Die Schnitzeljagd (Folge V)
6
Es hatte nach Regen ausgesehen, und sehr bald hatte es tatsächlich angefangen zu prasseln, der Himmel war eine undurchsichtige Graumasse geworden, und Vincent hatte sich in den Laden direkt neben dem Leinekanal geflüchtet. Der Laden hiess Miller’s Corner und bot ein amerikanisiertes Ambiente und Menu. Relativ neu und eher ungewöhnlich in dieser Stadt, aber, dachte Vincent, irgendwie zog sich wohl eine Linie von der Ankunft von McDonalds in den Achtzigern über New Yorker in den Neunzigern bis zu weiterem US-Flair im gegenwärtigen Jahrzehnt. Ohne den Regenschauer wäre er nicht hineingegangen.
Miller’s Corner war Restaurant, fungierte morgens und nachmittags aber auch als Café. Vincent hatte bei einer Kellnerin, die slawisch aussah, einen grossen Milchkaffee bestellt, “Latte” hiess das jetzt, exportitalienisch. Schlürfend überlegte er abwechselnd, ob er später ins KAZ gehen sollte, und welchem ehemaligen Ostblockstaat er die Kellnerin zuordnen sollte, die recht grossgewachsen war und rotblondes Haar hatte.
Es prasselte und prasselte, mal stärker, mal schwächer, Vincent starrte nachdenklich und unterdessen zwischen Bulgarien und Serbien schwankend durch die tropfenbeschlagenen Fensterscheiben hinaus, er suchte seine Intuition dem Regenrhythmus anzupassen, hinten in der Küche fiel Geschirr krachend zu Boden, und dann passierte noch etwas.
Es passierte in aller Stille - wenig Tische waren besetzt, ab und zu nur verhallende Gesprächsfetzen - und war nichts anderes, als dass die junge Frau hereinkam und sich an den benachbarten Tisch setzte, mit dem Rücken zum Fenster auf die niedrige gepolsterte Bank. Als sie sich hinsetzte, etwas abrupt angesichts der Flucht vor dem Regen, schlug sie mit dem Rücken leicht gegen die dicke Glasscheibe, sie ächzte demonstrativ auf und öffnete den Reissverschluss ihrer schwarzen Jacke.
Aus der Nähe sah sie noch besser aus, das Gesicht zwischen den nassen, bis auf die Schulter reichenden braunen Haaren war ebenmässig, etwas länglich, die dunklen Augen wach und rege. Sie trug kein Make up. Ihr Gebaren war das einer Frau, die ihre Weiblichkeit nicht als Schutzschild trug.
Als sie hereinkam, hatte Vincent gerade mit den Gedankenschwankungen aufgehört und wollte sein Bananarama-Poster hervorkramen. Jetzt war er froh, dass er nicht dazu gekommen war. Was hatte Guus gesagt, etwas von einem direkten Weg? Nun, damit hatte er wohl recht.
“Grässlicher Regen”, wandte er sich an die junge Frau. “Ich habe mich auch eben erst in Sicherheit gebracht.”
Er erntete einen Blick, der nichts aussagte. “Ich wollte einkaufen”, sagte die junge Frau dann mit alltäglicher Stimme. “Hätte ich man noch ein bisschen gewartet.” Ihre Stimme war nicht hoch und nicht tief, eine deutsche Stimme mit dem ganz leisen Echo einer Schulhofblasiertheit.
Das neue Hauptgebäude der städtischen Polizei im Hagenweg war gerade erst vor ein paar Monaten in Betrieb genommen worden. Der moderne, in dezentem Grau gestrichene, grosse viereckige Kasten mit drei Stockwerken hatte das alte Gebäude am Geröllgraben abgelöst, das den lokalen Freunden und Helfern (und Festnehmern und Verknackern) jahrzehntelang das dienstliche Zuhause gewesen war. Hauptkommissar Carl Beiz fühlte sich immer noch nicht recht wohl in den grossen Räumen und den langen Fluren mit den schneeweissgestrichenen Wänden. Unten mittig zierte sie ein breiter hellblauer Streifen. Blau war die neue Farbe der Polizei. Sie waren jetzt nicht mehr die “grünen Männchen” (und Weibchen). Beiz dachte sich, dass die Farbwahl auf die Strauchdiebe und Spitzbuben, die die Flure durchquerten, wohl beruhigend wirken sollte. Ein blutroter oder grellgelber Streifen hätte jedenfalls eine andere Wirkung. Beiz erinnerte sich, dass seine Frau beim Abendbrot einmal etwas von fernöstlicher Inneneinrichtungsphilosophie geschwafelt hatte. Sie hatte es aus der Fernsehzeitung. Peng Choui oder so. Farben waren da ganz wichtig.
Blau, rot, gelb, schwulrosa oder emanzenlila: Keine Farbe würde etwas daran ändern, dass der Flur mit seiner Krankenhausatmosphäre und die spärlich ausgeschmückten, grossen Räume der verschiedenen Abteilungen auf Beiz einen jämmerlich desinfizierten Eindruck machten. Er hatte drei Jahrzehnte am Geröllgraben verbracht, hatte sich dort hochgearbeitet, die engen, stickigen Zimmer und der Flur im Erdgeschoss mit dem abblätternden Putz der schmutzigen, einstmals ockerfarbenen Wände hatten sich in seinem Hirn als Aspekte einer adäquaten Arbeitsatmosphäre festgesetzt.
Seien wir ehrlich, Carl, sagte er sich, du bist ein Fossil. Weil dir noch zehn Jahre Dienst bleiben, haben sie dich hierher mitgeschleppt, aber du gehörst nicht wirklich an diesen Ort. Sieh dir Kwiebitz an. Er wuselt herum, als hätte er seine Kindheit hier verbracht. Seinen Juniorpartner konnte er sich auch als Kind nur mit schwarz umrandeter Nerdbrille vorstellen, wahrscheinlich hatte er sie schon auf der Nase gehabt, als er noch an der Mutterbrust genuckelt hatte. A propos, war heute nicht die Nutte aus dem Eros-Center angekündigt, die Ostglucke mit den dicken Eutern? Es machte Beiz immer grossen Spass, sie in die Mangel zu nehmen. Er dachte zurück an die Zeit vor über dreissig Jahren, er hatte damals sechs Monate als junger Polizist auf der Wache im Bahnhofsviertel Dienst getan, die Art und Weise, mit der sie Nutten und Junkietorten begegnet waren, war nicht immer korrekt gewesen, manchmal nicht einmal legal…
Es klopfte an der Tür, so, wie nur Kwiebitz klopfen konnte, als gebe es selbst für das Klopfen eine genaue Dienstvorschrift. Der Typ sollte in eine Fernsehshow gehen, er würde den Preis für das dienstfertigste Klopfen gewinnen, dachte der Kommissar.
“Komm rein, Biljana!” brüllte Beiz.
Kwiebitz betrat sichtlich irritiert das Zimmer. Er schloss die Tür so vorsichtig, als ob er für unsachgemässes Türenschliessen belangt werden könnte. Dann rückte er seine Brille zurecht.
“Haben sie jemand anderes erwartet, Kommissar?” fragte er dann.
“Natürlich nicht”, antwortete Beiz. Er deutete auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch. “Pflanz dich mal hin und erzähl mir, was ihr bisher rausgekriegt habt.”
Kwiebitz, weiterhin irritiert, durchschritt den grossen, von einer breiten Fensterfront hell erleuchteten Raum, bis er endlich vor Beiz’ Schreibtisch angelangt war. Er setzte sich hastig. Er trug ein weisses Hemd und darüber eine schwarze Jacke. In der Hand hielt er eine dünne Mappe.
“Also schiess mal los.” Beiz lehnte sich zurück und fluchte innerlich zum x-ten Male darüber, dass er hier nicht rauchen durfte.
“Das ist der Bericht des Mediziners”, begann Kwiebitz, aber als er sah, dass Beiz eine ungeduldige Handbewegung machte, liess er die Einleitungsfloskeln weg und sagte: “Todesursache Pfählung.”
“Das steht so im Bericht?” Beiz kniff die Augen zusammen.
“Es steht in Anführungsstrichen. Mitsamt einer Erläuterung, die ich, ehrlich gesagt, etwas geschwätzig finde.”
“Wird auf Boris Karloff-Filme verwiesen?”
Kwiebitz machte ein fragendes Gesicht. “Ich würde es eine kulturhistorische Deduktion nennen”, sagte er dann.
Beiz seufzte und verdrehte die Augen, wie oft, wenn Kwiebitz seine Fremdwörter anbrachte. “Todeszeit?” fragte er.
“Zwischen einundzwanzig und zweiundzwanzig Uhr.”
Beiz brummte. “Identität der Toten?”
“Liess sich leicht anhand des Personalausweises feststellen, wie auch überhaupt sonst alles unberührt scheint. Sie hatte übrigens nicht wenig Geld bei sich. ‘Sie’ ist Christine Baggenfurth, einunddreissig Jahre alt, arbeitslos und mit einiger Wahrscheinlichkeit drogenabhängig.”
Beiz hob die Augenbrauen. “Was für Drogen?” fragte er.
“Heroin, Kokain, Cannabis, Amphetamine. Einstiche am Arm deutlich zu erkennen.”
“Da hatte sie allerdings einiges intus”, meinte Beiz. “Drogenszene. Da haben wir doch schon mal was. Wissen, wo wir mit den Ermittlungen beginnen müssen.” Seine Stimmung besserte sich.
“Aber die Art des Todes”, wandte Kwiebitz ein. “Die Platzierung der Leiche. Das wirkt, wie soll ich sagen, es wirkt inszeniert. Einige Kollegen haben die Vermutung geäussert, es könnte mit Okkultismus zu tun haben.”
“Hier bei uns? Meinst du die Grufits, die einmal auf dem Friedhof herumgegraben haben?”
“Es gibt einige beunruhigende Entwicklungen in der Gothic-Szene”, gab Kwiebitz zu bedenken. “Der für Subkulturen zuständige Beamte…”
Beiz unterbrach ihn. “Der für Subkulturen zuständige Beamte? Ich wusste gar nicht, dass wir so etwas haben. Noch so eine Neuerung. Und was für Subkulturen denn? Wir haben die Zecken, das linke Gesocks, das wir im Laufe der Neunziger erfolgreich zurückgedrängt haben, das ist eine politische Geschichte. Ein paar versprengte Gruftis, und jetzt diese Hip Hop-Deppen, die auf Gangster machen. Das sind doch keine Subkulturen.”
“Ich würde solche Entitäten nicht auf die leichte Schulter nehmen”, gab Kwiebitz erneut zu bedenken. “Dennoch stimme ich mit ihnen überein, dass es Sinn macht, in der Drogenszene mit den Ermittlungen zu beginnen.” Er rückte seine Brille zurecht. “Etwas anderes, Kommissar. Was hat es eigentlich mit diesem Herrn Schröer auf sich? Warum ist er aus Holland hierhergekommen?”
“Damit sind wir doch mittendrin in der Sache”, sagte Beiz. Und er erzählte Kwiebitz, dass sie von der zuständigen Stelle in der Landeshauptstadt Anweisung erhalten hätten, einem Beamten von Europol, der nach den Ursachen des rasant angestiegenen Vorkommens handelsüblicher Rauschmittel im Süden des Landes forschte, zur Seite zu stehen. Sie hätten ja selbst diesen Anstieg seit etwa einem halben Jahr zur Kenntnis genommen und sich durchaus darüber gewundert. Es erinnerte einen geradezu an die Zeit Anfang der Neunziger. Jedenfalls hätte man in Den Haag beschlossen, dieser Signifikanz innerhalb der europäischen Drogenlandschaft mittels Feldforschung auf die Spur zu kommen. Überhaupt sei man dort der Meinung, dass man der Gefahr einer möglichen Abgehobenheit der europäischen Behörde begegnen und daher regelmässig die Zusammenarbeit mit regionalen Stellen suchen müsse. Im übrigen, setzte Beiz hinzu, habe er für Holländer immer ein offenes Ohr gehabt, der Akzent des Herrn Schröer erinnere ihn wohltuend an Rudi Carrell.
Kwiebitz war froh, dass er hier mitreden konnte. “Nur dass der Herr Schröer äusserlich mehr an Harry Wijnvoord erinnert”, sagte er.
“Korrekt”, brummte Beiz. “Er trägt wie ich eine gesunde Fülle zur Schau. Schröer ist auf dem Weg zurück nach Holland. Das Konsumverhalten der Verschiedenen wird ihn interessieren. Ich werde ihn gleich anrufen.”
Kwiebitz nickte. Er schien nachzudenken.
“Kommissar”, sagte er dann, “warum haben sie den Herrn Schröer eigentlich bereits am Tatort verständigen lassen?”
Beiz stutzte, dann blickte er Kwiebitz lächelnd an.
“Intuition”, sagte er.
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