Die Schnitzeljagd (Folge XXI)

 Vincent kam ein Gedanke, wie er das Gespräch in andere Bahnen lenken konnte. “Sag mal, Sören, du bist doch zweifellos Freiberufler. Hast du eine sogenannte Ich-AG gegründet?” fragte er.

“Nein”, antwortete Sören. “Das lohnt sich wegen des Startkapitals nicht. Warum fragst du?”

“Ach, ich habe mich ein wenig über die neuen Regelungen schlau gemacht und über bestimmte Möglichkeiten nachgedacht. Die ganze Hartz IV-Geschichte ist nicht gerade ermutigend, muss ich sagen.” Vincent rieb sich demonstrativ die Stirn.

“Das ist alles auf dem Mist von den Schröder-Leuten gewachsen”, erklärte Sören. “Jetzt ist der Typ abgewählt. Hast du seinen Auftritt in der Runde im Fernsehen gesehen? Das Allerletzte. Dieses Machogehabe.”

Vincent fragte sich, ob Sören, unter dessen cholerischen Anfällen seine Freundinnen nachweislich zu leiden hatten, der Richtige für diese Kritik sei. Doch er unterdrückte einen Kommentar. 

“Schröder hat die SPD an die Macht gebracht und der Republik eine rot-grüne Regierung beschert”, sagte er. “Das musst du ihm lassen.”

“Den grünen Teil ja”, erwiderte Sören. “Aber ich kann den Typen nicht leiden. Na, jetzt wird’s gottseidank die Merkel machen.”

“Gottseidank? Ich dachte, es ist in unseren Kreisen verboten, die CDU zu unterstützen.”

Sören lachte. “Eigentlich schon. Aber die Merkel ist nicht so eine Nase wie Roland Koch zum Beispiel. Diese konservativen Schnösel.”

“Das sind doch Äusserlichkeiten.”

“Merkel wird der erste weibliche Kanzler der Bundesrepublik sein, Vincent. Das ist ein Fortschritt.” 

Sören schien es tatsächlich ernst zu sein. Vincent hatte nun genug von der Politik. Ausser dem Wiedersehen hatte der Besuch eigentlich nichts gebracht, dachte er.

“Okay, lassen wir die Politik”, sagte er nun. “Ich muss mich langsam aufmachen, Sören. Meinen Text über den Mousonturm schreiben.” Vincent kramte in seiner Jackentasche und holte Sörens Visitenkarte hervor. Er hielt sie seinem alten Kumpel hin. “Den Typen, der mir deine Karte gegeben hat, kennst du wirklich nicht?” fragte er. “Mirko Jackpot?”

Sören schüttelte den Kopf. “Ich kenne keinen Mirko. Jackpot ist nicht sein richtiger Nachname, oder?”

“Nein. Aber alle in Nordingen nennen ihn so. Eine markante Gestalt.”

“Sorry, ich kenne ihn wirklich nicht. Ich habe keine Ahnung, woher er die Karte hat. Schau.” Sören machte eine Schublade auf seiner Seite auf, griff hinein und legte einen Packen Visitenkarten auf den Tisch. “Ich habe ganz viel davon. Und natürlich gebe ich sie allen möglichen Leuten. Irgendwie muss eine Karte zu diesem Mirko gelangt sein.”

“Klar.” Vincent nickte. Dann lehnte er sich nach vorne, stützte sich mit beiden Händen auf die Tischkante und stand auf. Sören stand ebenfalls auf.

“Es war wirklich nett, dich wiederzusehen, alter Junge.” Vincent hielt Sören die Hand hin. “Ich wünsche dir alles Gute.”

Sören ergriff die Hand und schüttelte sie. “Dir auch, Vincent.” Sie gingen durch die offene Tür auf den Flur.

“Was machst du eigentlich ausser Artikelschreiben, Vincent?” fragte Sören. “Wovon lebst du? Erzähl mir nicht, dass du Hartz IV beantragen musst.”

“Eine Weile habe ich von Hartz IV gelebt”, erwiderte Vincent. “Aber ich habe jetzt einen Job in Hamburg.” Er erzählte wieder das Märchen vom Lektorat.

Sörens Gesicht hellte sich auf, als er es hörte. “Das ist ja cool. Ruf mich an, bevor du fährst. Ich gebe dir die Adressen von einigen Leuten, die du kennenlernen solltest.”

Er begleitete Vincent bis an den Rand der Treppe. Vincent wollte schon hinabsteigen, da hielt er ihn am Arm. “Ach, übrigens”, sagte er, “da du von markanten Gestalten gesprochen hast. Unser alter Geschäftspartner war vor einiger Zeit hier.”

Vincent blieb stehen. “Alter Geschäftspartner? Du meinst Peter. Habt ihr noch Kontakt?”

Sören schüttelte den Kopf. “Nicht Peter. Der wahre Businessman. Der Franzose.”

Vincent hatte Mühe, sein Erstaunen zu verbergen. “Wie bitte? Du willst doch nicht etwa sagen, dass Lucien hier war?”

“Doch. Vor ein paar Wochen.” Sören kratzte sich an der Stirn. “Ich habe mich auch gewundert. Er lebt wohl nicht mehr in Deutschland. Er hat gesagt, er wäre zufällig in Frankfurt. Eine Schweizerin, die wir unter Vertrag haben, hat ihm die Adresse gegeben. Solange.”

Vincent machte grosse Augen. “Solange Furneaux? Die wir in Heidelberg kennengelernt haben? Die Romande?”

“Genau.”

“Und was hat er so erzählt , unser alter Partner?”

“Wenig. So gut wie nichts. Er ist nur ein paar Minuten geblieben.”

 Vincent gingen verschiedene, kaum in einen Zusammenhang zu bringende Dinge durch den Kopf. Dann fragte er: “Hast du ihm eine Visitenkarte gegeben?”

“Ja.”




18


Vincent sass auf einer Bank am Mainufer. Es wurde langsam dunkel. Der Oktobertag war nicht allzu kalt und doch fröstelte er ein wenig. Er griff in seine Tasche, die links neben ihm lag, und nahm eine Schachtel Benson & Hedges heraus. Er zündete einen Glimmstengel an und versuchte seine Gedanken zu ordnen. 

Zunächst einmal war da wieder Lucien. Und zwar diesmal nicht als Assoziation, sondern nachweislich, vor ein paar Wochen in Frankfurt, bei Sören. Warum? Wahrscheinlich hatte er in der Gegend zu tun. Was? Darüber nachzudenken hatte nur einen Sinn, wenn man davon ausging, dass Lucien noch im Drogengeschäft war. Vincent entschloss sich, einmal von dieser Annahme auszugehen. Es hatte damals vor vier Jahren für Lucien ja eigentlich auch gar keinen Grund gegeben auszusteigen. Er hatte nicht belangt werden können, und er hatte diesbezüglich immer ein grosses Selbstbewusstsein zur Schau gestellt. Der arrivierte Geschäftsmann mit mondänem Flair. Ach ja.

Wie passte Solange Furneaux in das Bild? Eigentlich überhaupt nicht. Solange hatte nichts mit der Dealerei am Hut und war auch kein Junkie. Eine Gelegenheitskifferin, die ein paar Monate im Rhein-Neckar-Raum verbracht hatte, um nach der Auflösung von Quilt, ihrer alten Band, mithilfe einiger deutscher Bekanntschaften ihre Solokarriere anzuschieben. Vincent hatte sie gern gehabt. Einmal hatte sie ihm Liz Phairs “Batmobile” auf der Akustikgitarre vorgespielt, und er hatte es später bedauert, dass er sie früh gehen liess. Vincent fiel ein, dass er noch ihre Schweizer Nummer hatte. Er könnte sie einmal anrufen. Zunächst einmal würde er sie bei seinen Überlegungen aussen vor lassen.

Die zentrale Frage war, ob es eine Verbindung zwischen Luciens hypothetischen Geschäften und Nordingen gab, den Rauschmitteln, die dort ankamen. Früher oder später würde sich Guus mit der Raststätten-Connection und auch mit Samir beschäftigen. Das war abzuwarten. Hier ging es vorerst darum, Samir vor dem Kommissar und seinem beflissenen Assistenten zu schützen. 

Der Mord an Christine Baggenfurth war ein Fall für sich. Er konnte mit dem Drogenkomplex zu tun haben oder auch nicht. Lucien damit in Verbindung zu bringen, machte keinen Sinn. Der Fall der toten Christine war Beiz’ und Kwiebitz’ Sache. Dafür waren weder er noch Guus zuständig. Sie hatten Glück, wenn sich eine Verbindung zwischen den beiden Strängen herausstellen würde. Wenn etwa die Ermittlungen zur toten Christine ins Drogenmilieu führen würden. Dazu mussten sie Beiz und Kwiebitz machen lassen. Er würde nicht umhin kommen, sich morgen, übermorgen wieder mit ihnen zu treffen, dachte Vincent missmutig.

Das war also der professionelle Teil. Es bestand offensichtlich berechtigter Zweifel daran, dass die Ermittlungen vor seiner Abfahrt nach Den Haag einen Abschluss finden würden. Heute war Freitag, spätestens Ende nächster Woche würde er fahren. Er würde mit Guus in Den Haag weiter an dem Fall des florierenden Drogenhandels in Nordingen und Umland arbeiten. Dann war da aber auch der private Teil, und der betraf vor allem Anne.

Vincent sah sich erneut vor das Problem gestellt, wann und wie er ihr die Wahrheit sagen sollte. Spätestens übermorgen, beschloss er.

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