Die Schnitzeljagd (Folge XI)
10
Die Sonne, die durchs Fenster drang, weckte Vincent um acht Uhr und zwei Minuten, wie er an dem kleinen Wecker ablas, der unten im Regal neben dem Bett stand. Sein Blick wanderte über den Teil von Annes nacktem Rücken, den die Bettdecke freiliess, ihr braunes Haar und ihre rechte Schulter, den Arm, der nachlässig neben dem Kissen lag. Ihr Gesicht war ihm zugewandt, und der Mund vollführte regelmässig die von einem leichten Schnarchen verursachte Bewegung.
Vincent richtete sich auf, stützte den Kopf auf die rechte Hand und betrachtete die schlafende Anne genauer. Der Anblick war das Schönste, was er seit langem gesehen hatte, vor allem, wenn er sich an die Nacht erinnerte.
Was dieser Mund nicht alles konnte… Die Entschiedenheit, mit der Anne zur Sache gegangen war, hatte Vincent gezeigt, dass sie ihren Entschluss, die Nacht mit ihm zu verbringen, nicht spontan gefasst hatte. Die Selbstverständlichkeit, mit der sie ihn zunächst oral befriedigte und sich dann zu intimerem Austausch an ihn drängte, brachte ihm ein lange versunkenes Gefühl zurück.
Weder Marcia noch Anna hatten es ihm geben können, jede von beiden aus verschiedenen Gründen. Er wusste, Steffi hätte es ihm geben können, aber das hatte nicht sollen sein. Ja, er musste weit zurückdenken.
Es war ein Anfang. Ein vielversprechender Anfang, mit dem er sorgsam umgehen wollte.
Nun regte sich der Körper neben ihm, langsam, zögernd. Als Anne die Augen aufschlug, blickte sie in Vincents lächelndes Gesicht. Sie lächelte zurück, langsam, breit. Dann stützte auch sie sich auf und blickte ihn aufmerksam an.
“Das war ein schöner Abend, oder?” fragte sie.
“Der beste seit langem, was mich angeht”, bestätigte Vincent.
Anne lächelte wieder. “Du kommst wohl nicht oft auf deine Kosten, was?”
Sie setzte sich auf und gewährte damit einen einen kurzen Blick auf ihre festen, etwas nach vorne abfallenden Brueste, bevor sie die Decke hochzog. Auch Vincent setzte sich auf, so dass sie nun beide an der Wand lehnten.
“Ich komme auf verschiedene Weisen auf meine Kosten, aber ein Mädchen wie du ist mir lange nicht untergekommen.” Vincent gähnte ein ausgiebiges Morgengähnen.
“Und was für ein Mädchen bin ich?”
Vincent hielt inne. Er hätte jetzt weit ausholen und lange Erklärungen anbringen können und Rücksicht darauf nehmen müssen, dass er Anne gerade erst kennengelernt hatte, um sie nicht zu vergraulen. Und so besann er sich auf etwas anderes.
“Anne”, sagte er und sah ihr dabei in die Augen, “was mich vor allem interessieren würde, ist, ob das hier für dich ein One Night Stand war. Das war es für mich nämlich nicht.”
“Für mich auch nicht”, antwortete Anne. “Aber denk nicht, dass wir jetzt zusammen sind. Ich brauche etwas Zeit. Wenn mir einer gefällt, habe ich keine Lust, mich zurückzuhalten. Aber eine Beziehung ist etwas anderes. Und ehrlich gesagt, nach der Erfahrung mit der letzten möchte ich es in unserem Fall besonders langsam angehen lassen, wenn du nichts dagegen hast.”
“Ganz und gar nicht”, beeilte sich Vincent zu sagen. Die Antwort gefiel ihm. Er rückte näher und legte seinen Arm um Annes nackte Schultern. Sie neigte den Kopf, und Vincent spürte ihr Haar auf seiner Schulter. So sassen sie eine Weile, einig und zufrieden.
Schliesslich rückte Anne wieder fort und zog mit einem Ruck entschlossen die Bettdecke zur Seite.
“Ich mache Frühstück”, erklärte sie und stand auf. Vincent drehte sich dezent auf die andere Seite, allerdings nicht, bevor er einen liebevoll-bewundernden Blick auf Annes Hinteransicht geworfen hatte. Er hörte, wie sie sich anzog, und als er dem Kleiderrascheln nach den Eindruck gewonnen hatte, dass ihre erogenen Zonen bedeckt seien, drehte er sich wieder zu ihr. Anne hatte die helllila Bluse vom Vortag wieder an und die gleiche blaue Jeans.
Als die Tür zugefallen war, blieb Vincent noch eine Weile im Bett. Er sah sich um im Zimmer. Ja, das sah alles ziemlich studentisch aus, die spärliche Einrichtung, das Bücherregal und die Anlage gegenüber. Vincent war klar, dass er seinen Job vernachlässigt hatte, um bei Anne landen zu können. Es zu vermeiden, hätte gehiessen, seinem Instinkt untreu zu werden. Eine kurze Melancholie überkam ihn, weil ihm bewusst wurde, dass, wie es aussah, Anne das war, was er damals nach der Geschichte mit Steffi gebraucht hätte. Stattdessen war die Nahezunamensvetterin aufgetaucht, die mit dem palindromischen “a” statt dem “e”, ein tolles Mädchen, klar, aber auch eines, das Vincents Weg eine bestimmte Richtung vorgab.
Anne. Anneandersalsvonvorn… Man konnte es natürlich auch so betrachten, dass er strategisch seinem Job gemäss gehandelt hatte, weil Anne ihn direkt zu einer Dealer-Connection und noch dazu zum Wiedersehen mit Samir geführt hatte, aus dem er möglicherweise weitere Informationen herauspressen konnte. Aber er hatte Mirko, der in dieser Hinsicht ergiebiger zu sein schien, nicht angezapft, und das war, wenn man die Sicht von Guus einnahm, der Vincents Vorgesetzter war, und für den er arbeitete, sicher nicht richtig gewesen. Jemand wie Mirko war ein Zugvogel, man konnte nicht einmal mit Sicherheit wissen, wo er am nächsten Tag sein würde, in Düsseldorf womöglich, im Knast oder auf Mallorca.
Klar war, dass er Guus die Ereignisse des gestrigen Tages nicht genau so erzählen würde, wie sie sich abgespielt hatten. Er musste den Holländer spätestens am Abend anrufen. Und er musste so schnell wie möglich Mirko auftreiben. Das war ja sowieso ein Typ, der fast nie zu Hause war. Vincent überlegte, dass es keine schlechte Idee wäre, die Spielotheken in der Innenstadt abzugrasen, wenn er sich von Anne loseisen konnte. Aber jetzt, diesen Morgen wollte er sein unverhofftes Glück auskosten. Keine Frage.
Vincent hatte eben begonnen zu überlegen, wie er Anne gegenüber am besten vorgehen sollte, als die Tür aufging.
“Was, du liegst noch im Bett, du Schlafmütze? Los, marsch, aufstehen, Frühstück ist fertig!”
*
Vincent hatte sich rasch angezogen, er hatte noch einen kurzen Blick auf Annes CD-Sammlung und die aufgeklappte Hülle von Rated R geworfen, und nun sass er erneut mit Anne am WG-Tisch, diesmal mit dem Rücken zur Küche. Anne hatte, als er hereingekommen war, schon auf der anderen Seite gesessen, kaffeeschlürfend und brötchenmampfend, mit offensichtlichem Appetit.
“Hast du heute was an der Uni?” fragte Vincent.
“Nur die Heinrich Heine-Vorlesung”, antwortete Anne, ihr Salamibrötchen zerkauend. “Die kann ich ausfallen lassen.”
Vincent überlegte. Es war klar, dass er Anne nicht sofort verlassen konnte. Und wollte. Die schöne Nacht tolerierte keinen abrupten Abschied, wenn auch nur vorläufig. Er wollte Anne zeigen, dass es ihm ernst war, und dass er sich in ihrer Gegenwart wohl fühlte. Und war das denn nicht die reine Wahrheit? Ihm kam ein Gedanke.
“Weisst du was”, sagte Vincent, “ich hätte Lust, dich zu begleiten. Was hältst du davon, wenn wir zusammen zu deiner Vorlesung gehen? Nur wenn du mich dabeihaben willst natürlich. Ich hätte wirklich Lust, mal wieder die Uni von innen zu sehen.”
“Wirklich?” Anne schaute Vincent mit einer Mischung aus Zweifel und Ironie an.
“Doch”, bestätigte Vincent. “Aber vielleicht hast du eine bestimmte Routine, Leute, mit denen du dich triffst. Oder kannst dich ohne mich besser auf die Vorlesung konzentrieren.”
“Neinnein”, erwiderte Anne. “Komm nur mit. Ich habe dich gern dabei.” Kurze Pause. “Also, wir müssen um zehn dasein. Bis dahin ist noch massig Zeit.”
Zeit wofür? wollte Vincent fragen. Die Nacht hatte ihn mit dem Bedürfnis nach mehr Intimitäten zurückgelassen, und die Distanz zwischen ihm und Anne, wie sie sich am Küchentisch gegenübersassen, war ihm zu weit für die Nähe, nach der sein gelungener Einstand in der WG verlangte. Aber Vincent verscheuchte vorerst diesen Andrang. Er sagte sich, dass am heutigen Tag noch viel Zeit für Streicheleinheiten sein würde.
Gerade als er die Kaffeetasse zum Mund führte, waren Geräusche an der Wohnungstür zu hören, und kurz darauf stand auch schon Horst im Zimmer, offenbar bestens gelaunt.
“Aha!” trompetete er. “Ich habe mit Gisela gewettet und gewonnen. Es wundert mich nicht, dass du noch da bist, Vincent.” Horst entledigte sich seines Rucksackes, den er auf dem Boden absetzte, zog seine Jeansjacke aus und hängte sie an die Garderobe. Sodann ging er die paar Schritte zum Küchentisch, nahm sich den Stuhl neben Anne, zog ihn seitlich nach hinten und setzte sich, die Beine übereinandergeschlagen. Vincent und Anne wandten ihm ihre Blicke zu. Horst hielt eine zusammengerollte Zeitung in der rechten Hand und warf sie mit einer schnellen Bewegung auf den Tisch.
“Also”, erklärte er, “ich habe das Gefühl, heute ist ein besonderer Tag. Nicht nur, dass wir Vincent in unserem Kreis willkommen heissen. Ich habe euch eine Ankündigung zu machen. Nein, zwei. Erstens: Gisela und ich werden heiraten. Zweitens”, hierbei deutete er auf die vor ihm auf dem Tisch liegende Lokalzeitung, “es ist ein Mord geschehen.”
Anne runzelte die Stirn. “Äh, Horst, geht’s vielleicht auch ‘ne Nummer kleiner? Ich muss sagen, das ist ein bisschen viel auf einmal, so früh am Morgen.”
“Cool down, Anne-Schatz”, sagte Horst und schaute sie beschwichtigend an. “Die erste Meldung ist natürlich die wichtigere.”
Anne hatte inzwischen nach der Zeitung gegriffen und faltete sie auseinander. Die Kaffeetasse in der Hand, begann sie zu lesen, und Vincent beobachtete, wie sich auf einmal etwas in ihrem Gesicht verzog. Einige Sekunden blieb sie regungslos, und als sie sich besann und die Kaffeetasse langsam wieder auf den Untersatz stellte, zitterte ihre Hand leicht.
Nicht nur das bemerkte Vincent, sondern auch Annes offenkundige Anstrengung, sich wieder zu fassen und sich nichts anmerken zu lassen. Er sah, wie sie nach Worten suchte.
“Äh ja, und wann ist es soweit, Horst?” fragte sie schliesslich, traf aber nicht ganz die Tonlage der Ungezwungenheit.
“Sachte, wir müssen doch erst alles planen und organisieren. Kirchliche Trauung und dann ein rauschendes Fest auf dem Dorf, wo Giselas Vater Pfarrer ist. Ihr seid natürlich herzlich eingeladen. Vielleicht habt ihr bis dahin ja auch etwas zu feiern, wer weiss?”
Horsts gute Laune bildete einen deutlichen Kontrast zu Annes in sich gekehrtem Gesichtsausdruck, und Vincent sagte sich, dass er wohl nach der Zeitung greifen sollte, die Anne in einiger Entfernung von sich auf den Tisch gelegt hatte, als wollte sie das Gelesene auf Distanz halten.
Und so faltete nun Vincent seinerseits das ihm wohlbekannte Lokalblatt, für das er einige unerfreuliche Monate lang gearbeitet hatte, auseinander, und als er das Bild gesehen und sich anhand der angegebenen Daten vergewissert hatte, wusste er, dass er selbst schauspielern musste, und er wusste auch, dass er es besser tun würde als Anne, denn es gehörte nicht zuletzt zu seinem Job.
“Es ist lange her, dass bei uns ein Mord geschehen ist, oder?” liess sich Horst nun vernehmen. Seiner Laune schien das Thema keinen Abbruch zu tun.
“Das Eifersuchtsdrama im Christopherusweg”, warf Vincent ein. “Das ist fast ein Jahr her.”
“Ah ja”, meinte Horst. “Ich erinnere mich. Aber das war ja auch eine ganz andere Geschichte. Dies hier ist doch ziemlich mysteriös. Aber”, sagte er dann, indem er aufsprang und auf den Tisch schlug, “das soll uns nicht diesen schönen Tag verderben. Ich werde euch Turteltauben jetzt erst mal wieder alleinlassen, und wenn ihr wollt, treffen wir uns später zum Mittagessen.”
“Ich habe heute Uni”, sagte Anne, offensichtlich froh, dass das Gespräch nun in gewohnten Bahnen verlief. “Vincent wird mich begleiten. Ich rufe dich an, Horst. Vielleicht kochen wir zusammen. Kommt natürlich auch drauf an, was Vincent vor hat.” Sie wandte sich zu ihm.
“Ich muss mich mit einem Kumpel treffen”, sagte Vincent. “Das kann ich leider nicht absagen. Aber ich denke, ich habe den Nachmittag frei.”
“Okay”, meinte Anne. “Dann fällt das gemeinsame Essen flach. Ich habe sowieso keine Lust, wieder zu kochen.”
“Na gut”, liess sich Horst vernehmen. Er ging auf seine Zimmertür zu. “Dann sehen wir uns eben nachmittags, Vincent. Und nimm dich vor deiner neuen Flamme in acht. Sie hat es in sich, kann ich dir verraten.” Horst verschwand in seinem Zimmer.
Anne atmete sichtlich auf. “Ich sage dir, manchmal kann ich Horsts Sprüche überhaupt nicht ab.” Sie nahm einen letzten Schluck Kaffee und stellte Tasse und Untertasse dann demonstrativ von sich weg, fast so wie die Zeitung vorhin.
Kommentare
Kommentar veröffentlichen