Die Schnitzeljagd (Folge XVI)
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Vincent fand die Situation einigermassen bizarr. Ihm gegenüber sass nicht nur der Polizeibeamte, der ihn vor langer Zeit, damals noch am Geröllgraben, einem unangenehmen Verhör unterzogen hatte, sondern auch sein alter Mitschüler, der nicht mehr den mal mehr, mal weniger erfolgreichen Streber gab, sondern sich in das Interieur des brandneuen Dienstzimmers im Hagenweg einfügte. Beiz und Kwiebitz waren in Zivil. Beiz trug eine hellbraune Jacke und darunter ein dunkelblaues Hemd. Kwiebitz war in seinem gewöhnlichen Aufzug, dem grauen Pullover und dem dunkelblauen Hemd, aber ohne Krawatte. Beiz sass Vincent am Tisch gegenüber, Kwiebitz links neben seinem Vorgesetzten. Beiz sah von dem vor ihm liegenden Ordner auf.
“Also, Herr Meurer, wenn ich das richtig sehe, sind sie nicht mehr mit dem Abreissen von Mercedessternen beschäftigt?”
Vincent musste leicht grinsen. “Ein schöner Einleitungssatz, Herr Kommissar. Sie haben wohl einiges ausgegraben.”
Beiz’ Mundwinkel zuckten. “Wir sassen vor fünfzehn Jahren schon einmal zusammen”, sagte er.
“Ja, ich weiss noch genau, als ich in ihr Zimmer am Geröllgraben trat, sagten sie: Wir wollen jetzt ein freundschaftliches Verhör machen. Sie waren damals noch ein POM.”
“Ah, sie kennen sich also mit den Dienstgraden aus. Da ist Ihre Verbindung zu Europol wohl kein Zufall. Nun, ich hoffe, sie haben damals keine Langzeitschäden davongetragen.” Beiz deutete ein Lächeln an, Kwiebitz aber war unterdessen unruhig geworden.
“Sagen wir, es war ein Treffen, das mir im Gedächtnis geblieben ist. Ich war eigentlich erleichtert. Man hat damals unschöne Sachen gehört, Kommissar, zum Beispiel von den Zivilpolizisten.”
“Es war eine heisse Zeit, die Linken haben damals sehr viel Ärger gemacht. Da hat mancher über die Stränge geschlagen. Übrigens, lassen sie den Kommissar, sagen sie einfach Herr Beiz, in Ordnung? Den Herrn Kwiebitz kennen sie ja bereits.” Beiz neigte den Kopf zur Linken, wo sein Assistent sich bemühte, einen abgeklärten Eindruck zu machen.
“In Ordnung.” Vincent blickte zu Kwiebitz hin. Er überlegte, dass es immer eigenartig war, einem alten Mitschüler oder einer alten Mitschülerin in einem neuen Umfeld zu begegnen. Sympathie half, sich damit zurechtzufinden. Das lag hier nicht vor.
“Also”, hob Beiz an, “wir arbeiten zusammen am Fall Christine. Unser gemeinsamer Bekannter, der Herr Schröer aus Holland, hat uns gebeten, sie an unseren Erkenntnissen teilhaben zu lassen. Dem kommen wir selbstverständlich nach. Sie können aber nicht erwarten, Herr Meurer, dass wir sie über jedes Detail und jeden unserer Schritte auf dem Laufenden halten, das ist ihnen hoffentlich klar.”
“Natürlich, Herr Beiz. Guus, also Herr Schröer, hat mir deutlich gemacht, dass wir unabhängig voneinander arbeiten sollen. Wichtige Erkenntnisse tauschen wir aus.”
“Selbstverständlich.” Beiz öffnete eine Schublade und nahm ein Blatt heraus. “Ich habe Ihnen hier eine Auflistung gemacht. Schauen sie sich das doch einmal an, Herr Meurer, und sagen sie uns, ob sie etwas zu ergänzen haben.”
Beiz reichte das Blatt herüber. Vincent nahm es und begann zu lesen.
“Gut”, sagte er nach einer Weile. “Sehr kompakt. Vielen Dank. Das kann ich mitnehmen, oder?” Beiz nickte. Vincent faltete das DIN A4-Blatt sorgfältig und steckte es in die rechte Tasche seiner schwarzen Jacke.
“Nun”, ergriff Beiz wieder das Wort, “es würde uns natürlich interessieren, ob sie von ihrer Seite etwas beizutragen haben, Herr Meurer. Sie sind die letzten Tage nicht untätig gewesen, nehme ich an.”
Vincent nickte. Auf dem Weg zum Polizeigebäude hatte er darüber nachgedacht, was er sagen und was er für sich behalten sollte. Zunächst einmal wollte er Samir nicht ans Messer liefern, weder hier noch bei Europol. Andererseits konnte die Spur der Übergaben an der Raststätte nicht unverflogt bleiben. Er musste sich da etwas einfallen lassen. Beiz würde er nichts davon sagen, aber mit Guus konnte er reden.
Es gab etwas, das ihn nach wie vor beschäftigte: dass er Lucien nicht aus dem Kopf kriegte. Natürlich konnte er sich irren, und Mirko hatte etwas ganz anderes gemeint. Mal sehen, ob Guus etwas über Luciens derzeitigen Status herauskriegen würde. Gerade weil diese Spur so unsicher war, war es eine Sache, die er Beiz und Kwiebitz als Köder hinlegen konnte.
Also sagte er jetzt: “Herr Schröer und ich untersuchen eine mögliche Verbindung zu einem französischen Grossdealer, der uns vor einigen Jahren durch die Lappen gegangen ist. Lucien Soundso, den Nachnamen habe ich gerade nicht parat. Fragen Sie Herrn Schröer. Alles, was zu diesem Lucien hindeuten könnte, interessiert uns brennend. Das ist im Grunde das einzige, was ich ihrem kompakten Bericht hinzuzufügen hätte.”
“Gut. Wird notiert”, antwortete Beiz und sah zu Kwiebitz hin, der sofort einen kleinen Block hervorholte und draufloskritzelte. Beiz lehnte sich zurück. “Dann können wir’s für heute eigentlich packen, oder?” sagte er. “Das war doch ein nettes Wiedersehen nach all den Jahren. Ich würde allerdings wirklich gern wissen, wie sie zu Europol gekommen sind, Herr Meurer. Was haben Sie denn nach der Schule gemacht, sicher irgendwas studiert, oder?”
Vincent nickte. “Germanistik und Philosophie.”
“Abgeschlossen?”
“Ich darf mich einen Magister Artium nennen.” Vincent schickte sich an aufzustehen.
“Germanistik machen viele in Nordingen, soweit ich weiss”, meinte Beiz und stand auf, Kwiebitz ebenfalls.
“Heidelberg”, korrigierte Vincent. “Ich habe in Heidelberg studiert.” Auch er war aufgestanden und rückte den Stuhl zurecht. Er sah, wie Beiz stutzte.
“Moment mal”, sagte Beiz. “Wir wissen, dass Christine Baggenfurth sich in Heidelberg und Umland getummelt hat. Und wir wissen, dass sie mit einem im Jahr 2001 ausgehobenen Dealerring in Verbindung stand. Das steht auch in dem Bericht, den ich ihnen gegeben habe. Wissen Sie, Herr Meurer, es gibt natürlich Zufälle, aber als altgedienter Polizist hat man manchmal das Gefühl, an dieser oder jener zufälligen Übereinstimmung könnte mehr dran sein. Was würden Sie denn eigentlich sagen, wenn ich Sie geradeheraus fragen würde, ob sie Christine Baggenfurth kannten?”
Vincent sah Beiz unverwandt an. “Ich würde sagen, fragen sie”, sagte er dann. “Das kostet bekanntlich nichts.”
Beiz’ Mundwinkel zogen sich zusammen. “Haben Sie Christine Baggenfurth gekannt?” fragte er.
“Nein.” Vincent legte die Hand auf die Stuhllehne. “Aber über die Aushebung des Dealerrings damals weiss ich Bescheid. Und ich kann ihnen verraten, dass das etwas mit meiner Arbeit für Europol zu tun hat. Zufrieden? Ein andermal erzähle ich ihnen vielleicht mehr. Jetzt muss ich aber los. Ich bin mit ein paar Linken verabredet, wir planen eine Demonstration gegen Hartz IV.”
“Schon gut.” Beiz räusperte sich. “Ich wollte ihnen nicht auf den Schlips treten. Gehen sie. Aber lassen sie uns wissen, wenn es etwas Neues gibt.”
“Moment mal”, liess sich sein Assistent nun zum ersten Mal vernehmen, “ich weiss nicht, ob wir hier nicht nachhaken sollten. Das Ganze kommt mir doch etwas undurchsichtig vor.”
Vincent sah seinen alten Mitschüler scharf an. “Polier doch deine Brille, Ben, dann siehst du vielleicht klarer”, sagte er.
“Halt, halt”. Beiz hob beschwichtigend die Arme. “Nicht in diesem Ton, in Ordnung? Ich glaube nicht, dass es einen Grund gibt, unser Verhältnis kaputtzumachen. Kwiebitz, Herr Meurer ist nicht als Beschuldigter gekommen. Unsere Kooperation sollte möglichst konfliktfrei bleiben. Schliesslich geht es dabei nicht nur um uns, sondern auch darum, dass wir Europol unterstützen und umgekehrt. Und vor allem darum, dass wir den Fall lösen.”
Vincent hatte Benjamin widerstrebend die Hand gegeben, Beiz freundlich verabschiedet und lief jetzt durch die Weststadt Richtung Bahnhof. Er dachte darüber nach, warum sein alter Mitschüler bei der Polizei gelandet war. Ein zweitklassiger Streber, der sich durch den übertriebenen und oft verfehlten Gebrauch von Fremdwörtern ausgezeichnet hatte. Benjamins Strebertum, überlegte Vincent, fand nun nicht mehr die natürliche Grenze, die ihm früher die Lehrer aufgewiesen hatten. An ihre Stelle trat in seinem Beruf das Gesetz. Ben konnte seine Unzulänglichkeiten kaschieren, weil er einer Sache diente, der alle sich unterordnen mussten. Hinzu kam der automatische Respekt den Exekutivorganen gegenüber.
Das waren Vincents Gedanken, als er den Maschmühlenweg erreichte. Die Gegend hinter dem Güterbahnhof kannte er nicht gut, deshalb ging er öfters hier entlang. Er sah links in der Ferne die beiden sogenannten Treppchenhäuser. Das waren Baracken, in denen viele Jahre Menschen gewohnt hatten, die man früher Zigeuner nannte. Jetzt waren sie verlassen und in einem elenden Zustand. Fledermäuse hatten sich dort eingerichtet. Die Häuser würden sicher bald abgerissen werden.
*
Die schroffe Berglandschaft lag in einem dunstigen Morgenlicht. Die Gebirgskette ringsum im Hintergrund hob sich weisslich davon ab. Die Strasse schlängelte sich langsam absteigend ins Tal.
“Ein immer wieder erhebender Anblick”, bemerkte Clint Clark. Er schaute nach links, dorthin, wo sich unter einem Viadukt eine unebene Grünfläche erstreckte. “Nicht wahr, Antonio?”
“Ich bin hier aufgewachsen”, antwortete der Chauffeur. Er steuerte den CL 500 umsichtig durch die Kurven. “Auf diesem Weg haben sich früher die Schäfer mit ihren Herden ins Tal hinabbegeben. Schauen Sie mal, da sind ein paar Kühe.”
Clark folgte dem ausgestreckten Arm des Chauffeurs. “Ah ja. Das muss ganz schön lange gedauert haben, bis die Schäfer im Tal waren.”
“Sicher. Damals gab es nicht die heutigen Möglichkeiten, und die Strassen waren noch nicht gebaut. Ich habe im Volkskundemuseum Bilder gesehen.” Antonio wischte sich ein paar schwarze Locken aus der Stirn. Er trug ein weisses Hemd und eine schwarze Krawatte, sein gewöhnlicher Aufzug.
“Heute geht alles schneller. Und das Geld rast um den Globus.” Clint Clark rückte den Gurt zurecht. Er trug ein grünes Seidenhemd und dazu eine dunkelgrüne Krawatte. “Übrigens, Antonio, Tenepreti hat gesagt, wir sollten uns nicht wundern, die Frau, die wir abholen, sei keine von der üblichen Sorte.”
“Ach ja? Kein TV-Sternchen? Keine Nachwuchsschauspielerin?” Der CL 500 fuhr in einen der zahlreichen Tunnel auf der Strecke.
“Offensichtlich nicht. Ich glaube, der Chef kennt sie aus der Zeit, die er in Deutschland verbracht hat.” Clark öffnete das Handschuhfach und begann darin herumzukramen. “Sag mal, lag hier nicht irgendwo eine ABBA-CD?” fragte er.
“Keine Ahnung.”
Mit dem Ende des Tunnels schien wieder das Morgenlicht ins Auto, und Clark hielt eine ABBA Gold in der Hand. “Hab sie.” Er löste den Silberling vorsichtig heraus.
“Deutschland.” Antonio rieb sich das Kinn. “Mein Bruder lebt mit seiner Familie in Deutschland.”
“Berlin?” fragte Clark.
“Münster.”
“Nie gehört.” Clark bugsierte die CD in den Player. “Was macht dein Bruder da?”
“Er ist Inhaber des Restaurants Brindisi.”
“Wirklich? Witzig. Dabei liegt das doch gar nicht in dieser Gegend.”
Es dauerte eine knappe halbe Stunde, und der CL hatte sich ins Tal hinuntergeschlängelt. Die Zeit wurde seinen beiden Insassen versüsst von den Klängen von “Eagle”, “Take a Chance with me”, “Dancing Queen”, “Lay all your Love on me”, “Super Trouper” und “Knowing me, Knowing you”.
Clark und Antonio fuhren kurz nach zehn auf den Bahnhofsparkplatz. Als sie in die Halle traten, holte der Chauffeur das Stück Karton hervor, auf das Clark den Namen der Besucherin gekritzelt hatte, wobei allerdings ein Buchstabe fehlte.
Es waren nicht viele Leute im Bahnhof. Clark und der Chauffeur stellten sich vor die Rolltreppe, die zu den Gleisen führte. Clark sah auf die Uhr.
“Der Zug müsste eben eingetroffen sein”, sagte er. “Gutes Timing.”
Antonio blickte zu ihm hin. “Ich weiss nicht, ich find’s irgendwie albern, mit so einem Schild im Provinzbahnhof. Wie auf dem Fiumicino.”
Clark blickte mit einem sauren Blick zurück. “Sollen wir unseren Gast vielleicht verfehlen? Was würde der Chef sagen? Das ist schon richtig so. Schau mal, es kommen Leute von oben.”
Fünf, sechs Leute, die zusammengehörten, kamen mit ihren Koffern und Taschen herunter, ihnen folgte in einigem Abstand eine Frau mit halblangen dunkelblonden Haaren und leichtem Handgepäck. Sie trug eine gewöhnliche Jeans, einen hellblauen Blazer und darunter ein unbedrucktes dunkelblaues T-Shirt. Sie sah die beiden Männer und das Schild, liess sich aber nichts anmerken, bis sie sich am Fuss der Rolltreppe befand. Dann ging sie mit einer ruckartigen Bewegung auf Clark und Antonio zu.
Auf dem Schild stand Marcia Hendriksen.
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