Die Schnitzeljagd (Folge XVII)

 14


“Ich kann euch sagen, Leute, eine Hochzeit zu planen ist kein Zuckerschlecken.”

Horst kritzelte etwas auf das Blatt karierten Papiers, das er vor sich liegen hatte, und das schon bedenklich vollgeschrieben war und sich mit Pfeilen, Unterstreichungen und sonstigen Markierungen der Unübersichtlichkeit näherte. Man sass zu dritt am Küchentisch. 

“Wann soll sie denn stattfinden?” fragte Vincent. Er sass mit Anne zusammen Horst gegenüber. Alle drei hatten eine Kaffeetasse vor sich. 

“Standesamtlich so bald wie möglich. Das Fest auf dem Dorf nächsten Monat, ich würde sagen, am einundzwanzigsten. Das ist ein Sonntag.” Horst schob das Blatt leicht beiseite und lehnte sich zurück. “Neben den offiziell Eingeladenen wird natürlich das halbe Dorf auflaufen. Wir werden den grossen Saal des Gemeindezentrums buchen, es wird ein riesiges Buffet geben. Gisela hat gesagt, dass wir nicht umhin kommen werden, die örtliche Blaskapelle spielen zu lassen.”

“Hochzeit auf dem Dorfe”, bemerkte Anne. “Wenn es nicht deine wäre, Horst, dann würde ich mich fernhalten. Ich denke da an einige Feste bei uns in Gross Schwenden.”

“Welches Dorf ist es?” fragte Vincent.

“Kappelried.”

“Die Endstation der Linie 26? Weiter ab vom Schuss geht ja kaum.”

Anne lachte. “Ich bin einmal mit der 26 bis Kappelried gefahren, nur um zu sehen, wie es dort ist. Das Kaff zählt weniger als tausend Seelen, schätze ich.”

“Ich finde es ganz nett da”, sagte Horst. “Ich bin oft mit Gisela bei ihren Eltern gewesen.” Er schlug leicht mit der Hand auf den Tisch. “So, ich glaube, ich hätte jetzt das meiste. Wisst ihr, ich habe mich gefragt, ob es vielleicht zu früh zum Heiraten ist. Aber Gisela und ich sind über fünf Jahre zusammen, und wir sind schon durch so einige Krisen gegangen.”

 “In älteren Zeiten haben die Leute früher geheiratet”, meinte Vincent. “Heute will man sicher sein, dass man den richtigen Partner findet oder dass man finanziell auf eigenen Beinen stehen kann. Kinderkriegen ist auch nicht mehr so beliebt.” 

“Ich habe noch überhaupt keinen Gedanken ans Heiraten verschwendet”, schaltete sich Anne ein.

“Habe ich in deinem Alter auch nicht”, erwiderte Vincent.

“Aber jetzt mit über Dreissig ist es anders, wie?” fragte Horst.

Vincent sann kurz nach. “Ja, irgendwie schon”, sagte er dann. “Ich habe das langsam gemerkt, als ich aus Heidelberg zurückgekommen bin. Nicht nur in bezug aufs Heiraten. Das Wort Lebensabschnitt sagt sich so leicht. Als wäre es etwas Äusserliches. Aber ich habe nach und nach eine deutliche Veränderung gespürt. Ich habe mir damals eine Stelle bei Celine herausgeschrieben. Ich kriege es nicht mehr ganz zusammen. Es ist von dieser Veränderung die Rede, er sagt etwas von einem Taumel, der abnimmt, und dass man nicht mehr allein durchs Leben gehen will.”

“Tod auf Kredit sozusagen”, bemerkte Horst.

“Die Stelle ist aus Reise ans Ende der Nacht.”

“Ist das gut?” fragte Anne. “Eine Kommilitonin, die Romanistik studiert, hat mir empfohlen, es zu lesen.”

“Ich mag das Buch. Wenn du etwas von Celine lesen willst, fang damit an”, riet Vincent. “Später entwickelt er seinen manischen und elliptischen Stil, das ist nicht jedermanns Sache.”

“Ja”, bestätigte Horst, “ich erinnere mich, ich habe einmal so einen Roman von ihm angefangen und nach zehn Seiten aufgehört zu lesen.”

“Du weisst den Titel nicht mehr?” fragte Vincent.  

“Nein. Ich weiss nur noch, da sitzen all diese Exilfranzosen im Hotel herum und warten äusserst genervt darauf, dass es endlich mit Nazideutschland zu Ende geht. Dann taucht diese heisse Schnitte im Badeanzug auf…”

Nord”, sagte Vincent. “Ich kenne das Buch. Es ist wirklich etwas strapaziös.”  

“Erklär das nochmal mit dem Taumel”, sagte Anne. “Damit ist kein Betrunkensein gemeint, oder?”

“Nein, nicht direkt”, meinte Vincent. “Ich glaube, er sagt ‘Man hat’ oder ‘Man spürt vielleicht nicht mehr genug Taumel in sich’. Ich denke, er meint die Bereitschaft, auf Abenteuer auszugehen, das kann natürlich auch heissen, sich der Trunkenheit zu ergeben, in welcher Hinsicht auch immer. Und es stimmt. Für mich ist mit Dreissig auf jeden Fall etwas zuendegegangen. Man spürt es auch körperlich. Ich hatte zu ungesund gelebt. Wenn ich an die Alkohol-Zeit zurückdenke, an diese Jahre in der Schule, wo die eine Hälfte der Klasse sich rücksichtslos dem Suff überlässt… Zu dieser habe ich natürlich gehört. Nur ein paar Jahre später kam es mir im Grunde wie Wahnsinn vor. Es sind auch einige unschöne Dinge passiert… Jedenfalls, körperlich gesehen, was du mit achtzehn abkannst, das wird nie wieder so sein. Mit fünfundzwanzig merkst du bereits, dass du die Nächte nicht mehr durchmachen kannst wie früher, und mit dreissig erst recht.”

“Alkohol ist eine beschissene Droge”, sagte Horst. “Es ist ja nicht verkehrt, bei besonderen Anlässen ein bisschen was zu trinken, aber diese Schulsuffgewohnheit, von der du gesprochen hast, hat mich damals schon abgestossen. Ich habe mit meinen Freunden ab und zu einen durchgezogen, und so habe ich es bis heute gehalten.”

“Ich sehe, du bist jemand, der masshalten kann”, erwiderte Vincent. “Das kann nicht jeder. Es gibt Suchtpersönlichkeiten, und ich musste einsehen, dass ich selbst eine bin. Das Kiffen hatte zunächst den zweifelhaften positiven Effekt, dass es mich vom exzessiven Alkoholkonsum wegbrachte. Später hat mir das Dealen geholfen, nicht völlig zu versumpfen. Aber auch nur eine zeitlang.”

“Mit was hast du gedealt?” wollte Horst wissen. 

“Hauptsächlich mit Gras, später auch mit anderen Sachen. Aber nie mit Heroin. Zu den Junkies haben wir immer einen Abstand gehalten. Das war Konsens.”

“Wer ist wir?”

“Ich und drei, vier andere Leute. Freunde von mir. Gute Freunde. Aber es ist schliesslich alles den Bach runtergegangen. Ich fand mich irgendwann allein in Heidelberg, und es ging auch mit mir bergab. Wenn ich nicht den Absprung geschafft hätte und zurück hierher gekommen wäre, wer weiss, was dann aus mir geworden wäre.”

Vincent liess den Teil aus, der erklären würde, wie und warum er den Absprung geschafft hatte.

“Aber du hast trotzdem dein Studium abgeschlossen”, warf Anne ein.

“Ich weiss selbst nicht wie”, sagte Vincent. “Am Ende ging mein Interesse daran gegen Null.”

“Was ist das eigentlich genau für ein Job, den du in Hamburg machen wirst?” fragte Horst. “Bei einem Verlag, richtig?”

“Ja”, sagte Vincent. “Ich mache Lektorat.”

“Bei welchem Verlag nochmal?” hakte Anne nach.

Vincent seufzte innerlich. Er musste irgendwas sagen und damit weiterlügen. “Beim Verstärker Verlag”, antwortete er. “Kennt ihr den? Die machen Popliteratur und Bücher über Musik.”

Anne nickte, und Horst sagte: “Popliteratur? Das hat doch mit dem einen Typ angefangen, wie hiess der nochmal?”

“Conrad von Unisolo”, meine Anne.

“Genau. Aber da gibt’s noch einen anderen, den, der so viele Absätze macht. Na, egal. Ich habe jedenfalls das Buch von dem Unisolo gelesen. Ganz witzig. Aber irgendwie hat mir was gefehlt.” Horst griff nach seiner Kaffeetasse.

“Es ist ein Gelaber”, meinte Vincent. “Nimm Celine oder Bukowski. Das ist einfach eine andere Liga.”

Horst nickte. Anne sagte: “Es gibt jetzt viele solche unabhängigen Verlage wie den Verstärker Verlag. Die Spex sagt, das ist der neue Indierock.”

Vincent rümpfte die Nase. “Die Spex sollte sich besser darum kümmern, dass sie selber nicht mehr rockt.”

“Ich komme dich so bald wie möglich in Hamburg besuchen”, meinte Anne. “Mich interessiert, wie es in so einem Verlag aussieht.”

Vincent biss sich auf die Lippen. Er wusste, es würde der Punkt kommen, wo er Anne gegenüber die Wahrheit sagen und damit das Lügengebäude einstürzen lassen musste. Vielleicht schon sehr bald. Sollte er sie glauben lassen, er fahre nach Hamburg, während er sich in Wahrheit Richtung Holland begeben würde?

Vincent schob die Gedanken zunächst beiseite. Stattdessen fragte er: “Was ist eigentlich der Plan heute?”

“Der Plan?” erwiderte Horst. Er wandte sich seiner WG-Genossin zu. “Anne, was ist der Plan?”

“Kein Plan”, sagte Anne. “Ich muss heute nicht mehr zur Uni.”

“Lassen wir es doch ruhig angehen”, meinte Horst. “Ich muss jetzt einige Telefonate machen zwecks Hochzeit, und inzwischen könnt ihr euch alleine beschäftigen. Wenn Vincent bei uns bleiben will, versteht sich.”

“Ich will”, antwortete Vincent und erntete die Erheiterung seiner neuen Freunde angesichts dieser apodiktischen, zum Thema passenden Antwort.

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Praeludium

London girls

Meine Jahre in der Gadamer-Schule