Die Schnitzeljagd (Folge XIV)

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“Leute, ihr könnt euch nicht vorstellen, wie froh ich bin, von Hartz IV weg zu sein.” Vincent schaufelte sich noch ein Stück von dem Gratin, den Horst ganz alleine zubereitet hatte, auf den Teller.

“Wie läuft das eigentlich, wenn man Hartz IV beantragt?” fragte Anne.

“Nun”, meinte Vincent mampfend, “erst einmal meldest du dich arbeitslos. Dann bist du in der Sozialmühle drin. Und damit greifen die neuen Gesetze. Du bekommst einen Bearbeiter zugeteilt…”

“Fallmanager”, korrigierte Horst, “Fallmanager heisst das jetzt.” 

“Ach ja, richtig. Immer dieses Neusprech. Module an der Uni, Manager beim Arbeitsamt. Ist euch schon mal aufgefallen, dass immer mehr englische Worte benutzt werden? Lest euch einmal Stellenangebote für die höheren Etagen durch. Ein Paralleluniversum.” Vincent griff nach seinem Glas mit dem Chardonnay, den Anne mitgebracht hatte.

“Das sind die Zeichen des Neoliberalismus, mein Lieber”, sagte Horst. “Für all das kannst du dich bei Gerhard Schröder und der Agenda 2010 bedanken.”

“Stimmt wohl”, erwiderte Vincent. “Aber nur mit dem Genossen der Bosse konnte die SPD damals die Wahlen gewinnen.”

“Bist du vielleicht ein verkappter Sozialdemokrat, Vincent? Dann weiss ich nicht, ob ich mit dir an einem Tisch sitzen will.” Horst, der neben Vincent sass, rückte mit dem Stuhl ein Stück ab. 

Anne betrachtete ihn amüsiert. “Schröder war immerhin gegen den Irak-Krieg”, sagte sie. “Aber erzähl doch mal weiter, Vincent. Wie läuft das auf dem Arbeitsamt?”

“Also, der Fallmanager begleitet dich, wie der Name schon sagt, bei deinem Fall aus der Mitte der Gesellschaft beziehungsweise deinem sozialen Abstieg. Du musst dich regelmässig bei ihm melden, und er oder sie - bei meinem Fall war es eine Frau - schanzt dir Jobangebote zu, die du nicht endlos ablehnen kannst. Oder unterbreitet dir Vorschläge zur Fortbildung. Ich habe einmal eine Fortbildung gemacht, weil ich schon zu viele Jobs abgelehnt hatte.”

“Und wofür?” wollte Anne wissen.

“Computerkram. IT-Kenntnisse. Das wird besonders gerne angeboten. Ende letzten Jahres  war es aber soweit, dass ich einen Job annehmen musste. Ich habe in einem Copyshop gearbeitet. Bis zum Frühjahr.”

“In welchem?” Fragte Anne.

“Jüdenstrasse. Der dem Afghanen gehört. Kennst du den?”

“Klar. Und was hast du ab dem Frühjahr gemacht?”

“Nicht viel, ausser dass ich weiter für den Digger geschrieben habe. Und dann hat sich irgendwann dieser alte Freund von mir aus Hamburg gemeldet. Durch ihn habe ich den Job beim Verlag gefunden.” Vincent leerte sein Glas.

“Ich freue mich für dich”, meine Anne. “Nur dass wir nicht mehr in der gleichen Stadt wohnen werden.”

“Wir bleiben in Kontakt”, erklärte Horst. “Selbst wenn du ein verkappter Sozialdemokrat bist. Noch etwas Wein?”

Vincent nickte. Er fühlte sich wohl hier. Seltsam, dass er die beiden gerade jetzt, auf dem Sprung zu Europol kennengelernt hatte, dachte er. Vor allem Anne. Aber ihm schien, es mache auf eine vertrackte Art Sinn. 

Nach dem Essen wurde solidarisch zu dritt abgewaschen, und dann machte sich Vincent auf den Weg. “Ich rufe dich heute abend an”, hatte er zu Anne gesagt und das Gefühl gehabt, dass ihre Verbindung fest genug war, nicht alles genau planen zu müssen. 

Vincent ging über den Campus in Richtung Innenstadt. Es war nicht viel los. Der grosse graue Komplex des Vorlesungsgebäudes, das sich vom Blauen Turm bis zum grossen Viereck zwischen der Universitätsbibliothek, dem Juristischen Seminar auf der einen und dem Theologischen Seminar und dem Seminar für Wirtschaftswissenschaften auf der anderen Seite erstreckte, wirkte wie etwas, das auch etwas anderes sein konnte, eine grosse Laborstätte oder ein Vorratslager. Vincent ging rechts an der Skulptur vorbei, die ein bekannter Schriftsteller der Universität geschenkt hatte, und dann den Weg zum Fitnesscenter hinunter, das sich rechts am Eingang zum Campusgelände befand. Er passierte die Kreuzung und links das Auditorium, bis er an die Stelle kam, wo beiderseits der Weg zum Wall führte, die alte Befestigung, welche den Stadtkern umschloss. 

Vincent ging an den wohlbekannten Läden vorbei, und ihm wurde bewusst, dass er in einer Woche in Holland sein würde. Er wollte diese Zeit so gut wie möglich nutzen.


Carl Beiz schloss den Aktenordner, den er missmutig studiert hatte, und stellte ihn in die Reihe links neben dem PC. Vor ihm stand Benjamin Kwiebitz, dienstfertig und aufnahmebereit, begierig zu erfahren, weshalb sein Chef ihn herbeizitiert hatte. Dieser schaute ihn mit verkniffenem Mund an.

“Seit die Kanaken das Eros-Center übernommen haben, laufen die Dinge dort nicht mehr wie gewohnt”, eröffnete Beiz seinem Assistenten.

“Worauf spielen Sie genau an, Kommissar, wenn ich fragen darf?” Kwiebitz rückte seine Brille zurecht. Wäre er ein Soldat, hätte man sagen können, dass er nun vorsichtig in den Rührt euch-Modus überging. 

“Später. Ein andermal. Anatolenbosse und Ostfleisch, wenn du da einmal an der Oberfläche kratzt, hast du sofort beide Hände im Dreck. Lassen wir das für heute. In zwei Stunden ist Feierabend. Kommen wir zum Fall Christine. Kwiebitz, sagt dir der Name Vincent Meurer etwas?”

Der Assistent nickte. “Natürlich. Ich war mit ihm zusammen auf der Schule.”

“Ach ja? Das wusste ich gar nicht. Nun, wir haben den guten Vincent in unserer Datei mit ein paar Kleinigkeiten aus den Neunzigern. Er ist im Dunstkreis des damaligen Drogenhandels aufgetaucht, er kannte Libanesen, er kannte Afghanen, aber er war offenbar eine Randgestalt. Wir haben ihn ein paar Mal verhört, verurteilt wurde er aber nur einmal wegen Sachbeschädigung und Ruhestörung.”

Kwiebitz hatte aufmerksam zugehört. “Ich war damals noch in der Ausbildung, mir ist aber einiges zu Ohren gekommen. Ich muss sagen, es hat mich immer gewundert, dass ein relativ intelligenter Typ wie er in solche Kreise geraten ist. Aber er hatte schon in der Schule die falschen Freunde.”

Beiz runzelte die Stirn. “Ja? Na, jetzt kommt jedenfalls der interessante Teil. Meurer steht in Verbindung mit Guus Schröer, unserem Freund von Europol. Er ist so was wie ein freier Mitarbeiter, wenn ich das richtig verstanden habe. Es scheint mir ein wenig seltsam, aber jedenfalls will Schröer, dass wir mit Meurer zusammenarbeiten.”

Kwiebitz hatte Mühe, sein Erstaunen zu verbergen. “Ich verstehe nicht ganz, Kommissar. Was ist das für eine Zusammenarbeit? Ist Meurer ein V-Mann?”

“Nein”, sagte Beiz. “Schröer hat deutlich gemacht, dass er das nicht ist. Er hat den Ausdruck ‘freier Mitarbeiter’ benutzt und erklärt, dass Europol manchmal die Hilfe solcher Externer in Anspruch nimmt.”

“Kommissar, mir kommt das merkwürdig vor. Sollen wir Meurer nicht mal unter die Lupe nehmen?” Kwiebitz rückte seine Brille zurecht.

“Und damit womöglich Europol hineinpfuschen? Das werden wir nicht tun. Nein, Kwiebitz, wir werden zusehen, dass wir von Meurer profitieren. Das werden wir tun. Erst einmal wird er herbestellt, und wir schauen, was er zu sagen hat. So sympathisch mir der Herr Schröer auch ist, wenn er glaubt, wir würden alle unsere Ermittlungsergebnisse mit Meurer teilen, so irrt er sich. Wir werden ihm das, was uns dienlich ist, mitteilen, damit kann er sich dann beschäftigen, und wir haben hoffentlich auch was davon.”

Kwiebitz nickte. “Sehr richtig, Kommissar. Es kann ja nicht sein, dass ein Externer einfach so gleichberechtigter Mitarbeiter der Polizei wird. Noch dazu mit einer derart fragwürdigen Biographie.” 

“Ja gut, Kwiebitz, du musst jetzt aber auch keine Moralpredigt halten. Lass mal raten, du und der Meurer wart auf der Schule keine Freunde, richtig?” Beiz fischte sich einen neuen Aktenordner.

“Nein, Kommissar. Von einem bestimmten Punkt an habe ich Abstand von ihm gehalten. Und von seinen Freunden.”

“Ah ja. Nun, Menschen können sich ja bekanntlich auch ändern, obwohl wir bei der Polizei besonders vorsichtig mit dieser Annahme sind. Kwiebitz, nimm dir doch endlich einen Stuhl.” Beiz schlug den Ordner auf und blätterte. 

Benjamin Kwiebitz griff sich den Stuhl, der hinter ihm vor dem Regal stand, wo sich die Ordner mit den abgeschlossenen Fällen befanden. Beiz hatte nun die gewünschte Seite gefunden und studierte sie. Dann blickte er auf.

“Ich referiere einmal”, sagte er. “Christine Baggenfurth ist in Neckarhausen, einem kleinen Ort zwischen Mannheim und Heidelberg, geboren. Sie kommt aus soliden Verhältnissen, gerät aber schon früh auf die schiefe Bahn und ist mit siebzehn Jahren heroinabhängig. Von da an ist ihr Lebenslauf eine einzige Katastrophe. Es wundert mich eigentlich, dass das Ende nicht schon früher kam. Entziehungskuren und Rückfälle, schön gleichmässig, und dann der hässliche Teil, Beschaffungskriminalität, ein paar besonders unschöne Dinge, Knast, Entlassung, wieder an der Nadel. Ihr Name taucht im Zusammenhang  mit einem Dealerring auf, der 2001 von Europol ausgehoben wurde. Hm. Das wird Herrn Schröer interessieren. Bei der Toten wurde nicht viel gefunden, das uns weiterhelfen könnte, ausser einer Telefonnummer auf einem Fetzen Papier in ihrer Brieftasche, einer Nordinger Festnetznummer. Rate mal, Kwiebitz, wo sich die Adresse dazu befindet.”

Kwiebitz zuckte mit den Schultern. “Keine Ahnung.”

“In der Roten Strasse. Und zwar dort, wo unsereins besonders gern gesehen ist. Kwiebitz, du kannst dich schon mal auf einen netten Besuch freuen.”


*


Vincent hatte alle Spielotheken in der Innenstadt abgeklappert. Schliesslich war er zum Block in der Groner Landstrasse gegangen, aber dort war Mirko auch nicht. Er hatte dann noch ein paar Typen auf dem Hof, die offenbar zur Deutschlandfraktion gehörten, nach ihm gefragt, aber die hatten ihn auch nicht gesehen. Schliesslich hatte er im Bahnhof einen Kaffee getrunken und Samir angerufen.

Samir freute sich offensichtlich, von Vincent zu hören. Man verabredete sich um sechs Uhr in der Gartenlaube, der kleinen Kneipe am Rathausplatz, schon zu Vincents Schulzeiten beliebt und kaum verändert.

Vincent sah auf die Uhr. Noch über zwei Stunden. Er beschloss, Michael Holsten und seinem Vinyl einen Besuch abzustatten.

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