Die Schnitzeljagd (Folge XXIII)

 Im Lokal hatte sich gar nicht so viel verändert, wenn man einmal von den drei grossen Bildrahmen absah, die Papa Ernest in verschiedenen markanten Situationen zeigten. Zwei davon hingen rechts neben der Theke, wo mehr Raum war, einer links an der Wand. Dieses Bild war Vincent neu. Es zeigte Hemingway in einem gestreiften Hemd, mit einem Photoapparat und einer Katze hantierend. Rechts befand sich das bekannte Bild mit Inge Feltrinelli und dem Merlin, dahinter Hemingway mit Flinte und erlegtem Tiger posierend. Tische und Stühle schienen Vincent die gleichen wie früher, nur links in der Ecke befand sich ein neues rotbraunes Plastiksofa. Die linke Seite war leer, aber auf der rechten sassen einige Gäste. Einer von ihnen war Bert. Er sass allein am Tisch vor dem Bild mit dem Fisch und hatte gleich gewunken, als Vincent hereingetreten war.

“Sieht man dich auch einmal hier? Komm, setz dich.” Bert wies auf die vordere Tischseite. “Was möchtest du trinken? Wodka ist dein Ding, nicht wahr? Einen Wodka Lemon?”

“Für den Anfang ein Pils.” Vincent setzte sich und legte die Sporttasche neben sich auf den Stuhl.

“Günni, ein Pils für meinen Freund!”  

“Kommt sofort”, brummte es von der Theke her. Günni war ein beleibter Mittvierziger in einem dunkelgrünen Hemd und einer blauen Schürze, der sich so gemütlich bewegte wie jemand, der sein ganzes Leben hinter einer Kneipentheke verbracht hatte. Vielleicht hatte er das tatsächlich. Er war schon dagewesen, als der Laden noch Kreuzberg hiess, erinnerte sich Vincent.

Das Pils kam umgehend. “Warsteiner”, bemerkte Vincent, nachdem er einen Schluck genommen hatte. “Das Lieblingspils meines Schuljahrgangs.”

Bert zog die Augenbrauen hoch. “Kannst du alle Biere unterscheiden?”

Vincent lachte. “Nein, bestimmt nicht. Aber Warsteiner ist nicht schwer. Oder nimm Jever.”

“Das kriege ich auch hin”, nickte Bert. Vor ihm stand ein noch fast volles Hefeweizen. “Vincent, ich halte dich nicht auf, oder? Bist du vielleicht verabredet?”

Sein Gegenüber schüttelte den Kopf. “Nein, keine Sorge, Bert.” Er lächelte seinen alten Bekannten an, der wieder eine schwarze Lederjacke und einen roten Rollkragenpulli trug. Dann deutete er mit dem Zeigefinger auf das Bild an der Wand und dann sein Gegenüber. “Ernie und Bert’, grinste er. “Ich bin in guter Gesellschaft.”

“Ha ha.” Berts Lachen schwankte zwischen Ironie und Höflichkeit. “Und welcher Sesam-Typ bist du dann?”

“Oskar”, antwortete Vincent wie aus der Pistole geschossen. “Meine Lieblingsfigur aus der Sendung.”

Bert schüttelte den Kopf. “Warum denn der?”

“Der Typ hatte einfach Stil mit seiner Tonne. Er ist nur selten aufgetaucht, zum Beispiel beim Weihnachtsspecial, aber ich habe mich immer gefreut, wenn er den Deckel gehoben hat.
Bert schüttelte erneut den Kopf. “Du warst immer schon etwas eigenartig, Vincent. Na, wenn du mich fragst, ich finde Samson am besten.”

Vincent lachte. “Das verstehe ich wiederum nicht, Bert. Was ist denn an dem so Besonderes?”

“Er ist bärig und gross, Vincent.” Bert kniff die Augen zusammen und zog die Lippen schmal. “Spass beiseite. Themenwechsel. Ich habe dich gesehen.”

Nun war es an Vincents Reihe, erstaunt zu sein. “Wo? Wann?”

Berts Gesichtszüge entspannten sich. Er schien Vincents Ahnungslosigkeit zu geniessen. “Warum fragst du nicht, mit wem? Dann würde ich antworten: In weiblicher Begleitung. Wo? Auf der Hannoverschen Strasse. Direkt vor meinem Fenster. Und zwar händchenhaltend.”

Vincent ärgerte sich ein bisschen wegen des Brimboriums, das Bert um seine Beobachtung veranstaltete. “Ich habe eine neue Freundin”, erklärte er dann betont gleichgültig und nahm einen Schluck von seinem Pils.

“Genaueres.”

Vincent ärgerte sich erneut. Er hatte keine Lust, Bert von Anne zu erzählen. Also entschied er sich für Telegrammstil. “Sie ist Studentin, Germanistik und Ethnologie. Hat in jeder Hinsicht was drauf. Ich weiss noch nicht, ob es etwas Festes ist.”

Bert nickte anerkennend. Sein Mund öffnete sich rechts zu einem angedeuteten Grinsen. “Hört sich gut an”, liess er verlauten. “Ich muss sagen, ich bekomme auch wieder Lust auf Rundungen und weiches Fleisch. Das letzte Exemplar war leider zu stressig.”

Vincent sinnierte kurz darüber, dass es heute das zweite Mal war, dass jemand ihm gegenüber diese Charakterisierung gebrauchte. “In bezug auf das Preis-Leistungsverhältnis?” fragte er dann.  

Bert sah ihn leicht indigniert an. “Nein. Ich spreche doch von keiner Nutte. Sondern von Helene. Ich gebe dir einen Rat, Vincent: Lass dich mit keiner Businessfrau ein.’

“Kannst du das näher erörtern?” Vincent griff wieder nach seinem Pils. Bert tat es ihm mit seinem Hefeweizen gleich. Er nahm einen tüchtigen Schluck.

“Zu beschäftigt, die Gute”, erklärte er dann. “Und zu müde. Kaum hatte ihr Feierabend angefangen, zog es sie schon Richtung Bett. Um zu schlafen. Sie musste ja früh raus und jeden Morgen den Zug in die Landeshauptstadt nehmen. An den Wochenenden hing sie schlapp und lustlos herum. Irgendwann hat es keinen Spass mehr gemacht. Das bisschen Sex kann ich mir auch von einer Nutte holen. Und die ist jünger und saftiger.”

‘Wie alt ist diese Helene denn?” fragte Vincent.

Bert antwortete nicht. Er sah zur Theke hin und begann auf dem Tisch zu trommeln. “Wie gefällt dir das Lokal?” fragte er dann. “Das Kreuzberg war besser besucht.”

Vincent sah sich demonstrativ um. “Ich finde, es hat sich nicht viel verändert”, meinte er dann. “Abgesehen von den Bildern.”

“Ich finde, die stossen die Gäste eher ab”, meinte Bert.

“Sicher? Hemingway ist ein bewährter Mythos.”

“Die Kids lesen doch nicht mehr, Vincent”. Bert hörte auf zu trommeln. “Sie wissen gar nicht, wer der Onkel ist. Sie finden das höchstens lustig.” Sein Gesicht nahm einen ernsteren Ausdruck an. “Frag einen Jungen heute nach Bushido, klar, den kennt er. Hemingway? Thomas Mann? Goethe, Schiller? Null Ahnung. Den Jungs, die ich kenne, komme ich gar nicht erst mit Kultur.”

Vincent nickte verständnisvoll. “Dabei fordert Elke Heidenreich: ‘Lesen!’”

Bert machte eine wegwerfende Handbewegung. “Der Ruf verhallt ungehört in der Konsumwüste”, erklärte er. “Die Jugend heute hat keine Bildung, und sie will auch keine.” Bert griff wieder nach seinem Glas.

“So sieht’s aus”, bestätigte Vincent.

“Aber das ist nicht alles.” Bert kam nun auf sein Lieblingsthema zu sprechen: die Betrugsgesellschaft. Betrug und dreiste Arroganz in allen Bereichen. In der Politik: Joschka Fischer sorgte für eine Unzahl illegaler Visa und wurde dafür nicht belangt, feixte vor dem Untersuchungsausschuss. Im Sport: Ein bei Spielern und Fans beliebter, kompetenter Trainer wurde vom Sponsor, einem Rambokapitalisten, kurzerhand abgesetzt, weil ihm seine Nase nicht passte. In der Wissenschaft: Eine auf Erfolg statt Wahrheitsliebe getrimmte Forschergruppe hatte bedeutende Ergebnisse zusammenphantasiert, beflügelt durch die Affäre eines Professors mit einer Kollegin, welche die Resultate sozusagen ervögelt hatte. Es machte stets einen grossen Eindruck auf Vincent, mit welcher Vehemenz und Verbissenheit Bert diese Dinge vortrug. Er schien so viel Zeit mit diesem Thema zu verbringen, dass er ein Buch darüber schreiben könnte. Doch aus seiner Beschäftigung damit folgte offenbar nichts, als dass er sich permanent in den Ärger darüber hineinsteigerte, dass dergleichen statthatte.

Danach kam Bert auf die politische Anarchie in Russland zu sprechen, und Vincent sah zu, dass er sich loseiste. Auf dem kurzen Weg, der ihm bis zu seiner Wohnung blieb, dachte er über Berts Fixiertheit nach. Sie hing irgendwie mit der Unfähigkeit zusammen, sein Studium zu beenden und sich dem Rhythmus der Gesellschaft anzupassen. Bert musste etwa zehn Jahre älter als Vincent sein, aber er hatte immer noch keinen Abschluss. Vincent fragte sich, wie er es angesichts der neuen Regelungen schaffte, immatrikuliert zu bleiben. Es würde natürlich zu ihm passen, wenn er ein Schlupfloch gefunden hatte. 

Vincent hatte nach einiger Zeit der Bekanntschaft begriffen, dass Bert sein Studium gar nicht beenden wollte. Es war nicht der einzige Fall von Stagnation und Verweigerung, den er kannte. Vincent dachte zurück an Hubertus, der ebenfalls unfähig war, sein Studium zu beenden, obwohl anfangs alles darauf hingedeutet hatte, dass er eine akademische Karriere einschlagen und Professor werden würde. Aber er liess sich plötzlich hängen und kriegte nichts mehr auf die Reihe, wollte nichts mehr auf die Reihe kriegen, sabotierte sich selbst aus unerfindlichen Gründen. Ein eklatanter Fall vergeudeten Talents. Nicht der einzige. Es war eigenartig, überlegte Vincent, Leute, welche die besten Voraussetzungen hatten, fielen mit einemal aus dem Rahmen, wurden unfähig, das Spiel weiter mitzuspielen. Oft begann es unmerklich und offensichtlich ohne äusseren Anlass. Hatte er es nicht immer bemerkenswert gefunden, dass es in Trainspotting der scheinbar Gesundeste von allen war, der zugrundeging?

Und wie war es eigentlich mit ihm selber? Warum hatte er die Kurve gekriegt? Vincent schloss die Haustür auf und begann die Treppe hinaufzusteigen. Ja, warum war er durchgekommen? In der Zeit der Depression, in der orientierungslosen Alkohol-Zeit und nach dem Abschied vom Business, als er in seiner heruntergekommenen Bleibe am Czernyring kaputtging? Eine Portion Glück gehörte dazu, und Glück hatte er in mehrerer Hinsicht gehabt, zuletzt vor allem mit Guus. Das Entscheidende war aber offenbar etwas anderes. 

Vincent schloss seine Wohnungstür auf, machte Licht, schloss zu, entledigte sich der Sporttasche und warf sich aufs Bett. Ein langer Tag. Es war zu spät, noch irgendjemanden anzurufen. Nach fünf Minuten sprang Vincent wieder auf, holte den Moskovskaya aus dem Kühlschrank und mixte sich einen grosszügigen Wodka Orange. Er setzte sich auf den billigen Plastikstuhl, an den länglichen Tisch, der die ganze Fensterfront einnahm, nahm einen grossen Schluck und sah hinaus in die Nordinger Nacht. Nur noch einige Tage würde er in dieser dürftigen Gegend bleiben. Guus hatte in Den Haag eine provisorische Unterkunft organisiert, ein Zimmer in einem Hotel, das irgendwie mit Europol in Verbindung stand, so dass externe Mitarbeiter dort leicht unterkommen konnten. Danach würde er sich eine Wohnung suchen. Und er würde Holländisch lernen. Das hatte er sich fest vorgenommen. Er hatte Amsterdam gemocht, nicht nur als Haschtourist, und er wäre gern länger dortgeblieben als jeweils bloss die paar zugedröhnten Tage mit Jan und anderen Kifferfreunden. Nun würde er es mit anderen Augen sehen.

Vincent nahm einen weiteren Schluck von seinem Getränk. Er dachte wieder an seinen Vater und auch an seine Mutter, die er nicht mehr gesehen hatte, seit er, nur drei Jahre alt, Marokko verlassen hatte und zu seinem Vater nach Nordingen gebracht worden war. 

Wilhelm Meurer hatte Aya Laghrib auf einer Geschäftsreise in Nizza kennengelernt. Beide hatten als Abgesandte ihrer Firmen an einer Konferenz dort teilgenommen. Sie stürzten sich Hals über Kopf in eine Affäre. Der Sommer und die Cote d’ Azur taten ein übriges, und gleich nach Ende der Konferenz machten sie eine Schiffsreise nach Latium. Achtzehn Jahre Altersunterschied machten ihnen nichts aus. Vincents Vater war auch mit fünfzig Jahren noch ein unverheirateter Weiberheld. Vincent hatte Photographien seiner Mutter aus jener Zeit gesehen und konnte ihn absolut verstehen. 

Vincent stellte sich gern vor, dass er auf der Schiffsfahrt von Nizza nach Civitavecchia gezeugt worden war und verband diese Vorstellung mit seiner eigenen Liebe zum Meer. Seinem Vater zufolge lag dies im Bereich des Möglichen. Das Paar verbrachte eine leidenschaftliche und romantische Woche in Rom, dann kehrten die beiden in ihre jeweilige Heimat zurück: Wilhelm nach Nordingen, und Aya nach Rabat. Sie stammte aus der französisch sprechenden Oberschicht des Landes. Vielleicht hatte sie sich mehr erhofft als eine Affäre, eine Heirat kam für Wilhelm jedenfalls nicht in Frage. Ayas Familie dachte fortschrittlich und hiess ihre Schwangerschaft willkommen. Vincent wuchs in Rabat mit der französischen Sprache auf. Warum er mit drei Jahren zu Wilhelm nach Deutschland kam, war nicht ganz klar, und Vincent war sich nicht einmal sicher, ob sein Vater ihm diesbezüglich nicht etwas verbarg. Aya war jedenfalls offenbar so fortschrittlich, dass sie ihre Karriere nicht durch ein Kind ohne Mann behindert sehen wollte.  Und so kam Vincent nach Deutschland.

Wilhelm Meurer hatte alles andere im Sinn, als ein alleinerziehender Vater zu sein, und so wuchs Vincent bei seinen Grosseltern auf. Seine Mutter sah er nie wieder. Als er zehn, elf Jahre alt geworden war, begann er damit zu hadern, dass er kein Elternhaus wie die anderen Kinder in seiner Klasse hatte, im Laufe der Jahre aber fand er sich damit ab. Mit achtzehn versöhnte er sich mit seinem Vater, durch dessen unsteten Lebenswandel ihm ein gewöhnliches Familienleben vorenthalten worden war. Seine Grosseltern, die er sehr geliebt hatte, starben kurz hintereinander, als Vincent Abitur machte. Er hatte sich schon mit sechzehn eine eigene Bleibe gesucht und früh gelernt, auf eigenen Beinen zu stehen.

Vincent leerte sein Glas und sah nachdenklich in das Nordinger Dunkel hinaus. Wahrscheinlich ähnelte er in seinem Hang zu Abenteuern seinem Vater, auch in seiner Lockerheit und einem gewissen Grad an Verantwortungslosigkeit. Dass er dem stets gegenzusteuern suchte, mochte am mütterlichen Anteil in seinem Charakter liegen. Jedenfalls hatte er den Erzählungen seines Vaters entnommen, dass Aya Laghrib eine fokussierte, ehrgeizige, zielgerichtete Frau gewesen war. Daher wohl auch der Name, den sie ihm gegeben hatte, und den er nie besonders gemocht hatte, weil er nicht deutsch war und auch nicht so klang, wenn man ihn richtig aussprach. Lange Zeit hatte er ihn absichtlich mit “z” geschrieben und war erst in den letzten Jahren zum “c” zurückgekehrt. Vielleicht hatte es etwas mit Guus und der Erweiterung seines Horizontes zu tun.

Vincent. Das hatte wohl etwas mit Siegen zu tun. War er ein Sieger? Waren Siege in den Wechselfällen des Lebens etwas Signifikantes für ihn? Sicher hatte er sich oft genug auch als Loser gefühlt. Und wenn man den geradlinigen Lebensweg manch anderer betrachtete, so musste man wohl sagen, dass Vincent sich Zeit gelassen hatte und auf Abwege geraten war. Bislang war ihm der Name wie eine bedeutungslose Hülle vorgekommen, allenfalls eine Chiffre für seine teils undeutsche Herkunft. Vincent sinnierte. Wenn er ein Sieger war, dachte er, dann deswegen, weil er den Sieg über sich selbst als Suchtpersönlichkeit errungen hatte.

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