Die Schnitzeljagd (Folge XXVI)
21
Es war ein typisch grauer Herbsttag in einer Stadt, welche mit jener diesigen Atmosphäre Mittel- und Norddeutschlands aufzuwarten pflegte, die Melancholie und Strebsamkeit hervorbrachte. Im Falle von Wilhelm Meurer vor allem letzteres, dachte sein Sohn, der die Trift hinaufging, den asphaltierten Fussweg, der zum Altersheim am südöstlichen Rande Nordingens führte. Er mündete in eine Gabelung: Links ging es zum “Stift”, wie der Komplex aus drei imposanten, braun gestrichenen Hochhäusern zu jeweils fünfzehn Stockwerken genannt wurde; geradeaus und rechts führte der Weg in den Wald hinein, der hier die Stadt säumte. Vincent hatte als Kind mit seiner Schulklasse oft Wanderungen im Gehölz unternommen, durch das an mehreren Stellen geräumige Pfade führten. Die Stelle, wo der mittlere Weg auf das Dickicht der Bäume traf, war ihm manchmal wie eine verwunschene Pforte vorgekommen.
Heute jedoch bog er links ab. Die Trift wurde hier von der Charlottenburger Strasse abgelöst, die erst eine Kurve beschrieb und dann geradeaus zum Eingang des Stifts führte. Links, auf der anderen Seite, erstreckte sich ein grosser Abenteuerspielplatz mit einem kleinen Teich und einem Fussballfeld, so dass die jüngste und die älteste Generation an dieser Stelle der Stadt sich gewissermassen gegenüberstanden.
Ein asphaltierter Weg führte schräg rechts zum Stift hinauf, benutzt von motorisierten Besuchern und dem Lieferverkehr. Man musste dann noch einmal rechts zwischen Vorgärten eine breite Treppe hinaufsteigen, bis man vor den Eingang des mittleren Gebäudes kam. Dort bewohnte Wilhelm Meurer ein Zimmer im zehnten Stock.
Die elektrische Schiebetür gab den Weg in die Eingangshalle frei, in der sich gleich links zwei grosse Fahrstühle befanden. Oben im zehnten Stock im Flur mit dem hellgrauen Teppichboden und den in regelmässigen Abständen mit den Werken lokaler bildender Künstler geschmückten Wänden - meist recht traditionell gemalten Landschaften, wahrscheinlich, um die moderner Kunst abgeneigten Senioren nicht zu irritieren - bog Vincent erst nach links und dann nach rechts, bis er vor der Tür mit der Nummer 1012 stand. Er betätigte die Klingel.
Die Tür öffnete ein hagerer, etwa einsachtzig grosser Mann mit einem relativ kleinen, wachen Gesicht, wässrig-hellblauen Augen und immer noch recht vollen weissen, einstmals blond gewesenen Haaren. Er trug eine graue Hose und ein marineblaues Hemd mit weissen Knöpfen. Wilhelm Meurer gab seinem Sohn wie stets in formeller Weise die Hand und öffnete dann die Tür ganz, um ihn hereinzulassen. Vincent seinerseits nahm wie stets umstandslos auf dem mit smaragdgrünem Stoff bespannten massiven Holzstuhl Platz, der links dem Bett gegenüberstand, und den Wilhelm Meurer aus seiner alten Wohnstatt in das ansonsten fertig eingerichtete Stiftszimmer mitgenommen hatte. Das Zimmer war etwa zwanzig Quadratmeter gross. Rechts neben dem breiten Bett mit der dunkelblauen Decke befand sich ein hellbrauner Kleiderschrank. Die Tür daneben führte ins Bad. Vor der breiten Fensterfront, die viel Licht hereinliess und einen schönen Blick über die Stadt und die flache Landschaft dahinter bot, stand ein dunkelgrüner Schreibtisch, der genauso ordentlich aufgeräumt war wie einstmals derjenige in Wilhelm Meurers Büro. Vincents Vater griff sich den ergonomischen Stuhl davor und setzte sich seinem Sohn gegenüber.
“Du gehst also fort von hier”, sagte er. “Zu Europol nach Den Haag.” Sein Gesicht zeigte keine Regung.
“Guus hat mir das Angebot gemacht, und ich habe zugesagt. Ich habe es dir ja am Telefon erzählt.” Vincent wusste, dass er von seinem Vater keinen Begeisterungssturm zu erwarten hatte. Die Frage war eher, wie hoch der Grad seiner Gleichgültigkeit sein würde.
“Schön.” Leichte Bewegung um die Mundwinkel herum. “Mein Sohn bei Europol. Hätte ich nicht gedacht.”
Vincent fühlte den altbekannten Ärger in sich aufsteigen. “Ich auch nicht”, antwortete er. “Aber es ist so gekommen, und ich bin froh darum.”
Wilhelm Meurer nickte. “Das bedeutet ein gutes Gehalt. Dieser Guus scheint zufrieden mit dir zu sein.”
“Ich habe immer versucht, meine Arbeit so gut wie möglich zu machen”, bemerkte Vincent nicht zum ersten Mal seinem Vater gegenüber.
“Auch als Drogendealer? Ich habe mir dich durchaus dann und wann als Geschäftsmann vorgestellt, aber doch nicht auf diese Weise.” Wilhelm Meurer drehte sich zum Schreibtisch und legte einen Bleistift zurecht, der offenbar minimal gegen die Symmetrie verstiess.
Vincents Mundwinkel zuckten. “Sieh’s doch so”, sagte er dann. “ohne die Drogengeschichte hätte ich diesen Job nie bekommen.”
Sein Vater hatte sich ihm wieder zugewandt und schüttelte nun den Kopf. “Fehlgeleitete Energien. Du hast von Beginn an den falschen Weg eingeschlagen. Das Studium mit den Laberfächern. Germanistik und Philosophie, wozu sollte das denn gut sein?”
“Es waren die einzigen, die mich damals halbwegs interessiert haben.” Vincent wusste, was immer er studiert, was immer er erreicht hätte, sein Vater hätte es niemals wirklich anerkannt. Er hätte stets Gründe gefunden, auf ihn herabzublicken. Vincent hatte lange unter der Gleichgültigkeit seines Vaters gelitten, bis er das begriffen hatte. Seither war er in der Lage, in dieser fehlenden Anerkennung ein Moment der Ehrlichkeit zu sehen. Wilhelm Meurer hatte den Umkreis seines Selbstverständnisses gegen alle möglichen Einwände abgedichtet. Er war seinen Weg gegangen, und Vincent ging seinen eigenen. So einfach war das.
“Ich habe nie von dir verlangt, dass du dich für die Feinheiten des Aluminiumhandels interessieren solltest”, liess sich Wilhelm Meurer nun vernehmen. “Auch wenn das natürlich für dich gesprochen hätte.” Ein leichtes Lächeln wurde auf seinem Gesicht sichtbar.
“So wie ich aufgewachsen bin, warst du für mich immer jemand ausserhalb”, sagte Vincent. “Trotz der regelmässigen Besuche. Oder gerade deswegen. Ich erinnere mich, wie du einmal einen Gang durch das Firmengelände für mich organisiert hast. Ich war ganz erstaunt, dass wir einen Weltmarktführer in der Region haben.”
“Das wissen die meisten in Nordingen doch bis heute nicht”, sagte Wilhelm Meurer. “Besser so, auf diese Weise konnten wir uns in aller Ruhe zum Global Player entwickeln.”
“Global Player? Das anglomorphe Neusprech ist offenbar auch zu dir durchgedrungen.”
“Anglomorphes Neusprech? Vincent! Bist du immer noch nicht im 21. Jahrhundert angekommen?” Wilhelm Meurer schüttelte den Kopf. “Wie ich dich kenne, hast du nicht mal eine Email-Adresse.”
“Stimmt. Und kein Handy. Habe ich einfach noch nicht gebraucht.”
“Das wird sich ändern. Schau mal.” Wilhelm Meurer wies auf den Laptop, der sich in der Mitte des Schreibtisches befand. “Durch die neuen technologischen Möglichkeiten sind wir mit der ganzen Welt verbunden. Weisst du, was ich tue, wenn mir langweilig ist? Ich surfe im Internet und chatte. Gestern erst habe ich zu einem alten Bekannten in Neuseeland Kontakt aufgenommen.”
“Aha. Interessant. Vielleicht auch zu Aya Laghrib?”
Nun zeigte sich doch eine recht deutliche Regung auf Wilhelm Meurers Gesicht. “Nein, nicht zu deiner Mutter”, brummte er. “Das ist schon lange aus und vorbei. Und das gilt für beide Seiten.” Er hielt kurz ein. “Weisst du, Vincent, du bist mehr nach ihr geraten. Nicht nur äusserlich.”
“Da bin ich mir nicht so sicher. Meine Mutter scheint eine sehr zielstrebige Person gewesen zu sein, wie ich deinen Erzählungen entnommen habe.”
“Zielstrebig, launisch, eigensinnig…” Wilhelm Meurer wandte kurz den Blick ab und schien in eine Erinnerung einzutauchen. “Die ersten zwei Wochen waren wunderbar, und Aya war umwerfend schön. Dann begannen ihre Launen. Schon als wir uns in Rom trennten, wusste ich, dass wir keine Zukunft hatten. Als die Sache mit dem Kind abzuwickeln war, wurde es schwierig.”
Vincent überhörte geflissentlich die Bezeichnung seiner frühen Kindheit als Abwicklung und fragte sich, was er von dieser dritten oder vierten Version von “Das Mädel war stressig” halten sollte. Aber hier klang noch eine andere Weise an, die man vielleicht mit “Papa was a rolling stone” betiteln konnte.
“Meine Mutter war vielleicht launisch”, sagte er nun, “aber du warst auch ein Hallodri. Bei jeder Geschäftsreise eine Affäre. Wie kann ich denn zum Beispiel sicher sein, dass auf unserem schönen Globus nicht ein paar Brüder und Schwestern von mir herumlaufen?”
Wilhelm Meurer zeigte eine weitere deutliche Regung, indem er zum ersten Mal das Gesicht verzog. “Das glaube ich nicht”, sagte er dann. “Und wenn? Damals war der Kondomgebrauch noch nicht verbreitet, und AIDS in weiter Ferne. Die Pille hat das Sexualleben revolutioniert, Verhütung war Frauensache. Eine schöne Zeit.” Wilhelm Meurers faltiges Gesicht nahm einen träumerischen Ausdruck an.
“Wolltest du eigentlich nie heiraten?” fragte Vincent.
“Ich habe irgendwann nicht mehr darüber nachgedacht” Sein Vater schien wieder in der Gegenwart angekommen. Er deutete ein Lächeln an. “Wie sieht’s eigentlich bei dir aus? Bist du noch mit dieser Hamburgerin zusammen? Mein Fall war das ja nicht. Holz vor der Hütte, aber ein bisschen spinnert. Von Hanseatinnen habe ich mich immer ferngehalten.”
Nun war es Vincent, der das Gesicht verzogen hatte. “Ich nehme an, du sprichst von Marcia”, sagte er. “Das ist doch lange vorbei. Schnee von vorgestern. Ich habe neulich eine nette Studentin kennengelernt, und es hat sich was ergeben.”
“Ah ja?” Das Gespräch war offensichtlich auf ein Thema gekommen, das Wilhelm Meurers Interesse beanspruchte. ‘Sehr schön. Ich habe hier ebenfalls meine Fühler ausgestreckt.”
Vincent stutzte. “Wie meinst du das, Wilhelm?” fragte er.
Sein Vater lächelte verschmitzt. “Nun”, sagte er, “wir hatten hier vor einigen Wochen einen weiblichen Neuankömmling, und ich muss sagen, sie hat wirklich Glanz in unsere Hütte gebracht. Ich habe mich erboten, Silvana, so heisst sie, ein wenig herumzuführen, ihr die Gegend zu zeigen, und sie mit all den Möglichkeiten der Beschäftigung vertraut zu machen, die es hier gibt. Erst gestern waren wir schwimmen.” Wilhelm Meurers Lächeln wurde breiter.
Vincent wusste, dass der Stiftskomplex ein Schwimmbad beherbergte. Er hatte keine Ahnung, wie er auf die Eröffnung seines Vaters reagieren sollte. “Silvana”, wiederholte er. “Soso.”
“Sie war Wetteransagerin beim Hessischen Rundfunk. Halbitalienerin”, fuhr Wilhelm Meurer fort. “Eine wirklich nette Frau. Ich erhoffe mir von ihr ein wenig Abwechslung.”
“Wunderbar.” Vincent fand, es sei Zeit zu gehen. “Okay, ich mache mich dann mal auf”, sagte er. “Ich sage dir Bescheid, sobald ich mich in Den Haag eingerichtet habe.” Er stand auf.
Wilhelm Meurer erhob sich ebenfalls. “Ich wünsche dir alles Gute, Vincent”, sagte er mit seiner typischen Förmlichkeit und hielt seinem Sohn die Hand hin. Vincent schüttelte sie.
“Eine schöne Aussicht hast hier.” Vincent wies auf die Fensterfront. “Ich glaube, ich werde Nordingen vermissen.”
“Es ist kein schlechter Ort”, stimmte Wilhelm Meurer zu.
“Es verändert sich”, meinte Vincent. “Langsam aber beständig. Ich weiss nur noch nicht, wo es sich hinverändert.”
“Was meinst du genau?” fragte sein Vater.
“All diese Neubauten, Umweltveränderungen… Hartz IV, Logistikzentrum, Exzellenzinitiative… Wahrscheinlich werden wir erst in einigen Jahren begreifen, was die Agenda 2010 bedeutet.”
“Es tut sich was”, stimmte Wilhelm Meurer zu. “Die Stadt hat die Zeichen der Zeit erkannt. Das Logistikzentrum war überfällig. Ich habe neulich mit Hoffmann darüber gechattet.”
Vincent, der schon im Begriff war, zur Tür zu gehen, horchte auf. “Ansgar Hoffmann?” fragte er.
Wilhelm Meurer nickte. “Guter Mann, der Hoffmann”, sagte er. “Man hat ihn zurecht zum Vorsitzenden der neuen Kommission ernannt. Der packt an.”
“Interessant”, sagte Vincent. “Ich sollte für den Digger ein Interview mit ihm führen. Aber dann wurde es abgeblasen. Man hatte wohl Angst, dass ich zu provokativ auftrete.”
“Ein weiterer Fehler von dir”, meinte Wilhelm Meurer. “Diese Revoluzzerattitüde. ’68 ist vorbei, merk dir das.”
“Ich finde, ich habe mich sehr verändert”, erwiderte Vincent. “Mein achtzehnjähriges Selbst würde staunend vor all den Kompromissen stehen, die ich gemacht habe.”
“Du scheinst wirklich vernünftiger geworden zu sein”, gab sein Vater zu. “Also, alles Gute bei den Holländern.”
Sie gaben sich noch einmal die Hand, dann geleitete Wilhelm Meurer seinen Sohn zur Tür.
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