Die Schnitzeljagd (Folge XIX)

 15


“Bist du Vincent? Ich soll dir das hier von Mirko geben.”

Der glatzköpfige, etwa vierzigjährige Mann holte ein Stück Papier aus der rechten Tasche seiner schwarzen Lederjacke. Darunter trug er ein weisses T-Shirt. Er war gedrungen und kräftig. Neben ihm stand ein schlanker Schwarzhaariger, bekleidet mit einer blauen Jeansjacke, einem blauem T-Shirt und blauen Jeans. Er war etwas jünger. Noch jünger war der Typ, der an der Wand des Wohnkomplexes in der Groner Landstrasse lehnte und ziemlich in die Breite ging. Er hatte kurze, an den Seiten rasierte blonde Haare und trug eine derjenigen Bomberjacken, die sich in ihrer bunten Coolness paradoxerweise dem Hippie-Design annäherten.

Vincent nahm das Stück Papier, das ihm der Glatzkopf hinhielt. Es war eine Visitenkarte. Als Vincent den Namen sah, stutzte er. Er drehte die Karte um. Auf der Rückseite stand in krakeliger Schrift: “Alles Gute, Mirko.”

Vincent steckte die Karte in rechte Tasche seiner schwarzen Jacke. “Vielen Dank”, sagte er. “Wo ist Mirko?”

“Er ist wieder in Düsseldorf”, liess sich der Schlanke vernehmen. “Zurück bei seiner Alten.”

“Ah ja.” Vincent sah zu der Deutschlandflagge hinauf, die im ersten Stock aus dem Fenster hing. Die drei Gestalten hielten offenbar keine weiteren Erklärungen für nötig.

“Also dann”, sagte Vincent. “Schönen Abend.” 

Er wandte sich um und schlenderte Richtung Hofausgang. Er ging hinüber auf die Berliner Strasse und machte sich auf den Weg zum Bahnhof. Ein leichter Wind wehte, und es nieselte. Vor dem Zoologischen Institut machte er Halt, griff er in die Tasche und betrachtete noch einmal die Karte.


Sören Barghauser

Musikproduktion - Eventmanagement

Waldschmidtstr. 19

60316 Frankfurt am Main

Tel. 069 710653


Verschiedene Fragen gingen Vincent im Kopf herum. Warum liess ihm Mirko die Visitenkarte von jemandem zukommen, den er bereits kannte? Aber dann wiederum: Konnte Mirko überhaupt wissen, dass Vincent Sören kannte? Wie man es auch drehte, es war offensichtlich, dass Mirko ihm etwas vorenthalten hatte. Also hatte er mit voller Absicht Andeutungen gemacht. Aber was sprang für Mirko dabei heraus? Handelte er in irgendjemandes Auftrag?

Vincent seufzte. Es konnte natürlich auch sein, dass er sich das nur deswegen zusammenreimte, weil er selbst einen Auftrag hatte und ermitteln musste. Woher sollte Mirko das wissen? Vielleicht war gar nicht so viel dahinter. Vielleicht hatte Mirko Sören irgendwann zufällig kennengelernt und machte sich mit der Karte einen kleinen Spass. Er hatte nicht einmal wissen können, ob und wann Vincent wieder in den Wohnkomplex kommen würde.

Vincents Gedanken wandten sich Sören zu. Er hatte ihn seit über vier Jahren nicht gesehen und eigentlich auch keinen Grund dazu. Sören wohnte also noch in Frankfurt. Er war damals gut aus der Sache herausgekommen, während Marcia und einige andere in den Knast wanderten. Im Grunde hatte er von Anfang an nur eine Koordinierungsfunktion gehabt. Als Lucien das Ruder übernahm, und seine Beziehung mit Marcia in die Brüche ging, hatte er sich langsam zurückgezogen.

Vincent war über den Busbahnhof gegangen und stand nun vor dem Hauptgebäude. Sollte er Sören anrufen? Oder gar in den nächsten Tagen nach Frankfurt fahren und schauen, was er so trieb? Weder zu dem einen noch zu dem anderen hatte Vincent Lust. Um eines würde er allerdings nicht herumkommen: Guus Bericht zu erstatten.  


Guus hörte sich an, was Vincent zu sagen hatte. “Ich bin auch nicht untätig gewesen”, erklärte er dann. “Ich habe mich über Lucien Tenepreti schlau gemacht. Und ich habe mir noch einmal die Akte über die Geschehnisse im Jahr 2001 durchgelesen.”

“Und zu welchen Ergebnissen bist du gekommen, Guus?”

“Wir hatten gegen Tenepreti damals nichts in der Hand als deine Aussage.” Vincent hörte, wie Guus auf seinem Schreibtisch Geräusche machte. “Mit den Deals selber konnten wir ihn nicht in Verbindung bringen. Wir haben ihn verhört. Er hat den Mann von Welt gegeben.”

Vincent lachte auf. “Darin war er immer gut.” 

Guus fuhr fort: “Seitdem liegt nichts gegen ihn vor. An und für sich haben wir keine Veranlassung, ihn mit irgendetwas bei euch in Nordingen in Verbindung zu bringen. Hast du wirklich keinen konkreten Hinweis, Vincent?”

“Nein. Nur so ein Gefühl, aber das kann natürlich täuschen. Wir haben allerdings noch eine andere Person aus der Vergangenheit und zwar eine, die mit Namen und sogar Adresse aufgetaucht ist: Sören.” Vincent warf noch einmal einen Blick auf die vor ihm liegende Visitenkarte.

“Richtig. Vincent. Ich erinnere mich, du hast mal gesagt, dass du Frankfurt ganz gern magst, nicht wahr?”

“Oh nein, Guus, ich glaube, ich weiss, was jetzt kommt. Du willst, dass ich hinfahre?” Vincent warf einen Blick aus dem Fenster in der plötzlichen Hoffnung, Anne auf der Strasse zu sehen.

“Natürlich, du fauler Sack. Mach eine halbwegs ordentliche Spesenrechnung, und du kriegst alle Ausgaben zurückerstattet. Bist du denn gar nicht neugierig zu sehen, was dein alter Kumpel macht?”

“Ich habe mir Sören Barghauser nicht als Kumpel ausgesucht, Guus.” Vincent richtete seinen Blick wieder auf die Karte. “Ich musste mich nolens volens damit abfinden, dass er zur Clique gehörte. Ich habe ihn nie besonders gemocht.” Er griff nach der Halbliterdose Veltins, die auf dem Tisch stand und füllte das Glas auf.

“Ach komm, Vincent. Tu mir den Gefallen. Vielleicht bringt es uns weiter.”

“OK.” Vincent nahm einen tüchtigen Schluck Bier. “Ich nehme morgen den Interregio. Auch wenn ich eigentlich keine Lust habe.”

“Was glaubst du, was wir bei Europol alles machen müssen, wozu wir keine Lust haben, Vincent! Besser du gewöhnst dich daran.”

“Das ist mir schon klar, Guus.” Vincent wandte seinen Blick wieder der Strasse zu. “Aber vielleicht habe ich doch ein wenig Lust auf Frankfurt. Sören wohnt in der Nähe des Mousonturms, da war ich früher schon mal.”  

“Gut. Dann wäre für heute alles besprochen, oder?”

“Nur noch eine Sache, Guus. Da ich dir einen Gefallen tue, kann ich dich wohl ebenfalls um einen bitten.” Vincent begann, das Bierglas zu drehen. “Samir und die Raststättengeschichte. Mir ist klar, dass da was geschehen muss. Aber bitte, Guus, sag Beiz noch nichts davon und vor allem nichts von Samir. Ich will ihn nicht ans Messer liefern. Ich mag ihn.”

Es entstand eine Pause. Offenbar überlegte Guus. Dann hörte Vincent, wie er sich räusperte. 

“In Ordnung, Vincent. Stellen wir das zurück. Wir sind ja auch nicht daran interessiert, irgendwelche Dealer mit kleineren oder mittleren Mengen zu verhaften wenn nicht im Zusammenhang einer grösseren Aktion. Natürlich wäre es sinnvoll, wenn Beiz uns irgendwie zuarbeiten kann, aber… Hast du nicht gesagt, dass Samir sowieso aussteigen will?”

“Ja. Allerdings erst in zwei Monaten oder so.” Vincent nahm einen weiteren Schluck von dem Veltins.

“Mhm. Ich denke, da lässt sich was machen. Einverstanden, Vincent, wir lassen vorerst deinen Kumpel in Ruhe, und du fährst für uns nach Frankfurt.”

“Vielen Dank, Guus. Ich schicke dir eine Ansichtskarte vom Römer.”

“Fantastisch. Ruf aber Sören an, bevor du fährst. Ob er überhaupt da ist.”

“Natürlich.”   



16


Sören war einigermassen überrascht gewesen, von Vincent zu hören, hatte ihn aber herzlich zu sich eingeladen, als er erfahren hatte, dass sein alter Kumpel aus Heidelberger Tagen zwecks einer journalistischen Recherche nach Frankfurt kommen würde. Von Mirko Jackpot hatte er nie etwas gehört. 

Vincent sass im spärlich besetzten Interregio am Fenster und betrachtete die Landschaft vor Kassel. Wieviele Male war er auf dieser Strecke gefahren! Acht Jahre, das ganze Studium lang, von Nordingen nach Heidelberg und zurück, Anfang und Ende der Semesterferien, nicht selten auch in der Vorlesungszeit, und zum Schluss viele Male mit Marcia.

Er dachte an den Abend zuvor, den er bei Horst und Anne verbracht hatte. Die Frankfurtfahrt hatte er mit einer Story für den Digger über den Mousonturm erklärt. Horst hatte von Afrika erzählt und Verständnis gezeigt, als Vincent und Anne sich eine Weile in Annes Zimmer zurückzogen. Annes schlanker Körper, ihr widerspenstiges lockiges Haar… Die Queens of the Stone Age begleiteten die rasche Zusammenkunft.

Wie der Zug sich Kassel-Wilhelmshöhe näherte, wanderten Vincents Gedanken zurück zu der palindromischen Fast-Namensvetterin seiner neuen Freundin, und fast zwangsläufig kamen ihm die Klänge von “Pure Morning” in den Sinn, die alte Ungewiss- und Verlorenheit… 

Vincent hatte den Eindruck, dass er sie erst jetzt mit Anne und dem neuen Job wirklich hinter sich liess, obwohl er sich örtlich auf sie zubewegte. Eine neue Melodie übertönte die alte, neue Perspektiven verdrängten alte Fixierungen. Vielleicht machte ein Wiedersehen mit Sören in diesem Zusammenhang Sinn. 

Der Zug verliess Kassel-Wilhelmshöhe, wo er sich ein wenig gefüllt hatte. Wabern-Treysa-Marburg-Friedberg. Die Stationen vor Frankfurt. Vincent holte den Erzählungsband von Bukowski hervor, den Horst ihm ausgeliehen hatte. Erneut fragte er sich, ob er ausser journalistischen Sachen auch literarische Prosa schreiben könnte. Am besten wäre es, mit solch kurzen Geschichten anzufangen. Man durfte es jedenfalls nicht so machen wie Conrad von Unisolo und einfach loslabern. Vielleicht mit bestimmten Situationen aus dem Leben beginnen, abgrenzbaren Einheiten, wie zum Beispiel die Tage nach Annas Weggang, REMs “Drive”, ihr Parfüm in der Luft und die dräuende Haltlosigkeit…  

Kurz nach Treysa begann es leicht zu regnen, aber als die Frankfurter Vororte an den Fenstern vorbeizogen, hatte es längst aufgehört, und es war sogar ein wenig Sonne hervorgekommen. Vincent schaute auf die Uhr. 11:20. Er sollte erst etwas essen gehen und sich dann Richtung Mousonturm bewegen. Sörens Büro befand sich auf derselben Strasse wie das Kulturzentrum. “Wenn du irgendwann nach zwei eintrudelst”, hatte er gesagt, “haben wir massig Zeit.”


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