Die Schnitzeljagd (Folge XX)
Die Einfahrt in den Frankfurter Hauptbahnhof brachte wie stets die Empfindung urplötzlich beginnender Geschäftigkeit mit sich. Vincent folgte der Menge auf dem Bahnsteig von Gleis 7 und stand nach einer Weile draussen. Vor ihm führte die Kaiserstrasse in die Innenstadt hinein. Vincent erinnerte sich an einen Ausflug nach Frankfurt mit Jan vor vielen Jahren, als sie hauptsächlich in der Bahnhofsgegend herumgestreunt waren, und ein redseliger Alkoholiker sie ins Gespräch gezogen hatte. Wohin sollte er sich heute wenden?
Vincent wandte sich nach rechts und ging die Münchener Strasse entlang, bis er zum Willy-Brandt-Platz kam. War hier nicht irgendwo in der Nähe das Goethehaus? Vincent ging die Friedensstrasse hinauf und sah zur Rechten ein Restaurant. Er blieb stehen. Das Lokal, das offenbar sardische Küche bot, sah einladend aus. Es war noch etwas früh, aber Vincent hatte Hunger. Kurzentschlossen trat er ein.
Angenehmes, schlichtes Ambiente. Mediterrane Landschaftsbilder an den Wänden. Der Kellner mit grauem Haar wies Vincent einen Tisch am Eingang zu. Am Tisch nebenan sassen zwei Asiatinnen, Japanerinnen, schätzte Vincent, rege im Gespräch. Der Kellner brachte Speise- und Weinkarte. Nach kurzem Studium entschied sich Vincent für ein Risotto, eine Insalata Caprese und einen halben Liter Ichnusa vom Fass.
Er mochte die lebhafte Art, mit der sich die Japanerinnen unterhielten. Die, welche ihm gegenübersass, blickte freundlich zu ihm hin. Vincent nickte ihr lächelnd zu. Eben kam das Essen der beiden, während ein zweiter Kellner, ein Jungspund mit schwarzen Locken, Vincent die Ichnusa hinstellte. Er nahm einen Schluck und holte dann den Bukowski-Band aus der kleinen blauen Sporttasche, die er auf den Stuhl links neben sich gestellt hatte. Diese Tasche benutzte er meist bei Kurzausflügen. Darin befanden sich etwas Wäsche, ein paar Bücher und Schreibsachen. Vincent war unschlüssig, ob er in Frankfurt übernachten wollte. Mal sehen, wie sich das Treffen mit Sören entwickeln würde. Er hatte keine Ahnung, wie Sören nach vier Jahren drauf sein würde. Am Telefon hatte er ziemlich freundlich geklungen, aber es war auch die altbekannte Distanz zwischen ihnen spürbar gewesen.
Vincent hatte nur ein paar Sätze im Bukowski gelesen, dann überkamen ihn Erinnerungen. Er schlug das Buch zu. Frankfurt war die Stadt, in der er nie angekommen war. Frankfurt war das Sprungbrett, das nicht funktioniert hatte, als damals die Erweiterung des Drogengeschäftes anstand. Nicht für ihn, der nur noch halbherzig dabei war, weil nun Lucien den Ton angab. Aber auch Sören und Marcia konnten sich ihrer neuen Scheinbürgerlichkeit nur relativ kurze Zeit freuen, dann zerriss das Netz, das sie mit Peter zusammen so sorgsam geknüpft hatten…
Der äusseren Auflösung gingen die inneren Querelen voraus. Vincent erinnerte sich an hässliche Szenen, den Zank zwischen ihm und Marcia, die sich von Lucien und seinem Flair hatte einwickeln lassen. Hätte Vincent gewollt, hätte er es wahrscheinlich verhindern können. Aber er hatte nicht gewollt. Wo war genau der Punkt gewesen, an dem er begonnen hatte, sich zurückzuziehen und die Dinge laufen zu lassen, die langsam aber sicher auf ihr unrühmliches Ende zusteuerten? Anfang 2001, zum Jahreswechsel hatte er das undeutliche Gefühl gehabt, dass etwas falsch lief. Vielleicht hing es damit zusammen, dass er unbewusst Marcia Sören überlassen hatte. Luciens Auftauchen und dann sein eigener Rückzug nach Heidelberg und in den Bunker am Czernyring besiegelten das Auseinanderfallen…
Der junge Kellner brachte Risotto und Caprese. Hungrig machte Vincent sich ans Essen. Eine gute Stunde, eine Pannacotta und einen Fernet Branca später stand er auf dem Römerberg und betrachtete das Rathaus. Unschlüssig, wie er die Zeit bis zu dem Treffen verbringen sollte, lief er ein bisschen herum und stand irgendwann vor dem Historischen Museum. Vincent hatte weder Zeit noch Lust, es zu besuchen. Er ging weiter in Richtung Mainkai und sah rechts den Eisernen Steg. Ebenfalls rechts, auf der gegenüberliegenden Strassenseite, befand sich ein kleines Cafe. Es hiess Portofino. Vincent überquerte die Strasse und trat ein.
Ein kleiner Raum mit schmucklosen Wänden, ein paar Holztische und -stühle. Rechts die Theke, die Vincent an die Schulkantine in seinem Nordinger Gymnasium erinnerte: ein offenes Rechteck, eine Art Schalter, an dem eine türkisch aussehende, etwa vierzigjährige Frau sass. Sie hatte die halblangen schwarzen Haare nach oben gesteckt. Die braune Bluse, die sie trug, war weit ausgeschnitten. Das Cafe war leer. Als Vincent vor der Theke stand, beugte sich die Frau vor und verstärkte damit den ohnehin üppigen Anblick.
Vincent bestellte einen schwarzen Tee und ein Stück Käsekuchen. Als die Frau die Sachen brachte, bemerkte er, dass sie ihr Haar gelöst hatte. Vincent fühlte sich verpflichtet, etwas Konversation zu machen. Die Frau erzählte ihm, dass sie in dem Cafe nur aushalf, zwei, drei Tage die Woche. Es gehörte einem Frankfurter Geschäftsmann, der viel unterwegs war. Bewirtschaftet wurde es von einem älteren Ehepaar.
Die Frau war durch eine Tür rechts gegangen und sass nun wieder hinter der Theke. Vincent sah, dass sie nicht nur Zucker, sondern auch ein Kännchen Milch gebracht hatte. Gegen seine Gewohnheit schüttete er etwas Milch in den Tee, rührte ihn mit dem Löffel um, probierte und fand den Geschmack gar nicht schlecht. Er holte wieder den Bukowski hervor und verbrachte eine gute halbe Stunde mit Lesen, Teetrinken und dem Genuss des wirklich leckeren Käsekuchens. Vincent hätte lieber mit der Frau geflirtet, als sich auf den Weg Richtung Ostend zu machen. Doch Sören wartete auf ihn.
17
Vincent hatte den Mousonturm nur kurz betreten, weil er sich in Erinnerung rufen wollte, wie es dort aussah. Vor zwei Jahren hatte er hier Spillsbury spielen sehen, seiner Meinung nach die beste der neuen deutschen Bands. Sie hatten nicht das Nerdige und Verkopfte, typisch für die “Hamburger Schule”. Da war die erfrischende Punk-Simplizität, zwei Personen plus Drummachine und Sampler, die Keyboardmelodien riefen echtes New Wave-Feeling wach. Vorgruppe war ein Typ aus Hawaii gewesen.
Vincent ging die Waldschmidtstrasse weiter und kam zu dem Hof, in dem sich die Naxoshalle und offenbar auch Sörens Büro befand. Der Hof und die Halle machten einen leicht heruntergekommenen Eindruck, es war aber auch eine gewisse Geschäftigkeit bemerkbar, vorne links in einer Art Anbau, wo man durch das grosse Glasfenster einen Mann und eine Frau, beide ziemlich jung, in einem kleinen Büro am Computer sitzen sah, und hinten rechts, wo Leute ein und aus gingen. Dorthin machte sich Vincent auf den Weg.
Es handelte sich offenbar um eine Ausstellung, Vernissage. Etwa dreissig Leute standen teils auf dem Hof an drei Tischen mit Champagner, Wasser und Häppchen, teils drinnen in einem schmalen, kahlen, länglichen Raum, in dem sich nichts befand ausser etwa fünfzehn nicht allzu grosse Glasrahmen mit Kunstwerken an den Wänden. Photographien, aber auch Farbflächen, Muster, Zeitungsausschnitte.
Vincent ging hinein und stellte sich vor ein Kunstwerk. Da war unten eine runde Fläche in Orange, daneben zwei Rechtecke und ein Dreieck in jeweils verschiedenen Blau- und Violetttönen, daneben eine gelb schraffierte Fläche. Darüber auf grauem Hintergrund das Schwarzweissphoto einer Strassenszene, im Vordergrund eine Frau mit kurzen dunklen Haaren, schräg hinten von der Seite zu sehen, der Frisur nach konnte es sich um die Sechziger Jahre handeln. Links daneben der Teil eines Zeitungsartikels in Englisch, mindestens der halbe Text rechts abgeschnitten und ohne Überschrift, offenbar ein politisches Thema, Vincent las die Worte “negotiations”, “ship” und “forestall”. Er konnte sich keinen Reim darauf machen und fand die Verbindung der Elemente ziemlich willkürlich. So ging es ihm auch mit den übrigen Collagen, die ihn hier und da an Rolf Dieter Brinkmann erinnerten. Ihm kam der Spruch Weniger ist mehr in den Sinn.
An einem mit Materialien belegten Tisch nahe am Eingang standen eine pummelige schwarzhaarige Frau in einem dunkelgrünen Kleid, Mitte dreissig, wie Vincent schätzte, und ein gut fünfzigjähriger schlanker Mann im Anzug mit schwarzgrauen Haaren. Künstlerin und Galerist, dachte Vincent. Es waren auch einige hübsche junge Frauen im Raum, aber er war leider nicht zum Vergnügen hier. Vincent schickte sich an, das Duo am Tisch nach Sören zu fragen. Doch das war nicht nötig. Wer kam just die Treppe hinunter, die sich rechts hinten befand? Sören Barghauser.
Sören erspähte Vincent sofort und kam mit einem breiten Lächeln und bereits zum Gruss ausgestreckter Hand auf ihn zu. Sein volles blondes, glattes Haar fiel ihm wie früher rechts in die Stirn. Er hatte sich kaum verändert, jedenfalls nicht äusserlich. Seine Kleidung wirkte etwas gediegener, aber er hatte schon damals einen Sinn für Klamotten gehabt, erinnerte sich Vincent. Sören trug ein dunkelblaues, recht teuer aussehendes Hemd und eine cremefarbene Hose. Nach der Begrüssung bugsierte er Vincent zur Treppe.
“Wie läuft’s, Lizzie?” rief er zum Duo am Tisch hin.
Die Pummelige machte ein Zeichen mit dem Daumen nach oben. Ihr Kleid war weit ausgeschnitten, und Vincent fand den dadurch entstehenden Anblick überzeugender als die Collagen.
“Ich hab dir gesagt, es wird ein voller Erfolg.”
Vincent fand Sören wie früher etwas zu leutselig und laut. Sie gingen zusammen die Treppe hinauf, Sören voran. Das Stockwerk über der Galerie bot einen Flur mit kahlen weissen Wänden. Sören führte Vincent in einen kleinen, provisorisch eingerichteten Raum von kaum fünfzehn Quadratmetern. Da war ein weisser Tisch mit einem PC drauf, daneben ein paar Stapel Papier. Hinter dem Tisch hing an der sonst kahlen Wand ein grosses Poster mit einer Abbildung des Covers des Fehlfarben-Albums Monarchie und Alltag. Vincent erinnerte sich, dass Sören stets auseinanderzusetzen pflegte, warum dieses Album das beste deutsche New Wave-Album, ja, das beste deutsche Album überhaupt sei.
Sören hiess Vincent auf einem der beiden kleinen Stühle vor dem Tisch Platz nehmen, setzte sich selbst dahinter und verschränkte die Arme hinter dem Kopf.
“Wie lange ist es her, Vincent?” fragte er dann und liess die Arme sinken. “Jahre. Dein Anruf war eine erfreuliche Überraschung.” Sören hielt kurz ein. “Um ehrlich zu sein, ich war nicht sicher, ob du nicht vielleicht sauer auf mich bist. Damals ist manches ziemlich unglücklich gelaufen.”
“Ja, zum Schluss”, sagte Vincent. “Aber auf dich bin ich bestimmt nicht sauer, Sören. Ich meine, um ebenfalls ehrlich zu sein, wir beide waren nie besonders eng. Mit Marcia ist das anders. Und mit Lucien.”
Sören nickte. “Ich dachte, dass du vielleicht wegen Marcia sauer bist”, sagte er dann.
Vincent überlegte kurz. “Nein”, sagte er dann. “Das Problem war, dass irgendwann alles den Bach runtergegangen ist. Das lag vielleicht an Marcia, und an Lucien. Aber nicht an dir.”
Sören nahm das Mobiltelefon in die Hand, das neben den Papieren lag, und begann es hin- und herzuwenden. “Ganz ehrlich, Vincent, ich war froh, als ich sie los war”, sagte er dann. “Das Mädel war stressig.”
“Wem sagst du das.” Vincent deutete ein Lächeln an. “Knast habe ich ihr allerdings nicht gewünscht.”
“Sie hätte sich eben nicht mit Lucien einlassen sollen.” Sören legte das Handy beiseite.
“Das haben wir alle.”
Sören erwiderte Vincents Blick. “Schau”, sagte er, “ich bin ausgestiegen, als der Franzacke das Geschäft neu strukturiert hat. Marcia musste da natürlich mitziehen. Dabei hatten wir uns hier in Frankfurt so schön eingerichtet. Einige Monate nachdem du weg warst, habe ich ihr den Laufpass gegeben.”
“Doch so schnell.” Vincent legte den Kopf schief.
“Ja.” Sören griff wieder nach dem Handy. “Guck, für mich war die Dealerei ein Spiel, eine Gelegenheit. Und sie hat mich nach Frankfurt gebracht. Dafür müsste ich Marcia eigentlich dankbar sein.” Er hielt kurz ein. “Die Zeiten haben sich geändert, Vincent”, fuhr er fort. “Sex, Drugs & Rock ’n’ Roll, das war unser Mythos. Er hat uns ausgespuckt, und jeder von uns ist auf seine Weise gelandet. Der eine sanfter, der andere härter, manche sind gar nicht mehr da. Ich hatte vorgesorgt, ich habe hier im Grunde einfach mit dem weitergemacht, was ich mir in Heidelberg aufgebaut hatte.”
Vincent grinste. “Du hörst dich an wie ein lupenreiner Spiesser, Sören.”
“Und wenn? Vincent, sieh dich um.” Sören wies mit einer kreisenden Handbewegung in den Raum. “Die spartanische Einrichtung täuscht. Es läuft gut, kann ich dir sagen, es läuft sehr gut. Wir richten uns hier etwas Grosses ein. Auf dem Hof bewegt sich was, mithilfe der Galerie und dem Theater nebenan. Die Stadt zieht mit, es gibt eine Klientel, die von uns bedient werden will. In ein paar Wochen bekomme ich ein grösseres Büro, der Raum wird gerade renoviert. Da richte ich mich ordentlich ein. Mit meiner Booking-Agentur hole ich coole Bands nach Frankfurt und bald auch hierher, Acts, die durch das Raster der Grossen fallen, die die Kids aber sehen wollen. Und ich produziere. So, wie wir es im Rhein-Neckar-Raum auch schon gemacht haben. Erinnerst du dich an Walter?”
Vincent nickte. “Klar. Er war mehr auf der Punk-Schiene.”
“Wir haben in den späten Achtzigern zusammen angefangen. Walter ist in seiner Provinz hängengeblieben, aber ich arbeite jetzt im Urban Space. Ich kann dir sagen, es ist eine echte Herausforderung.”
“Nicht schlecht, Sören. Du hast dich zweifellos entwickelt.” Die Art, wie sein alter Kumpel gesprochen hatte, erinnerte ihn an die Abende, an denen er über die Hamburger Schule und New Wave-Subgenres doziert hatte. Alles immer etwas zu eilig und Eindruck heischend. Hoffentlich würde er jetzt nicht auch noch beginnen, Fragmente postmoderner Theorien zur Beschreibung seiner Selbstoptimierung heranzuziehen.
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