Die Schnitzeljagd (Folge X)
9
Zurück im Wohnheim, gab es für Anne und Vincent eine Überraschung: Horst war nicht da. Es fand sich eine Notiz auf dem Küchentisch. In sorgfältiger Schrift stand da:
Ihr Lieben, ihr müsst heute abend ohne mich auskommen. Das wird euch bestimmt nicht schwerfallen. Bin bei Gisela, komme erst morgen wieder. Ihr seid eingeladen, euch am Wein zu vergreifen (siehe Kühlschrank)!
Horst
“Na bitte”, brummte Anne. “Das sieht ihm ähnlich.”
Vincent war sich einen Moment nicht sicher, ob er nicht besser gehen sollte, aber Anne bedeutete ihm, sich zu setzen, sie selbst lehnte an der Spüle.
“Dann können wir ja überlegen, was wir mit dem Abend anfangen”, sagte sie. “Vorausgesetzt, du willst bleiben.”
“Ich habe eigentlich sonst nichts vor. Allerdings habe ich keine Lust, jetzt was zu rauchen.” Vincent hatte schon länger überlegt, wie er es vermeiden konnte, seiner Abstinenz untreu zu werden.
“Ich auch nicht”, sagte Anne. “Ich könnte etwas kochen. Dazu könnten wir ein Glas Wein trinken. Was meinst du?”
“Super Idee. Übrigens, wohnt hier nicht noch eine dritte Person?” Vincent zeigte auf die Tür gegenüber.
“Manuel kommt erst nächste Woche aus Hildesheim”, sagte Anne. “Er gönnt sich verlängerte Semesterferien. Wir sind allein.”
Vincent wusste nicht, was er darauf entgegnen sollte. Anne zeigte keine Verlegenheit und schien seine Gegenwart natürlich zu finden. Er dachte an den Eindruck, den sie im Miller’s Corner auf ihn gemacht hatte. Er fragte sich, was in ihr wohl vorging. Es kam ihm eigenartig vor, dass die Bekanntschaft sich so geradlinig entwickelt hatte. Aber war das denn nicht seinen Wünschen gemäss? Er beschloss, das Leben, das sich ihm hier günstig zeigte, seinen Gang gehen zu lassen.
Anne hielt eine Packung Spaghetti in die Höhe. “Es gibt Nudeln, wenn dir das recht ist. Dazu kann ich meine Spezialsosse machen.”
Vincent bekundete seine Zustimmung und bekam den Auftrag, auf einem schmalen Holzbrett Zwiebeln zu schneiden. Anne hantierte derweil mit Töpfen. So waren sie beide etwa zehn Minuten lang schweigend beschäftigt.
Als Vincent die Zwiebeln fertiggeschnitten, und Anne sie der Pfanne, in der die Spezialsosse entstand, hinzugefügt hatte, sassen sie einander am Küchentisch gegenüber.
“Was macht Manuel?” fragte Vincent, um das Gespräch in Gang zu bringen.
“Forstwirtschaft. Wir sehen ihn selten, er ist auch kein besonders kommunikativer Typ. Aber nett. Weisst du, ich war zuerst skeptisch, mit zwei Männern zusammenzuwohnen. Aber es ist okay. Ich verstehe mich sehr gut mit Horst, und ich muss sagen, ich habe viel von ihm gelernt.”
“Über Afrika?”
“Generell. Horst weiss einfach viel, ist ja auch ein Stück älter. Er hilft mir auch ein bisschen im Studium, vor allem in Ethnologie.”
“Ah ja. Wer ist übrigens Gisela?”
“Seine Freundin. Sie sind schon zehn Jahre zusammen.”
“Hm, wird’s da nicht vielleicht langsam Zeit zum Heiraten?” Vincent dachte an Samirs Libanesenfreunde.
“Sie finden es nicht wichtig. Horst sagt, es ist nur ein Papier.” Anne stand auf und beschäftigte sich wieder mit dem Herd. “Die Sosse ist fast fertig”, vermeldete sie. “Jetzt müssen die Spaghetti noch ein bisschen kochen, und dann können wir essen.”
Anne lehnte am Herd und betrachtete Vincent mit einem Blick, der abschätzend und nachdenklich zugleich war.
“Du hast eigentlich noch gar nicht so viel von dir erzählt”, sagte sie. “Ich würde gern mehr über dich wissen.”
“Ich erzähle dir mein ganzes Leben und noch mehr”, versprach Vincent, der sich über Annes Offenheit kaum noch wunderte. Er stand auf. “Lass uns doch mal sehen, was es mit diesem Wein auf sich hat.”
Es handelte sich, wie Vincent sowohl überrascht als auch erfreut feststellte, um Tokajer. Das sagte Anne nichts, und so klärte Vincent sie über die Herkunft des Rebsaftes auf und bereitete sie auch auf den Geschmack vor. Kurz darauf sassen sie sich, jeder mit einem Teller Spaghetti plus Spezialsosse vor der Nase, gegenüber und machten Anstalten anzustossen.
“Worauf wollen wir trinken?” fragte Anne.
“Vielleicht einfach auf unser Kennenlernen?” schlug Vincent vor.
“Gut.”
Sie stiessen an, nahmen jeweils einen Schluck und widmeten sich dann ihren Tellern. Die Sosse war köstlich. Nach einer Weile blickte Anne Vincent an und fragte: “Ich würde gern wissen, wie du dazu gekommen bist, über Musik zu schreiben.”
“Nun, das fing vor sechs, sieben Jahren an, als eine Freundin in Heidelberg mich an den Meier vermittelte. Die Freundin hiess Anna, aber das tut hier weniger zur Sache.” Vincent bemerkte das Stirnrunzeln der jungen Frau mit dem einen anderen Buchstaben im Namen. Schnell fuhr er fort: “Der Meier ist ein im Rhein-Neckar-Raum sehr verbreitetes Kulturmagazin. So etwas wie ein erweiterter Veranstaltungskalender, mit Film- und Musikkritiken. Redaktion in Mannheim. Und so bin ich eben mindestens einmal in zwei Wochen aus dem idyllischen Heidelberg in die nahegelegene Industriestadt gezuckelt, habe mich bei den Meier-Leuten an einen PC gesetzt und meine zu Hause verfassten Kritiken eingetippt. Ich weiss noch, die erste war über das zweite Placebo-Album, wo Pure Morning drauf ist.”
“Und Every Me, Every You. Ich habe die CD.” Anne grinste. “Aus der Zeit, bevor ich zum Hardcore gekommen bin.”
Vincent hatte sich beeilt, eine Gabelschaufel Spaghetti seinem Mund zuzuführen und mampfte über den Teller gebeugt. “Mhm. Also, jedenfalls haben sie mir beim Meier gesagt, ich soll nicht so kompliziert schreiben. Du kannst dir nicht vorstellen, wie schwer es ist, unter deinem eigenen Niveau zu schreiben. Nun, der Meier ist sicher kein Blatt für Intellektuelle. Und so habe ich mich eben bemüht, massenkompatible Musikkritiken zu schreiben. Es kamen darin Ausdrücke vor wie “coole Scheibe” und “rockt garantiert”. Wirklich eine Qual. Aber es gab 60 Mark für jede Kritik. Das war ein netter Zuschuss zu dem wenigen Geld, das ich von zu Hause bekam. Nun, später natürlich… Aber das ist wieder eine andere Geschichte. Ich war etwa ein Jahr beim Meier. Das war der Anfang. Mein letztes Engagement war beim Wörtchen in Berlin. Also, das Wörtchen ist in Berlin, nicht ich. Ich habe die Texte hingeschickt, direkt an Ernesto Wadsch.”
Annes Gesichtsausdruck war ein Fragezeichen. “Wörtchen? Das ist aber ein komischer Name.”
“Bescheuert, oder? Untertitel: Wir reden mit. Der Name ist noch aus der Zeit, als es ein dezidiert linkes Organ war. Das heisst, eher grün. Sie sind dann weniger politisch geworden und haben mehr auf Kultur gesetzt. Wird in Berlin viel gelesen.”
“Nie gehört.” Im Gegensatz zu Vincent bearbeitete Anne ihre Spaghetti ordentlich mit Löffel und Gabel zusammen und beförderte jetzt eine Portion in ihrem Mund. Dann nahm sie einen Schluck Tokajer. “Und wer ist dieser Ernesto?”
“Du kennst ihn auch nicht? Der schreibt doch regelmässig in der taz, wie Wiglaf Droste. Ernesto Wadsch ist einer der grössten Krimiexperten Deutschlands.”
Anne schüttelte den Kopf. “Ich lese die taz nicht so oft.”
“Ich auch nicht mehr. Na, jedenfalls habe ich mich bald mit Wadsch, dem alten 78er, überworfen.” Vincent griff nach seinem Glas.
Anne begriff wieder nicht. “78er? Ich dachte, es gibt nur 68er.”
Vincent sah sich erneut wider Willen in eine Lehrerposition gedrängt. “78er sind die Schlimmsten”, sagte er. “Epigonen. K-Gruppen. Stalinisierung. Nischenfanatismus. Frag Horst. Werden solche Gestalten in den Neoliberalismus entlassen, bleibt kein Stein mehr auf dem anderen. Schau doch, was aus den Grünen geworden ist.”
Eine Weile assen und tranken Anne und Vincent schweigend. Anne lobte den Wein und schenkte noch einmal nach, füllte auch noch die restlichen Spaghetti aus dem Topf in die Teller.
Als sie zuendegegessen hatten, ergriff Vincent wieder das Wort. “Zur Zeit schreibe ich für ein Lokalmagazin, den Digger. Über Musik, manchmal auch Film. Ich zeichne aber nicht mit Namen. Ich tue es eigentlich nur noch aus Gewohnheit. Und es gibt Gratis-CDs.”
Anne nickte. “Der Digger liegt ja überall aus. Ich hab darin einige gute Kritiken gelesen. Die waren wohl von dir.”
Vincent lächelte. Dann sagte er: “Erzähl du doch auch ein bisschen was, Anne. Du hast gesagt, dass dich das Studium anödet.”
Anne lehnte sich mit einem Ruck zurück in der Weise, die Vincent schon im Miller’s Corner wahrgenommen hatte. Ein paar Sekunden lang schien sie ins Leere zu blicken, dann sagte sie: “Vielleicht bin ich naiv, aber ich sehe nicht ganz, was dabei rum kommt ausser dem Absitzen bis zum Abschluss.” Sie nahm das Weinglas in die Hand. “Ich habe immer gern gelesen, aber in der Germanistik ödet mich sogar das an. Ich weiss nicht, mir scheint, dass gerade das, was mir am Lesen gefallen hat, im Studium keine Rolle spielt.”
Vincent nickte vehement. “Der eigene Zugang zum Text. Glaub mir, ich weiss nicht, wie ich damals bis zum Magister durchgehalten habe. Was liest du denn grade im Studium?”
“Leonce und Lena. Zusammen mit Humortheorie.”
“Büchner ist doch nicht übel.”
“Ja, aber all das Zergliedern und Zerkauen… Mit Ethnologie kann ich mehr anfangen.” Anne trank den letzten Rest Tokajer in ihrem Glas aus. “Aber auch das ist alles so theoretisch. Ich bin ein praktischer Mensch.” Sie legte Messer und Gabel auf dem leeren Teller sorgfältig zurecht und blickte Vincent nachdenklich an. “Ich denke ernsthaft daran, das Studium zu schmeissen. Ich habe auch mit Horst darüber gesprochen. Vielleicht bewerbe ich mich bei einer Nichtregierungsorganisation. Horst hat da Kontakte.”
“Afrika?” Vincent suchte eine leichte Verstimmung zu verbergen. Die Aussicht, dass Anne sich womöglich bald auf einem anderen Kontinent befinden würde, gefiel ihm gar nicht.
“Nein, Europa. Ex-Jugoslawien vielleicht.”
Vincent nickte und suchte sich auch seine Erleichterung nicht anmerken zu lassen. Sein Teller war inzwischen ebenfalls leer. In der Flasche war noch etwa ein Drittel Wein.
Vincent erinnerte sich an WG-Gewohnheiten. “Abwaschen?” fragte er.
Anne winkte ab. “Später vielleicht.” Sie blickte kurz vor sich hin. Dann sagte sie: “Hast du vielleicht Lust, meine CD-Sammlung zu sehen? Ich meine, sie ist nicht so gross, aber…?”
Die Art, wie sie ihn anschaute, liess nur eine Antwort zu.
“Klar”, sagte Vincent. “Du hast bestimmt Sachen, die ich nicht kenne.”
“Gut.” Anne stand mit einer entschiedenen Bewegung auf. “Geh doch schon mal in mein Zimmer. Ich tu inzwischen Wasser in den Topf und die Pfanne.” Sie wandte sich zur Spüle.
Vincent stand auf und drehte sich nach links. “Es ist die hintere Tür, neben Horsts Zimmer, richtig?” fragte er.
“Ja. Entschuldige die Unordnung. Ich komme gleich.”
Vincent steuerte die erwähnte Tür an und drückte sie nach kurzem Zögern auf.
Kein Parfümgeruch schlug ihm entgegen, dafür eine leichte Brise. Das Fenster war angelehnt.
“Kann ich das Fenster zumachen?” rief er zur Küche hin.
“Ja, natürlich. Du kannst auch eine CD einlegen, wenn du willst.” Anne hantierte geräuschvoll mit dem grossen Topf.
Vincent schloss die Tür hinter sich, ging auf das Fenster vor dem Schreibtisch zu, lehnte sich vor und schloss es. Dann sah er sich um.
Er schätzte das Zimmer auf etwa zwanzig Quadratmeter. Das Fenster ging auf den Hof und liess viel Licht herein, da der Wohnkomplex zum Kreuzbergring hin offen war. Rechts neben dem Schreibtisch stand ein grosses Bett und gegenüber ein Regal, auf dem sich einige Bücher und Photographien befanden. Annes Studiumsbücher standen offensichtlich im grossen Regal auf der anderen Seite, rechts daneben eine ziemlich grosse Anlage mit imposanten Boxen. Darüber befand sich eine lange Holzleiste, auf der nebeneinander vielleicht achtzig CDs standen. Auf diese ging Vincent zu.
Was sollte er auswählen? Er griff reflexhaft nach einer CD, die er kannte, und legte sie in den Player. Währenddessen hörte er, dass Anne hereingekommen war. Was hatte sie so lange gemacht?
Als er sich umdrehte, und der fulminante Beginn von Rated R ertönte, sah er es. Anne hatte ein Stück von dem Schwarzen Afghanen bereitgeschnitten und machte sich nun, auf dem Bett sitzend, daran, es mit einem Feuerzeug warmmachen und zusammen mit Drum-Drehtabak in ein OCB-Blättchen zu zerbröseln.
“Ah”, sagte er und ging auf sie, die kurz aufblickte, zu. Er setzte sich neben Anne aufs Bett und lehnte sich zurück, betrachtete die junge Frau bei ihrer konzentrierten Beschäftigung. So an der Wand lehnend und betrachtend, wie Annes ungekämmte braune Haare in ihr Gesicht fielen, ging Vincent, während Leg of Lamb in Auto Pilot überleitete, manches durch den Kopf.
Diese CD war in der Hochzeit der Dealerei mit Marcia und Sören oft gelaufen, und Vincent erinnerte sich an ein Gefühl des Unausweichlichen, einer Fahrt ins Ungewisse, die nicht gut enden würde, die aber niemand stoppen konnte oder wollte. Und nun, eigenartig, schien es ihm, als ob eine ähnliche Fahrt begonnen hatte, aber gewissermassen in umgekehrter Richtung und unter anderen Vorzeichen.
Anne hatte fertig gebaut, lehnte sich ebenfalls zurück und entzündete die Tüte. Während se inhalierte, betrachtete Vincent von der Seite wieder ihre Haare und die Rundung unter ihrer helllilanen Bluse (sie hatte den schwarzen Pullover ausgezogen). Nun, es gab jedenfalls ein Gefühl, das gleich geblieben war.
Anne hielt Vincent die Tüte hin, aber er lehnte ab. “Ist noch Wein da?” fragte er.
“Mhm. In der Küche.”
Vincent ging in die Küche und nahm die Flasche, die noch auf dem Tisch stand, an sich. Er ging zum grossen Pinnbord und schaute auf die vielen Notizzettel, auf denen Dinge standen wie “Frische Brötchen holen!” und “Abflussreiniger besorgen!” Wieviel Glück hatte er doch gehabt, dachte er, dass er bei Anne gelandet war. Er sollte es festhalten, so lang es ging.
Als er wieder das Zimmer betrat, lief andere Musik. Anne war immer noch mit Rauchen beschäftigt und machte gerade eine Inhalationspause.
“Was ist das?” Vincent zeigte zur Anlage.
“Mineral”, sagte Anne.
“Kenne ich nicht. Nicht schlecht.”
“Eine Band aus Texas.” Anne wandte sich wieder ihrem Lungennektar zu.
Vincent nahm die alte Position auf dem Bett ein und tat einen ordentlichen Schluck aus der Flasche.
Der Rest spielte sich zunächst ohne Worte ab, obwohl später verschiedene Laute erklangen, die nicht von der Anlage kamen, und schliesslich wieder Worte, kurz, anweisender und bestätigender Art.
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