Die Schnitzeljagd (Folge XVIII)
Es hatte keinen Sinn, in der Roten Strasse einen Parkplatz zu suchen, und so beschlossen Beiz und Kwiebitz, den weissen Seat Cordoba, den sie für unauffällige Angelegenheiten benutzten, im Parkhaus in der Hospitalstrasse abzustellen. Als sie heraustraten, wieś Beiz auf das Gebäude links neben dem Parkhaus.
“Kommen sie manchmal hierher, Kwiebitz?” fragte er.
“Ins Junge Theater? Nein, Kommissar. Ich gehe ausschliesslich ins Deutsche Theater. Hier gefällt mir das Publikum nicht.”
“Arrivierte Linke, Zecken und Kaputniks”, stimmte Beiz zu. “Hinten auf dem Hof ist ja auch noch das KAZ. Erinnerst du dich noch an die Razzia letztes Jahr? Das hat die Bande ganz schön aufgescheucht.”
“Für den Aufwand waren die Funde mager”, meinte Kwiebitz kritisch.
“Ja, aber es war richtig, dem Haufen klarzumachen, dass wir ein Auge auf ihn haben.”
Die beiden Polizisten waren inzwischen in die Jüdenstrasse eingebogen. Die Linie 6 fuhr an ihnen vorbei.
“Mit diesem Bus bin ich immer zur Schule gefahren”, bemerkte Kwiebitz.
“Haben sie in Geismar gewohnt?” fragte Beiz.
Kwiebitz nickte.
“Wir wohnen seit zehn Jahren in Herberhausen. Schauen sie mal, Lünemann.” Beiz wies auf die gegenüberliegende Strassenseite. “Das Geschäft gibt es schon seit Ewigkeiten. Obwohl sich in Nordingen viel verändert hat.”
“Nordingen ist eine einzige Baustelle”, entgegnete Kwiebitz.
Sie bogen in die Rote Strasse ein. “Diese Strasse hier”, meinte Beiz, “wird sich wohl nie verändern. Wenn die Linken einmal etwas in Beschlag genommen haben, kriegst du sie nur noch mit Gewalt weg. Sie sind jetzt allerdings etwas ruhiger geworden. Wenn ich an die Neunziger denke… Da hiess es immer gleich: ‘Bullenschweine!’”
Nach einer Weile standen die beiden Beamten vor dem ihnen wohlbekannte Haus. Ein offenes Eisengitter führte auf einen kleinen Hof, hinter dem sich ein zweistöckiger schmutziggrauer Wohnkomplex befand. Oben, unter drei Fenstern entlang, hing ein langer weisser Fetzen mit der Aufschrift: MASSENMORD FUER OEL KAMPF DEM US-IMPERIALISMUS!
Beiz seufzte. “Kommen sie, Kwiebitz”, sagte er. “Bringen wir es hinter uns.”
Beiz und Kwiebitz gingen über den Hof. Rechts neben dem Eingang stand eine grosse Menge von Fahrrädern, von denen mindestens ein Drittel keinen benutzbaren Eindruck mehr machte. Einige, denen die Räder fehlten, lagen auf dem Boden herum, andere lehnten an der Seitenwand. Kaum eines war abgeschlossen.
“Hier lohnt sich der Fahrradklau nicht wirklich”, bemerkte Beiz mit einem missbilligenden Blick. “Was für eine Unordnung.”
Kwiebitz war dabei, die Namen auf der Klingelanlage links neben der Tür zu studieren. Nur die Hälfte wies einen oder mehrere Bewohner aus.
“Hier, ich hab’s. Lubasch. Soll ich klingeln?”
Beiz wandte sich ihm zu. “Ja.”
Kwiebitz klingelte. Es dauerte zehn Sekunden, dann summte es. Beiz drückte die schwere Holztür auf.
Sie standen in einem dunklen Flur. Vor ihnen führte eine Treppe hinauf. Daneben befand sich ein langer Gang, an dessen Ende man eine Wohnungstür ausmachen konnte. Kwiebitz blickte Beiz fragend an. Da liess sich von oben eine weibliche Stimme vernehmen: “Zweiter Stock.”
Die beiden Ermittler stiegen die breiten Stufen der Holztreppe bis zur zweiten Etage hinauf. Auch in diesem Flur war es dunkel. Sie versuchten sich umzusehen.
“Zweite Tür links”, liess sich erneut die Stimme vernehmen. Beiz und Kwiebitz wandten sich nach links.
Als sie vor der Tür standen, linste Beiz vorsichtig hinein. “Komme schon”, erklang es von hinten. Kurz darauf trat eine vierzig- bis fünfzigjährige Frau von rechts auf den Zimmerflur neben die kleine Garderobe mit dem Wandspiegel. Sie lächelte. “Nur hereinspaziert, die Herren.”
“Moment mal”, rief Beiz überrascht aus. “Wir kennen uns doch. Was ist das hier mit Lubasch?! Sie heissen doch Landfried, wenn ich mich recht entsinne. Ursula Landfried.”
“Der Name meines geschiedenen Mannes”, sagte die Frau. “Sorry. Ich habe wieder meinen Mädchennamen angenommen.”
“Ach so. Lubasch. Klingt irgendwie östlich.” Beiz lugte über die Schulter der Frau in einen etwas grösseren Raum, der offenbar das Wohnzimmer darstellte.
“Wollen Sie meine Familiengeschichte hören, Herr… Beiz, nicht wahr?”
“Ja.” Der Kommissar winkte ab. “Nicht nötig. Befassen wir uns lieber mit dem Hier und Jetzt.”
“Es ist aber eine spannende Familiengeschichte, Vertreibung und Flucht über den halben Kontinent.”
“Geschichtsstunde ein andermal. Die Gegenwart ist auch nicht unspannend, vor allem wenn unerwartete Leichen anfallen.” Beiz schaute zur Garderobe. “Dürfen wir ablegen, Frau Lubasch?”
“Selbstverständlich. Ich warte im Salon auf sie.”
Beiz verbiss sich eine Bemerkung über die Bezeichnung eines Wohn- und Schlafzimmers - wie er jetzt, da Frau Lubasch sich entfernte, sah - als Salon. Er erinnerte sich, dass die Dame immer schon etwas eigenartig gewesen war. Ihr vornehmer Tonfall liess auf Grossbürgertum schliessen, aber sie war Beiz die letzten fünfzehn Jahre nur in unfeinen Zusammenhängen begegnet.
Beiz und Kwiebitz entledigten sich ihrer Oberbekleidung und traten ins Hauptzimmer. Sie trugen das gleiche wie am Tag zuvor. Frau Lubasch wies auf das alte dunkelblaue Sofa in der linken Ecke. Die Beamten setzten sich und sahen sich um.
Die Wand gegenüber wurde zur Hälfte von Bücherregalen und einem einfachen hellbraunen Holzschreibtisch mit einem Stuhl davor eingenommen. Daneben, den Beamten schräg gegenüber, sass Frau Lubasch auf einem schwarzen, mit weissem Tuch bespannten Schaukelstuhl gegenüber. Rechts neben ihr befand sich eine alte dunkelbraune Kommode. Links neben den beiden Beamten befand sich auf dem Boden eine Matratze mit einer nachlässig zur Wand geworfenen dunkelgrünen Wolldecke.
“Gemütlich hier”, bemerkte Beiz. “Frau Lubasch, ich wundere mich, sie in diesem Politzentrum zu finden. Wir haben sie früher mit vielem in Verbindung gebracht, jedoch nicht mit Linksradikalismus.”
“Es ist hier nicht schlechter als anderswo, Herr Beiz. Es hat sogar gewisse Vorteile. Zum Beispiel in der Volxküche kann man sehr preiswert essen, und auch wenn man einmal kein Geld hat, beschwert sich keiner. Solidarität, verstehen sie?” Frau Lubasch legte sorgfältig mit beiden Händen ihre langen dunkelblonden Haare hinter die Schultern. Beiz fand, dass sie sich gut gehalten hatte. Ihr Gesicht erinnerte ihn ein wenig an Juliane Werding. Sie trug einen dunkelgelben Pullover und Bluejeans.
“Nun”, sagte Beiz, “wenn es hier so völkisch zugeht, dann sollten wir vielleicht öfter kommen, nicht wahr, Kwiebitz?” Er berührte seinen Assistenten mit dem Ellenbogen. Der machte einen etwas indignierten Eindruck.
“Spass beiseite.” Beiz setzte sich auf dem Sofa zurecht. “Mich würde allerdings dennoch interessieren, wie sie zu dieser Wohnung gekommen sind.”
“Eine alte Bekanntschaft, Herr Beiz”, sagte Frau Lubasch. “Marion, die seit zehn Jahren hier wohnt. Ich habe ihr erzählt, dass ich in Schwierigkeiten bin, und sie hat dafür gesorgt, dass das Kollektiv mich aufnimmt.”
Beiz beschloss, nicht zu fragen, was genau “das Kollektiv” sei, und ob Frau Lubasch überhaupt Miete zahle. Stattdessen ging er zum eigentlichen Grund des Besuches über.
“In Ordnung, Frau Lubasch. Jetzt sagen sie uns doch einmal, wie haben sie Christine Baggenfurth kennengelernt?”
“Eine furchtbare Geschichte, Herr Beiz.” Frau Lubasch schüttelte betrübt den Kopf. “Dieses Ende. Einfach furchtbar. Sie hat hier gewohnt.” Sie wies auf die Matratze gegenüber. “Ich habe das Mädchen eines Abends vor dem KAZ aufgelesen.”
“Wann war das?” fragte Beiz.
“Vor einer Woche.”
“Und wo hat Christine davor gewohnt?”
“Ich weiss es nicht. In irgendeiner Süchtigenbude, nehme ich an. Haben sie etwas dagegen, wenn ich rauche?” Frau Lubasch langte hinüber auf den Tisch, wo sich eine Packung Marlboro Lights befand.
“Nein.” Beiz kratzte sich am Kopf. “Warum haben sie das Mädchen denn bei sich aufgenommen?”
“Christine tat mir leid. Ich wollte ihr eine Perspektive verschaffen.” Frau Lubasch zündete die Zigarette mit einem Feuerzeug, das sie aus der Hosentasche geholt hatte, an und warf die Packung zurück auf den Tisch. Sie blies den Rauch aus und sah Beiz mit einem offenen Blick an. “Mutterinstinkt, Herr Beiz. Wissen sie, ich selbst habe keine Kinder.”
Der Kommissar legte den Kopf schief. “Die Samariternummer? Frau Lubasch, ich habe sie als eine Freiberuflerin mit wenig Berührungsängsten in Erinnerung. Zum Beispiel im Zeitschriftenhandel. Oder in Verbindung mit dem Bordell im Industriegebiet. Wer sagt mir, dass sie das Mädchen nicht anwerben wollten?”
“Anwerben? Herr Beiz, sie denken viel zu schematisch.” Ursula Lubasch bedachte den Kommissar mit einem missbilligenden Blick. “Ich schaue einfach, was sich ergibt. Christine wollte eine Entziehungskur machen, und ich wollte ihr helfen, einen Platz zu finden.”
“Einen Platz in einer Entzugsklinik? Haben sie denn Kontakt zu so einer Einrichtung aufgenommen?”
“Wir sind nicht dazu gekommen”, sagte Frau Lubasch und nahm einen langsamen Zug.
Beiz beobachtete, wie sie exhalierte und keine Anstalten machte weiterzureden. Er wandte sich seinem Assistenten zu. “Haben Sie noch Fragen, Kwiebitz? Nein? Gut, dann wär’s das für’s erste, Frau Lubasch. Natürlich werden sie vorgeladen, und wir werden im Hagenweg ein ausführliches Protokoll aufnehmen. Das ist ja nichts Neues für sie. Ausserdem werden wir uns vielleicht schon heute nachmittag hier in der Wohnung umsehen und alles mitnehmen, was Christine gehörte. Bitte lassen sie es bis dahin an seinem Platz.”
Frau Lubasch nickte. Sie wies auf die Lücke zwischen Sofa und Matratze. “Da ist Christines Rucksack. Ausserdem sind einige Sachen im Bad. Auch in der Kommode und in der Garderobe.”
Beiz stand auf, und Kwiebitz tat es ihm nach. “Das zeigen sie alles den Beamten. Den Rucksack nehmen wir gleich mit.” Er gab seinem Assistenten ein Zeichen. Kwiebitz langte hinunter und griff nach dem weissen, mit verschiedenen schwarzen Mustern verzierten Rucksack. Auch Frau Lubasch war aufgestanden. Sie folgte den Beamten zur Tür.
“Vielen Dank für die Gastfreundschaft, Frau Lubasch”, sagte Beiz. Er öffnete die Tür. “Ich hoffe, wir haben Ihnen keine Umstände gemacht.”
“Keineswegs”, erwiderte Frau Lubasch, die Zigarette locker in der Hand. “Ich hoffe, ich kann etwas zur Aufklärung dieses furchtbaren Verbrechens beitragen.”
Als Beiz und Kwiebitz auf den Hof traten, standen dort ein paar Gestalten von der Sorte herum, welche die beiden Beamten im Inneren des Hauses erwartet hatten. Wahrscheinlich hatte jemand aus dem Fenster geschaut und die Ankunft der beiden Ortsfremden bemerkt. Es waren junge Männer in Anti-Establishment-Gear, die Beiz und Kwiebitz misstrauisch anblickten, vor allem Kwiebitz, der den Rucksack mit beiden Händen wie einen Fremdkörper vor sich hertrug.
Beiz schaute gut gelaunt zurück. “Kopf hoch, Leute”, sagte er. “Der Räumungsdienst kommt ein andermal.”
Als sie durch das offene Gitter traten, glaubte Beiz zu hören, wie einer der jungen Männer das wohlbekannte Wort zischte.
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