Die Schnitzeljagd (Folge VI)

 Er schätzte sie auf fünfundzwanzig. Vincent hatte inzwischen erfahren, dass sie Anne hiess (nicht von Marianne, bloss Anne) und natürlich in der kleinen Studentensiedlung wohnte. Sie studierte nach einem freiwilligen sozialen Jahr Germanistik und Ethnologie, war aber kurz davor, das Studium zu schmeissen und eine Ausbildung zu machen, Hotelwesen vielleicht.

 “Gefällt dir das Studium nicht?” fragte Vincent.“Ich weiss nicht, es ödet mich an”, sagte Anne und strich ein paar Strähnen zurück. Sie wandte sich wieder dem Milchkaffee zu, den ihr die Bulgarin? Serbin? gebracht hatte.

“Ich verstehe dich”, meine Vincent und fragte sich gleich darauf, ob dieser Satz nicht etwas altväterlich klang.

“Aber du hast den Magister gemacht.”

“Mit Ach und Krach.”


Anne erkundigte sich interessiert nach seiner Arbeit als freiberuflicher Journalist und horchte auf, als er von seinen Musikkritiken sprach. Sie stand auf neumodischen Hardcore, Deftones, Jimmy Eat World, Incubus, solche Sachen, ein Rockbereich, der Vincent immer ein bisschen fremd geblieben war. Sie stimmten in der Ablehnung von Limp Bizkit überein und kamen bei Queens of the Stone Age zusammen. Vincent versuchte Anne zu erklären, dass für ihn Stoner Rock in direkter Linie mit dem Noise und Shoegaze der Achtziger verbunden sei. Das Gespräch kam ganz natürlich auf das Kiffen (über die Frage, ob Liz Phairs “Help me Mary” eine Nebenbedeutung hatte), und Vincent konnte seine Routine ablaufen lassen, die einfach darin bestand, das zu spielen, was er jahrelang gewesen war.

“Sitze übrigens stoffmässig auf dem Trockenen”, brummte er wie beiläufig. “Kennst du vielleicht eine Quelle?”

Im Nu hatte er eine Einladung in Annes WG eingeheimst, “auf einen Kaffee, und wir sehen weiter, ich denke, ich kann dir helfen”, sagte die junge Frau, die er immer interessanter fand.

“Und wann?” fragte er.

“Na, wenn du willst, jetzt gleich. Ich meine, wenn der Regen aufhört”, sagte Anne. Es prasselte ohne Unterlass.

“Ja, gern. Bist du eigentlich Nordingerin, Anne? Bist du hier geboren?”

Sie war von hier. Ihr Elternhaus befand sich in Gross Schwenden, einem der Käffer ausserhalb, sieben acht Kilometer in nordöstlicher Richtung. Anne war sogar auf die gleiche Schule gegangen wie Vincent, aber aufgrund des Altersabstands konnte er sich nicht an sie erinnern.

“Du bist ja auch lange weg gewesen”, sagte Anne. “Sonst hätten wir uns in der Disco über den Weg laufen können oder so… Wie ist Heidelberg eigentlich?”

“Schön. Idyllisch. An der Oberfläche zumindest.” Vincent schloss halb die Augen. “Eine Stadt voller Überraschungen. Das ist sicher.”

“Warum bist du nicht dort geblieben?”

“Ich habe zu viele Brücken abgebrochen.” Vincent bemerkte, dass er dabei war, die angesagte Spur zu verlassen und fing sich. “Ich muss sagen, in Nordingen hat sich vieles verändert”, sagte er mit forscherer Stimme. 

“Was denn zum Beispiel?” fragte Anne.

“Die Leute zum Beispiel. Die Leute vor allem. Ich meine, die jungen Leute.” Vincent dachte kurz darüber nach, wie persönlich er Anne gegenüber eigentlich werden wollte, und sagte sich: sehr persönlich. “Das hört sich vielleicht ziemlich allgemein an. Du musst dir das ungefähr so vorstellen: Ich komme zur Bushaltestelle hinterm Alten Rathaus, da sitzt ein Mädchen, vierzehn, fünfzehn Jahre, und ich nehme eine bestimmte Sozialisation wahr, von der Sitzhaltung bis zu den Pornofingernägeln.”

“Pornofingernägel?” Anne lachte. “Man merkt, dass du schreibst. Ich glaube, ich habe bei Wiglaf Droste etwas Ähnliches gelesen.”

“Ah, du gehörst also zu denen, die noch lesen. Ernsthaft, es sind solche Kleinigkeiten, scheinbare Kleinigkeiten, da weiss ich, dass das Jahr 2005 und nicht 1995 ist.” Vincent griff nach seiner Tasse und nahm einen letzten Schluck. “Ich erinnere mich, damals, in der Zeit kurz vor oder nach dem Abitur, sagte ein Freund von mir: ‘Wer in Nordingen was auf sich hält, läuft wie ein Penner rum.’”

Anne lachte wieder. “Ich glaube, ich weiss, was du meinst. Mein Vater sagt immer: Wo sind all die Zecken geblieben? Was ist aus dieser linken Szene geworden?”

“Ich denke, es war ein allmählicher Prozess. Offene und subtile Repression. Es gab dieses grosse Gerichtsverfahren mit dem berühmten Gummiparagraphen, auch bei Freispruch geht das ins Geld. Und dann mentalitäts- und lifestylemässig. Kanzler Schroeder und der Praktikumswahn. Courtney Love trägt Versace, Indie wird Kacke. Und lauter Hip Hop. All das über die Jahre. Neubauten, Umfeldmetamorphosen. Irgendwann reibt man sich die Augen, und sagt: Moment mal, ist das noch die Stadt, in der ich aufgewachsen bin? Das Leben, das ich kannte?”

Anne blickte Vincent neugierig an. “Du musst Horst, meinen Mitbewohner, kennenlernen.  Er ist in deinem Alter. Ich glaube, ihr beiden würdet euch prächtig unterhalten. A propos”, sie wies mit dem Finger nach draussen, “es regnet nicht mehr. Wir sollten uns auf den Weg machen.”

“Wolltest du nicht einkaufen?” erinnerte sich Vincent.

“Du wirst mich dabei begleiten.” Anne grinste ihn an.

Vincent mochte ihre Art. Und er hatte das Gefühl, dass Auftrag und Privatinteresse sich nicht ganz würden auseinanderhalten lassen. Aber war das nicht von vornherein klar?

Die Goetheallee triefte vor Nässe, aber die Sonne war herausgekommen. Anne steuerte den Plusmarkt in der Nähe an, und Vincent trottete neben ihr her. Er fühlte sich in eine andere Zeit seines Lebens zurückversetzt, einige Jahre früher. Warum dachte er jetzt gerade an Anna? Weil in ihrem Namen nur ein Buchstabe anders war?

Vielleicht. Bei Anna war noch mehr anders gewesen, vor allem war sie eine ganz andere Person gewesen als diese Studentin der Geisteswissenschaften, die sich nicht allzu sehr um ihre Weiblichkeit zu kümmern schien (und auch ohne Getue genug davon sichtbar machte). Anna war ein Provinzgewächs aus Südbaden gewesen, dessen ebenso offenes wie häufig falsches Lächeln in einem Büro oder einer Filiale besser aufgehoben war als in einem Seminarraum.

Aber Vincent erinnerte sich daran, wie er mit der Badenser Göre regelmässig zum Handelshof gepilgert war. Das war es. Der Spaziergang zum Supermarkt war nicht frei von erotischen Gedanken gewesen. So wie jetzt.

Dem tat auch die karge Atmosphäre des Plusmarktes mit den engen Gängen und den Billigwaren keinen Abbruch. Anne steuerte zielstrebig bestimmte Regale an. Vor dem Bahlsen-Kekssortiment drehte sie sich ihrem Begleiter zu.

“Kaufst du nichts?”

“Ich weiss nicht”, antwortete Vincent. “Vielleicht decke ich mich mit ein paar Dosen Hansa-Pils ein.”

Was bei Anne Heiterkeit auslöste. “Krombacher? Warsteiner?” schlug sie lächelnd vor.

“Eher Veltins. Und natürlich Einbecker. Aber ich habe mir vorgenommen, weniger zu trinken.”

“Sehr vernünftig.” Anna hatte das gesuchte Bahlsenprodukt gefunden und in ihre Einkaufstasche gepackt. Nach ein paar weiteren Einkäufen stellten sie sich in die Schlange. Das Plus-Nachmittagspersonal war die übliche Mischung aus Leuten, denen man ansah, dass sie nicht zur regelmässig arbeitenden Bevölkerung gehörten, inklusive der obligatorischen abgerissenen Gestalt, in diesem Fall war es eine Frau mittleren Alters mit einem schmutziggrauen Lockenkopf, die, wie Vincent wusste, meist am Kornmarkt beim Gänseliesel herumlungerte. Eher Alkoholikerin als Junkie, in der Tat, sie hatte einige Dosen Dortmunder Aktien-Bräu unterm Arm, die sie jetzt langsam, umständlich auf das Laufband stellte. Vincent war nun doch ganz froh, dass er nicht auf die Hansa-Routine verfallen war.




7


Vincent und Anne gingen durch die Groner-Tor-Strasse. Als sie sich der grossen Kreuzung näherten, wo die Bürgerstrasse rechts in die Berliner Strasse überging, dachte Vincent an den nicht weit entfernten Gebäudekomplex, über den er mit Guus gesprochen hatte, die Adresse mit dem schlechten Ruf. 

Es fiel ihm ein, dass die Clique um Tschingis dort jahrelang eine Wohnung gemietet hatte, in der nie jemand wohnte, die allein dem Zweck diente, gelegentlich Deals über die Bühne gehen zu lassen. Vincent erinnerte sich an eine Situation gegen Ende der alten Geschichte, als die Nord-Süd-Connection bereits zu zerbröseln begann, einen unangenehmen Deal mit zwei Typen aus Holland. Eine grosse Spannung hatte bei diesem Treffen zweier Grossdealer-Cliquen in der Luft gelegen. Vincent hatte bemerkt, dass selbst Tschingis sichtlich erleichtert war, als die Sache gelaufen, und die Unbekannten Richtung Holland abgedüst waren. 

Da kam Vincent eine Idee.  

“Sag mal”, wandte er sich an Anne. “Hättest du was dagegen, wenn wir einen Abstecher dort hinten zur Nummer 9 machen? Ich möchte gern sehen, ob ein Freund von mir noch dort wohnt.”

“Kein Problem”, meinte Anne. “Ich muss heute sowieso nichts mehr fur die Uni tun.” Sie setzte hinzu: “Ich sollte mich wohl nicht wundern, dass du in dem heruntergekommenen Bunker jemanden kennst.”

“Vielleicht doch.”

Vincent bemerkte Annes Unbefangenheit, als sie durch den einfachen steinernen Torbogen in den Hof des Komplexes schlenderten. Er nahm sich vor, an dieser vielversprechenden Bekanntschaft festzuhalten, so lang es die Umstände ermöglichten.

Der Fahrstuhl war kaputt, und so begannen sie per Treppe zum zweiten Stock hochzusteigen. Vincent hatte Annes festen, wohlgeformten Jeanshintern vor sich, und er dankte dem Zufall, der ihm dieses frische, gesunde Wesen, das er schon lange im Sinn gehabt, schliesslich zugeführt hatte.

Vincent erinnerte sich, dass der erste Stock stets von einer Clique Deutschnationaler okkupiert gewesen war, denjenigen, die ohne Zweifel dafür verantwortlich waren, dass eine schwarzrotgoldene Flagge auf dem Hof zu sehen war, wie auch heute. Ex-Skinheads, die den gesellschaftlichen Anschluss verpasst hatten, und andere Versprengte, dachte er. Sie waren in dem Komplex in der klaren Minderheit und bestanden desto trotziger auf der Sichtbarkeit ihrer Gesinnung. Was sie mit dem Rest der Mieter verband, war, dass sie der Polizei in gleicher Weise unaufgeschlossen gegenüberstanden.

Vincent spähte links in den Gang. Gleich neben der offenen Flurtür hingen drei Typen herum, Deutsche. Er meinte in ihren Augen eine Überraschtheit auszumachen. Sie bestand wohl darin, dass sie zwei Nicht-Kanacken die Treppe hinaufgehen sahen.  

Im zweiten Stock fand sich Vincent auf dem Gang links schnell zurecht. Als seien keine sechs Jahre vergangen, dachte er.

Es war dunkel im Gang. Wand und Fussboden schmutzigweiss, die in geringen Abständen sich aneinanderreihenden Haustüren alle von demselben hässlichen Grau. Keine Nummern. Nichts hatte sich verändert, jedenfalls nicht von aussen.

Es war die dritte Tür auf der linken Seite. Vincent drückte die Klingel. Schon nach wenigen Sekunden ging die Tür auf.

Zum zweiten Mal an diesem Tage sah sich Vincent mit der Frage slawischer Zuordnung konfrontiert. Diesmal konnte es auch Polen sein. Die Frau war etwa dreissig, füllig. Braun gefärbtes, kurzes Haar. Gute Figur, die vollen Brüste boppten unter dem breiten viereckigen Ausschnitt eines dunkelblauen Präsentiershirts fast heraus. Der Eindruck wurde dadurch verstärkt, dass die Frau ausser Atem war, ihr Brustkorb hob und senkte sich, während sie die Besucher unverwandt anstarrte.

“Was ist? Was wollt ihrr?”

Das klang nicht nett, aber dazu hatte sie auch keinen Anlass. Vincent brachte sein vorgefasstes Märchen an. Er setzte eine erstaunte Miene auf.

“Ja, wo ist denn Tschingis? Wohnt der nicht mehr hier? Meine Freundin und ich” - er legte einen Arm um Annes Schulter - “wollten ihn besuchen, meinen alten Kumpel.”

Die Tatsache, dass sie es offenbar nur mit Verirrten zu tun hatte, schien die Frau zu beruhigen. Sie blickte etwas milder, und ihre Auslage hob und senkte sich in einem sanfteren Rhythmus.

“Ich wohne hier. Ich kenne kein Tschingis”, gab sie resolut zu Protokoll.

“Oakey-doke. Es tut mir wirklich leid, dass wir Sie gestört haben. Einen schönen Tag dann noch.” Vincent nickte ihr entschuldigend zu.

Jetzt lächelte die Frau sogar. Sie zupfte ihr Shirt so zurecht, dass Vincent befürchtete, eine Brust könnte sich selbständig machen, bedachte gar Anne mit einem prüfenden Blick. Er fragte sich, ob sich das Gewerbe bis hierher ausgebreitet hatte.

“Schöne Tag”, antwortete die Frau und schloss die Tür.


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