Die Schnitzeljagd (Folge XIII)
Nachdem Vincent Anne vor der Mensa verabschiedet hatte, ging er in die gegenüberliegende Spielothek am Iduna-Zentrum. Kein Mirko, weder an den Automaten noch bei den Flippern und auch nicht im Raum für die Sportwetten. Vincent sah sogar unten im Billardzimmer nach, obwohl er wusste, dass Mirko dort kaum jemals zu finden war.
Vincent war Jahre nicht mehr hier gewesen. Es hatte eine Zeit gegeben, in der er sich oft mit Jan hier herumgetrieben hatte, zum Beispiel, wenn sie aus der Kneipe kamen und keine Lust hatten, sofort nach Hause zu fahren. Man konnte auch Leute aus Tschingis’ Clique nicht selten hier finden. Jetzt, kurz nach elf, drückten sich nur ein paar Unverbesserliche vor den Fussballstatistiken herum. Vincent stellte fest, dass sich manches verändert hatte. Einige Spiele gab es nicht mehr, und man hatte mehr Platz für den Sportwettenbereich geschaffen. Den Sopranos-Flipper hatte es früher auch nicht gegeben. Viele lagen Vincent in den Ohren, er solle sich unbedingt diese neue Amiserie anschauen. Und das Anti-Terror-Ding mit Kiefer Sutherland. Aber Vincent hatte nicht einmal mehr einen Fernseher. Er lieh sich ab und zu in der Videothek im Galluspark italienische B-Movies aus den Siebzigern aus, griff auch nach ein paar zum Verkauf stehenden Schnäppchen, konsumierte sie auf dem Laptop, und das war ihm genug.
Vincent ging auf der Hannoverschen Strasse nach Hause. Also das Kreuzberg hiess nun Hemingway’s. War das Teil der fortschreitenden Amerikanisierung? Keine Ahnung, vielleicht musste er sich es von innen ansehen. Was sich auf jeden Fall verändert hatte, war, dass die Trinkstätten der Jugend nun heller, greller, chiquer designt waren, das war Vincent schon in Heidelberg aufgefallen. Er mochte es nicht. Er war nun einmal anders aufgewachsen, nicht cocktailschlürfend im wandkahlen Easy Listening-Ambiente. Neulich hatte er an einem Laternenmast einen Werbeaufkleber gesehen, der auf ein nahes Lokal verwies: “Wo Kneipe noch Kneipe ist”, stand darauf. Vincent war also offenbar nicht der einzige, der diese Entwicklung bemerkte.
Auf dem Rewe-Parkplatz, in den er nun einbog, tat sich inzwischen eingies. Vincent durchquerte ihn und kam auf seine Strasse. Kaum hundert Meter bis zu dem Wohnklotz. Er würde ihn in guter Erinnerung behalten. Zwei Jahre lang hatte er ihm ein karges, aber zweckmässiges Domizil geboten.
Als Vincent in den Hausflur getreten war, kam ihm Rocko entgegen. Rocko war gross und schlank. Sein athletisches Aussehen wurde von der grossen grauen Sporttasche in seiner Hand unterstrichen. Wann immer Vincent ihn traf, hatte er sie dabei. Und Rocko trug stets dieselbe graue Jacke mit dem hellblauen Pullover darunter. Er machte den Eindruck, dauernd unterwegs zu sein. Vincent schätzte ihn auf Mitte Vierzig.
“Guten Tag, Vincent.” Rocko machte halt und stellte die Tasche auf den Boden. “Wie läuft’s?”
“Man schlägt sich so durch.” Vincent überlegte kurz, dann beschloss er, seinem Flurnachbarn die Neuigkeit mitzuteilen. “Schau mal, Rocko”, sagte er, “ich bin nächste Woche weg. Ich gehe nach Hamburg.”
“Oh”, sagte Rocko. Er fuhr mit der Hand durch seine dunkelblonden Stoppeln. “Hamburg. Gutes Pflaster. Mein Bruder wohnt dort. Hast du einen Job da?”
“Ja”, log Vincent weiter. “In der Buchbranche.”
Rocko nickte. “Sehr schön. Weisst du, mich hält eigentlich auch nichts mehr hier. Kaputte Gegend. Ich hatte einen Auftrag, der ist erledigt.” Er dachte kurz nach. “Ich bin ziemlich oft in Hamburg”, sagte er dann. “Wo wohnst du dort?”
“Ich ziehe erst mal zu einer Freundin”, spann Vincent den Faden weiter. “Aber sobald ich eine eigene Bude habe, sage ich dir Bescheid.”
“Unbedingt”, nickte Rocko. “Du wirst Hamburg mögen. Ich zeige dir die Reeperbahn. Und noch einige andere Sachen.”
“Gebongt.” Vincent setzte sich in Bewegung. “Ich bin etwas in Eile. Wir sehen uns.”
“Alles klar.” Rocko schlug Vincent auf die Schulter und ging auf die Haustür zu, die kurz darauf ins Schloss fiel.
Vincent hatte ihm nachgesehen. Er hatte nie herausgefunden, was Rocko genau machte. Wenn er ihn danach fragte, verloren sich seine Erklärungen in einem vagen Kreisen um das Wort “Immobilien” herum. Und immer wurde der Bruder erwähnt, offenbar ein hohes Tier in der Baubranche. Vincent dachte an Tschingis und dessen Hamburger Aktivitäten. Ob Rocko ihn wohl kannte? Vincent konnte ihn sich schlecht in einer Kanakenclique vorstellen. Irgendwann hatte er aufgehört zu fragen und sich mit Rocko nur noch über Musik und Nordinger Verhältnisse unterhalten.
Als Vincent in den dritten Stock kam und auf den Flur trat, kam ihm die junge Medizinstudentin entgegen, die ihm gegenüber wohnte. Die Kaputtheit der Gegend hatte noch nicht alle Studenten aus dem Wohnklotz vertrieben, aber es wurden immer weniger.
Im Zimmer liess Vincent sich auf den unten mit Rädern versehenen Holzstuhl vor der Tischfront fallen. Ein paar Aktenordner links, Papiere und Bücher über die ganze Fläche verstreut, in der Mitte der Laptop, links daneben das Telefon, das schwarze Standardmodell von der Telekom für sechzig Euro. Vincent hatte kein Handy.
Er sah auf die Uhr. Viertel vor Zwölf. Er sollte nicht trödeln, dachte er. Anne wartete auf ihn. Kurzerhand griff er zum Telefon und wählte eine Nummer in Holland, die in keinem Telefonverzeichnis zu finden war.
“Hier ist die deutsche Provinz”, erklärte er, noch bevor Guus seine dienstlichen Begrüssungsfloskeln beendet hatte.
“Vincent, kannst du dich nicht einmal in gewöhnlicher Weise melden?” Es war förmlich zu spüren, wie sich Guus’ Mundwinkel zusammenzogen.
“Unsere Kooperation war nie gewöhnlich, Guus.”
“Du wirst dich wundern, mit was für Gewöhnlichkeiten wir dich in Den Haag zudecken werden. Ich hoffe, du bist noch in der Lage, einen ganzen Tag lang am Schreibtisch zu sitzen.”
“Ich werde es lieben. Vor allem, wenn ich an das Gehalt denke.” Vincent hörte Guus leise lachen. “Pass mal auf, Guus, es gibt Neues.”
Und Vincent erzählte Guus fast alles, was er in Erfahrung gebracht hatte. Er erzählte ihm von Samir und von Mirko. Er erzählte ihm von einer WG, wo er nun ein- und ausgehen würde. Er erzählte ihm von Christine. Er erzählte ihm, dass Luciens Name zwar nicht gefallen war, dass es aber eine mögliche Spur zu ihm gebe. Was er ihm nicht erzählte, war, wer das Mädchen aus der WG war, dem er so viele Informationen verdankte.
“Das ist gut, Vincent”, sagte Guus, nachdem er sich alles angehört hatte. “Das ist wirklich gut. Mach da weiter.” Kurze Pause. “Lucien. Wie hiess er noch mal mit Nachnamen?”
“Ich weiss nicht mehr”, sagte Vincent. “Irgendwas Italienisches.”
“Na gut, ich schaue nach. Denkst du wirklich, er könnte etwas mit der Sache zu tun haben?”
“Ich weiss nicht, ich habe da so ein Gefühl. Ich sollte wieder mit Mirko sprechen.”
“Tu das. Hm, dieser Lucien ist damals gut aus der Sache herausgekommen, nicht wahr?”
“Er hat sich früh genug abgesetzt. Er hat uns den ganzen Mist ausbaden lassen, den er uns aufgeschwatzt hat.” Die Erinnerung liess ein Stück von dem alten Ärger in Vincent aufsteigen.
“Hast du seither etwas von ihm gehört?”
“Rein gar nichts. Ich habe allerdings auch nicht nach ihm gesucht. Ich war froh, dass das Ganze vorbei war.”
“Und deine Freundin? Was ist aus der geworden?”
“Marcia? Als sie aus dem Knast war, ist sie einmal bei mir aufgetaucht. Es war kein schönes Wiedersehen. Ich glaube, sie ist zurück in den Norden gegangen.”
“Mmh. Okay. Gut, Vincent. Du weisst, was du zu tun hast. Halt mich auf dem Laufenden. Ich werde inzwischen meine Kenntnisse über Lucien Italiano auffrischen. Wer sagt denn, dass er nicht mehr im Geschäft ist? Ach, übrigens, du weisst ja, ich habe der örtlichen Behörde erzählt, dass du mit an der Sache dran bist. Kommissar Beiz wird sich bald bei dir melden.”
Vincent stockte. “Kommissar Carl Beiz?” fragte er dann.
“Ich denke doch. Gibt es da ein Problem?”
Vincent seufzte. “Im Prinzip nein. Nur ein paar alte Kamellen. Wenn es sein muss, rede ich mit Beiz. Das wird bestimmt eine launige Begegnung.”
“Viel Spass, mein Freund. Schau, ich muss jetzt Famke anrufen. Unsere Jüngste macht in der Schule Probleme.”
“Am Diensttelefon? Hätte ich nicht von dir erwartet, Guus.”
“Wenn du hier bist, können wir uns gegenseitig überwachen. Hast du denn inzwischen die Braut gegenüber angebaggert?”
“Ja. War nicht so prall”, log Vincent und genoss es, seine neue Flamme zu zitieren.
“Wenn du hier bist, musst du mir alles erzählen. Also dann, Vincent. Auf bald.”
“Gruss an Famke.”
“Ja. Ciao.”
“Ciao.”
Guus hatte aufgelegt. Vincent tat dasselbe. Er erinnerte sich, er hatte Famke kennengelernt, als er in Den Haag war, das einzige Mal. Das war kurz nach der Auflösung der Gruppe gewesen. Guus hatte ihn gerade engagiert, und Vincent hatte ihm die Stelle an der Grenze gezeigt, wo die Connection, die Lucien ihnen aufgeschwatzt hatte, die Ware ins Land brachte. Das hatte einen schönen Fang gegeben. Weisst du was, hatte Guus gesagt, du kommst jetzt einfach mit zur Behörde. Bist ja jetzt einer von uns. Da können wir schön alles zu Protokoll bringen.
Sie kannten sich damals noch nicht gut, und Vincent hatte gezögert.
“Was ist?” hatte Guus gefragt. “Keine Lust auf einen Abstecher in meine Heimat?”
“Doch, doch”, hatte Vincent geantwortet. “Ich war bisher zwar immer in Amsterdam, aber Den Haag ist sicher auch ein nettes Plätzchen.”
So hatte es angefangen, dass er Guus kennen und schätzen gelernt hatte, den Mittvierziger mit Frau und zwei Kindern, der ihm eine neue Perspektive gab, nicht ganz uneigennützig. Nachdem in der Behörde das Dienstliche erledigt war, hatte Guus Vincent in ein indonesisches Restaurant eingeladen, und Famke war mit den beiden Kindern, die sie vom Sport abgeholt hatte, vorgefahren. Sie hatte schon gegessen und blieb nur auf einen Kaffee, während den Kleinen Süsskram und Cola serviert wurde. Vincent war erstaunt gewesen, wie locker Beruf und Privatleben bei Guus ineinander übergingen, und er hatte die dunkelhaarige Famke, die etwa in Guus’ Alter war, sympathisch gefunden. Guus hatte ihm nach dem Essen ein Hotel organisiert, und Vincent war am nächsten Tag nach Deutschland zurückgefahren, um einen Nebenjob reicher. Seine bisherigen Bekanntschaften mit Polizisten waren anders verlaufen, siehe Beiz.
Jetzt aber wartete Anne auf ihn. Vincent schüttelte die Erinnerungen ab und beschloss, sich auf den Weg zu machen.
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