Die Schnitzeljagd (Folge XXVIII)
Die beiden Beamten bogen nach rechts in die Burgstrasse. Samir Nabhani wohnte in der ersten Seitengasse links, die nicht mehr war als eine kaum zweihundert Meter lange Verbindung zwischen der Burg- und der Jüdenstrasse. Beiz klingelte an einem unauffälligen Haus zur Rechten. Nach wenigen Sekunden ertönte der Summer, und die beiden Beamten traten ein.
Im breiten Flur, in dem man drei Steinstufen hinaufstieg, um ins Erdgeschoss zu gelangen, konnte man sehen, wie alt das mehrfach renovierte Haus war. Eine knarzende Holztreppe mit unzuverlässig aussehendem ornamentierten Geländer führte in die oberen Etagen. Samir Nabhanis Wohnung befand sich im zweiten Stock links. Er stand zur Treppe gewandt in der offenen Tür und wirkte nachdenklich, wie er die beiden Polizeibeamten geräuschvoll die Treppe heraufkommen sah.
“Man wird nicht jünger”, ächzte der Kommissar, als er vor ihm stand. “Herr Nabhani? Ich bin Kommissar Carl Beiz, das ist mein Assistent, Polizeiobermeister Benjamin Kwiebitz.” Man gab sich die Hand. “Wir haben uns ja bereits am Telefon ein bisschen unterhalten”, fuhr Beiz fort. “Sehr freundlich, dass sie sich zu einem zwanglosen Gespräch bereit erklärt haben.”
“Warum denn nicht?” antwortete Samir Nabhani. “Kommen sie herein.”
Er wies den Beamten den Weg in den engen Flur. “Wenn sie ablegen wollen.” Er deutete auf die kleine Garderobe links. Die Polizisten verneinten. Samir Nabhani führte sie nach rechts in ein etwa achtzehn Quadratmeter grosses Zimmer mit knarzendem Holzboden, in dem sich nichts befand als ein kleiner Schreibtisch mit Stuhl zur Linken, während rechts an der Wand einige Bücher, CDs und Klamotten in ziemlicher Unordnung auf dem Boden neben einer kleinen Stereoanlage standen. Drei grosse Fenster liessen viel Licht herein. Durch sie blickte man auf das Fachwerkhaus gegenüber.
“Warten sie”, sagte Samir Nabhani. “Ich hole zwei Stühle aus der Küche.” Er verschwand im Flur und kam kurz darauf mit zwei einfachen Holzstühlen mit dunkelgrünem Stoffbezug zurück. Er selbst zog den massiveren, altertümlichen Holzstuhl mit türkisenem Samtbezug vom Schreibtisch herüber. Man setzte sich.
“Hübscher Stuhl”, bemerkte der Kommissar. “Passt so gar nicht zu diesem leeren Zimmer. Wo haben sie den denn her?”
“Der Vermieter hat ihn mir überlassen”, antwortete Samir. “Der Stuhl befindet sich wohl schon seit Ewigkeiten in dieser Wohnung.”
“Aber sonst wirkt das hier alles ziemlich vorläufig, nicht?” Beiz deutete einen Rundblick an. “Wie lange wohnen sie denn schon hier?”
“Ein Jahr.” Samir setzte sich in der offensichtlichen Bemühung um Lockerheit zurecht. Er trug wieder seinen grauen Hoodie und Bluejeans.
Beiz und Kiebitz sahen sich vielsagend an. Dann wandte sich Beiz Samir wieder zu. “Nun, Herr Nabhani, wir sind nicht hier, um über ihre Inneneinrichtung zu diskutieren. Sie sind kein unbeschriebenes Blatt, und ich denke, sie werden verstehen, dass wir uns gewisse Gedanken machen, wenn sich bei einer süchtigen junge Frau, die ermordet wird, die Telefonnummer eines verurteilten Drogendealers findet. Ihre Nummer. Fällt ihnen dazu etwas ein?”
“Ich habe nichts zu verbergen.” Samir hob die Hände in einer Gebärde, die mehr Gleichgültigkeit als Abwehr ausdrückte. “Ich habe Chrissie im KAZ kennengelernt. Wir sind ein paar Mal zusammen ausgegangen.” Er legte die Hände wieder in den Schoss.
“Das ist alles, was sie dazu zu sagen haben?” Beiz kniff die Augen zusammen und legte den Kopf schief. “Sie meinen, sie haben Christine Baggenfurth nicht gekannt, bevor sie in Nordingen aufgetaucht ist?”
“Ganz genau.” Samir blickte den Kommissar unbeirrt an.
Der räusperte sich. “Dann wollen wir ihnen einmal Glauben schenken”, sagte er dann. Geben sie uns doch mal einen Eindruck ihrer Bekanntschaft, Herr Nabhani.”
Samir zog die Stirn in Falten. “Was wollen sie denn hören?”
Beiz blickte wieder zu Kwiebitz, doch der bemerkte seinen Blick diesmal nicht. Der Kommissar schlug geräuschvoll die Hände zusammen und nahm sein Gegenüber scharf ins Visier.
“Schauen sie mal, Herr Nabhani”, sagte er, “sie scheinen mir nicht sehr gesprächig. Und das gefällt mir nicht. Fangen sie doch mal vorne an, also im KAZ. Wann war das denn?”
Samir senkte den Blick leicht, hob aber den Kopf wieder und schien ziemlich unbeeindruckt. Er hob wieder die Hände. “Sorry, Kommissar”, sagte er, “ich will ihnen wirklich nichts vorenthalten. Ich muss überlegen. Also, ich denke, es ist ungefähr zwei Wochen her, dass ich Chrissie im KAZ getroffen habe. Dann haben wir uns noch zweimal gesehen.”
Der Kommissar nickte. “Das kommt hin. Aber erzählen sie mal weiter. Geben sie uns einen Eindruck von Chrissie, wie sie sie nennen.”
“Okay.” Samir schien kurz nachzudenken. “Also, es war schon ziemlich spät, nach elf, und ziemlich viel los im KAZ. Es war 90s Night. Ich weiss noch, ich war auf der Tanzfläche, weil Pure Morning von Placebo lief. Als der Song aus ist, will ich zurück zur Theke, und da sehe ich Laura an einem Tisch sitzen mit einem Mädel, das ich nicht kenne. Ich zottele also hin…”
“Moment mal”, unterbrach Beiz. “Welche Laura denn? Laura Wirthing vielleicht?”
Samir sah den Kommissar erstaunt an. “Ja, richtig”, bestätigte er dann.
“Und woher kennen sie Laura Wirthing, wenn ich fragen darf?”
“Ich kenne Laura seit Ewigkeiten”, sagte Samir. “Noch aus der Schulzeit.”
“Vielleicht eine alte Kundin von ihnen?” Beiz blickte Samir wieder scharf an.
Der verdrehte die Augen. “Wo denken sie hin, Herr Kommissar? Ich kenne Laura aus dem Badmintonverein. Wir haben oft ein gemischtes Doppel gespielt. Sie war ziemlich gut.”
Beiz nickte ostentativ. “Gemischtes Doppel. Natürlich. Ich muss sagen, Frau Wirthing hat auf mich tatsächlich einen sportlichen Eindruck gemacht. Aber zurück zu jenem Abend, und vor allem zurück zu Christine beziehungsweise Chrissie. Fahren sie doch bitte fort mit ihrer Erzählung.”
“Na, ich also da hin, und Laura stellt mir Chrissie vor, die einen ziemlich zugedröhnten Eindruck macht. Ich setze mich zu ihnen, und wir quatschen über dies und jenes, also, vor allem Laura und ich. Später sind wir dann nach um die Ecke ins Köpi, wo es ruhig und gemütlich war, und haben noch mehr geredet. Da hat auch Chrissie endlich den Mund aufgemacht und ein bisschen von sich erzählt, von da unten, wo sie herkommt, und dass sie gern in Nordingen bleiben möchte, weil es ihr hier gut gefällt, und weil sie hier von der Nadel wegkommen will. Sie wollte einen Entzug machen, und Laura wollte ihr dabei helfen. Ich habe ihr auch meine Hilfe angeboten, ich kenne ja solche Fälle von früher, und Chrissie war mir sympathisch.”
Beiz nickte. “Noch ein Samariter. Aber fahren sie doch fort.”
“Also, das Köpi hat so gegen halb zwei dichtgemacht, wir sind zu Lauras Wagen gegangen, und Laura hat Chrissie und mich hier abgesetzt und ist dann nach Hause gefahren.”
Beiz deutete ein Grinsen an. “Sie haben offenbar eine wirklich tiefe Sympathie für Christine empfunden, Herr Nabhani.” Er wies auf die Tür links. “Befindet sich dort das Schlafzimmer?”
Samir nickte.
“Haben sie etwas dagegen, wenn Herr Kwiebitz da mal einen Blick reinwirft?”
“Nein, natürlich nicht”, sagte Samir. “Es ist allerdings ziemlich unaufgeräumt.”
Benjamin Kwiebitz stand auf, öffnete die Tür zur Linken und tat wie geheissen. Beiz wartete schweigend. Zwei Minuten später erschien der Assistent wieder und setzte sich.
“Eine grosse Matratze und ein Schrank mit Klamotten”, erklärte er. “Nichts weiter.”
“Sehr spartanisch”, bemerkte Beiz. “Herr Nabhani, darf ich fragen, ob sie jene Nacht mit Christine Baggenfurth auf dieser Matratze verbracht haben?”
“Das habe ich”, antwortete Samir. “Wir haben miteinander geschlafen. Chrissie war mir sympathisch, wie ich schon gesagt habe.”
“Und sie sind ein Samariter”, ergänzte Beiz. “Sie sagen, sie haben sich mit Christine dann noch zweimal getroffen. Könnte man sagen, dass sie mit ihr eine Affäre gehabt haben?”
“Ich schätze, das könnte man sagen.” Samir presste die Lippen zusammen. “Ich mochte Chrissie. Wirklich. Aber Freitagmorgen war sie weg.”
“Weg? Wie weg? Fort, ohne etwas zu sagen?” Der Kommissar kramte in der rechten Jackentasche und holte einen Block hervor.
“Ja”, bestätigte Samir. “Kein Sterbenswörtchen, keine Nachricht, nichts.”
"Freitag vor einer Woche, sind sie sicher?"
"Ja. Ich habe jeden Freitagmorgen Schicht im Copyshop. Wir wollten vorher im Tchibo Kaffee trinken."
“Am dreissigsten September”, bemerkte der Kommissar. “Vier Tage vor ihrer Ermordung. Da war sie schon bei Ursula Lubasch. Kennen sie die, Herr Nabhani?”
Samir kniff die Augen zusammen. “Wie war nochmal der Name?”
“Ursula Lubasch.”
“Nein, die kenne ich nicht.”
“Christine hat diesen Namen ihnen gegenüber nie erwähnt?”
“Nein.”
Der Kommissar nickte. “Also gut, Herr Nabhani”, sagte er dann, “was ich noch gern wissen würde: Was für einen Eindruck hat Christine auf sie gemacht, bevor sie weggegangen ist? Sie sagen, sie stand unter Drogeneinfluss, als sie sie kennengelernt haben. Hat sie hier bei ihnen Drogen konsumiert? Oder soll ich besser fragen, haben sie zusammen Drogen konsumiert?”
Samir schüttelte vehement den Kopf. “Ich nehme schon seit Jahren keine Drogen und habe auch früher nur ein bisschen gekifft. Chrissie hat hier nichts konsumiert. Nicht dass ich wüsste. Sie war schon zugedröhnt, wenn sie kam. Ich habe mir Sorgen gemacht. Wie gesagt, ich wollte ihr helfen. Ich habe auch Laura angerufen und mit ihr darüber gesprochen, aber sie war sehr beschäftigt, weil sie ihr Haus verkaufen will.”
Beiz nickte. “Das hat sie uns auch gesagt. Hatten sie abgesehen von Christines Suchtproblem den Eindruck, dass sie noch andere Schwierigkeiten hatte? Haben sie vielleicht eine Ahnung, warum sie ermordet worden sein könnte?”
Samir schüttelte den Kopf. “Ich habe nicht die geringste Ahnung. Andere Schwierigkeiten? Ich glaube, ihr Drogenproblem hat ihr genug Schwierigkeiten bereitet. Sie war ziemlich fertig und wollte unbedingt den Entzug machen.”
Beiz legte die Hände auf seine Beine und machte Anstalten aufzustehen. Er stiess seinen Assistenten an. “Das wär’s erstmal, Kwiebitz, oder?”
Der Assistent gab einen unverständlichen Laut von sich. Die beiden Beamten standen auf. Samir tat es ihnen nach.
Beiz gab ihm die Hand. ‘Vielen Dank für dieses offene Gespräch, Herr Nabhani. Wir werden sie beizeiten in die Behörde bitten, und da werden sie die Freundlichkeit haben, alles noch einmal fürs Protokoll zum besten zu geben. Darf ich übrigens fragen, was sie beruflich machen?”
“Ich habe eine Ausbildung zum Feinmechaniker begonnen”, sagte Samir. “Daneben helfe ich in einem Copyshop aus.”
“Mit dreissig noch in der Ausbildung?” bemerkte Beiz. “Na, besser spät als nie.”
“Der Staat hat mit dafür gesorgt, dass ich mich verspätet habe, Herr Kommissar”, erwiderte Samir.
Er geleitete die Beamten zur Tür.
*
Als die beiden Polizisten in die Burgstrasse einbogen, fasste Kwiebitz seinen Vorgesetzten am Arm.
“Glauben sie Nabhani, dass er die Ermordete zuvor nicht kannte?” fragte er. “Im Tagebuch stehen die drei Namen mit den Telefonnummern fein säuberlich untereinander, und Laura Wirthing kannte Christine lange, bevor sie in Nordingen aufgetaucht ist.”
Kommissar Beiz blieb stehen. “Das ist mir nicht entgangen, Kwiebitz”, erwiderte er. “Es lässt sich auf Anhieb nicht sagen, ob die Namen und Nummern gleichzeitig oder in zeitlichen Abständen eingetragen worden sind. Schreibgerät und Schrift scheinen, wenn ich mich recht erinnere, gleich. Das wäre eine Aufgabe für die Jungs im Labor. Ja, die sollten das mal untersuchen, und dann sind wir vielleicht schlauer.”
Kwiebitz wollte weitergehen, aber Beiz hielt ihn fest. Er wieś auf das Geschäft, das sich auf der gegenüberliegenden Strassenseite befand. “Schauen sie mal, der kleine Musikladen”, sagte er. “Den gibt es noch. Es verschlägt mich selten hierher, aber das ist eine der schönsten Ecken Nordingens.”
Kwiebitz nickte. “Ja, eigentlich die ganze Gegend oberhalb der Jüdenstrasse. Viele alte Häuser. Auch nicht so befahren.”
“Wenn der Wilhelmsplatz sauber gehalten und die Rote Strasse geräumt wird, dann wird es hier noch schöner aussehen, das können sie mir glauben”, erwiderte der Kommissar.
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