Die Schnitzeljagd (Folge XXV)

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“Jetzt fängt es auch noch an zu regnen.”  Carl Beiz zog den Reissverschluss seiner schwarzen Jacke hoch und blickte nach rechts in die Seitenstrasse, vor der er mit seinem Assistenten stand. “Sie kennen diese Gegend, oder? Auf der anderen Seite ist die Stadt zu Ende. Da sind nur noch Felder, wie? Und dann kommt Diemarden.”

Benjamin Kwiebitz nickte. “Wir müssen hier rechts hinein”, sagte er. “Es kann nicht weit sein.”

Die beiden Beamten bogen in die Seitenstrasse. Zur Linken befand sich ein Garagenhof, zur Rechten erhob sich eine hohe Hecke, und dahinter ragte das Hochhaus empor, an dem sie vorbeigekommen waren. Sie hatten gewendet und den Seat Cordoba gegenüber abgestellt, noch vor der Reihe von flachen Einfamilienhäusern neben der Plakatwand, auf der die halb zerrissenen, lächelnden Gesichter der Bundestagswahlkandidaten zu sehen waren.

Die Strasse machte eine Biegung nach links. Als Beiz und Kwiebitz ihr folgten, wurde, ebenfalls zur Linken, zwischen viel Grün eine Reihe von niedrigen, braunen Einfamilienhäusern sichtbar. Sie sahen ziemlich neu aus, achtziger Jahre, schätzte Beiz. Sein Assistent ging zielstrebig über die Strasse, und er folgte ihm. Kwiebitz zeigte auf einen Hauseingang. 

“Nummer sechs”, sagte er. “Hier ist es.”

Beiz folgte ihm. Hinter den Zweigen eines üppigen Vorgartens wurde das Haus sichtbar, braun und niedrig wie die anderen. Vor der mit schwarzem Holz eingefassten, dick verglasten Haustür befand sich nichts, das auf Alter oder Charakter der Bewohner hindeutete, nur das Klingelschild, auf dem in blitzsauberen, dicken schwarzen Druckbuchstaben “Wirthing” stand.

“Macht einen guten Eindruck die Gegend”, kommentierte Beiz. “Hier werden wir wahrscheinlich nicht als Bullenschweine beschimpft werden.”

Kwiebitz drückte wie zur Bestätigung die Klingel. Der Laut war ein dezentes Klingeln, nicht schrill, stärker innen und kaum aussen zu hören.  

Es vergingen etwa zehn Sekunden, dann wurde die Tür von einer jungen, schlanken, hochgewachsenen Frau mit halblangen schwarzen Haaren geöffnet.

“Frau Wirthing?” fragte der Kommissar.

“Richtig. Guten Morgen.” Die Stimme der Frau war forsch, sachlich. “Kommen Sie herein.” Sie öffnete die Tür ganz. Die beiden Polizisten folgten der Aufforderung, allerdings nicht, bevor sie demonstrativ den Fussabtreter benutzt hatten. 

Laura Wirthing führte Beiz und Kwiebitz durch einen engen Flur nach rechts. Sie betraten ein gemütliches Wohnzimmer, in dem zur Rechten grosse Bücherregale die ganze Wand einnahmen, in der Mitte eine Sofagarnitur in Grau um einen niedrigen Glastisch herum stand, und dahinter sich eine dunkelbraune Schrankwand mit einem grossen Fernseher in der Mitte befand. Eine Terrassentür führte in einen kleinen Garten, der zur Linken sorgfältig angelegte Blumenbeete mit Tulpen und Narzissen und in der Mitte wie zur Rechten eine freie Grasfläche aufwies, auf der sich, offenbar schon seit geraumer Zeit, ein unbenutzter Wäscheständer befand. Eine Lattenwand trennte den Garten vom Nachbargrundstück.

“Nehmen sie doch Platz.” Die Gastgeberin wies auf das vordere Sofa. Beiz und Kwiebitz setzten sich darauf. Die junge Frau setzte sich ihnen schräg rechts gegenüber auf einen Sessel.

Laura Wirthing trug eine weite schwarze Hose, ein weisses Hemd und darüber einen ärmellosen engen dunkelgrünen Pullover. Sie wirkte auf nachlässige Weise schick und schien sich ständig in Bewegung zu befinden, auch jetzt im Sessel, wo sie die Beine seitlich übereinandergeschlagen hatte, wippte sie mit dem rechten Fuss, als müsse sie sofort wieder aufstehen und irgendetwas tun. Ihre schwarzen, leicht gelockten Haare waren systematisch ungekämmt, ihr ebenmässiges, vielleicht etwas konturenarmes Gesicht kaum geschminkt. Sie blickte die beiden Polizisten aus kleinen, markant hellblau schimmernden Augen an.

Beiz fühlte sich trotz oder gerade wegen des geschmackvollen Ambientes leicht unwohl. Die Umgebung löste in ihm, einem Kind der Arbeiterklasse, das auf schmutzigen Hinterhöfen gross geworden war, ein undefinierbares Misstrauen aus. Dann irritierte ihn aber auch diese gutaussehende, irgendwie mondän wirkende junge Frau, die permanent auf dem Sprung zu sein schien.

Beiz räusperte sich. “Also gut, Frau Wirthing”, sagte er dann. “Ich möchte ihnen noch einmal dafür danken, dass sie sich umstandslos zu einem Gespräch bereit erklärt haben.”

“Keine Ursache, Herr Kommissar.” Laura Wirthing fuhr sich mit beiden Händen durch die Haare und verwirrte sie noch mehr. “Kann ich ihnen etwas anbieten? Kaffee, Tee?”

“Nein, vielen Dank, das ist sehr lieb. Wir haben schon gefrühstückt.” Beiz meinte neben sich ein leichtes Widerstreben wahrzunehmen. Aber Kwiebitz hielt den Mund.

“Also”, wiederholte Beiz. “sie wissen, warum wie hier sind, Frau Wirthing. Ihre Telefonnummer wurde in den Sachen der ermordeten Christine Baggenfurth gefunden. Wir würden zunächst gerne wissen, woher sie die Ermordete kannten und in welcher Beziehung sie zu ihr standen.”

Laura Wirthing nickte vehement. Sie hatte offensichtlich auf diese Frage gewartet. “Ich habe Chrissie vor drei Jahren in Berlin kennengelernt, im Club, für den ich Promotion gemacht habe. Chrissie war echt okay, hat es aber drogenmässig etwas übertrieben…”

“Moment”, unterbrach Beiz. “Was war das für ein Club, für den sie gearbeitet haben? Ein Nachtclub?”

Laura Wirthing sah den Kommissar mit kaum verhohlener Geringschätzung an. “Ich habe Promotion für das Aquarium gemacht. Eine Disco, wie sie wohl sagen würden.”

Kwiebitz räusperte sich. “Das Aquarium ist ein sehr bekannter Technoclub in Berlin”, sagte er dann. 

Beiz stutzte. “Aha, die Computerpisse, die seit den Neunzigern als Musik ausgegeben wird”, sagte er dann ungerührt. “Fahren sie doch bitte fort, Frau Wirthing. Sie sagten, Christine habe es drogenmässig etwas übertrieben. Wie sind sie denn zu dieser Erkenntnis gekommen?”

“Das war offensichtlich.” Laura Wirthings Stimme war sehr sachlich. “In der Technoszene wird ja so manches konsumiert, aber an der Nadel zu hängen, ist eine andere Geschichte. Einige Tage, nachdem sie sich bei mir eingenistet hat, habe ich Chrissie beim Fixen erwischt. Sie hat sich nicht einmal Mühe gegeben, es zu verbergen.”

Beiz hatte aufgehorcht. “Christine Baggenfurth hat also in Berlin bei ihnen gewohnt”, sagte er. “Das ist ja interessant. Wie ist das denn gekommen, dass sie sie bei sich aufgenommen haben?”

Laura Wirthing betrachtete den Kommissar mit unverhohlener Kühle. “Aufgenommen haben?” wiederholte sie dann. “Komischer Ausdruck. Ich habe Chrissie einfach bei mir wohnen lassen. Es war nicht das erste Mal, dass ich eine Freundin oder einen Freund in meinem Loft ‘aufgenommen habe’, wie sie sagen. Das ist ganz normal. Freunde besuchen mich oft für ein Wochenende und übernachten bei mir.” Laura Wirthing fuhr sich wieder durch die Haare. Ihr Fusswippen verstärkte sich. 

“Verstehe ich richtig, dass sie noch in Berlin wohnen?” schaltete sich Kwiebitz.

“Ja”, antwortete Laura Wirthing. “Ich bin eigentlich nur nach Nordingen gekommen, um das Haus hier zu verkaufen. Mein Vater ist vor kurzem gestorben, und wir, mein Bruder und ich, wollen nicht mehr hierher zurück. Rüdiger ist mit seiner Familie in Hamburg sehr eingespannt, und so habe ich die Angelegenheit übernommen. Ich bin erst seit drei Wochen hier. Es ist nicht so einfach, wie ich dachte.” Laura Wirthing seufzte leicht. Das Fusswippen hatte nachgelassen.

“So?” Beiz nahm das Gespräch wieder in die Hand. “Zu den letzten Wochen kommen wir noch. Ich möchte erst noch verstehen, in welcher Beziehung sie zu Chrissie, wie sie sie nennen, standen. War sie eine gute Freundin? Wie lange ist sie damals in Berlin bei ihnen geblieben? Haben sie sie dann noch einmal wiedergesehen?”

Laura Wirthing nickte. “Okay. Also, Chrissie ist damals zwei Wochen geblieben und ist dann nach Hause zurückgefahren. Wir haben uns ganz gut kennengelernt, und ich habe versucht, sie dazu zu bringen, mit dem Fixen aufzuhören. Ohne Erfolg, nehme ich an. Sie hat mich dann noch zwei Mal in Berlin besucht. Na, und dann hier in Nordingen.”

“Schön. Kommen wir also zu Christines Zeit hier. Wann hat sie sich bei ihnen gemeldet? Hat sie vielleicht wieder bei ihnen gewohnt?”

“Ja, etwa eine Woche.” Laura Wirthing legte den Kopf schief. “Ich muss überlegen. Ich weiss auf jeden Fall, wann sie weggegangen ist. Vorletzten Sonntag.”

“Vorletzten Sonntag?” rief Beiz erstaunt. “Das ist zwei Wochen her. Wollen sie damit sagen, dass sie Christine Baggenfurth seither nicht mehr gesehen haben?”

Laura Wirthing nickte. “Ja. Ich habe auch nicht gewusst, dass sie noch in Nordingen ist.”

“Es passt”, schaltete sich Kwiebitz wieder ein. “Christine hat sich dann bei Ursula Lubasch eingenistet.”

Beiz gab einen Laut des Missfallens von sich. “Das passt, aber es bleiben viele Fragen offen. Vor allem viele Lücken, was Christines Zeit hier angeht. Machen wir doch systematisch weiter. Sie sagen also, Frau Wirthing, sie haben die Ermordete am vorletzten Sonntag das letzte Mal gesehen.” Er holte einen kleinen Kalender aus der Tasche und blätterte. “Am fünfundzwanzigsten September also. Wann hat sie sich bei ihnen gemeldet?”

Laura Wirthing überlegte. “Das müsste am Montag davor gewesen sein, am Montagmorgen”, sagte sie. “Doch”, nickte sie, “ganz bestimmt. “An diesem Tag hatte ich den Termin beim Notar, und ich wollte mich gerade aufmachen.”

“Also am neunzehnten September”, bemerkte Beiz. “Von wo hat Christine denn angerufen? Aus Neckarhausen?”

“Nein.” Laura Wirthing schüttelte den Kopf. “Sie sagte, sie sei in Kassel, und sie wolle nach Nordingen kommen. Sie hat gefragt, ob sie ein paar Tage bei mir bleiben könne, und ich habe natürlich ja gesagt. Ich habe hier viel Platz im Haus, und ich habe mich gefreut, sie wiederzusehen.”

“Und wie war es, das Wiedersehen?”

Laura Wirthing presste die Lippen zusammen. Dann sagte sie: “Sie stand um sechs vor der Tür. Ich habe sofort gesehen, dass es ihr nicht gut ging. Anders als in Berlin. An dem Abend haben wir viel geredet.”

“Geben sie uns doch einen Einblick in das Gespräch.” 

Laura Wirthing verzog das Gesicht. “Was wollen sie denn hören?” fragte sie. “Beziehungsgeschichten? Suchtstories? Oder etwas von Chrissies problematischem Verhältnis zu ihren Eltern? Das würde Stunden dauern.”

Beiz winkte ab. “In Ordnung, versuchen wir uns auf Fakten zu konzentrieren. Hat Christine hier in ihrem Haus Drogen konsumiert?”

Laura Wirthings Gesicht nahm wieder den alten nichtssagenden Ausdruck an. “Ich denke mal. Spritzbesteck habe ich nicht gefunden, wenn das die Frage ist. Ich habe ihr das Zimmer meines Bruders gegeben, da konnte sie tun und lassen, was sie wollte.”

“Können wir mal einen Blick hineinwerfen?”

“Wozu?” Eine Spur der Verwunderung wurde auf Laura Wirthings ebenmässigen Zügen sichtbar. “Hier ist alles tiptop saubergemacht. Es kommen regelmässig Kaufinteressierte zur Besichtigung.”

“Pro forma”, insistierte Beiz. “Zeigen sie meinem Assistenten bitte trotzdem einmal das Zimmer.”

Kwiebitz erhob sich und liess sich von Laura Wirthing, die mit einer abrupten Bewegung aufsprang, in den linken Bereich der Wohnung führen. Nach fünf Minuten kam Laura Wirthing allein zurück. Sie nahm in der derselben Weise wie zuvor Platz. Beiz kam der Gedanke, ob sie vielleicht unter dem Einfluss von Aufputschmitteln stand. Er schob ihn beiseite.

Stattdessen sagte er: “Schön, Frau Wirthing. Wir werden ihre Zeit nicht mehr lange in Anspruch nehmen. Natürlich werden sie in den nächsten Tagen bei uns im Hagenweg eine offizielle Aussage machen müssen. Ich hätte jetzt nur noch ein paar weitere Fragen. Mich interessiert vor allem, wie Christine ihre Zeit in Nordingen verbracht hat, mit wem sie hier zu tun hatte. Dazu möchte ich sie noch befragen. Hatte Christine in diesem Haus Besuch? Hat sie vielleicht einmal jemanden mitgebracht?”

Laura Wirthing schüttelte den Kopf. “Nicht dass ich wüsste. Ich war allerdings auch oft fort. Ob in dieser Zeit jemand Chrissie besucht hat, kann ich ihnen nicht sagen.”

“Hat Christine von Bekanntschaften in Nordingen erzählt?”

Laura Wirthing überlegte. Dann schüttelte sie den Kopf. “Nein, ich kann mich nicht erinnern.”

“Ist sie viel ausgegangen?”

Laura Wirthing überlegte wieder. “Ich denke nicht”, sagte sie dann. “An einem Tag war sie allerdings lange fort und kam erst nach Mitternacht wieder. Ich habe sie gehört, als ich bereits im Bett lag.”

“Hatte Christine einen Hausschlüssel?”

Laura Wirthing nickte. “Ich habe ihr einen gegeben.”

“Welcher Tag war das?”

“Ich glaube, Mittwoch.”

“Also am einundzwanzigsten September.” Beiz macht eine Notiz in seinem Kalender. Kwiebitz kam zurück ins Wohnzimmer und setzte sich neben den Kommissar. “Gut. Und warum ist Christine von hier weggegangen?”

Laura Wirthing fuhr sich durchs Haar. “Ich habe keine Ahnung. Ehrlich. Ich bin an dem Tag nachmittags vom Besuch bei einer Freundin zurückgekommen, und Chrissie war weg. Hier auf dem Tisch lag der Schlüssel, und daneben ein Zettel. Keine Erklärung. Danach habe ich sie nicht wiedergesehen. Bis ich aus der Zeitung von ihrem Tod erfahren habe.”

“Heben sie den Zettel noch?”

Laura Wirthing nickte. Sie sprang auf und ging nach hinten zur Schrankwand. Dort öffnete sie eine untere Schublade. Sie kam mit einem kleinen Zettel in der Hand zurück.

“Zeigen sie einmal.”

Laura Wirthing überreichte dem Kommissar das Stück Papier und setzte sich wieder, schlug die Beine übereinander. Beiz betrachtete den Zettel, einen Fetzen, der von einem weissen karierten Blatt abgerissen worden war. Wahrscheinlich aus dem Notizbuch, das im Rucksack gefunden worden war, dachte Beiz.

Auf dem Fetzen stand in krakeliger, fast kindlicher Schrift: “Danke, Chrissie.” Neben dem Namen ein Herz. Geschrieben mit blauem Kugelschreiber. Er steckte den Zettel ein.

“Sie war wirklich einfach so, mir nichts dir nichts verschwunden?” hakte er nach. “Nicht vielleicht eine Andeutung, wo sie hingegangen sein könnte?”

Laura Wirthing schüttelte den Kopf. “Nichts. Wissen sie, ich habe versucht, Chrissie zu überreden, einen Entzug zu machen. Sie hat mir leid getan, und ich wollte ihr helfen.”

“Verstehe.” Beiz nickte. “So viel Samaritertum, und das Resultat ist doch eine Leiche.” Er stand auf. Sein Assistent tat es ihm nach. “Wir bedanken uns, Frau Wirthing. Sie werden über den Termin bei uns unterrichtet werden. Einstweilen wäre es das.”

“In Ordnung.” Laura Wirthing sprang auf und geleitete die beiden Polizisten zur Haustür. Als sie ins Freie traten, stellten sie fest, dass es aufgehört hatte zu regnen.

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