Die Schnitzeljagd (Folge IV)

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„Was für eine blöde Idee, im Bahnhof zu frühstücken, Vincent.“ Guus mampfte seinen Hamburger. „Erwarte nicht, dass ich mich deiner Lebensweise anpasse.“

„Es ist einen Steinwurf von deinem Hotel entfernt.“

„Ich hätte dich dort einladen sollen.“

„Ich mag Bahnhöfe. Ich bin oft hier. Bahnhöfe sind signifikante Orte. Ich beobachte die Leute, manchmal esse ich hier. Im Sommer sitze ich auf den Bänken des grossen Platzes oder hänge bei den Bushaltestellen herum.“

Guus schüttelte den Kopf und ass den letzten Rest seines Hamburgers. „Ich dachte, du wärst Journalist. Ist das deine Art der Recherche? Du kommst mit mir nach Den Haag. Ich kann nicht tolerieren, dass ein guter Mann sich so gehen lässt. Es deprimiert mich.“

„Sieh dir das hier an. Das ist ein bemerkenswerter italienischer Film.“ Vincent fingerte eine DVD aus einer Plastiktüte und schwenkte sie über dem Tablett mit dem beendeten Essen.

„Sonderpreis 2,99 EUR“, las Guus am Etikett ab. „Ich kenne ihn nicht. Versteh, Vincent, ich habe kein Interesse. Verschon mich mit deinem Fantum.“

„OK.“ Vincent liess den Film in der Tüte verschwinden.

„Ich fahre heute zurück nach Den Haag. Du bleibst hier für etwa eine Woche und schaust, ob du vorankommst. Die Polizei wird dich mit den nötigen Informationen versorgen. Ich werde alles für dich bei Europol vorbereiten, und du kommst nach Den Haag, wo du in deine neue Arbeitsstelle eingeführt wirst. Du wirst zunächst eine Probezeit ableisten.“

„Ich bin ehrlich bewegt, Guus“, sagte Vincent. 

„Es ist eine vernünftige Entscheidung. Wie ich dir gesagt habe, habe ich heute morgen mit den Leuten bei Europol gesprochen. Tatsächlich habe ich schon eine ganze Weile den Boden für dich bereitet. Ich bin froh, dass wir auf eine offizielle Weise zusammenarbeiten werden.“ Guus lächelte.

„Ich bin auch froh darüber“, sagte Vincent. „Jetzt muss ich nicht mehr darüber nachdenken, eine Detektei zu eröffnen.“

„Alles klar.“ Guus stand auf. „Ich gehe jetzt zurück zum Hotel. Es war eine Freude, wie immer, Vincent, aber ich erwarte, dass unsere richtige Arbeit übernächste Woche beginnt.“

„OK.“ Vincent stand auch auf. Sie gaben sich die Hand und lächelten einander auf die gewohnte Weise an. Aber dieses Mal hatten beide das Gefühl, dass ihre Beziehung in eine neue Phase eintrat. Sie brauchten nicht viel Worte dafür. Vincent schaute Guus nach. Er sah ihn durch den geräumigen Ausgang des Bahnhofs gehen, und er freute sich darauf, mit ihm in einer neuen Umgebung zusammenzukommen. Guus schaute nicht zurück. Aber er hatte das Lächeln auf seinem Gesicht behalten. Er war sich seiner Entscheidung sicher. Er machte sich schnell auf den Weg zum Hotel. Sein Zug fuhr in zwei Stunden.


Lucien hatte das Bikini-Girl verabschiedet. Er hatte sie gehen lassen. Sie wollte das Anwesen verlassen und eine Freundin wiedersehen, die in Rom aufgetaucht war und sich bei ihr gemeldet hatte. Es machte Lucien nichts aus. Er würde sie ersetzen. Es machte Spass, mit ihrem Typus zu spielen; er war mit seinem Geld und seinem Charme leicht zu kriegen. Eine Reihe solcher Mädchen hing auf dem Anwesen herum. Eines ging und wurde ersetzt. Er teilte sie mit einigen seiner Angestellten, die dabei halfen, sie zu finden.

Dann war da der andere Typ, der Schwer-zu-kriegen-Typ, aber der war für mögliche Beziehungen reserviert, die angemessene Trophäe für einen Mann wie ihn, wie er es sah. Für diese Frauen hörte er sogar mit seinen Casanova-Gewohnheiten auf. Zur Zeit war er solo.

Lucien sah durch das dicke Glasfenster seines Büros einen jungen Mann den Swimmingpool säubern. Es war ein Junge aus der Umgebung, der den richtigen Eindruck gemacht und den Job bekommen hatte. Luciens Leute hatten ihn und seinen Background überprüft. Es verstand sich von selbst, daß Lucien in dieser ländlichen Gegend sein Netz ausgelegt hatte und wusste, was vor sich ging.

Er wandte sich zur grossen Europakarte, die an der Wand hing. Kleine Notizen waren auf einige Punkte der Karte gepinnt. Clint Clark kam herein, ein Angestellter, der einen relativ hohen Rang in Luciens Hierarchie innehatte. Der grosse, dunkelhaarige Mann trug einen gewöhnlichen Anzug und Schlips. Lucien schätzte seine Loyalität, und obwohl Clark geistig nicht in der Lage war, die schwierigeren Teile des Geschäfts zu begreifen, das ökonomische Imperium, die Pläne und Kalkulationen, so hatte er doch ein gutes Verständnis von Luciens grundsätzlichen Zielen. Lucien mochte ihn.

„Guten Tag, Herr Tenepreti.“ Clark schloss die Tür hinter sich. Er kam näher an Luciens grossen Schreibtisch, auf dem die Dinge peinlich geordnet waren.

„Setz dich, Clark“, sagte Lucien.

„Danke, Herr Tenepreti.“

Lucien setzte sich ebenfalls.

„Kann ich sie etwas fragen, Herr Tenepreti?“

„Natürlich, Clark.“

„Wo ist Sonia? Ich habe sie nicht mehr gesehen.“

„Sie wollte gehen“, erklärte Lucien. „Eine Freundin treffen oder etwas in der Art.“

„Hm, das ist schade“, bemerkte Clark. Er hatte sie mitgebracht.

„Ja.“ Lucien lächelte. „Aber schau, Clark, wir müssen jetzt ein wenig über das Business reden.“

„Alles klar, Mr. Tenepreti.“

„Hast du die notwendigen Massnahmen für die Transaktion getroffen, wie ich es dir erklärt habe?“ Der Geschäftsmann betrachtete seinen Angestellten aufmerksam.

„Das habe ich, Herr Tenepreti. Aber, darf ich sie etwas Weiteres fragen?“

„Sicher, Clark.“ Der Chef stand auf und ging wieder ans Fenster.

„Schauen sie, Herr Tenepreti.“ Clint Clark wirkte unsicher und rutschte auf dem grossen, mit braunem Leder bezogenen Stuhl herum. „Wir haben die Vorbereitungen entsprechend ihren Anweisungen getroffen. Der Anstoss wurde ausgeführt.“ Hier lächelte er, als handele es sich um einen running gag zwischen Lucien und ihm. Aber das Lächeln verschwand. „Sehen sie, Herr Tenepreti, da ist etwas, das ich nicht ganz verstehe.“

„Ist es das erste Mal, lieber Clark?“ Jetzt war es Lucien, der lächelte und sich in einer Art freundlicher Geste gegenüber seinem Untergebenen umdrehte.

Für einen Augenblick machte Clark den Eindruck eines Schülers, der seine Hausaufgaben nicht gemacht hatte. Dann fing er sich. „Nein, sicherlich nicht. Ich kenne die Grenzen meines Jobs. Aber in diesem besonderen Fall“ – Clark zögerte – „nun, dieses Mal sehe ich nicht genau, wo der Profit ist, wenn ich es so sagen darf, Herr Tenepreti.“ Der Angestellte sah ehrlich besorgt aus.

Der Chef sah nun aus, als ob Clark gerade seinen Tag gerettet hätte. Er näherte sich dem Untergebenen lachend und klopfte ihm auf fast väterliche Art auf die Schulter.

„Mein lieber, treuer Clark“, sagte er dann, „hast du jemals von einem italienischen Schriftsteller namens Quintus Horatius Flaccus gehört?“


Dunkle Wolken zogen über die Stadt, die in dumpfer Geschäftigkeit brütete. Das war die Stadt, die er so gut kannte, die Stadt, die er liebte und hasste, die Stadt, in der er so lange gelebt hatte. Die Stadt, die er verliess. Im Guten verliess. Vincent stand auf dem grossen Platz vor dem Bahnhof und schaute durch den Verkehr hindurch zur Goetheallee, die Strasse, die direkt in die Innenstadt führte. Er würde diesen Weg nehmen, wie er es tausende Male getan hatte.

Vincent wollte einige Leute verabschieden, die er ehrlich vermissen würde. Es war eine Gelegenheit zu sehen, was sie machten, und möglicherweise einige nützliche Informationen zu bekommen. Ihm war jetzt sowieso nicht danach, nach Hause zu gehen.

Eine Gruppe von Pennern ging den Wall hinauf, den Weg, der die Innenstadt umkreiste. Einer von ihnen war Stefan, ein Typ, den er kannte. Sie hatten Plastiktüten in der Hand und schienen in eine Diskussion vertieft. Stefan sah ihn und winkte.

Vincent ging durch die Goetheallee. Er sah hinten, wo der Kanal die Strasse kreuzte, die alte Universitätsbibliothek. Sie hatten eine grosse neue Bibliothek auf dem Campus in der Nähe des Kreuzbergrings gebaut, aber die alte mit ihren Archiven war noch in Betrieb. Vincent war oft dort gewesen.

Der Kebabladen war gut besucht, aber da war niemand, den er kannte. Neben ihm war ein neu eröffneter afrikanischer Friseurladen. Die farbenfrohen Photographien verrieten, daß es der richtige Ort für Leute mit Rastafrisuren war. Obwohl Vincent den Zugewinn willkommen hiess, glaubte er nicht, dass es der angemessene Dienstleister für ihn war.

Wie Vincent es vorausgesehen hatte, hatte Michael die Fensterläden geöffnet. Manchmal war der Laden auch wochentags geschlossen, aber heute spekulierte er vielleicht auf einige junge Leute, die nach der Schule vorbeischauen wollten. Es sah nach Regen aus. Wenn man nicht schnell nach Hause wollte, war es eine gute Idee, etwas Zeit an einem gemütlichen Ort in der Stadt zu verbringen. Es war auch kalt. Zeit, sich etwas aufzuwärmen.

Vincent öffnete die Tür und ging hinein. Die Stereoanlage spielte gerade das Intro eines wohlbekannten deutschen Hip Hop-Tracks.

„Oh nein, Michael, nicht schon wieder. Das ist nicht dein Ernst.“

„Die Kids stehen drauf, Vincent. Ich muss die Kunden bei Laune halten.“

Der Mann, der diese Worte sagte, tauchte unter der Theke auf. Er war etwa dreissig Jahre alt, gross, blond, mit kurzen Haaren.

„Ich bin dein Kunde. Ich kaufe dein Vinyl.“

Michael Holsten kam auf Vincent zu und begrüsste ihn. Er trug ein leichtes blaues Sweatshirt und hellbraune Jeans.

„Du weisst, wie es ist, Vincent. Die Zeiten haben sich geändert. Warum gibst du nicht Hip Hop eine Chance? Du musst kein Fan werden wie ich, aber...“

„Ich spreche nicht über Hip Hop. Ich beschwere mich nicht über Hip Hop. Ich beschwere mich über das, was ich höre. Schau, Michael, hier ist das Problem.“ Vincent berührte den Ladeninhaber an der Schulter, und sie setzten sich auf die hohen Stühle vor den Plattenspielern, die die Kunden benutzten, um die Musik anzuhören, die sie vielleicht kaufen wollten. „Auf der einen Seite hast du dieses neue Hip Hop-Zeug, nun, eigentlich nicht so neu, aber es ist auf deutsch. Auf der anderen Seite ist alles Lala-Zeug, Juli, Silbermond, oder dieses Mädchen, das sie auf einer Strasse in Freiburg aufgesammelt haben. Nenn es Landfill Indie oder wie du willst. Das ist die deutsche Musikszene, wie sie heute von den Medien verkauft wird. Und jetzt: Warum gibt es nichts dazwischen? In anderen Worten, Michael: Wo ist unser Rock´n´Roll geblieben?“

„Das ist wahr. Sag´s mir. Soll ich die Rolling Stones auflegen? Wann kommt ein neuer Artikel von dir?“

„Ich habe gekündigt. Aber schau: Diese Situation in der Popmusik reflektiert einen soziopolitischen Prozess in der Gesellschaft. Ist das nicht offensichtlich?“

„Ich bin kein Wissenschaftler, Vincent.“ Mike schüttelte lächelnd den Kopf. „Aber vielleicht verstehe ich. Als Ladenbesitzer. Das Geschäft läuft nicht gut, weisst du.“ Er ging hinüber zur Theke. „In diesen Tagen habe ich viel darüber nachgedacht. Wie wir mit Musik grossgeworden sind. Du und ich, wir gehören zu einer Generation, die mit LPs grossgeworden ist. Und Singles. Es gab nichts Aufregenderes für mich, als einen Plattenladen zu besuchen, und sei es die Abteilung bei Karstadt. Wir liebten Schallplatten. Du kannst dieses Medium nicht ersetzen. Nimm das Artwork. Dann kam die CD. Es ist wahr, es schien ein großer Schritt nach vorn zu sein. Ich war unentschieden, was die CD anbelangte. Erinnerst du dich, als CDs bei Montanus auftauchten?“

„Montanus“, lächelte Vincent. „Das ist so lange her. Dort habe ich meine erste Platte gekauft. Never Mind The Bollocks.“

„Ein Freund von mir pries die CD, weil mehr Musik draufpasste, aber ich verstand das nicht. Das ist kein Kriterium für ein Kunstwerk, richtig?“

„Es ist einfach ein anderes Medium. Die LP mit zwei oder mehr Seiten, grösser etcetera, verlangt einen anderen künstlerischen Ansatz. Aber du bietest immer noch mehr LPs als CDs an. Du hast bloss diese kleine CD-Abteilung am Eingang.“ Vincent zeigte mit dem Finger darauf.

„Das Vinyl-Revival findet nicht wirklich statt, Vincent. Und die Kids kaufen nicht, denn sie sind nicht damit grossgeworden. Es ist diese natürliche Gewohnheit, die verloren geht. Du gehst in einen Plattenladen und holst dir einige Platten, von denen du weisst, dass sie dich begeistern werden, oder auch einfach nur wegen dem Cover. Aber jetzt verkaufen sie es als ein Hipster-Ding, Second Hand, das funktioniert nicht.“ Michael seufzte. „Ich gebe den Laden auf, Vincent.“

„Oh nein. Du bist der einzige, der übrig ist. Erwartest du, dass alle zu Saturn gehen, um Musik zu kaufen? Zwischen den Waschmaschinen und den Haushaltswaren, wo alle diese Verkäufer herumrennen? Du besitzt eine Institution, ein Café, einen Treffpunkt. Die Stadt wird leerer sein ohne den Laden.“

„Es gibt keinen Weg, es zu verhindern, Vincent. Ich habe bereits einigen Leuten bescheid gesagt. Ich gehe nach Trier. Ich habe dort einen Job bei einer Firma gefunden. Du weisst, ich habe Mechanik studiert.“

„Du bist nicht der einzige, der die Stadt verlässt.“ Und Vincent erzählte Michael Holsten von einem Job bei einem Verlag in Hamburg, „allerdings nicht Rowohlt“. Michael wusste aufgrund ihrer Gespräche recht viel über sein Leben, aber es war nicht schwierig gewesen, die Spuren zu verwischen, die zu seiner Arbeit für die Gesetzeshüter führten. Michael gab ihm einige Tips für Hamburg und die blühende alternative Musikszene dort, zugegebenermassen einige von den wenigen Leuten, die sich immer noch der Simplifizierung und Verflachung der deutschen Popmusik entgegenstellten. Nachdem sie einige Witze über Tocotronic gemacht hatten, gingen sie in den angrenzenden Raum, wo sich die wahren Schätze befanden.

„Also wann kommt die neue Spillsbury?“ fragte Vincent.

„Keine Ahnung. Mal sehen. Was haben wir denn sonst so?“ Michael arbeitete sich durch einige Kartons, gut gefüllt mit LP-Neuerscheinungen.

„Wenn du in Trier bist, solltest du eine Reise nach Mannheim machen”, sagte Vincent. “Nun, auch nach Heidelberg, aber du musst diesen Platten- und Filmladen in der Mannheimer Innenstadt besuchen. Ich gebe dir die Adresse. Die Leute sind nett dort.“

„Schreib sie auf. Hier, wie wär’s damit, Le Tigre. Auf Chicks On Speed Records.”  Michael zeigte Vincent die Platte.

„Ich weiss nicht. Ich schaue mal bei der Techno- und Electro-Abteilung.“ Vincent näherte sich den entsprechenden Kartons. Michael ging zurück an die Theke. Nachdem Vincent sich durch einige Neuheiten gehört hatte, kaufte er mehrere Disko B-Platten aus München, ein paar Second Hand-Sachen aus den 80ern inklusive einem Bananarama-Poster. Er versprach Michael Holsten, ihn anzurufen, wenn er sich in Hamburg eingerichtet haben würde.

„Kommst du heute abend ins KAZ, Vincent? Ich werde da sein.“

„Vielleicht.“


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