Die Schnitzeljagd (Folge XV)

 Vincent verliess das Cafe und trottete über den Bahnhofsplatz. Es war trocken, aber ein kalter Wind wehte. Vincent passierte die Pergola aus dünnen Säulen, die sich erst seit einigen Jahren dort befand und über den ganzen Platz erstreckte. Niemand wusste, wozu sie gut war, sie war nicht bedacht und auch nicht sonderlich schön. Am Busterminal schaute Vincent rechts zu der Stelle hinüber, wo die Bank gestanden hatte, auf der er Steffi seine Liebe erklärt hatte. Er war zunächst etwas traurig gewesen, dass sie nach dem Umbau nicht mehr da war. Aber dann hatte er sich gedacht, dass sie ihren Zweck erfüllt hatte und sich daher immaterialisieren konnte.

Vincent überquerte die Berliner Strasse und nahm den altbekannten Weg durch die Goetheallee. Vor dem Rasta-Laden stand eine junge Schwarze in einem farbenfrohen Kleid, deren Afro-Look einen etwas anachronistischen Eindruck machte. 

Als Vincent in Michaels Laden trat, liefen diesmal Outkast. Vor der Kasse drückten sich ein paar bemütze Teenager herum und unterhielten sich mit Michael über neuen deutschen Hip Hop. Michael fragte, ob sie nicht auch fänden, dass Fler einen türkischen Akzent habe. Vincent schmunzelte, aber die Kids konnten mit Michaels Humor wenig anfangen.

Vincent verzog sich nach links in die Vinyl-Abteilung. Anne hatte ihm einen Tip gegeben, und er suchte Scheiben von den White Stripes, Kills und Von Bondies heraus. Er setzte sich damit gemütlich in die Kopfhörerecke, und nach eineinhalb Stunden hatte sich seine Laune deutlich gebessert. Es war offensichtlich etwas dran an dem Rock-Revival. Da Vincent keinen Fernseher hatte, wusste er nicht, was auf Viva und vor allem Viva Zwei lief, und in Musikmagazine schaute er nur noch sporadisch. Beim Digger schanzten sie ihm inzwischen hauptsächlich CDs zu, die niemand anders besprechen wollte, meist Elektronikzeug, und so hatte er keinen Überblick über die allgemeine Entwicklung. Ihm schien oft, er befinde sich musikalisch noch in den Neunzigern, zwischen Nirvana und Primal Scream, den Sisters of Mercy und Massive Attack. “Rock ’n’ Roll ist zurück”, beschloss er, “wenn auch nicht gerade in Deutschland.” Er verstaute das Vinyl wieder an seinem Ort, fischte sich wie zur Bestätigung Munki von The Jesus and Mary Chain heraus und hörte sich noch einmal durch die ersten Stücke. 

Es war Viertel vor Sechs, als er sich von Michael verabschiedete und wieder auf die Goetheallee trat. Es begann dunkel zu werden, und als Vincent den Leinekanal überquerte und auf die Fußgängerzone kam, dachte er unwillkürlich an all die Abende und Nächte, die er in der Nordinger Innenstadt verbracht hatte, selten nüchtern, häufig unzufrieden, Teil einer planlosen Vorläufigkeit, die sich erst auflöste, als er nach Heidelberg ging. 

Mit gemischten Gefühlen stand Vincent vor der Gartenlaube, die innen heimelig beleuchtet war. Nun sollte er also etwas aus Samir herausbringen und weiter seine eigene Vergangenheit plündern, nur damit Europol ein paar Leute einbuchten konnte, eine Zirkulation von Rauschmitteln unterbinden, die anderswo bald von neuem beginnen würde. Wenn er in Den Haag war, dachte Vincent, würde wenigstens diese Zwischenexistenz aufhören, dieses Versteckspiel. Vor allem musste er zusehen, dass er den Übergang mit Anne hinkriegte. Das Treffen mit Samir war dagegen die leichtere Übung.

Vincent dachte daran, wie das heimelige Licht die Abende mit seinen Schulfreunden beschienen hatte, drückte die Klinke hinunter und trat ein. Das Lokal war noch ziemlich leer. Im hinteren Teil sass Samir vor einem Pils und winkte erfreut. Vincent grüsste zur Theke hin und machte sich auf dem Weg zu ihm. 

“So früh schon am Saufen?” Vincent zeigte auf das Pils. Er setzte sich. Samir trug dieselbe Kleidung wie bei ihrer letzten Begegnung.

“Ach komm, Vincent. Es ist schon Abend. Dafür nehme ich keine Drogen mehr.” Samir griff nach dem Gerstensaft und nahm einen tüchtigen Schluck.

Vincent lächelte. “Soll ich jetzt mit dem alten Spruch kommen: Alkohol ist auch eine Droge? Wenn ich mich recht entsinne, wurde das damals bei eurem Prozess als Argument gebracht, um das Strafmass herunterzusetzen.” Er sah sich um. Sie waren allein in diesem Bereich des Lokals. “Ehrlich, Samir, Respekt. Es ist nicht leicht, die Finger von dem Zeug zu lassen, wenn man es die ganze Zeit zur Hand hat.”

“Du sprichst offenbar aus Erfahrung. Nein, Vincent, die alten Zeiten sind definitiv vorbei. Jetzt mit Dreissig möchte ich nur noch meine Schäfchen ins Trockene bringen, dann springe ich ab.” Samir griff wieder nach dem Pils.

Die Kellnerin, ein gut ausgestattetes Pummelchen, das Einblicke gewährte, kam heran. Vincent bestellte ein kleines Pils. 

“Nicht schlecht, oder?” meinte er, als sie sich entfernte, mit dem Kopf zu ihr hindeutend.

“Könnte schlanker sein”, erwiderte Samir. “Schön, dass du dich mit mir solidarisierst.” Er deutete auf Vincents Pils. “Bist du auch Single?”

“Ich arbeite gerade daran, das zu ändern.” Vincent sah sich noch einmal um. “Hier waren wir oft zu Schulzeiten. Eigentlich hat sich kaum was verändert.”

“MPG, oder? Das Bonzengymnasium. Das passte zu euch. Wir waren meistens im KAZ.”

“Im KAZ kam alles zusammen. Aber das mit dem Bonzengymnasium war immer nur ein Klischee. Wir hatten vielleicht ein Bonzenkind im ganzen Jahrgang. Bonzengymnasium, Prollgymnasium, das hat nie wirklich gestimmt. Aber es geht wohl nicht ohne ein bisschen Klassenkampf.” Vincent griff nach seinem Pils.

“Wahrscheinlich.” Samir schien zu überlegen. “Ich habe noch einmal über Jan nachgedacht. Vielleicht ist er gar nicht mehr in Nordingen.”

“Gut möglich.” Vincent stellte sein Bier ab.

“Es wundert mich wirklich, dass du keinen Kontakt mehr hast. Ihr beiden schient die besten Freunde zu sein.”

“Das waren wir auch.” Vincent senkte den Blick und betrachtete nachdenklich den alten Holztisch, der wohl schon zu Schulzeiten hier gewesen war. Das Pummelchen näherte sich und entzündete die Kerze, die zwischen ihm und Samir stand.

Vincent überlegte kurz, dann entschloss er sich zu sagen, was ihm durch den Kopf gegangen war. “Kennst du das Lied von den Toten Hosen All die ganzen Jahre?” fragte er Samir.

“Ja. Warum?” 

“Das fällt mir immer ein, wenn ich an Jan denke”, meinte Vincent. “Manchmal genügt bloss der Abstand, zeitlich, räumlich, und eine Bindung, die ganz fest schien, löst sich in Nichts auf.”

“Ich weiss, was du meinst”, sagte Samir. Eine kurze Zeit herrschte Stille zwischen ihnen. “Wann haben wir beide uns eigentlich das erste Mal gesehen?” fragte er dann. 

“Irgendwann, als ich Jan wieder einmal im HG besucht habe. Um 1990 herum. Du warst an diesem Tag aber nur bedingt ansprechbar.”

Samir grinste. “Oh, Mann”, sagte er dann. “Damals hat die ganze Geschichte angefangen. Ich sage dir, Vincent, wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, dann würde ich vieles anders machen.”

Vincent sah ihn nachdenklich an. Er hatte Samir damals schon gemocht. “Du musst aufpassen, dass du jetzt noch gut durchkommst. Besser du gibst das Geschäft eher heute als morgen auf.”

“Zwei Monate, Vincent. Mindestens zwei Monate. So eine Gelegenheit konnte ich mir nicht entgehen lassen.” Samir trank sein Bier aus. 

Nun war es an der Zeit, die unvermeidlichen Fragen zu stellen. “Ich habe nicht ganz verstanden”, sagte Vincent. “Der Stoff kommt über Leute von ausserhalb, Leute, die du nicht kennst?”

“Ja.” Samir holte eine Packung Stuyvesant und ein kleines blaues Feuerzeug aus der Tasche seines Hoodies. “Es läuft ganz simpel. Dir kann ich’s ja erzählen. Treffen an der Raststätte, Übergabe, fertig. Geld über Tarnkonten. Das ist alles.”

“Würde mich trotzdem interessieren, woher die Leute kommen.”

“Süden, würde ich sagen. Den Kennzeichen nach. Keine Namen. Ich frage nicht. Ich will’s auch nicht wissen.” Samir zündete sich eine Kippe an. Hier an den hinteren Tischen, neben der Tür zum Biergarten, durfte noch geraucht werden. 

“Deutsche Kennzeichen?”

“Nicht nur.” Samir blies den Rauch aus und machte nicht den Eindruck, noch viel mitteilen zu wollen. Vincent beschloss, hier zunächst einzuhalten.

“Okay. Sei jedenfalls vorsichtig, Samir. Weisst du noch, was wir früher gesagt haben? Drogen nie zu Hause.”

“Drogen nie zu Hause.” Samir grinste. “Ich halte mich nach wie vor dran.”

Wieder herrschte einige Sekunden Stille.

“Wir haben uns mindestens zehn Jahre nicht gesehen”, sagte Samir dann. “Ich weiss nur, dass du nach Heidelberg gegangen bist. Erzähl doch mal, was hast du so alles gemacht?”

Vincent begann zu erzählen, verknappte manches und liess einiges aus, und Samir hörte aufmerksam zu. Dann erzählte Samir, und es war offensichtlich, dass es nicht wenige Parallelen gab. Als sie sich um halb neun trennten, dachte Vincent: Würde er in Nordingen bleiben, wäre er um einen Freund reicher.  


“Endlich. Ich habe auf deinen Anruf gewartet.”

“Es ist etwas spät geworden. Entschuldige.”

“Schon gut. Was hast du gemacht.”

“Einen alten Kumpel getroffen. Samir.”

“Und wie war’s?”

“Gut. Sehen wir uns heute noch?”

“Ich muss morgen früh raus.”

“Okay. Wann soll ich dich anrufen?”

“Um drei.”

“Wird gemacht. Also gut, dann sehen wir uns hoffentlich morgen.”

“Denke schon. Übrigens, Gruss von Horst.”

“Danke. Sag ihm bitte, dass ich kein Sozialdemokrat bin.”

Lachen. “Okay. Also dann bis morgen.”

“Bis morgen.”

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