicht wirklich weitergekommen”, fuhr er fort. “Abgesehen von einer Sache. Ich bin auf eine zweite Visitenkarte von Sören Barghauser gestossen.”

“Ach ja?” sagte der Kommissar und versuchte, sein Erstaunen in Zaum zu halten. “Wo denn?”

“Das ist jetzt nicht so wichtig”, erwiderte Vincent. “Ich habe mich bei verschiedenen alten Bekannten umgehört. Der Punkt ist, Sören Barghauser ist für mich kein Unbekannter, und auch für Europol nicht.”

“Sieh mal an.” Beiz war nun wirklich hellhörig geworden, und auch sein Assistent hing nun offensichtlich an Vincents Lippen. 

“Sören Barghauser”, nahm er den Faden wieder auf, “wird mit dem Dealerring in Zusammenhang gebracht, der vor vier Jahren in Heidelberg ausgehoben wurde, und in bezug auf den dem Franzosen Lucien Tenepreti, von dem sie bereits gehört haben, eine tragende Rolle zugesprochen wird.”

“Äusserst interessant”, bemerkte Beiz. “Sie hatten einen französischen Grossdealer erwähnt. Das ist dieser Tenepreti, richtig?”

“Richtig.”

“Herr Schröer hat mir am Telefon erzählt, dass sie, also, dass Europol da dran ist”, sagte Beiz.

“Genau.” Vincent steuerte nun sein eigentliches Ziel an. “Monsieur Tenepreti interessiert uns tatsächlich so sehr, dass Herr Schröer und ich ihm übermorgen in Italien einen Besuch abstatten werden.”

Vincent bemerkte Beiz’ Erstaunen, der anhob, etwas zu sagen, aber er fuhr schnell fort: “Wir fliegen morgen nach Rom, und von da aus geht es in die Abruzzen. Die Sache ist nun, es spricht einiges dafür, dass Sören Barghauser das gesuchte Verbindungsglied unserer beiden Fälle ist. Barghauser und Tenepreti stehen offensichtlich weiterhin in Kontakt. Tenebretti hat Barghauser in Frankfurt besucht.”

“Tatsächlich?” Beiz war ganz Ohr.

“Ja”, fuhr Vincent fort. “Und nun wäre es eben sehr gut, wenn sie sich mit Barghauser beschäftigen könnten, während wir Tenepreti unseren Besuch abstatten. Vielleicht kommen wir so gemeinsam der Aufklärung unserer Fälle näher.”

“Ich verstehe.” Der Kommissar nickte. “Wir müssen zweifellos diesen Barghauser unter die Lupe nehmen. Zusammen mit den Spuren hier in Nordingen.”

“Tun sie das. Herr Schröer wird sie darüber informieren, wie es für uns in den Abruzzen gelaufen ist.” Vincent sagte sich, dass er nun langsam gehen könnte, aber Beiz war noch nicht fertig.

“Sagen sie, Herr Meurer”, fuhr Beiz fort, “haben sie denn gar nichts hinzuzufügen zu dem, was Herr Kwiebitz ausgeführt hat? Zu Ursula Lubasch, Laura Wirthing, Patrick Leitner, Samir Nabhani? Irgendetwas von ihren eigenen Nachforschungen, das sich damit verbinden liesse?”

Vincent schüttelte den Kopf. “Bedaure. Laura Wirthing war ebenfalls auf meiner Schule, aber ich habe sie seit fünfzehn Jahren nicht mehr gesehen.” Er machte eine kurze Pause. “Hm”, fuhr er dann fort, “vielleicht eines. Haben sie mal darüber nachgedacht, dass das L auf der einen Visitenkarte auch für Laura stehen könnte?”

“Und warum nicht für Leitner?” antwortete der Kommissar. “Oder für Lubasch oder sonst jemanden, der sich so abkürzen lässt? Das ist ins Blaue hinein. Aber wir werden natürlich untersuchen, ob es eine Verbindung zwischen dem Barghauser und Laura Wirthing oder jemand anders in Nordingen gibt.”

Vincent nickte. “Natürlich. Vergessen sie übrigens nicht, Herr Beiz, ich bin kein professioneller Ermittler. Ich bin nur jemand, der durch Zufall dazu gekommen ist, Europol ab und zu unter die Arme zu greifen.” 

Vincent hatte nicht die geringste Lust, Beiz und Kwiebitz von seinem neuen Job zu erzählen. Wozu er Lust hatte, war, in den Plattenladen in der Goetheallee zu gehen und mit Michael Holstein zum Abschied einen gemütlichen Schwatz zu halten.

“Verstehe, Herr Meurer”, sagte Beiz. Aber kann es sein, dass sie ihr Licht ein wenig unter den Scheffel stellen?” Der Kommissar blickte Vincent nicht unfreundlich an. “Der Herr Schröer scheint jedenfalls grosse Stücke auf sie zu halten. Auch wenn mir immer noch nicht ganz deutlich ist, wie und warum sie zu Europol gekommen sind.”

Vincent konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. “Guus ist ein Freund”, sagte er. “Ein glücklicher Zufall hat uns zusammengeführt. Wenn sie ihn fragen, wird er ihnen vielleicht etwas darüber erzählen.” Er machte Anstalten aufzustehen.

Doch der Kommissar war noch nicht fertig. “Sie waren in die Sache mit dem Dealerring involviert, der damals in Heidelberg ausgehoben wurde, richtig? Mit dem Sören Barghauser und Lucien Tenepreti zu tun hatten. Der jetzt offenbar in den Fokus der Ermittlungen rückt.”

Vincent schaute Beiz gleichgültig an. “Heidelberg ist klein”, sagte er, “da ist es schwer, nicht irgendwie in etwas involviert zu sein. Ich werde ihnen jetzt keine Geschichten aus meinem früheren Leben erzählen. Wenn etwas davon für die Ermittlungen von Interesse sein sollte, werden sie es von Guus erfahren. Ich muss jetzt wirklich los.” Vincent stand auf.

“Na schön”, erwiderte Beiz und stand ebenfalls auf. Kwiebitz tat es ihm nach. 

“Nichts für ungut”, sagte der Kommissar. Ich wünsche ihnen jedenfalls eine gute Reise. Wann dürfen wir sie hier denn wieder erwarten?”

“Nicht so bald”, sagte Vincent. “Ich werde wohl mindestens eine Woche in Italien bleiben, und dann ziehe ich nach Hamburg. Ich werde trotzdem versuchen, einen Abschiedsbesuch einzurichten. Ich wünsche ihnen beiden viel Erfolg im Fall Christine Baggenfurth.”

“Ich denke, wir sind auf einem guten Weg.” Der Kommissar begleitete Vincent zur Tür. Kwiebitz war hinter dem Schreibtisch stehengeblieben. “Was werden sie denn in Hamburg machen, wenn ich fragen darf?”

“Lesen und Schreiben. Verlagsarbeit.” Vincent öffnete die Tür und trat hinaus in den Flur.

“Aha. Nun, alles Gute, Herr Meurer. Ich würde mich freuen, sie bald wieder hier zu sehen.”

Vincent schüttelte die ausgestreckte Hand des Kommissars. “Nordingen wird nie seine Anziehungskraft auf mich verlieren”, antwortete er. “Es ist meine Heimatstadt.” 


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