Die Schnitzeljagd (Folge VIII)

 Vincent empfand wieder jenes eigenartige Gefühl, das er in seiner Studentenzeit jedesmal beim Besuch einer ihm unbekannten Wohngemeinschaft gehabt hatte. Häufig war es wie hier, eine konkrete Bekanntschaft als Anlass. Es war etwas anderes, als Student eine Studenten-WG zu betreten denn als Besucher ein beliebiges Haus. Eine gemeinsame Ebene war quasi vorausgesetzt, niemand wunderte sich, wenn eine fremde Person als Gast am Küchentisch sass. Sie war eben der wie immer spezifizierbare Anhang eines WG-Genossen. Beim Herumschlurfen und Kaffeekochen wurden Gespräche begonnen und abgebrochen, lose Kontakte geknüpft und aufgelöst, und alles war Teil jenes abgrenzbaren Lebensabschnittes, der in Vincents Fall nicht zur Dissertation, sondern statt des Weges zur Promotion auf den Weg einer anderen anspruchsvollen Unternehmung und ihrer unrühmlichen Konsequenzen geführt hatte.

Vincent war nun schon länger kein Student unter Studenten mehr, und so war ihm ein wenig beklommen zumute, als Anne die Haustür aufschloss. Der Komplex bestand aus neuen, hellbraunen Ziegelbauten, ziemlich geschmackvoll, wie Vincent fand, ein kleiner architektonischer Lichtblick in einer Stadt, die von Funktionalklötzen  aus den Sechzigern und Siebzigern und neuerdings auch verschiedenen Grellheiten dominiert wurde, die so wenig zur Bundesrepublik passten, in der er aufgewachsen war. “Bunte Republik”, das hatte einmal, im linksradikalen Zusammenhang, etwas anderes geheissen. Jetzt hiess es offenbar Unterschiedslosigkeit, oberflächlichen Kosmopolitismus, Einheitsbrei. Wo würde das wohl hinführen? Es war so schwierig, sich vorzustellen, wie das Land in zehn Jahren aussehen würde. 

Also beschäftigte sich Vincent lieber mit der verlockenden Gegenwart - Annes braunen, Locken vor ihm auf der Treppe, breite weisse Stufen, an der Seite ein grünrot gestrichenes Geländer. Das Haus machte von innen einen funktionaleren Eindruck, die Wände waren weiss, die Zimmertüren massiv und graublau. Vincent hatte in Heidelberg immer in Altbauten gewohnt, aber er hatte manchmal Freunde besucht, die in solchen Studentenheimen ihre Bleibe hatten. Das Europahaus fiel ihm ein, Kais erstes Domizil, und dann der grosse Komplex, abgelegen im Niemandsland zwischen Heidelberg und Kirchheim. Man nannte es das “Alcatraz”, durchaus passend, wie man begriff, wenn man ihm sich in der Abenddämmerung näherte. Dort hatte Vincent ein halbes Jahr oder länger regelmässig mit dem Belgier Fichte gepaukt. Bis die veränderte Richtung seiner Existenz alles Festhalten an studentischer Normalität unmöglich gemacht hatte…

Die Wohnung befand sich im ersten Stock. Anne schloss die schwere Tür auf, und sie standen in einem kleinen Flur, der eher ein Vorraum war, und an den sich unmittelbar ein grosses Küchen- und Wohnzimmer mit einem breiten weissen Tisch in der Mitte anschloss. Rechts war eine Tür, und weiter hinten, auf der selben Seite, befanden sich zwei weitere Türen, offenbar die WG-Zimmer. Zwischen der ersten und zweiten Tür, etwa auf der Höhe des Tisches, hing ein grosses Pinnbord mit einem Jahreskalender und ganz vielen Pinnzetteln. Die Wand war weiss, die Türen schwarz und nicht so massiv wie die Wohnungstür, welche Anne nun schloss. Sie zog ihre Jacke aus und hing sie an einen der Haken auf der linken Seite. Vincent tat es ihr nach.

“Na, was denkst du? Wie findest du unsere Bude?” fragte ihn Anne.

“Gemütlich”, antwortete Vincent. “Erinnert mich an meine alte Zeit.”

Anne ging voran in den grossen Raum, und Vincent folgte ihr.

“Hier, nimm Platz.” Anne wies auf die hintere Seite des grossen Tisches.

Vincent folgte der Aufforderung und beobachtete, wie Anne sich im Küchenbereich zu schaffen machte. Er bemühte sich, nicht ständig auf ihren Hintern zu blicken. Er nahm stattdessen die umfangreiche Kücheneinrichtung in Augenschein, ganz in weiss gehalten. Da war sogar eine Waschmaschine. Er hatte damals immer auswärts waschen müssen.

Anne wandte sich um. “Ist dir ein Tee recht?” fragte sie.

“Nein danke, der Kaffee vorhin war schon genug. Etwas Wasser?”

“Sicher. Mit oder ohne Kohlensäure?”

“Ohne.”

“Also Leitungswasser.”

Anne nahm eines der frisch gewaschenen Gläser, die neben der Spüle standen, und füllte es. Dann stellte sie das Glas vor Vincent auf den Tisch.

“Ich mache mir einen Tee”, erklärte sie und wandte sich wieder der Küche zu.

Vincent nahm einen Schluck und sah sich wieder um. Hinter ihm war ein ziemlich grosses Fenster, durch das man in den Hof des Komplexes sehen konnte. Ansonsten war die Wand kahl, ausser dem Pinnbord gegenüber wies sie keine Dekoration auf. Sehr funktional. Privates Flair war wohl jeweils in den Zimmern der Mitbewohner zu finden.

Vincents Annahme bewahrheitete sich, als die Tür links neben der Pinnwand aufging. Heraus kam ein Mann mit langen dunkelblonden Haaren, und hinter ihm war der Ausschnitt eines vollgestopften und reichlich mit Wandschmuck ausgestatteten Zimmers zu sehen.

“Oh, ich sehe, du hast Besuch”, stellte der mit einem hellbraunen Pullover und einer schwarzen Jeans bekleidete Mann fest und blickte Vincent freundlich an. “Da will ich nicht lang stören.”

Wir haben Besuch”, sagte Anne. “Setz dich ruhig zu uns. Vincent, das ist Horst. Horst, das ist Vincent.”

Vincent streckte Horst die Hand hin, der ergriff sie. “Sehr erfreut”, sagte der Langhaarige, der eine Brille trug und Vincent nicht nur in punkto Körpergrösse, sondern auch altersmässig übertraf, etwa fünf Jahre, schätzte Vincent.

“Du sprichst in Rätseln, Anne”, bemerkte Horst, schmunzelte aber und setzte sich auf den Stuhl links neben Vincent. 

“Es wird sich gleich auflösen”, erklärte die Vertreterin der jüngsten Generation, während sie mit einer Tasse und einem Teebeutel hantierte.

“Okay, dann ist Vincent wohl nicht deiner neuer Freund”, sagte Horst. “Obwohl, ich muss sagen, wenn ich an diesen BWL-Verschnitt denke, der hier eine Weile desorientiert herumsass, dann würde mir das ein Fortschritt scheinen, muss ich sagen.”

Vincent konnte ein leises Lachen nicht unterdrücken.

“Kannst du bitte dein Maul halten”, beschwerte sich Anne, ohne sich umzudrehen. “Die Geschichte ist eh vorbei.”

Um das Gespräch in andere Bahnen zu lenken, entschied sich Vincent für die altbekannte Allerweltsfrage. “Was machst du so, Horst?” fragte er.

“Ich studiere Ethnologie”, antwortete Horst. “Nächstes Jahr mache ich meinen Abschluss.”

Vincent überlegte, dass Horst wohl zur Kategorie gehörte, die manche als “Langzeitstudenten” bezeichneten oder sogar “Endlosstudenten”.

“Promotion?” fragte er.

“Nein, Magister”, sagte Horst. “Ich hätte gern noch ein paar Semester weitergemacht, um einige Aspekte zu vertiefen, aber mit den neuen Regelungen geht das nicht mehr.”

Vincent nickte. “Ich weiss. Geht ins Geld. Bologna-Reform und der ganze Schmarrn. Ich wollte, nachdem ich aus Heidelberg zurückgekommen bin, auch Magister, hier in meinen Fächern immatrikuliert bleiben, aber es ging einfach nicht.”

“Es hat sich einiges verändert”, bestätigte Horst. “Straffere Regulierung. Eine Studentengeneration wird abgefertigt, dann wird die nächste durchgeschleust, und alles möglichst schnell.”

“Keine Proseminare mehr, sondern sogenannte Module. Vereinheitlichung.”

“Ich sehe schon”, sagte Anne, die sich jetzt mit ihrem Tee umwandte, “ich hatte absolut recht, ihr beiden habt euch viel zu sagen.” Sie setzte sich auf den Stuhl Vincent gegenüber. 

“Nun, wir sind beide über dreissig”, meinte dieser. “Du solltest dir überlegen, ob du uns trauen kannst.”

Anne blickte Vincent irritiert an und senkte leicht die Lider, aber Horst lächelte. Er kannte den alten Slogan.

Es stellte sich heraus, dass Horst eine abwechslungsreiche Biographie vorzuweisen hatte. Die Jahre waren nicht einfach so vergangen, nicht mit Trödeln, das nun wirklich nicht. Er hatte zur Antifa-Generation der frühen Neunziger gehört und damals natürlich noch keine langen Haare gehabt. Die “Autonomen”, noch so ein Begriff, der langsam aus der Mode kam. Horst erzählte einiges aus der alten Zeit, das Vincent, der nie politisch aktiv gewesen war, nur in Daten und Umrissen präsent war. Nordingen, das linke Nest, hatte es einmal geheissen. Horst deutete manche Konflikte an, mit den Gesetzeshütern aber auch innerhalb seiner Gruppe, und Vincent begriff, dass sich dahinter grosse, vertrackte Geschichten verbargen, die nicht an einem WG-Nachmittag als Kurzfassung verkauft werden konnten. 

Um die Mitte des Jahrzehnts empfand Horst, dass seine Vorstellung von Widerstand zwischen zunehmender Repression und Fraktionsclinch zerrieben wurde. Er hatte Ethnologie als Hauptfach belegt, weil er sich für den afrikanischen Kontinent interessierte. Die Teilnahme an einem Entwicklungshilfeprojekt in Zaire gab ihm die Möglichkeit, endlich etwas Konkretes für die Armen und Unterdrückten zu tun. Er blieb ein ganzes Jahr dort. Diese Zeit lehrte ihn, wie abstrakt und wirklichkeitsfremd das linksradikale Sektierertum zu werden drohte. Er entwickelte ein besonderes Interesse für Südwestafrika und die Geschichte des deutschen Kolonialismus und stellte Parallelen zur heutigen Form der Ausbeutung her.

Während Horst und Vincent, der ebenfalls einige Streiflichter auf sein bisheriges Leben warf (und jede Verbindung zu den Gesetzeshütern bewusst aussparte), sich austauschten, hörte Anne mit offenkundigem Interesse zu. Vincent betrachtete ihre braunen Augen, die über der grossen Teetasse vom einen zum anderen wanderten. 

Das Gespräch war angenehm, und Vincent hätte liebend gern seine Zeit mit Horst und Anne vertrödelt, vor allem mit Anne. Aber er hatte einen Auftrag, den er nicht abschütteln konnte, und der ihm immerhin einen Grund gab, die Verbindung zu den beiden zu halten. Und so kam er, gerade als Horst einen Exkurs über die derzeitigen Zustände in Äthiopien beendet hatte, zu seinem Anliegen.

Horst und Anne wechselten einen schnellen Blick. Dann sagte Horst: “Ja, das ist eigentlich gar kein Problem. Ich würde sagen, ihr beiden geht einfach mal kurz in den Hinterhof.”

Vincent blickte fragend, während Anne in einer angedeuteten Grimasse die Mundwinkel verzog. Sie witterte offenbar wieder eine Anzüglichkeit. Dann entschloss sie sich, Vincent aufzuklären. 

“Wir kennen Leute, die hinten gegenüber wohnen” sagte sie. “Die haben eigentlich immer was.”

Vincent grinste. “Der Dealer im Hinterhof. Nicht schlecht. Da seid ihr immer versorgt, was?”

“Wir sind keine Dauerkiffer”, gab Anne zurück. “Aber es ist schon praktisch, bei Bedarf schnell was besorgen zu können.”

“Geht doch einfach mal rüber”, schlug Horst vor. “Ich muss sowieso zu meiner Hausarbeit zurück. Vielleicht ziehen wir heute abend einen durch, Vincent? Anne, du hast doch nichts dagegen, dass unser neuer Kumpel noch ein bisschen bleibt, oder?”

“Natürlich nicht”, meinte Anne. “Vor allem, wenn du dich mit blöden Bemerkungen zurückhältst.”

“Nur noch wissenschaftliche Gespräche”, versprach Horst und stand auf. “Also, wir sehen uns später.” Er verschwand hinter seiner Zimmertür. 

Eine kurze Weile herrschte Stille zwischen Anne und Vincent. Dann berührte Anne mit einer abrupten Bewegung Vincents Arm. “Komm, wir gehen”, sagte sie. Vincent folgte ihr zur Garderobe, wo beide sich wortlos ankleideten. Vincent hatte das Gefühl, er würde sie und Horst schon länger kennen und nicht erst seit heute. Ein gutes Gefühl. 

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