Die Schnitzeljagd (Folge XXII)
Carl Beiz und Benjamin Kwiebitz sassen vor Beiz’ Schreibtisch in seinem Zimmer im Zentralgebäude der Nordinger Polizei. Vor ihnen auf dem Tisch lagen, säuberlich getrennt: ein schwarzes Notizbuch im DIN A5-Format, eine zerfledderte deutsche Taschenbuchausgabe von William S. Burroughs’ Nova Express, ein Portemonnaie in hellbraunem Leder und eine Visitenkarte. An der oberen rechten Ecke des Tisches waren einige Utensilien zusammengestellt, die auf die weibliche Identität ihrer Besitzerin hindeuteten, zum Beispiel ein Lippenstift, eine Packung Tampons und Makeup-Zeug. Beiz hatte einen Bericht auf dem PC fertiggetippt und betrachtete nun mit verschränkten Armen noch einmal, was vor ihm lag. Eben hatte er seinen Assistenten herbestellt und ihn gebeten, sich neben ihn zu setzen.
“Es hat etwas Voyeuristisches, nicht wahr, Kwiebitz?” sagte er jetzt.
“Nun, das gehört zu unserer Arbeit”, meinte der Assistent.
“Sicher.” Beiz räusperte sich. “Also, was haben wir hier? Den Inhalt des Rucksacks von Christine Baggenfurth mit Ausnahme der Klamotten, die inzwischen die Kollegen aus der Wohnung von Ursula Lubasch geholt und ins Labor gebracht haben. Vier Stücke scheinen von Interesse zu sein. Das Portemonnaie dabei von geringstem. Wenn man davon absieht, dass sich erstaunlich viel Geld darin befindet.”
“5000 Euro”, sagte Kwiebitz. “Wirklich viel für eine junge Frau wie diese Christine. Sie hat nicht gearbeitet, es ist unklar, wie sie zu dieser Summe kommt. Vielleicht Drogengeschäfte.”
“Soviel Geld tut einer Süchtigen nicht gut”, bemerkte Beiz. “Wir können aber vorerst nur spekulieren. Wenden wir uns der Visitenkarte zu, das ist etwas Konkretes. Auf der Rückseite steht “Gruss, L.”. Geschrieben mit schwarzem Kugelschreiber. Diesen Sören Barghauser habe ich sofort angerufen. Er hat erzählt, dass Christine vor drei Wochen bei ihm aufgetaucht ist. Worüber er sich allerdings nicht besonders gefreut hat. Er meinte, sie sei eine alte Bekanntschaft aus seiner Heidelberger Zeit, mit der er nichts mehr zu tun haben wollte.”
“Schon wieder Heidelberg”, bemerkte Kwiebitz.
“Ja. Es scheint jedenfalls, dass Christine versucht hat, bei diesem Barghauser unterzukommen. Das hat er natürlich rundheraus abgelehnt. Daraufhin hat sie gesagt, sie werde nach Nordingen gehen. Dort kenne sie jemanden, bei dem sie garantiert bleiben könne.”
“Ursula Lubasch?”
“Die hat sie doch quasi von der Strasse aufgelesen.” Beiz schüttelte den Kopf. “Nein, Kwiebitz. Was Christines Zeit in Nordingen angeht, liegt vieles im Dunkeln. Ich hoffe, es wird sich im Laufe der Ermittlungen aufhellen. Kommen wir zu diesem Buch. Die Visitenkarte lag darin. Im Buch finden sich keinerlei Notizen, nicht einmal Bleistiftstriche. Es handelt sich offensichtlich um einen Roman. Das bringt uns nicht weiter, oder? Ich meine, es ist nicht mal ein Krimi.” Beiz nahm das Buch in die Hand und begann zu blättern.
“Die Karte lag im Kapitel Chinesische Wäscherei”, liess sich Kwiebitz verlauten.
Beiz kniff die Augen zusammen. “Messen sie dem irgendeine Bedeutung bei? Sollen wir nach Graf Dracula jetzt auch noch Dr. Fu Man Chu in Betracht ziehen?”
Kwiebitz lachte. “Ich meine nur. Es ist mir eben aufgefallen.” Er rückte seine Brille zurecht. “Man kann das Buch kaum lesen. Ich habe es versucht. Es ist wohl eine Art Science Fiction oder so, aber ich habe nicht begriffen, worum es geht.”
“Offensichtlich irrelevant.” Beiz legte das Buch wieder auf den Tisch. “Das kann man von dem Notizbuch nicht sagen. Es sind nur die ersten fünfzehn Seiten beschrieben, mit einem blauen Kugelschreiber, den wir nicht gefunden haben. Da sind ein paar Gedichte, vielleicht von Christine selber, und einige seltsame Notizen, vielleicht Zitate, auch in Englisch. Mir scheint, eine verlorene Seele spricht daraus. Dann aber”, Beiz hatte das Notizbuch in die Hand genommen und suchte die Seite, “hier. Etwas sehr Konkretes. Drei Namen mit jeweils einer Telefonnummer daneben. Alles Nordinger Nummern. Die Namen sind: Paddy, Laura, Samir. Wir werden diese Leute aufsuchen.”
Vincent hatte mit dem Gedanken gespielt, in Frankfurt zu übernachten, sich dann aber dagegen entschieden. Er würde natürlich irgendein Hotel finden, aber was sollte er an diesem übrigen halben Tag und dem folgenden Morgen in einer Stadt tun, die er nicht wirklich kannte? Und er musste am nächsten Tag nach Nordingen zurück, ein längeres Fortbleiben konnte er sich Guus gegenüber nicht leisten, wenn es keine weiteren Nachforschungen gab. Er hatte das Konzertprogramm im Mousonturm studiert, die Band, die auftrat, sagte ihm nichts. Zwar hatte Vincent erstaunt registriert, dass Metal Urbain offenbar wieder auftraten, aber sie waren erst im November dran.
Vincent hatte sich vom Mainufer langsam auf den Weg Richtung Bahnhof gemacht. Auf der Taunusstrasse gewahrte er die bekannte Mischung aus Drogenszene und Rotlichtviertel. Früher einmal hätte ihn diese angezogen, und er hätte vielleicht versucht, gutes Piece aufzutreiben. Wie damals bei Fahrten nach Mannheim und Stuttgart. Jetzt fühlte er sich mehr als Beobachter. Es schien, dass die alte Faszination weg war, oder nur in ganz geringen Restbeständen vorhanden. Noch die Freude am Business hatte sie bei aller einsetzenden Routine beflügelt. Es war eben etwas anderes, ein Dealernetz von Hamburg bis Freiburg aufzubauen und zu versorgen, als sein Geld mit einem Bürojob zu machen.
Doch nun bemerkte Vincent wieder jene Veränderung in sich, der er schon in Nordingen gewärtig geworden war. Es mochte die Arbeit mit Guus sein, oder es waren die Jahre, die vergangen waren. Das alte Umfeld verfehlte seine Wirkung auf ihn. Es wäre ihm unsinnig vorgekommen, es wieder zu betreten. Zu viel war kaputtgegangen, Hoffnungen, Freundschaften, Pläne. Am Ende war ihm das schöne Heidelberg wie ein heimliches Trümmerfeld vorgekommen, die Freunde fort oder entfremdet, die Träume zerplatzt, das Business eine Geldscheffelmaschine, die genau das zerstört hatte, was sie befruchten und erhalten sollte.
Aus und vorbei… Vincent erinnerte sich, dass er damals ein Gedicht geschrieben hatte, “Tage mit billigem Weisswein, Tage der Verlorenheit” fing es an. Vielleicht sollte er es wieder mit der Lyrik versuchen. Er dachte an Bukowski. Nur eine gute Short Story war so viel mehr als eine Woche von vertrunkenen und verkifften Abenden. Und wenn er an sich selbst und seine Arbeit für den Digger und andere Zeitschriften dachte: Mit einem guten Artikel setzte er etwas in die Welt, das blieb in gewisser Weise, er leistete damit einen Beitrag, anstatt nur zu konsumieren, Vorgefundenes zu verbrauchen. Er liebte es zu sehen, wie die Ausdrücke zusammenfanden, und die Struktur des Textes sich langsam herauskristallisierte. Eine ähnliche Befriedigung verschaffte ihm die Arbeit mit Guus. Es gab ein Ziel, und um es zu erreichen, mussten verschiedene Bausteine gesucht und zusammengesetzt werden. Das, wovon Vincent selbst ein Teil gewesen war, betrachtete er nun von ausserhalb. Offenbar hatte er diese Haltung verinnerlicht, und der Wechsel zu Europol erschien ihm logisch und folgerichtig.
Vincent sah den Frankfurter Hauptbahnhof vor sich. Rechts, im Eingang eines schmutzigen kleinen Bordells, drückte sich wie eine letzte Reminiszenz an die alte Zeit eine schäbig bekleidete junge Frau mit schütteren dunkelblonden Haaren herum. Dann war die Szenerie fort, und Vincent sah das grosse Bahnhofsgebäude in den blauen Abendhimmel ragen. Er ging über die Strasse und durchquerte den Vorplatz. In der Eingangshalle nahm er die Anzeigetafel in Augenschein. Es war 17:33. Fünf vor sechs machte der Interregio aus Konstanz Halt in Frankfurt Hbf.
Vincent schlug den Weg Richtung Gleis 8 ein. Nicht wenige Reisende standen dort herum, und im Zug selbst war es deutlich voller als auf der Hinfahrt. Vincent fand dennoch einen Zweier ohne Sitznachbarn. Und so blieb es bis Kassel.
Diesmal hatte er keine Lust zu lesen. Dazu trug auch der größere Lärm bei. Er ging vor allem von dem nahen Vierersitz aus, wo Bundeswehrsoldaten sassen, die bei jeder Gelegenheit mit der jungen blonden Schaffnerin schäkerten. Vincents Gedanken kehrten zurück zu Sören. Ihm fiel ein, dass er Christine nicht erwähnt hatte. Er tauchte noch einmal in die Erinnerung an jenen Abend ein, an dem Sören und Christine sich zusammen in einem Raum befunden hatten. Er konnte sich aber auch täuschen. Zuviel hatte sich damals im Dämmerlicht des Rausches abgespielt, und das Durcheinander jener Tage führte ein Stück weit zu einem Durcheinander der Erinnerung…
Vincent beschloss, dass seine Stimmung eher Theorie als Dichtung verlangte, und er nahm ein zweites Buch aus der neben ihm liegenden blauen Tasche: Camille de Toledos Goodbye Tristesse. Es war in einem jener kleinen Verlage erschienen, die laut Anne und Spex zum neuen Indierock gehörten. Der Autor schwadronierte zwar genauso viel, wie er theoretisierte, Vincent fand aber doch an vielen Stellen eigene Erfahrungen treffend ausgedrückt wieder, und er teilte auch nicht wenige Diagnosen des Autors, der sehr missionarisch auftrat.
Die Bundeswehrsoldaten verliessen in Kassel-Wilhelmshöhe den Zug, der sich insgesamt etwas leerte. De Toledo hatte Vincent geholfen, die Zeit bis dahin totzuschlagen. Er legte das Buch wieder in die Tasche und schloss deren Reissverschluss. Die knappe halbe Stunde bis Nordingen war ein Klacks. Vincent mochte es, auf dieser Strecke aus dem Fenster zu schauen und sich an manche Fahrten ins Umland zu erinnern, die er mit seinem Vater unternommen hatte, wenn dieser an einem Wochenende Zeit für ihn fand. Zur Burg Plesse etwa, zur Sababurg oder dem Zoo in Ziegenhagen. Dort waren sie öfter gewesen. Das erinnerte ihn daran, dass er sich natürlich auch von seinem Vater verabschieden musste. Vincent beschloss, es gleich morgen zu tun.
Der Interregio fuhr in Nordingen ein. Auf dem Bahnsteig fiel Vincent wieder das Werbeschild auf: Nordingen, die Stadt, die Wissen schafft. Offensichtlich ging es auch im Fall von Städten nicht mehr ohne eine schnelle Einordnung, ohne griffiges Motto. Es spielte natürlich auf die Universität an, eine Traditionsuni, die allerdings die Hochstufung im sogenannten Exzellenzcluster (noch so eine Neuerung) verfehlt hatte. Das geschaffene Wissen hatte dafür offenbar nicht ausgereicht.
Als Vincent auf den Bahnhofsvorplatz trat, wurde ihm bewusst, dass er wohl das letzte Mal in Nordingen als Heimkehrer ankam. Bei aller Abschiedsmelancholie machte es Sinn, dass seine Zeit hier zu Ende war. Wenn die Stadt ein Wissen geschaffen hatte, dann in seinem Fall sicherlich dieses. Zwanzig Jahre hatte er insgesamt hier verbracht, das war genug. Wenn Guus ihm nicht die Möglichkeit bei Europol eröffnet hätte, hätte er einen anderen Grund, einen anderen Anlass gefunden. Hamburg gefiel ihm, oder er hätte es noch einmal mit Frankfurt versucht. In Berlin merkten sie jetzt, dass es mit dem neugeschaffenen Flair nicht so weit her war wie erhofft. Nun beschwerten sie sich über die Zugezogenen. Mochten sie ihre urbane Muffelsuppe selbst auslöffeln. Berlin konnte Vincent gestohlen bleiben.
Er durchquerte die blödsinnige Pergola und sah im Dunkeln die Lichter der Stadt vor sich. Sie hatten einmal ein Versprechen bedeutet. Bis man begriff, dass es nie eingelöst werden würde. Jahre der Irrungen, Jahre der Erkenntnis. Vincent hatte den Kreis seiner Lehrjahre in Heidelberg vollendet und die restliche Zeit in Nordingen als ein Sprungbrett gesehen. Nun hatte es ihn nach Den Haag befördert.
Vincent hatte die Berliner Strasse überqueren und in das Nordinger Nachtleben eintauchen wollen, aber er besann sich eines anderen. Er ging nach links auf die Weender Landstrasse zu. Vielleicht, weil er unwillkürlich an Anne gedacht hatte. Sollte er so spät noch in der WG auflaufen? Besser nicht. An der Ecke Kreuzbergring bog er nach rechts ab und stand nach etwa hundert Metern vor dem Hemingway’s. Vincent blieb stehen und betrachtete kurz das neue Schild mit den altertümlichen grossen Buchstaben. Dann trat er ein.
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