Die Schnitzeljagd (Folge IX)

 8


Draussen war es kälter als zuvor, und es wurde langsam Abend. Der dunkelnde Himmel wartete mit einem verwaschenen Gelb auf, das in ein Schmutziggrau überging und die Meerferne der mitteldeutschen Gegend zum Ausdruck brachte. Anne führte Vincent rechts über den Weg am studentischen Komplex entlang und dann links bis zu einer kleinen Treppe, die in der Tat auf eine Art Hinterhof führte. Es war eher eine Mischung aus Hinter- und Garagenhof: Auf der rechten Seite befand sich eine Reihe von Garagen und gegenüber ein kleiner Block dreistöckiger Häuser in Grau, deren klotzig karges Aussehen sogar dasjenige von Vincents Wohnbunker unterbot und die Baugewohnheiten der Siebziger in besonders schlechtes Licht rückte. Links neben dem kleinen Wohnkomplex verband eine ziemlich steile Auffahrt den Hof mit der Hannoverschen Strasse, der Hauptverkehrsader, die zum Galluspark und den nördlichen Vororten führte. Verkehrslärm drang dumpf herüber. 

“Es ist das mittlere Haus”, sagte Anne und zeigte dorthin. “Da wohnt Samir.”

Der Name weckte eine dunkle Erinnerung in Vincent. “Libanese?” fragte er.

“Glaube”, antwortete Anne vage. “Warum?”

Vincent antwortete nicht.

Sie standen inzwischen vor der Haustür, und Anne drückte eine Klingel, die mit einem unleserlichen, nachlässig mit Filzstift bemalten Namensschild überklebt war. Es dauerte ziemlich lange, bis der hässliche Summerton erklang.

Alle Treppenhäuser und Flure sind sprechend, auch wenn man nicht genau vernehmen kann, was sie sagen. Was Vincent hier entgegentrat, war das Bewohntsein einer Nichtkommunikation, eine Sammlung von Abgesondertheiten auf engem Raum, so ziemlich das Gegenteil der hellen, einladenden Geräumigkeit in Annes Wohnheim. Vincent stieg hinter Anne den ersten Stock hinauf, und sie gingen dann links durch einen dunklen Flur zur letzten Tür links. Auf der Klingel, die Anne drückte, stand kein Name.

Es dauerte lange, bis sich die Tür öffnete, und Vincent konnte, hinter Anne stehend, die öffnende Gestalt nicht erkennen. Diese murmelte etwas, was wohl eine Aufforderung zum Eintritt war, denn Anne setzte sich gleich in Bewegung, und Vincent tat es ihr nach. Es ging durch den engen, kahlen Wohnungsflur zur zweiten Tür rechts, und erst, als Vincent in dem karg eingerichteten Zimmer zum Stehen kam, konnte er den Gastgeber in Augenschein nehmen. Ja, doch, er erkannte ihn wieder, nach fünfzehn Jahren.

Da war eine Verhärtung um die Mundwinkel, und wenn Vincent dieses Gesicht nicht zu einer Zeit kennengelernt hätte, als sie beide fünfzehn, sechzehn Jahre alt gewesen waren, wäre er befangener. Ja, das war Samir, der Libanese. Ein netter, gesprächiger Typ, erst auf der geraden, dann auf der schiefen Bahn.

Es war noch eine vierte Person im Raum. Rechts hinten, in der Ecke, auf der Bettmatrzatze unter dem einzigen Fenster sass und lehnte ein Mädchen mit strähnigen, halblangen blonden Haaren an der Wand. Sie trug eine schwarze Cordhose und einen hellroten Pullover. Sie strich sich etwas Haar aus dem Gesicht und blickte auf, aber ihr Ausdruck verriet eine geringe Anteilnahme. Vincent schaute sie kurz an und begriff sofort, in was für einer Art Wohnung sie sich befanden.

Die Einrichtung - wenn man überhaupt davon sprechen konnte - verstärkte den Eindruck. Da war nicht viel mehr als ein Alice In Chains-Poster an der Wand. das wie das Überbleibsel aus einer vergangenen Epoche wirkte, und ein Haufen von Klamotten, der auf der anderen Seite des Zimmers auf dem Boden ein Durcheinander bildete, aus dem sich der oder die Bewohner wohl jeweils das Passende herausfischten. Vincent bezweifelte, dass Samir selbst wirklich hier wohnte, jedenfalls nicht im eigentlichen Sinne. Vielleicht schlief er auf der zweiten Matratze, die sich ebenfalls auf der gegenüberliegenden Seite des Zimmers befand, und neben der recht ordentlich zwei Paar blitzsaubere Turnschuhe standen.

Solche hatte Samir auch an den Füssen, und er war ordentlich und nicht billig gekleidet, blaue Markenjeans und eine neu aussehende schwarze Bomberjacke mit einem grauen Hoodie darunter. Er trug nicht mehr die alte Kifferfrisur der beidseitig ins Gesicht fallenden Haare, sie waren hinten zurückgegelt und vorne sorgsam geordnet. Er wirkte wie ein Durchreisender, ein Gast hier, wie Anne und Vincent.

“Okay, was führt euch hierher?” fragte Samir. Seine Stimme klang gleichgültig, und sein Gesicht zeigte keine Regung..

Anne hob an, etwas zu sagen, aber Vincent beeilte sich dazwischenzufahren. “Samir”, sagte er, und stellte sich zur besseren Ansicht neben Anne. “Das HG. Jan. Die Hofclique. Wie lange ist es her?”

Samir brauchte eine Sekunden, dann hellte sich sein Gesicht auf, und er lächelte. “Natürlich”, brachte er hervor. “Jan, Bolek und ah - Costa?”

“Vincent.”

“Natürlich, Vincent. Klar. Jans Kumpel. Die alte Zeit.” Samirs Züge glätteten sich, er schüttelte lächelnd den Kopf. “Wir haben uns dann aus den Augen verloren. Schade.”

“Wir hingen mit Tschingis’ Clique herum, und ihr Libanesen habt euer eigenes Ding gemacht. Dann hattet ihr ein paar Probleme…”

“Schnee von gestern.” Samir machte eine wegwerfende Handbewegung. “Wir waren jung und naiv. Heute ist alles anders.”

“Hier im Zimmer sieht’s aus wie 1994.”

“Ich bin nur übergangsweise hier. Bei Martina.” Samir zeigte auf das Mädchen auf der Matratze, das weiterhin keinen allzu interessierten Eindruck machte.

“Ist das ihre Wohnung?”

“Nein.”

Vincent entschloss sich, nicht weiter zu bohren. Stattdessen brachten sie nun ihr Anliegen vor, und Samir zauberte ohne viel Umschweife zehn Gramm schwarzen Afghanen hervor, die Anne sorgfältig in ihrer Jackentasche verstaute. Samir nahm achtzig Euro in Empfang. Während Vincent darüber sinnierte, dass er, was die Preise für Piece anging, immer noch in der D-Mark-Zeit gefangen war, war das Mädchen auf der Matratze wie auf ein Signal hin aufgestanden und herangekommen, herangeschlurft. Sie kam neben Samir zu stehen, steckte die Hände in die Hosentaschen und betrachtete Anne und Vincent unverwandt aus ihren verhangenen hellblauen Glubschern. Sie war hübsch, und Vincent fühlte sich nun noch mehr an eine vergangene Zeit erinnert, an ein anderes Paar ähnlich verhangener hellblauer Augen, es musste mindestens sechs Jahre her sein, wie hiess sie, Chantal? Und irgendwie blieb dieser Anklang in der Vergangenheit hängen, vergangen, verhangen, Vorhang zu, und Anne war neben ihm, ihre Wirklichkeit, ihr wacher, regsamer Körper. 

Vincent erinnerte sich seines Auftrages, und er fragte, was ihm schon länger auf der Zunge brannte: “Was macht eigentlich Tschingis? Was ist aus seiner Clique geworden?”

“Tschingis ist in Hamburg”, antwortete Samir. “Macht in Immobilien. Die Clique ist auseinandergebrochen. In alle Himmelsrichtungen verstreut. Bolek ist im Porno-Business, glaube ich. Melkt seine Ost-Connection. Ich weiss nicht genau.”

“Und euer Familienunternehmen? Du bist doch anscheinend wieder am Start.”

“Vincent, schau mal.” Samirs Gesicht nahm wieder einen strengeren Ausdruck an. “Die alten Zeiten sind vorbei. Als wir aus dem Knast waren, mussten wir uns neu orientieren. Mein Cousin hat drei Jahre bekommen, einzig und allein, weil sie ein Exempel statuieren wollten. Was du Familienunternehmen nennst, gibt’s nicht mehr. Zwei von den Jungs haben geheiratet, so viel zu Familie. Und was mich angeht, so solltest du das hier unter Freundschaftsdienst verbuchen. Ich will das Wort Dealer nicht mehr hören, ehrlich gesagt. Ich muss sehen, dass ich über die Runden komme, und wenn sich eine günstige Gelegenheit ergibt, dann nehme ich die wahr.”

“Hm”, machte Vincent. “Dann gibt es also die alten Strukturen nicht mehr. Aber woher kommt dann der ganze Stoff? Wer sind die neuen Leute?”

“Ehrlich, ich weiss es nicht”, sagte Samir und zuckte mit den Schultern. “Und ich muss sagen, es juckt mich auch nicht. Es gibt Treffen, ausserhalb, zur Übergabe. Zum Beispiel neulich bei Fliederstadt, an der alten DDR-Grenze. Ich habe den Tip bekommen, und so lange ich genug für mich rausholen kann, bleibe ich dabei. Aber erzähl doch mal, was du die ganzen Jahre gemacht hast.”

“Anne und ich müssen langsam zurück”, sagte Vincent. “Aber wir können uns mal auf einen Kaffee treffen, wenn du Lust hast.”

“Unbedingt”, meinte Samir. “Ich geb dir meine Handynummer. Hast du eine E-Mail-Adresse?”

“Nein. Ein Freund wollte mir zeigen, wie man eine einrichtet, aber ich weiss nicht, ob ich wirklich eine brauche.”  

Samir schüttelte den Kopf. “Bald geht nichts mehr ohne Internet.” Inzwischen hatte er eine Nummer auf ein Stück Papier gekritzelt und reichte es Vincent. “Echt cool, dass wir uns wiedergetroffen haben. Was macht denn Jan?”

“Ich weiss es nicht”, sagte Vincent. “Irgendwie haben wir uns auseinandergelebt. Das Letzte, was ich von ihm mitbekommen habe, war, dass er mit irgendwelchen Gruftis in der Mauerstrasse abhing und sich dort mit Billiggras eindeckte. Das war vor Jahren. Auch bei mir hat sich viel verändert.”

“Wir müssen uns unbedingt treffen”, meinte Samir. 

“Bleibt doch hier”, liess sich nun das Mädchen vernehmen, das Martina hiess. “Lasst uns zusammen was rauchen. Später kommt noch eine Freundin von mir. Die hat Koks dabei.”

Vincent meinte in der Art, wie sie ihn anblickte, eine Spur von Verführungswillen zu entdecken. Wahrscheinlich hatte er ihre schönen Augen zu lang betrachtet. Ihm war, jetzt wo sie endlich den Mund aufgemacht hatte, auch ihr Zungenpiercing nicht entgangen. In einer paradoxen Simulation von Treue legte er Anne zum zweiten Mal an diesem Tag den Arm um die Schulter und sagte: “Vielleicht ein andermal. Wir müssen jetzt wirklich los.”

Er tauschte mit Samir einen altmodischen Teenager-Handschlag und warf, bevor er sich mit Anne zum Gehen wandte, noch einen Blick auf das Alice In Chains-Poster, wo Jerry Cantrell mithilfe seiner Lederjacke eine Art Fledermaus-Pose einnahm. Ihm fiel ein, dass er sich immer noch nicht entschieden hatte, ob er sich Cantrells neues Soloalbum oder das umfangreiche Boxset der Band zulegen sollte.

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