Die Schnitzeljagd (Folge XXIV)

 19


Der Anruf von Guus kam früh, auffallend früh. Es war neun Uhr, da klingelte schon das Telefon.  

“Ich bin gerade erst aus dem Bett gestiegen, Guus. Habe noch nicht mal Kaffee gemacht.” Vincent hatte sich eben fertig angezogen, als das Telefon klingelte, und setzte sich nun verschlafen auf den Stuhl vor dem Fenster. 

“Es gibt Neues, mein Lieber.” In Guus Stimme schwang Befriedigung mit. “Und ich möchte deinen Bericht hören. Wie war es in Frankfurt? Was hast du von Sören Barghauser erfahren?”

“Ich muss mich erstmal sortieren, Guus.” Vincent gähnte, blickte hinaus in den grauen Nordinger Morgen und nahm dann den Faden an der Stelle auf, wo Sören ihm vom Besuch Luciens in Frankfurt erzählt hatte. “Es ist also nicht viel, Guus”, schloss er. “Es hat mich aber doch etwas gewundert, dass Lucien so kurz und ohne ersichtlichen Grund unseren alten Kumpel besucht hat.”

“Interessant”, erwiderte Guus. “Du wirst dich gleich noch mehr wundern. Es gibt nämlich noch eine zweite beschriebene Visitenkarte von Sören Barghauser neben derjenigen, die du besitzt. Sie wurde in den Sachen von Christine Baggenfurth gefunden.” Vincent begann vor Erstaunen zu husten. Guus erzählte ihm, was Beiz und Kwiebitz ihm mitgeteilt hatten.  

“Ich hätte Sören nach Christine fragen sollen”, bemerkte Vincent selbstkritisch und wischte sich noch einmal über die Augen.

“Ja”, antwortete Guus. “Es bleiben aber genug Fragezeichen. ‘Gruss, L.’ L wie Lucien?”

“Kann sein, kann aber auch nicht sein.”

“Und wenn es so ist, in welcher Beziehung standen dann Lucien und die Ermordete?” fragte Guus.

“Es passt nicht”, meinte Vincent. “Lucien und diese Junkie-Torte. Gar nicht sein Typ. Ich kann mich auch nicht erinnern, sie in Heidelberg zusammen gesehen zu haben.” Er gähnte noch einmal. “Nein, die beiden zusammen - darauf kann ich mir keinen Reim machen. Aber dass Lucien bei Sören war, das beschäftigt mich.”

 “So. Vielleicht zurecht.” Vincent hörte, wie Guus eine kleine Pause machte. “Nun”, sagte Guus dann, “ich bin nicht untätig gewesen. Ich habe mir durch den Kopf gehen lassen, was du von deinem Freund Samir und der Raststätten-Connection erzählt hast, ich habe ausserdem noch einmal genauer die Informationen studiert, die wir über Lucien Tenepreti besitzen, und ich habe einige Hebel in Bewegung gesetzt.”

Vincent war mit einem Schlag wacher. “Wir hatten gesagt, dass wir Samir zunächst aus dem Spiel lassen, richtig?” fragte er besorgt.

“Natürlich, Samir wird zunächst in Ruhe gelassen. Zumindest von uns.” Vincent wollte etwas entgegnen, aber Guus sprach schnell weiter. “Worauf ich hinauswill, Vincent, es gab eine Art Zufallsfund. Ich habe ins Blaue hinein einige Kontrollen veranlasst, und es hat sich eine Spur ergeben, die nach Italien führt, nicht weit von Luciens Wohnort. Wir haben da richtig Glück gehabt. Das heisst zwar nicht, dass wir eine Verbindung nachweisen können Aber es ist eine Spur.”

“Sieh mal an.” Vincent war noch wacher geworden. “Wo wurde denn kontrolliert?”

“Hier und da. Am Brenner gab es den grossen Fund. Natürlich nicht so gross, dass man von einem echten Ermittlungserfolg sprechen kann. Aber gross genug, um mich aufmerksam zu machen. Ich habe es hin und her gewendet, und dann habe ich mir gesagt, es spricht doch nichts dagegen, dem ehrenwerten Geschäftsmann Lucien Tenepreti auf seinem Anwesen in den Abruzzen einen Besuch abzustatten und sich dort ein wenig umzusehen. Ich habe in diesen Tagen sowieso nicht allzu viel zu tun, und da habe ich mir auf die Rechnung von Europol etwas Urlaub in Italien verordnet. Ich fahre morgen. Ich hoffe, du kommst mit.”

“Uff”, sagte Vincent. “Du überraschst mich immer wieder, Guus. Rudi Carrell ist nichts gegen dich. Das ist jetzt ziemlich plötzlich, muss ich sagen.” 

“Komm, Vincent, du kannst nicht nein sagen.” Guus lachte. “Kurzurlaub in Italien, und Europol bezahlt alles. Ist das nichts?”

“Einen Sommer kann Europol aber nicht bezahlen, Guus. Es ist Oktober.”

“Es ist derzeit sehr warm dort unten. Ich habe mich informiert. Komm, Vincent, ich habe keine Lust, allein zu fahren. Sag ja. Mit dieser Reise kannst du dir deinen Einstand bei uns versüssen.” 

“Du meinst, diese Tage in Italien wären gewissermassen meine Flitterwochen mit Europol?” Vincent kratzte sich am Kopf und blickte wieder in den grauen Nordinger Morgen hinaus. Er sah nicht besonders vielversprechend aus.

“Nimm es, wie du willst. Es ist doch eine echte Gelegenheit”, insistierte Guus.

“OK.” Vincent hatte sich entschieden. “Gut, fahren wir.”

“Grossartig.” Guus’ Freude war deutlich zu vernehmen. “Flughafen Frankfurt, Terminal eins, Punkt zwei Uhr Mittags vor dem Alitalia-Schalter. Du musst nichts weiter tun, die Fahrkarten habe ich.”

“Oakey-doke. Dann treffe ich mal die Reisevorbereitungen. Und ich muss endlich Kaffee machen.” 

“Hör dir erst noch an, was Beiz mir sonst noch erzählt hat.” Vincent erfuhr von Christines Notizbuch, den Namen darin und auch von dem vielen Geld, das die junge Frau bei sich gehabt hatte.

“Da taucht dein Freund Samir wieder auf”, bemerkte Guus. “Er wird wohl nicht umhin kommen, Beiz und Kwiebitz Auskunft zu erteilen.”

“Das wird er noch verschmerzen”, meinte Vincent. “Mit der Polizei hatte er oft genug zu tun.” Er überlegte. “Unsere beiden Lokalbullen werden erst einmal beschäftigt sein”, sagte er dann.

“Sie sollen ihren Fall lösen, und wir den unseren”, entgegnete Guus. “Kennst du die beiden anderen, Paddy und Laura?”

“Ich kannte in Nordingen eine Laura. Wenn es die ist. Einen Paddy kenne ich nicht. Laura Wirthing.”

“Näheres?”

“Intelligent und gutaussehend. Sie war auf meiner Schule, aber in einer anderen Klasse. Sie hat nach der zehnten die Schule gewechselt. Was aus ihr geworden ist, weiss ich nicht. Berlin, hat jemand erzählt. Ich kann sie mit nichts, was uns interessiert, in Verbindung bringen.” Vincent sah sehnsüchtig zu seiner Kaffeemaschine hin. 

“Gut, sollen sich Beiz und Kwiebitz mit den dreien beschäftigen. Wirst du dich von den beiden verabschieden?”

“Ich werde wohl nicht umhin kommen”, seufzte Vincent. 

“Alles klar”, meinte Guus. “Dann sehen wir uns morgen in Frankfurt. Ich freue mich.”

“Ganz meinerseits. Ciao, G-Man.”

“Ciao, Kollege.”

Vincent legte auf. Er stand auf und machte sich auf den Weg zur Kaffeemaschine, die sich auf der Kochnische neben der Wohnungstür befand. Verschiedenes ging ihm durch den Kopf. Es war gar nicht so schlecht, sagte er sich, den Aufenthalt in Nordingen zu verkürzen. Was kam dabei schon herum ausser Abschiedsstimmung und Melancholie? Der Tag heute würde vollgepackt sein. Auflaufen bei Beiz und Kwiebitz. Der Besuch beim Vater im Altersheim. Und dann musste Vincent Anne die Wahrheit sagen.

Ganz schönes Programm. Vincent seufzte erneut und wandte sich der Kaffeemaschine zu. Instantbrühe und zwei Croissants von gestern. Vincent setzte sich damit vors Fenster und beobachtete, wie ein ganz feiner Nieselregen die Fensterscheibe sprenkelte. Ein Geräusch, als würde jemand Smarties auf den Fussboden streuen, dachte er. Als er sein Frühstück beendet hatte, blickte er noch einmal und mit dem Bewusstsein des Abschieds in den grauen Nordinger Morgen hinaus. Vincent sah auf die Uhr. 9:30. Er räumte auf. Dann rief er Solange Furneuax an. Das Telefonat dauerte eine ganze Stunde, und als es zu Ende war, sah Vincent einige Personen und Dinge aus der Vergangenheit in einem neuen Licht. 




20


“Jetzt fängt es auch noch an zu regnen.”  Carl Beiz zog den Reissverschluss seiner schwarzen Jacke hoch und blickte nach rechts in die Seitenstrasse, vor der er mit seinem Assistenten stand. “Sie kennen diese Gegend, oder? Auf der anderen Seite ist die Stadt zu Ende. Da sind nur noch Felder, wie? Und dann kommt Diemarden.”

Benjamin Kwiebitz nickte. “Wir müssen hier rechts hinein”, sagte er. “Es kann nicht weit sein.”

Die beiden Beamten bogen in die Seitenstrasse. Zur Linken befand sich ein Garagenhof, zur Rechten erhob sich eine hohe Hecke, und dahinter ragte das Hochhaus empor, an dem sie vorbeigekommen waren. Sie hatten gewendet und den Seat Cordoba gegenüber abgestellt, noch vor der Reihe von flachen Einfamilienhäusern neben der Plakatwand, auf der die halb zerrissenen, lächelnden Gesichter der Bundestagswahlkandidaten zu sehen waren.

Die Strasse machte eine Biegung nach links. Als Beiz und Kwiebitz ihr folgten, wurde, ebenfalls zur Linken, zwischen viel Grün eine Reihe von niedrigen, braunen Einfamilienhäusern sichtbar. Sie sahen ziemlich neu aus, achtziger Jahre, schätzte Beiz. Sein Assistent ging zielstrebig über die Strasse, und er folgte ihm. Kwiebitz zeigte auf einen Hauseingang. 

“Nummer sechs”, sagte er. “Hier ist es.”

Beiz folgte ihm. Hinter den Zweigen eines üppigen Vorgartens wurde das Haus sichtbar, braun und niedrig wie die anderen. Vor der mit schwarzem Holz eingefassten, dick verglasten Haustür befand sich nichts, das auf Alter oder Charakter der Bewohner hindeutete, nur das Klingelschild, auf dem in blitzsauberen, dicken schwarzen Druckbuchstaben “Wirthing” stand.

“Macht einen guten Eindruck die Gegend”, kommentierte Beiz. “Hier werden wir wahrscheinlich nicht als Bullenschweine beschimpft werden.”

Kwiebitz drückte wie zur Bestätigung die Klingel. Der Laut war ein dezentes Klingeln, nicht schrill, stärker innen und kaum aussen zu hören.  

Es vergingen etwa zehn Sekunden, dann wurde die Tür von einer jungen, schlanken, hochgewachsenen Frau mit halblangen schwarzen Haaren geöffnet.

“Frau Wirthing?” fragte der Kommissar.

“Richtig. Guten Morgen.” Die Stimme der Frau war forsch, sachlich. “Kommen Sie herein.” Sie öffnete die Tür ganz. Die beiden Polizisten folgten der Aufforderung, allerdings nicht, bevor sie demonstrativ den Fussabtreter benutzt hatten. 

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