Die Schnitzeljagd (Folge VII)
Vincent nahm den Arm von Annes Schulter. “Das war wohl nichts”, meinte er. “Ich hoffe, du bist nicht sauer, dass ich dich als Freundin ausgegeben habe.”
“I wo”, sagte Anne. “Aber hast du gesehen, was die anhatte? Ich trage nie so etwas.”
“Ja, ganz schön viel Parkfläche.” Sie lachten beide. “Ich würde mich nicht wundern, wenn die Alte einen Nebenverdienst hat.”
Vincent und Anne waren inzwischen wieder ins Treppenhaus getreten. Anne schickte sich gerade an, den Weg nach unten zu nehmen, als Vincent sie zurückhielt.
“Moment mal.”
Er hatte durch die geschlossene Glastür zum gegenüberliegenden Gang einen Typen erspäht, der gerade dabei zu sein schien, seine Wohnungstür auf- oder zuzuschliessen. Der Mann war etwas älter als Vincent. Er schloss ab und ging Richtung Glastür.
“Den kenne ich”, sagte Vincent. Anne hielt ein und beobachtete den Mann ebenfalls. Dieser hatte Vincent erkannt, noch bevor er die Tür erreicht hatte. Er lächelte. Mit einem Schwung öffnete er die Tür.
“So sieht man sich wieder”, sagte der Mann.
“Mirko, Alter. Das glaube ich nicht.” Vincent streckte dem Mann die Hand hin.
Es war niemand anderes als Mirko Jackpot, Spieler- und Sozialschmarotzerlegende und dazu noch alter Schachkumpan von Vincent Meurer. Statt seiner gewöhnlichen Adidasausrüstung trug er über der Jeans diesmal ein einfaches dunkelgraues T-Shirt mit der fesch verwischten Aufschrift Roadkill. Mirko Jackpot war der Typ, der, obwohl politisch andersdenkend, auf linken Demonstrationen die Bullerei provozierte und sich verprügeln liess, um dann Schmerzensgeld zu kassieren. Das sagte eigentlich alles über ihn und die vielen Kanäle, die er entdeckt hatte, um sowohl seine Spielsucht als auch seine Arbeitsscheu zu finanzieren.
Sie schüttelten sich die Hand, und Mirko bedachte Anne mit einem freundlichen “Hi”. An seinen Umgangsformen war nie etwas auszusetzen gewesen. Eher an seinem Umgang.
“Wie kommt’s, Alter?” fragte Vincent. “Ich muss mich wundern. Warum bist du nicht in Düsseldorf bei Frau und Kind?” Mirko war vor Jahren schon Richtung Ruhrgebiet abgedüst und hatte dort eine alte Flamme geehelicht. Vincent hatte sicherlich nicht erwartet, ihn hier zu treffen.
“Sie hat mich rausgeschmissen”, erklärte Mirko.
“Und deine Tochter, ich meine: Stieftochter?”
“Ist in der Pubertät.”
Vincent lachte auf. “Ich sehe schon, auch für dich hiess es: Back to Nordingen. Diese Stadt hat etwas, das uns nicht loslässt, findest du nicht auch?”
“Na ja, ich bin hier aufgewachsen”, meinte Mirko. “Meine Mutter ist noch hier.”
“Aber du lebst nicht bei ihr?”
“Ich will meine Freiheit haben. Wollte ich immer schon.”
Das stimmte allerdings. Vincent nickte. “Für mich heisst es jedenfalls in einer Woche: Ab nach Hamburg.”
“Ach, Hamburg City.” Mirko nahm den Anglizismus auf und zitierte die Sprachregelung hanseatischer Deutsch-Rapper. “Fühlst du dich hier unzureichend versorgt?” Er grinste und blickte auf Anne.
“Keine voreiligen Rückschlüsse”, entgegnete Vincent. “Ich betätige mich als Tutor dieser jungen Dame, in der du eine vielversprechende angehende Germanistin vor dir hast.”
“Mehr oder weniger”, schmunzelte Anne.
“Ah ja.” Mirko wandte sich wieder an Vincent. “Siehst du eigentlich wen von den alten Leuten noch? Gehst du noch zu den Eisenbahnern?”
Mirko meinte die Spielstätte des Schachvereins in der Güterbahnhofsgegend.
“Kaum noch”, antwortete Vincent. “Bert läuft mir manchmal über den Weg.”
“Was erzählt er denn so?”
“Ich glaube, sie wollen ihm mal wieder den Strom abstellen.” Vincent grinste. “Aber er wehrt sich. Weiss genau über die Regelungen bescheid, kennt sogar den exakten Zentimeterabstand, den Kontrolleure einhalten müssen, wenn sie am Betreten der Wohnung gehindert werden.”
Mirko lachte. “Armlänge etwa? Der gute Bert. Immer im Clinch mit den Stadtwerken. Spezialist. Unflexibel.”
“Dir könnte so etwas nicht passieren, wie?”
“Ich habe immer mehrere Eisen im Feuer.”
“Zum Beispiel?”
Mirko grinste. “Callcenter, Baby. Zum Beispiel. Das ist jetzt angesagt.”
Vincent machte sich inzwischen ernsthaft Sorgen um Mirkos Sprachverhalten. “Der Laden am Galluspark?” fragte er. “Unter California Fitness? Ich habe selbst mal überlegt, dort zu arbeiten.”
“Nicht am Galluspark. Wir sind ein kleinerer Verein. Ein loser Verbund. Ich arbeite auch von zu Hause. Ich bin einer der besten Verkäufer. Der Chef hält grosse Stücke auf mich.”
Eine logische Entwicklung, dachte Vincent, für jemanden, der unter anderem in Drückerkolonnen grossgeworden war. Er fand, sie hatten jetzt genug geredet. Mirko aber schien das Gespräch fortführen zu wollen, wie an seinem Gebaren zu erkennen war.
“Hier im Haus ist es ganz cool”, liess Mirko nun verlauten. “Immer was los.”
“Ja?” Vincent hatte sich schon zur Treppe gewandt und änderte nun die Richtung seiner Aufmerksamkeit. “Aber würdest du dich einen Stock tiefer nicht noch wohler fühlen? Je weiter es hier nach oben geht, desto mehr südwärts geht es doch auch.”
“Null Problemo. Ich bin oft bei den Jungs unten, die sind ganz in Ordnung. Aber hier im Zweiten gibt es auch ein gewisses östliches Flair, wenn du weisst, was ich meine.”
“Äh, ja. Möglicherweise haben Anne und ich eben eine Note davon erhascht. Okay, also wir machen uns dann auf den Weg…”
“Einen Moment noch, Alter.”
Vincent hatte jetzt deutlich den Eindruck, dass Mirko etwas loswerden wollte. “Was ist?” fragte er leicht ungeduldig.
“Nun, Vincent, alter Kumpel”, holte Mirko umständlich aus, “es würde dich vielleicht, denke ich mir, interessieren, dass dieses Haus generell in geschäftlicher Hinsicht nicht ganz uninteressant ist.”
Daher wehte also der Wind. Es war sicherlich nicht uninteressant, dass dieses Haus nicht drogenfrei war, aber andererseits hätte Vincent sich das auch denken können. Deswegen hatte er ja mit Anne den Abstecher hierher gemacht. Nun musste er sich natürlich anhören, was Mirko zu sagen hatte.
“Kapiere”, antwortete er deshalb kurz.
“Weisst du, mir ist aufgefallen, dass in letzter Zeit der Konsum ansteigt. Mir scheint, es ist bei uns wieder viel Stoff im Umlauf. Fast wie in den Neunzigern.”
“Ich habe das jetzt schon von einigen Leuten gehört”, bemerkte Vincent vage.
“Ist so.” Mirko nickte vehement. “Ich habe jedenfalls ein bisschen darüber nachgedacht, und ich würde mich nicht wundern, wenn die Sache sogar einen French Touch hätte.”
An dieser Stelle gingen Vincent viele Dinge durch den Kopf. Es war möglich, dass Mirko etwas über die alte Nord-Süd-Connection wusste, auch wenn er sich nicht vorstellen konnte, auf welchem Wege. French Touch. Aber woher sollte Mirko überhaupt wissen, wer Lucien war, die einzige französische Person, die ihm diesbezüglich in den Sinn kam? Mirko war die Jahre, in denen die Connection bestand, nicht einmal an der Peripherie aufgetaucht. Wenn er mal mit dem Business zu tun gehabt hatte, dann war das in den Achtzigern gewesen. Er hatte da ab und zu gewisse Andeutungen gemacht.
Vincent sah Mirko an, der unter seinem Schnurrbart jenes Insichhineingrinsen zeigte, das ihm eigen war, ebenso wie ein schnaufendes Kichern, das er an den Tag legte, wenn er in seiner Veteranenexpertise schwelgte. Vincent prüfte verschiedene Erinnerungen, Elemente aus den Begegnungen jener Tage, im Schnelldurchlauf, und kam doch zu keinem befriedigenden Ergebnis. Das heisst, er kam zu einem einzigen Ergebnis, und das lautete: Mirko wusste relativ viel, und zwar schlicht und ergreifend aus dem Grund, weil Mirko, die alte Klatschbase, immer relativ viel wusste.
Vincent sah sich nun in einem Dilemma. Er musste Mirko aushorchen, aber er wollte Anne nicht gehenlassen. Er brauchte nicht lange, um sich zu entscheiden. Er entschied sich, wie fast immer und mit wechselndem Ergebnis, für die Frau, die ihn interessierte.
“Weisst du, Mirko”, sagte er, “ich habe jetzt echt keine Zeit. Ich schlage vor, ich komme einmal ganz easy vorbei, und wir schnacken einmal über die alten Zeiten und was draus geworden ist. All right?”
“All right”, entsprach Mirko der anglizistischen Konvention. “Ich sehe ja, dass du anderweitig in Anspruch genommen bist.” Sie schüttelten sich wieder die Hand.
Vincent fasste Anne an der Schulter, und sie stiegen Seite an Seite die Treppe hinunter.
Als sie den Wohnkomplex verliessen und durch das Tor wieder auf die Landstrasse traten, trafen sie auf noch mehr Sonne. Sie liess die breiten nassen Bürgersteige erglänzen und tauchte links den Horizont, wo hinten, im Bereich der Berufsschule, die schmale Brücke sichtbar war, in gleissendes Licht.
Vincent sah, wie das Sonnenlicht in Annes nachlässig, ungekämmt den Nacken kosenden Haar spielte, und er bereute seine Entscheidung nicht. Auf der Höhe des Bahnhofes, bei den Bushaltestellen, fragte Anne, ob es okay sei, wenn sie zu Fuss gingen, es sei ja nicht so weit.
“Nein, ich gehe gern zu Fuss”, antwortete Vincent.
“Ich auch”, sagte Anne.
Sie liessen den Campus rechts liegen und gingen auf der Weender Landstrasse, die an der Ecke Kreuzbergring zur Hannoverschen Strasse wurde und weiter nach Norden führte. Sie bogen rechts von hinten, dem Ausgang für die Kraftfahrzeuge, in den Rewe-Hof ein, wobei Vincent zu dem auf den Hof gehenden Balkon einer Wohnung im ersten Stock hinauflinste, weil er wusste, dass Bert dort wohnte. Dichter Pflanzenbewuchs verstellte den Blick.
Anne führte Vincent rechts über den Hof zu einem kleinen Durchgang, den er nie richtig wahrgenommen hatte. Es war ein schmaler unbefliester Weg, der zum studentischen Wohnkomplex führte, auf den gepflasterten Weg, dessen Eingang Vincent von seiner eigenen Bleibe aus sehen konnte. War es nicht seltsam, dass er doch so schnell auf dem Vorhof seines Sehnens angelangt war? Aber Nordingen war klein, die Fragezeichen, die unbetretene Orte umschwebten, lösten sich schnell auf, wobei ebendort, im Umkreis des Kennenlernens, neue Fragezeichen erstanden, Fragezeichen, die nicht mehr an den Orten, sondern an den Menschen hingen.
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