Die Schnitzeljagd (Folge XXIX)

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Der Wind schlug Vincent auf dem Bahnhofsvorplatz ins Gesicht. Er fröstelte und zog den Reissverschluss seiner Jacke nach oben so weit es ging. Die Kälte machte ihm allerdings geringe Sorgen. Was ihm Sorgen machte, war das Gespräch, das er mit Anne in der WG gehabt hatte, bevor er hier im Bahnhof bei McDonalds ein Mittagessen aus zwei Hamburgern, einer Tüte Pommes und einer Cola zu sich genommen hatte, und das ohne grossen Appetit und mit den Gedanken immer an die zurückliegende Szene. Die Szene, die Anne ihm gemacht hatte.  

Vincent hatte nicht erwartet, dass Anne seine Offenbarung einfach so schlucken würde, er hatte aber auf ihr pragmatisches Wesen und ihre Vernunft gebaut. Da gab es aber zweifellos eine Kehrseite, die vielleicht gerade mit ihrer gewöhnlichen Beherrschtheit zusammenhing, und sie hatte schliesslich so herumgeschrien, dass Horst die Tür zu ihrem Zimmer öffnete, um zu sehen, ob alles in Ordnung war.

Nun, nichts war in Ordnung. Wenn Vincent nicht die Kiffernummer abgezogen hätte, wäre es sicherlich einfacher gewesen. Aber Anne hatte sich nach seiner Eröffnung, dass er für die Gesetzeshüter arbeitete, natürlich daran erinnert, wie und warum sie ihn am Tag ihres Kennenlernens zu Samir gebracht hatte, und Vincent, der sich vorgenommen hatte, rein gar nichts zu verschweigen, hatte zugegeben, dass sein Interesse an der Droge mit seinem Job zusammenhing.

Ganz im Gegensatz zu seinem Interesse an Anne. Er hatte gehofft, dass sie durch seine rückhaltlose Ehrlichkeit verstehen würde, wie gross es war, und wie sehr er sie mochte. Doch wenn der Verdacht im Raum stand, dass von Anfang an etwas faul gewesen war, dann war es wahrlich nicht einfach.

Er hatte es laufen lassen, ja. Aber was hätte er auch sonst tun sollen nach dem Kennenlernen im Miller’s Corner? Er hatte ja auch nicht wissen können, dass er mit Anne so schnell im Bett landen würde, und da war die Initiative nun wirklich von ihr ausgegangen. Vincent hatte sich in der WG mit Anne und Horst so wohlgefühlt, und da sollte er gleich mit stimmungstötenden Eröffnungen ins Haus fallen? Das konnten seine beiden neuen Freunde doch nicht von ihm erwarten.

Natürlich lag die Sache für Horst anders als für Anne. Was Horst dachte, wusste Vincent nicht. Er hatte nach Annes Ausbruch die WG verlassen. Anne hatte ihn zwar nicht explizit rausgeschmissen, es war aber offensichtlich gewesen, dass sie eine Weile allein sein wollte. “Ich rufe dich an”, hatte er zum Schluss noch gesagt, sie hatte aber nicht reagiert. Vincent war gegangen, und Horst war nicht in der Küche, sonst hätte er mit ihm gesprochen. 

So sah es aus. Es half nichts, Vincent musste die Sache mit Anne hintanstellen, und das Beste hoffen. Morgen stand die Reise nach Italien an. Es wäre auch zu schön gewesen, zu dem neuen Job gleich noch eine neue Freundin dazuzubekommen. Man konnte eben nicht alles haben. Aber man konnte dafür arbeiten, dass alles aufs beste hinauslief. Und das würde er tun.

Zu nichts hatte Vincent jetzt weniger Lust, als bei Beiz und Kwiebitz aufzulaufen. Aber das erneute Treffen mit den beiden Lokalbullen würde Vincent wenigstens auf andere Gedanken bringen. Er hatte sich für halb vier angekündigt. Bis dahin war noch eine Stunde Zeit. Zeit genug, um in aller Ruhe einen Kaffee zu trinken.

Das Cafe Meyer war eigentlich nur ein kleiner Raum rechts am Eingang zur Theaterstrasse, gegenüber vom Sexshop und dem Kopierladen in afghanischem Besitz. Dorthin begab sich Vincent, denn er konnte hinterher ganz einfach von der grossen Bushaltestelle auf der Jüdenstrasse die Linie fünf nehmen, die Richtung Grone fuhr und am Polizeigebäude Halt machte. Vincent kam auf der Goetheallee an Michael Holstens Plattenladen vorbei, ging aber nicht hinein, denn er wollte sich von Michael nach dem Termin bei der Bullerei in aller Ruhe verabschieden. Miller’s Corner am Leinekanal brachte ihm unwillkürlich Anne wieder in Erinnerung. Gerade vier Tage war es her, dass sie sich, Zuflucht vor dem Regen suchend, hier kennengelernt hatten. Vier mit Nachforschungen gefüllte Tage, aber das Beste waren die Stunden in Annes WG gewesen, am Küchentisch und in ihrem Bett, Vincent seufzte. Sollte das wirklich nur ein Intermezzo auf dem Sprung nach Den Haag gewesen sein? Nein, sagte er sich, dafür mochte er Anne zu gern, dafür war sie ihm zu wichtig.

Hinter dem Kanal, auf der linken Seite, gegenüber der Abbiegung zum Papendiek, gab es seit kurzem ein neues Antiquariat. Vincent schaute meist im Laden in der Gothmarstrasse nach alten Büchern, gegenüber der Stadtbibliothek, hinter der Sparkasse und dem Rathaus, wo er zu Schulzeiten immer den Bus nach Hause genommen hatte. Der neue Laden machte einen etwas provisorischen Eindruck, eine Reihe von Büchern lag noch in Kartons, aber es gab nach hinten viel Platz, und er war gut bestückt. Vincent ging hinein und steuerte gleich das Krimiregal an.

Er hatte immer gern Krimis gelesen. Nach Wolfgang Ecke kam im frühen Teenager-Alter die obligatorische Sherlock Holmes- und Agatha Christie-Lektüre, dann Georges Simenon und Sjöwall/Wahlöö. Die Bekanntschaft mit den Schweden verdankte er Moritz, einem weiteren alten Freund, der zusammen mit Jan aus seinem Gesichtskreis verschwunden war. Vincents Blick fuhr über eine Reihe von dicken Paperbacks mit englischen Originalausgaben. Da war Lee Child, der neue Autor, den ihm Bert einmal empfohlen hatte, aber Vincent spürte im Moment kein Verlangen, sich einen dicken Schmöker aufzuhalsen. In den Reihen darunter befanden sich die alten deutschen Taschenbuchausgaben, Vincent sah Ullstein-Krimis und die rororo-Ausgaben von Leo Malets Nestor Burma-Serie.

Nicht weit davon entdeckte er eine alte dtv-Ausgabe von Jörg Fausers Schneemann. Er nahm das Buch heraus. Auf dem Cover war ein Filmphoto von Marius Müller-Westernhagen zusammen mit der Schauspielerin, die, wie Vincent noch wusste, Polly Eltes hiess. Er fand das Bild als Appetizer für das grossartige Buch so cheesy, dass er sofort beschloss, die Ausgabe zu kaufen. Ausserdem wollte er den Roman noch einmal lesen, und er wusste nicht, wie bald er seine Bibliothek in Den Haag wiederhergestellt haben würde. Reiselektüre für Italien.  

Vincent bezahlte und trat hinaus. Er passierte den Eingang der alten Universitätsbibliothek und sah in der Ferne den sogenannten Nabel, den Knotenpunkt der Fußgängerzone, wo man sich früher nach Schulschluss regelmässig getroffen hatte, um noch einen Schwatz zu halten, bevor man wahlweise nach Hause fuhr oder noch ein Café aufsuchte. Zum Beispiel das Meyer.

Um den Nabel herum war es diesmal ziemlich menschenleer, das Wetter lud die Nordinger nicht zum Flanieren ein, und um diese Zeit waren auch die Schülergruppen verschwunden. Vincent ging weiter. Am Eingang der Jüdenstrasse bog er links ab. Nach hundert Metern überquerte er die Strasse, gerade als die Linie zwei nach Weende vorübergefahren war, und kam vor dem Meyer zu stehen. 

Mit einem Mal kam ihm Felix in den Sinn, sein alter Mitschüler. Warum brachte Vincent ihn mit dem Meyer in Verbindung? Weil das Meyer zu Schulzeiten in der linken Szene beliebt gewesen war. Es hatte nicht das Gediegene, mit dem das Café Kadenz, das ein paar Schritte weiter lag, aufwartete, ein weiteres von der Schulclique damals häufig frequentiertes Café. Vincent erinnerte sich, wie er dort einmal mit Laurens mittags nach Schulschluss Canadian Club getrunken hatte, um die guten Noten in einer Englischarbeit zu feiern.

Vincent drückte die Tür zum Meyer auf und grüsste zur Theke herüber, wo eine kaum dem Schulalter entwachsene junge schwarzhaarige Frau stand. Er sah sie hier zum ersten Mal. Das Meyer war eines der wenigen Etablissements, das sich in den zehn Jahren, seit Vincent Abitur gemacht hatte, kaum verändert hatte. Ähnlich wie die Gartenlaube. Da war immer noch rechts der kleine Raum mit den niedrigen Bänken an der Wand, den Kissen, den Sitzmöglichkeiten für nicht mehr als zehn Leute. Es herrschte die bekannte Atmosphäre lässiger, auch ein wenig nachlässiger Gemütlichkeit. Vorne links am Fenster sassen zwei Mädchen, die offenbar mit ihren Schularbeiten beschäftigt waren. Vincent setzte sich ihnen schräg gegenüber an die Wand. Hier hatte er einen freien Blick nach draussen und neben sich auf einer erhöhten Holzbank einige Zeitschriften und Magazine. Das Nordinger Tageblatt war typischerweise nicht dabei, es passte offensichtlich nicht zum politischen Selbstverständnis des Ladens.

Das Mädel kam von der Theke, und Vincent bestellte einen Kaffee. Er sah nach draussen, wo ein weiterer Bus vorbeifuhr. Seine Gedanken wanderten wieder zu Felix. Vincent hatte ihn seit der Schulzeit nicht wiedergesehen, aber er hatte das Gefühl, gerade jetzt hätten sie sich einiges zu sagen. Felix hatte, als er in der Zehnten auftauchte, nicht richtig in seine Klasse gepasst. Er war älter, sitzengeblieben, und anders als die landläufigen Bildungsbürgersöhne und -töchter. Er hatte sich in dem Biotop herumgetrieben, das Autonome, Hausbesetzer und unpolitischere Outcasts bildeten.

Drogen hatten wohl eine Rolle gespielt, und damit schien es zusammenzuhängen, dass Felix in der Nüchternheit des Schulumfeldes eine Euphorie an den Tag legte, die seinen Mitschülern ganz fremd war. Vincent schien es, dass er Felix erst jetzt wirklich verstand, da ihm selbst das Geschenk des Lebens gemacht worden war, ein Geschenk, das so viele gar nicht empfinden konnten und zu schätzen wussten. 

Fünfzehn Jahre waren seitdem vergangen. Eigenartig, dachte Vincent, dass Menschen sich oft zeitlich versetzt begegnen, dass zwei, die sich zu einem anderen Zeitpunkt viel zu sagen gehabt hätten, sich in der Gegenwart verpassten und aneinander vorbeiredeten. Er ertappte sich dabei, dass er auf Felix wartete, als sei er mit ihm verabredet.   

Eines der Mädchen sah von den Schulunterlagen auf und blickte kurz zu ihm hin. Sie hatte halblanges dunkelblondes Haar, Sommersprossen und trug eine leichte blaue Wollmütze.  Ihre Kameradin war brünett, hatte längeres Haar und trug ein Batik-T-Shirt mit dominierenden Violetttönen. Einige Klassen vor dem Abitur, dachte Vincent, siebzehn vielleicht. Eine nachfolgende Generation. Vielleicht würden auch sie die Fehler machen, die er gemacht hatte, vielleicht war ihnen ein geradliniger Pfad vorgezeichnet. Wer weiss.

Das ältere Mädel von der Theke stellte eine dampfende Tasse mit schwarzem Kaffee vor Vincent auf den Tisch. Sie kam noch einmal zurück und brachte Milch und Zucker. Vincent dankte ihr lächelnd. Er nahm einen ersten Schluck. Heiss. Er stellte die Tasse ab und blickte wieder nach draussen. Zwanzig Jahre. Was konnte ihm Nordingen noch geben, das er nicht schon geschmeckt hatte, welche Abenteuer sollten noch von hier ausgehen, welche Begegnungen die altbekannte Umgebung in ein neues Licht tauchen? Vincent erwartete nichts Grundlegendes mehr an diesem Ort. Es war Zeit zu gehen.

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