Die Schnitzeljagd (Folge XXVII)
22
“Ganz schön steil, diese Strasse.” Carl Beiz drückte das Gaspedal des Seat durch und lenkte ihn eine scharfe rechte Biegung entlang eng an links parkenden Autos vorbei hinauf in einen Bereich mit weniger Gefälle. “Befindet sich hier nicht irgendwo der Mittelbergring?”
“Natürlich”, antwortete sein Assistent. “Genau dorthin führt die Dresdener Strasse. Schauen sie, es ist dieses Haus rechts.” Er wies auf einen ziemlich neu aussehendes weissen Bau mit schwarzem Dach, der sich hinter einer niedrigen Mauer und Holunderbüschen erhob. Beiz parkte den Seat direkt vor dem niedrigen Gitter, das als Eingang zum Grundstück fungierte. Die beiden Polizisten stiegen aus.
Das Haus befand sich rechts hinter einer Reihe von vier Apfelbäumen, die sorgsam gemähtes Gras umgab. Links vorne befand sich ein Blumenbeet, in dem Narzissen und Tulpen dominierten. Etwas weiter lag ein kleiner Teich. Als Beiz und Kwiebitz auf das Haus zuschritten, hörten sie rechts ein Geräusch von leichten Schritten und blieben stehen. Kurz darauf tauchte hinter dem ersten Apfelbaum ein kleiner Junge auf, kaum zehn Jahre alt. Er trug Jeans, ein rotweiss kariertes Hemd und darüber eine schwarze Weste, auf der ein Blechstern prangte. Auf dem Kopf über dem glatten schwarzen Haar sass ein breiter schwarzer Hut. Von der rechten Hand des Jungen baumelte ein Spielzeugrevolver.
“Nanu, wer bist du denn?” fragte Carl Beiz überrascht. Der Junge war ein paar Schritte vor den beiden Beamten stehengeblieben.
“Sheriff Joe von Nordingen County”, kam die prompte Antwort.
Beiz und Kwiebitz sahen sich an und hätten fast losgeprustet. Beiz wandte sich wieder dem Jungen zu. “Sheriff”, sagte er, “verzeihen sie, dass wir einfach so ihr Revier betreten.” Beiz wies auf den Eingangsbereich des Hauses. “Gestatten sie, dass wir ihre Mutter besuchen?”
Der Junge überlegte. “Ja”, sagte er dann. “Aber erst müssen sie sich ausweisen.”
Beiz und Kwiebitz holten bereitwillig ihre Dienstmarken hervor und hielten sie dem halbwüchsigen Sheriff hin. Der betrachtete sie aufmerksam.
“In Ordnung”, sagte er dann mit einem amtlichen Nicken. “Sie dürfen klingeln.” Der Junge wandte sich ab und begann sich zu entfernen. Beiz sah, dass sich hinten an das Haus ein Anbau aus Holz anschloss. Wahrscheinlich hatte der kleine Sheriff dort seine Dienststube.
Da war zu hören, wie vorne die Haustür aufging. Heraus kam eine Frau mit halblangen blonden Haaren in Jeans und einem weissen T-Shirt.
“Ich habe dich gehört, Jochen”, rief sie, noch bevor sie die beiden Beamten erreicht hatte. “Wo bist du?”
Der Junge machte auf dem Absatz kehrt und trottete zurück. Die beiden Beamten hatten sich der Frau zugewandt, die nun vor ihnen stand. Sie stemmte die Hände in die Hüften.
“Unsere Freunde und Helfer, richtig?” fragte sie. Sie war füllig, vollbusig und machte den Eindruck einer keiner praktischen Herausforderung abholden Hausfrau.
“Genau. Ich bin Kommissar Carl Beiz, und das ist mein Assistent, Polizeiobermeister Benjamin Kwiebitz. Frau Adelheid Leitner?”
“Richtig. Gewöhnlich Heidi.”
Man gab sich die Hand.
“Kommen sie, gehen wir ins Haus”, sagte Frau Leitner. “Auch du, Jochen”, wandte sie sich dem Jungen zu. “Du bist schon zu lange draussen. Du wirst dich noch erkälten.”
Die beiden Beamten folgten der Hausherrin, in einigem Abstand auch der Junge. Adelheid Leitner führte sie in einen geräumigen Flur, wo die Beamten an der Garderobe ihre Oberbekleidung ablegten. Der Junge schlängelte sich zwischen den Erwachsenen hindurch und verschwand. Heidi Leitner führte die Beamten nach links.
“Ich hoffe, es macht ihnen nichts aus, wenn wir in die Küche gehen”, sagte sie. “Die anderen Zimmer sind zu unaufgeräumt.”
“Natürlich nicht”, sagte Beiz.
Die Küche war etwa achtzehn Quadratmeter gross und auf der linken Seite mit allem Notwendigen von Herd bis Kühlschrank ausgestattet. An der Wand gegenüber stand ein mit einer geblümten Plastikdecke bespannter grosser Holztisch. Dahinter führte eine Terrassentür zum Garten hinaus. Heidi Leitner setzte sich auf die hintere Seite an die Wand. Beitz sass ihr gegenüber. Kwiebitz hatte den mittleren Stuhl genommen und so platziert, dass er schräg neben Beiz die Gastgeberin anblicken konnte, ohne den Kopf zu verrenken..
“Also, Frau Leitner”, sagte der Kommissar. “Sie wissen, warum wir hier sind. Die Telefonnummer ihres Mannes, die Nummer seines Rechtsanwaltsbüros, wurde in den Sachen der ermordeten Christine Baggenfurth gefunden. Wenn ich richtig verstanden habe, befindet sich ihr Mann derzeit gar nicht in Deutschland?”
“Richtig.” Heidi Leitner nickte. “Wie ich ihnen am Telefon gesagt habe, er macht eine Fortbildung in England. Ausserdem besucht er aus diesem Anlass Freunde dort.”
“Wie lange bleibt er?”
“Mindestens zwei Wochen. Er ist Montag geflogen.”
Beiz betrachtete das Gesicht der Frau. Ihre rötlichen Wangen spiegelten ihr energisches Wesen. Er schätzte sie auf Mitte Dreissig.
“Sie haben sicher eine Telefonnummer”, sagte er.
“Natürlich. Warten sie.”
Heidi Leitner stand auf, verliess das Zimmer und kam kaum eine Minute später mit einem kleinen Blatt Papier zurück. Sie reichte es Beiz.
“Bitte.”
Der Kommissar gab das Blatt an seinen Assistenten weiter. Als Heidi Leitner sich wieder gesetzt hatte, sagte er: “Sie haben sicher Verständnis, dass wir ihnen ein paar obligatorische Fragen stellen. Können sie uns vielleicht sagen, in welchem Verhältnis Patrick Leitner, ihr Mann, und die ermordete Christine Baggenfurth standen?”
“In welchem Verhältnis?” Heidi Leitner schien die Formulierung nicht zu behagen. “Na, ich denke mal, sie war eine Klientin.”
“Das liegt nahe”, stimmte der Kommissar zu. “Ich finde es nur ein wenig seltsam, dass eine Frau, die in Baden-Württemberg wohnt, Kontakt mit einem Rechtsanwalt in Nordingen, einer Stadt, in der sie bloss zu Besuch ist, aufnimmt.”
Heidi Leitner überlegte kurz. “Warum?” sagte sie dann. “Vielleicht hat sie hier Probleme bekommen. Und hat Hilfe bei meinem Mann gesucht. Aber wissen sie, was ich seltsam finde, Herr Kommissar?”
Beiz blickte Heidi Leitner fragend an.
“Dass diese Frau den Kosenamen meines Mannes benutzt hat. Das finde ich seltsam.” Heidi Leitner fuhr sich mit der rechten Hand durch die Haare. “Ich glaube, ich muss ein Wörtchen mit meinem Mann reden.”
Beiz sah sie belustigt an. “Gehen sie doch nicht gleich vom Schlimmsten aus”, sagte er. “Ich muss allerdings sagen, dass es mir auch aufgefallen ist. Also, um das einmal klipp und klar festzuhalten: Ihr Mann hat ihnen gegenüber Christine Baggenfurth niemals erwähnt?”
“Niemals.” Heidi Leitner schien, ihrem in sich gekehrten Blick nach zu schliessen, den Gedanken an eine mögliche Nebenbuhlerin noch nicht losgelassen zu haben.
“Gut, wir werden ihn selbst fragen und dann sicherlich Aufschluss erhalten. Ihr Mann hat sich auf Kriminologie spezialisiert, nicht wahr?”
Heidi Leitner nickte. “Das hat ihn immer brennend interessiert”, sagte sie. “Es gibt nicht viele solche Rechtsanwälte in Nordingen.”
“Unser Metier”, bemerkte Beiz. “Ich habe ihren Mann allerdings noch nicht kennengelernt. Seine Praxis ist ziemlich neu, nicht wahr?”
Heidi Leitner nickte wieder. “Anfang des Jahres eröffnet.”
“Wie alt ist ihr Mann, wenn ich fragen darf?”
“Dreiunddreissig.”
“Ziemlich jung also”, bemerkte Beiz. “Dann haben sie mit dem Kinderkriegen ja nicht lang gewartet. Das trifft man selten heute.”
“Ich habe das Kind in die Ehe gebracht”, sagte Heidi Leitner. “Da muss ich sie leider enttäuschen, Kommissar.”
Sie sah Beiz mit offenem Blick an. Der räusperte sich. “Na, er ist jedenfalls goldig, der kleine Sheriff”, sagte er dann. “Also, ich denke, das wäre es dann. Ich glaube nicht, dass wir sie noch einmal behelligen werden, Frau Leitner. Wir bedanken uns. Kommen sie, Kwiebitz.”
Der Kommissar und sein Assistent erhoben sich.
“Wir müssen uns bei Sheriff Joe abmelden”, bemerkte Beiz. “Damit alles seine Richtigkeit hat, nicht wahr?”
Als die beiden Polizisten an der Stephanuskirche vom Sandersbeek in die Geismar Landstrasse einbogen, gerieten sie in zähflüssigen Verkehr. Langsam schoben sich die Autos auf der rechten Spur Richtung Innenstadt voran.
“Wir biegen an der Danziger ab”, brummte der Kommissar. “Das geht schneller.” Er wies auf die Aral-Tankstelle zur Linken. “Schauen sie, Kwiebitz, das Benzin ist schon wieder teurer. Was die Amis im Irak machen, scheint sich für uns jedenfalls nicht auszuzahlen.”
Bald darauf sauste der Seat die Danziger Strasse hinunter, am ASC-Vereinsheim vorbei, und Beiz gelang es, durch die Ausnutzung verschiedener kleiner Seitenstrassen auf die Reinhäuser Landstrasse an einem Punkt zu gelangen, an dem der dort ebenfalls vorhandene Zähfluss kaum noch ins Gewicht fiel. Wenige Minuten später bog der Seat durch das Geismar Tor in die Innenstadt ein.
Die Strasse, in der Samir Nabhani wohnte, war eine kleine Gasse kurz hinter der zentralen Bushaltestelle auf der Jüdenstrasse. Beiz überlegte, dass er dort wohl kaum einen Parkplatz finden würde und bog wohlweislich rechts in die Theaterstrasse ein. Er beschloss, auf Nummer sicher zu gehen, und entschied sich für den grossen Parkplatz vor der Albanikirche.
Die beiden Beamten gingen die Theaterstrasse hinunter und standen bald vor dem Wilhelmsplatz. Beiz hielt ein. Er warf einen Blick auf das Areal vor der Universitätsaula, ein längliches Viereck mit Bänken und niedrigem Grünzeug.
“Wissen sie, was ich nicht verstehe, Kwiebitz?”, sagte Beiz. “Dass jetzt fast jeden Abend so viele Jugendliche hier herumhängen. Das war früher nicht so. Neben allem anderen müssen wir nun auch hierauf ein Auge werfen. Zwei Beamte sind extra dazu abbestellt. Und jede Nacht bleibt ein Haufen Müll zurück. Unsere schöne Stadt ist kein Abfalleimer. Wenn es nach mir ginge, würde es gar nicht erst zu diesem öffentlichen Besäufnis kommen. Haben diese jungen Leute denn nichts Besseres zu tun, als in der Kälte herumzustehen? Wenn ich mich nicht täusche, gehören nicht wenige davon zu unseren ausländischen Mitbürgern.”
“Stimmt, es hat sich zu einem Problem entwickelt”, meinte Kwiebitz. “Das Klima ist anders, sagen viele Kollegen. Etwas hat sich verändert.”
“Die Frage ist nur, was genau?” versetzte Beiz.
Kwiebitz überlegte. “Schwer zu sagen”, meinte er dann. “Aber wenn ich daran denke, wie wir aufgewachsen sind, dann war da irgendwie weniger Druck. Kein Hartz IV und so ein Kram. Wir hatten keine Zukunftsängste. Die jungen Leute heute haben den Eindruck, sie müssten zehn Praktika machen, um auf dem Arbeitsmarkt überhaupt eine Chance zu haben.”
“Und das lässt sich dann in einen Haufen herumlungernder, pöbelnder Teenager auf dem Wilhelmsplatz übersetzen?’ Beiz schüttelte den Kopf. “Nein, Kwiebitz, das glaube ich nicht. Wenn du mich fragst, die Jugend heute ist einfach strohdumm. Konsumiert Scheisse im Fernsehen und hört Scheissmusik. Eine hirnlose Brut ohne Orientierung und ohne Anstand. So sieht’s aus.” Er wandte sich nach rechts. “Das ist die Burgstrasse. Es ist nicht mehr weit. Kommen sie, Kwiebitz, schauen wir mal, um was für ein Exemplar es sich bei diesem Nabhani handelt. Der ist immerhin schon dreissig, hat aber eine ziemlich unsaubere Vergangenheit. Also.”
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