Die Schnitzeljagd (Folge XII)

 Auch Vincent war froh, dass Horst ihn und Anne erst einmal alleine gelassen hatte. Zuviel ging ihm durch den Kopf. Nun, eine Vorlesung über Heinrich Heine würde etwas Abwechslung bringen, obwohl er sich nun nicht so sehr auf das Uniumfeld freute wie zuvor. Aber auf Anne freute er sich, darauf, den ganzen Morgen mit ihr zu verbringen. Auch wenn sich wieder einmal ein Stück Vergangenheit in die Gegenwart gestohlen hatte. Das aber konnte er auf seinen Job schieben. Und Anne? Anne war Gegenwart. Und ein Versprechen auf Zukunft.

“Ich kannte die”, liess sich Anne nun vernehmen.

“Was?” Vincent sprach das Fragezeichen nicht so mit, wie er es als vorgeblich Ahnungsloser hätte tun sollen, aber er war sich ziemlich sicher, dass Anne das nicht bemerken würde.

“Das Mädchen”, sagte Anne. “Das ermordete Mädchen. Ich kannte sie.”

Vincent betonte sein Erstaunen in einer Weise, welche die Schauspielaspiration in ihm befriedigte.

“Ich habe sie bei Samir vor, lass mich überlegen, vor etwa zwei Wochen kennengelernt.” Anne griff gedankenverloren nach dem Kaffeelöffel und begann, mit ihm leicht gegen die Tasse zu schlagen. 

“Wow”, sagte Vincent mit weiterhin gut gespielter Ahnungslosigkeit. “Das muss ja ein komisches Gefühl sein. Christine hiess sie, nicht wahr? Wer war sie? Wie gut kanntest du sie?”

“Nicht sehr gut”, erwiderte Anne. Sie stockte und tat sich sichtlich schwer damit, weiterzusprechen.

“Also keine Freundin von dir?” hakte Vincent nach.  

“Nein.” Anne seufzte und merkte, dass sie, da sie einmal angefangen hatte, weiterreden sollte. “Ich habe sie vielleicht drei, vier Mal bei Samir gesehen. Einmal sind wir zusammen mit anderen ausgegangen. Das war ein seltsamer Abend.”

Vincent bemerkte, wie Anne sich innerlich zusammenriss und langsam wieder ihre gewohnte Beherrschtheit wiedererlangte. Aber er durfte jetzt nicht lockerlassen. Auch wenn Bereiche zusammenwuchsen, die er gern säuberlich getrennt hätte.

“Ja, hast du womöglich eine Ahnung, wer das getan haben könnte?” Vincent entschied sich, in die Vollen zugehen.

“Nein, nicht im geringsten.” Annes Stimme hatte wieder die altbekannte Festigkeit. “Aber ich denke, Christine hatte ziemlich viel mit Drogen zu tun. Falls das etwas aussagt. Ja, das auf jeden Fall”, bekräftigte sie.

“Du musst mir alles darüber erzählen.” Naive Neugier und professionelles Wissenwollen fielen nun zusammen. 

Anne aber stand resolut auf. “Später”, erklärte sie bestimmt. Sie schaute auf ihre Armbanduhr. “Es ist schon nach neun. Ich muss im Lidl um die Ecke ein paar Sachen besorgen, und danach müssen wir auch langsam los. Vergnüg dich so lang allein, Vince. Geh in mein Zimmer und hör Musik, mach dir noch einen Kaffee, was immer du willst. Okay?”

“Okay.” Vincent hatte das “Vince”, mit dem Anne ihn erstmals anredete, mit einem wohligen Schauer vernommen, hatte ihn Marcia doch nicht ohne Zärtlichkeit manchmal so genannt. Er stand nun auch auf und ging links um den Tisch herum zu Anne. Diese legte ihre rechte Hand auf seine Schulter und schenkte ihn lächelnd einen Blick, den er so auslegte, dass es noch viele gemeinsame Frühstücke geben würde. Wenn sich denn nichts zwischen ihnen ändern sollte.

Nachdem die Tür ins Schloss gefallen war, sass Vincent noch eine Weile allein in der Küche. Dann stand er auf, ging in Annes Zimmer.und widmete sich erneut der Betrachtung ihrer CD-Sammlung.




11


Auf der Hannoverschen Strasse wehte ein kalter Wind. Vincent und Anne waren eine Weile Hand in Hand gegangen, dann hatte Anne ihre Hand langsam gelöst, als wollte sie sagen: Es ist nicht nötig, wir sind nicht mehr so jung und müssen uns nichts bestätigen. Als sie an dem Haus vorbeikamen, wo Bert wohnte, schaute Vincent kurz zu dessen Balkon hinauf. Da tat sich um diese Zeit natürlich nichts. Tja, Berts Angebot konnte er nun guten Gewissens in den Morgenwind schlagen.

Sie kamen an die Kreuzung und bogen in die Humboldtallee ein. Nach ein paar Schritten blieb Vincent erstaunt stehen.

“Kuck mal”, sagte er, “das Cafe Kreuzberg heisst jetzt Hemingway’s.”

“Das fällt dir erst jetzt auf?” lachte Anne. “Ist doch schon seit ein paar Monaten so. Ich war bei der Neueröffnung. War aber nicht so prall.”

“Ich komme hier normalerweise nie vorbei”, erklärte Vincent. “Wenn ich zum Campus gehe, nehme ich die Strasse vor meinem Wohnblock.”

Als sie das Universitätsgelände betraten, und sich der Blaue Turm vor ihnen erhob, musste Vincent an die paar Semester denken, die er hier verbracht hatte, bevor er nach Heidelberg ging. Es war die Alkohol-Zeit gewesen, Zeit der dumpfen Räusche und der Ungewissheit, die der Schulzeit folgte. Zeit mit Jan, mit Thomas und auch mit Steffi. In den neun Jahren, die dazwischenlagen, war so viel passiert. Mit Anne jetzt hier zu sein und in die Vorlesung zu gehen, kam ihm nicht wie eine Rückkehr, sondern wie ein vager Neuanfang vor. Aber nicht mehr als Erstie. Als Mann Anfang Dreissig mit einer deutlich jüngeren Freundin an der Seite.

Die sich im Gegensatz zu ihm nun routiniert durch den Eingangsbereich des Vorlesungsgebäudes schlängelte, das wegen seiner Höhe und seiner blauen Fenster die bekannte Bezeichnung trug. Vincent fiel zurück und musste sich sputen, mit Anne Schritt zu halten.

“Wo bist du denn?” fragte diese, den Kopf nach hinten wendend. “Komm, wir sind schon spät dran. Raum 007.”

“Die Bond-Nummer?” gab Vincent zurück. “Cool. Wer hält die Vorlesung? Dr. No?” 

“Professor Brehmerförde.” Anne hielt an. “Den müsstest du eigentlich noch kennen.”

“Oh ja”, erwiderte Vincent. “Ich habe sogar ein Seminar bei ihm gemacht.”

“Jetzt aber los”, sagte Anne. Sie standen bald vor dem richtigen Eingang und folgten einem kleinen Pulk hinein. 

Vincent registrierte erneut, wie gross diese Säle waren. Nicht selten hatte er damals mit drei vier Leuten in der Mitte gesessen, während sonst alles leer war. Brehmerfördes Vorlesung war nicht so schlecht besucht. Vincent schätzte sechzig bis siebzig Leute. Er stieg mit Anne relativ hoch hinauf, und sie setzten sich rechts neben den Gang. Die meisten sassen in der Mitte. Dort hatte Anne hingegrüsst, während Vincent befriedigt feststellte, dass er niemand von den Studenten kannte. Sein Jahrgang war bereits durch die akademischen Mühlen geschleust worden. Die Bologna-Reform besorgte den Rest.  

Es tat gut, neben Anne zu sitzen und hier nur Gast zu sein. Anne hatte ihre Jacke ausgezogen. Sie trug wieder die helllila Bluse, und Vincent wusste, dass kein BH darunter war. Die Bluse war nicht eng, aber Vincent hatte Annes Brueste deutlich vor Augen, schliesslich hatte er sie gestern ausgiebig liebkost. Er legte seine Hand auf ihren Oberschenkel. Anne liess es geschehen. Sie sah ihn an.

“Wenn du glaubst, dass ich dir hier einen runterhole, hast du dich geschnitten”, bemerkte sie.

“Um Gottes willen, Anne”, erwiderte Vincent. “Woran denkst du? Ich möchte mich auf die Vorlesung konzentrieren. Erzähl doch mal, wo ihr gerade seid.”

Während Anne in ihren Unterlagen kramte, nahm er seine Hand von ihrem Schenkel. “Deutschland, ein Wintermärchen”, sagte Anne nach einer Weile. “Da sind wir.”  

“Ein bisschen früh im Oktober”, meinte Vincent. “Aber lass mal sehen.”

Anne schob ihm ihre Notizen hinüber. Ihre Handschrift war einfach zu lesen, die Buchstaben gross und deutlich ausgeschrieben. Da betrat Brehmerförde von rechts den Saal. Dasselbe Schlurfen, dieselbe alte Ledertasche, stellte Vincent fest. Äusserlich hatte er sich kaum verändert. Dasselbe graublonde, kursgeschnittene Haar, die grosse runde Brille. Er legte die Tasche mit einer routinierten Bewegung vor sich auf das Podest und schaute langsam in das weite Rund. Er schien den Anblick gutzuheissen und begann mit seiner nöligen Stimme: “Guten Morgen, meine Damen und Herren, schön, dass Sie wieder zahlreich erschienen sind. Wir wollen uns sogleich unserem Thema zuwenden…”

Vincent schob Anne die Unterlagen zurück. Er versuchte sich auf das zu konzentrieren, was sein alter Lehrer über die Hamburg-Episode am Ende von Heines Werk vorbrachte, aber seine Gedanken schweiften ab. Er sah, Anne sass konzentriert, den Kopf in die linke Hand gestützt, mitschreibend da, und er dachte daran, was für ein Glück er gehabt hatte, sie kennenzulernen. Aber er dachte auch an seinen Auftrag, und er dachte an Guus. Er dachte an die Spur, die plötzlich aufgetaucht war. Er dachte an Samir und Mirko. Er dachte an das, was sie ihm erzählt hatten. Alles schien auf einen Zusammenhang zu deuten, und es hatte sich ihm allein deswegen eröffnet, weil ihm das Mädchen, das nun neben ihm die eifrige Studentin gab, aufgefallen war.

Dann war da der Teil, der ihm nicht gefiel. Christine. Das führte zurück, zurück in einen Bereich, den er eigentlich hinter Schloss und Riegel geglaubt hatte. Er hatte ja nicht zuletzt deshalb begonnen, mit Guus zusammenzuarbeiten, um diesen Bereich hinter sich zu lassen. Und nun kam die junge Vergangenheit gerade durch diese Zusammenarbeit wieder auf ihn zu. “Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten”, dachte er unwillkürlich. Hier war er wieder, in den Räumen, die ebenfalls Teil dieser Vergangenheit gewesen waren. Irgendwie passte das alles zusammen. Und es traf sich in Anne. An ihr würde er festhalten, koste es was es wolle. Mochte also dieses Winter- oder Herbstrmärchen den ihm gemässen Verlauf nehmen. 

Brehmerförde kam jetzt auf den Teil zu sprechen, in dem Heine eine Zusammenkunft mit Harmonia imaginierte. Vincent dachte an Marcia und die gemeinsamen Fahrten nach Hamburg. Christine war aufgetaucht, als das Ganze, das sie zusammen mit Peter und Sören aufgebaut hatten, einzubrechen begann, also, nachdem Lucien die Szene betreten hatte. Sie war nur eine Randfigur gewesen, eine kleine Verlorene wie diese Martina, aber hübsch. Ihre Sucht hatte sie nach Heidelberg gespült, und sie blieb im weiteren Umkreis der Clique, weil sie geduldet und versorgt wurde. War da nicht was mit einer Krankenhaus-Connection gewesen, Morphium aus dem Medizinschrank? Vincent hatte zu den Junkies immer einen Abstand gehalten. Abhängigkeit war schlecht für das Business.

Vincent hatte Christine vielleicht vier, fünf Mal gesehen, aber sie war ihm deutlich im Gedächtnis geblieben, wahrscheinlich, weil ihre Erscheinung so typisch gewesen war. An einem Abend bei Sören, als alle wieder einmal zugedröhnt vor dem grossen Fernseher sassen, hatte sich Christine an ihn gekuschelt. Marcia hatte es irgendwann bemerkt und ihm einen jener prüfenden Blicke zugeworfen, von denen Vincent nie wusste, wie er sie genau zu interpretieren hatte, auch wenn er einen Hauch von Besitzanspruch und Eifersucht darin wahrzunehmen glaubte. Es war in jenem Frühling gewesen, als alles auseinanderzufallen begann, Lucien das Terrain besetzte, Marcia und Sören gegeneinander ausspielte, Peter nach Leipzig ging, und Vincent das Ganze so anzukotzen begann, dass er schliesslich alles hinschmiss und sich im Hochhausbunker am Czernyring verbarrikadierte. Der Zusammenhang aus Freundschaft und Geschäft hatte damals langsam aber beständig zu bröckeln begonnen, langsam aber beständig, wie an jenem Abend der Körper der Junkie-Torte sich an ihn schmiegte…

Vincent legte den Arm um Anne. Sie schaute ihn überrascht an. 

“Was ist?” fragte sie.

“Ach, nichts”, sagte Vincent und nahm seinen Arm wieder fort. “Ich dachte nur wieder daran, wie schön es ist, dass wir uns kennengelernt haben.”

Anne lächelte. “Ja”, sagte sie. “Was machen wir eigentlich hiernach?”

Vincent überlegte. “Ich muss nach Hause, einen Kumpel in Holland anrufen und ein paar Kleinigkeiten erledigen. So gegen zwölf bin ich eigentlich frei.”

“Cool”, meinte Anne. “Ich schliesse mich mit Horst kurz. Vielleicht können wir zusammen in der WG essen.”

Sie hatten leise gesprochen, und Anne wandte sich nun wieder Brehmerfördes Vortrag und ihren Notizen zu. Der Professor erläuterte nun, inwiefern sich auch in Heines Spätwerk dessen ambivalentes Verhältnis zur Romantik spiegelte.

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