Die Schnitzeljagd (Folge III)
„Uppsala. Alter Schwede. Das letzte Mal war ich vor zwanzig Jahren hier.“ Kommissar Carl Beiz war auf ein Schlagloch gefahren. Zu beiden Seiten des engen, unebenen Weges versperrte dichtes Gebüsch die Sicht. Er runzelte die Stirn. „Was gibt es hier eigentlich auf dieser komischen Strasse? Kommt da noch was? Oder stossen wir direkt auf die Gleise?“
„Dieser kaum befahrene Weg“, antwortete sein Assistent Benjamin Kwiebitz beflissen, „führt zum Vereinsheim der Eisenbahner. Sonst gibt es hier eigentlich nichts. Abgesehen von den Gleisanlagen des Güterbahnhofs natürlich. Dort entsteht zur Zeit das neue Logistikzentrum, das für die Region von grosser wirtschaftlicher Bedeutung ist. Das Vereinsheim wird abgerissen, um Raum für einen grossen, modernen Komplex zu schaffen. Das Gebäude ist jetzt verlassen, denke ich, da ist tote Hose.“ Er rückte seine Brille zurecht. „Der Verkehr zu den Anlagen findet überwiegend auf der Abzweigung von der Bahnhofsstrasse statt, die an dem grossen Discounter und der Bäckerei vorbeiführt.“
„Weiss ich“, brummte Beiz. „Ich wollte eben diese Route nehmen. Als Polizist muss man die Stadt kennen. Verdammt.“ Wieder hatte es gerummst. „Aha. Da sind ja die Gleise. Und das da hinten ist wohl dieses Vereinsheim.“
Beiz fuhr das Auto rechts auf einen kleinen Parkplatz, der völlig leer war. Neben dem Parkplatz lag ein dreistöckiges Gebäude. Die beiden Beamten stiegen aus dem Wagen. Fünf, sechs Meter vor ihnen begannen die Gleise. Sie verloren sich im Dunkeln. Die Strecke des Personenverkehrs war weit weg. Dies war der Bereich des Güterbahnhofs.
Ein dünner Nebel hing in der Luft. Auf einigen Gleisen standen Güterwaggons; andere Gleise waren unbesetzt. Es gab einen Bereich zur Rechten, wo eine große Baustelle zu sehen war, Kräne, Bagger, Container, Presslufthämmer. Auf der Strasse, die am Vereinsheim vorbeiführte, wurde ebenfalls gebaut: Ein grosses langgestrecktes Gebäude im Stil moderner funktionaler Architektur stand kurz vor der Fertigstellung. Man hatte sich nicht gescheut, neben dem Weiss auch ein paar grelle Farbtöne zu verwenden. Dies war offensichtlich die Zentrale des neuen Logistikzentrums. Sie besass auch schon einen grossen Parkplatz. Der Abriss des Vereinsheims würde wohl nicht lange auf sich warten lassen.
Beiz wandte sich zur Linken. „Na, da ham wir ja die Bescherung. Kwiebitz!“
Polizeiobermeister Benjamin Kwiebitz trottete, wie immer etwas zu dienstfertig, seinem Vorgesetzten entgegen. Er trug einen einfachen schwarzen Anorak, einen grauen Pullover und darunter eine dünne dunkelblaue Krawatte. Mit seinen glatten, bartlosen Zügen, dem dichten schwarzen Haar und der Brille sah er für seine 32 Jahre recht jung aus. Neben seinem über zwanzig Jahre älteren Vorgesetzten wirkte er oft wie ein Student, doch man unterschätzte ihn leicht.
Seine Stärken lagen in der Recherchearbeit, er war unendlich fleissig und konnte ganze Nächte in der Dienststelle über Akten brüten. Er war ein Nerd und Computerfreak, aber etwas ungeschickt im Verhör, und ihm fehlte der Instinkt des Praktikers, der Beiz auszeichnete.
Die junge Frau war ganz offensichtlich tot, aber etwas an ihr machte einen irritierend lebendigen Eindruck. Sie lag im Gleis mit ausgestreckten Armen und weit offenen Augen. Das lange braune Haar hing an beiden Seiten über das Gleis. Abgesehen von den Armen befand sich der Rest des Körpers im Gleis. Es wäre ein symmetrisches Bild gewesen, wäre da nicht der Pflock.
Der Pflock, der seitwärts durch das Herz der jungen Frau getrieben worden war.
„Das ist ja widerlich“, kommentierte Beiz über die Leiche gelehnt. „Was soll das bitte sein?“
„Ich weiss nicht“, sagte Kwiebitz. „Es erinnert mich an diesen Dracula-Film.“
„Das ist eine ernste Sache. Sie ist voller Blut.“ Beiz untersuchte das T-Shirt des Opfers, das vielleicht einmal gelb gewesen war, jetzt ganz blutdurchtränkt. Die Frau trug gewöhnliche Blue Jeans.
„Sieht nicht nach Vergewaltigung aus. Ich begreife es nicht ganz, Kwiebitz.“ Beiz richtete sich auf. „Das wird ein seltsamer Fall, wenn du mich fragst. Ah, da ist das Team.“
Ein zweites Auto war auf das Gelände gefahren. Beiz´und Kwiebitz´ Kollegen betraten den Tatort, durch Nebel und Dunkelheit langsam näherkommend. Beiz ging los, sie zu begrüssen, aber Kwiebitz hielt ihn zurück.
„Was ist, Kwiebitz?“
Kwiebitz zögerte. „Sie ist sehr jung“, sagte er dann. „Und sehr hübsch.“
„Ich weiß. Und ich löse diesen Fall. Selbst wenn ich dafür ein Ferngespräch nach Transsylvanien führen muss. Aber tu mir zunächst einmal einen Gefallen. Ruf diesen Holländer an.“
Kwiebitz schaute Beiz verständnislos an.
“Ach ja, du weisst noch nicht Bescheid. Ich werde es selbst tun.” Der Kommissar griff nach seinem Mobiltelefon.
4
Vincent fühlte sich nicht so schlecht auf dem Weg zurück. Guus´Auftauchen bedeutete eine willkommene Abwechslung in bezug auf seine tägliche Routine. Seine Bereitschaft, einen Job für ihn zu übernehmen, hing von seiner aktuellen Situation ab, aber er hatte bislang noch keinen abgelehnt. Es war wie mit den Schachturnieren in seiner frühen Jugend: Er fühlte davor keine Begeisterung, aber er wollte immer hin und seinen Verstand benutzen, um jene Figuren in den 64 Feldern erfolgreich zu bewegen.
Das war lange her. Die Gegend um sein Haus herum erinnerte ihn oft an eine viel nähere Vergangenheit. Guus hatte ihn verlassen und war auf der Goslarstrasse Richtung Innenstadt gegangen, wo sein Hotel war. Vincent war links abgebogen, um in den Videoladen zu schauen, änderte jedoch plötzlich seine Meinung. Sie hatten viele Pornos, aber sonst nichts ausser Blockbustern und billige US-Actionware zum Verkauf. Ihm war heute nicht nach Porno zumute. Er überquerte die Strasse und betrat den Getränkeladen.
Mit einem Sixpack bewaffnet nahm er den Weg nach Hause. Jever. Bitter, wie ihm nichtsdestotrotz zumute war. Er wählte die Route über den Garagenhof. Es war kein Spass, nachts herumzulaufen, während ein Typ mit einer Knarre die Gegend unsicher machte, aber was konnte man tun? Vincent hatte gelernt, die Umweltveränderungen der letzten Jahre als etwas zu akzeptieren, das nicht wegdiskutiert werden konnte, wenn man objektiv bleiben wollte. Aber, in der Tat, kein Spass.
Vincent näherte sich langsam seinem Haus und schaukelte die Plastiktüte mit dem Sixpack in seiner rechten Hand. Er schaute hinüber zum Eingang des Weges, der zu den Studentenappartements führte. Niemand dort.
Er drehte den Schlüssel im Schloss herum. Schaute in seinen Briefkasten, machte das Licht an. Das Treppenhaus löste wie immer in ihm ein Gefühl heimeliger Entfremdung aus. Er war froh, dass er an das Bier gedacht hatte. Ausser dem Essen hatte er Wein in seinem Kühlschrank, aber nicht genug Bier.
Guus hatte ihm oft gesagt, er solle aufhören zu trinken. Natürlich wusste er nie, wieviel Vincent genau trank, aber er hatte tatsächlich recht, es war zu viel. Vincent wusste das, aber er wusste ebenfalls, dass es unmöglich war, normale Massstäbe an jemanden mit seiner Vergangenheit anzulegen.
Er platzierte die Tüte mit den Flaschen auf dem Holztisch und schaute sich in dem bescheidenen Zimmer um. Das waren kaum 20 qm. Die neuen Gesetze, repräsentiert durch das berüchtigte Hartz IV-Paket, drangsalierten Leute wie ihn und zwangen sie dazu, mit oder ohne Familien kleine Wohnungen zu wählen oder aus “unangemessenem Wohnraum” auszuziehen. So nannten sie es wirklich. Wenn man die entsprechenden Tabellen betrachtete, kriegte man die Krise.
Kein Spass. In der Tat, kein Spass. Zurück aus Heidelberg und langsam und vorsichtig über den Ruinen seines bedrogten Aussenseitertraums balancierend, war er im Prinzip mitten in der Dystopie aufgewacht, welche die Bundesrepublik des neuen Milleniums war. Vincent schaute auf seine Matratze, das schwarze und orangene Muster. Zumindest in diesem Haus waren die Siebziger noch nicht vorbei. Und jetzt wusste er, was er tun wollte.
Da der Platz vor dem Supermarkt nun völlig leer im Dunkeln lag, machte das illuminierte Logo der Firma, die grellrot leuchtenden vier Grossbuchstaben, einen geradezu mystischen Eindruck. Keine Autos auf dem menschenleeren Parkplatz. Vincent überquerte ihn, wie er es so oft getan hatte in den zehn Monaten, die er in der Gegend wohnte. Aber diese Nacht war eine besondere, wie er deutlich fühlte, als er den engen Eingang auf der anderen Seite passierte und auf die Hannoversche Strasse kam, wo der Verkehrslärm seine Ohren wie eine vergessene Melodie traf.
Zunächst einmal war Guus aufgetaucht. Aber des weiteren hatte sein Auftauchen zu einer Veränderung bei Vincent geführt. Einer Veränderung, die sich schon länger angekündigt hatte, wie er jetzt zu begreifen begann.
Es war etwas Subtiles, das aber dennoch mit Macht seinen Weg durch Vincents Gedanken bahnte, etwas, das er als unausweichlich und sogar schön willkommen hiess. Eigentlich ziemlich seltsam. Und er wollte es auf angemessene Weise feiern.
Er verliess World of Video mit einem jener unvorhersehbaren Filmschätze in der Hand. Und statt zurückzukehren und wieder die Hannoversche Strasse zu überqueren, nahm er den kleinen Weg neben dem Komplex, in dem sich der beste Videoladen der Stadt befand. Er führte zu einer neuen langen Strasse, die ohne Zweifel im Zuge der Neugestaltung des Güterbahnhofskomplexes angelegt worden war. Es machte ihn melancholisch, denn er sah, daß die Neugestaltung einige Plätze zerstört hatte, die er in seinem früheren Leben gern frequentiert hatte. Einige davon waren verlassen und verfallen gewesen. Aber er mochte sie.
Junge, das war eine lange Strasse. Er hatte sie bislang nicht bemerkt. Und wie er links umherblickte, um das verfallene Haus mit dem wilden Garten zu finden, wo er im Teenageralter gerne geraucht hatte, realisierte er, daß es nicht mehr da war. Du glaubst es nicht, bis du es (nicht) siehst. Ja, diese Gegend veränderte sich vollkommen.
Vincent ging auf dieser langen, brandneuen Strasse, die offensichtlich nicht vom gewöhnlichen Verkehr, sondern nur von dem mit dem Bahnhof verbundenen Güterverkehr benutzt werden sollte. Er hatte in den Lokalzeitungen von der Neugestaltung und der Bedeutung des neuen grossen Logistikzentrums gelesen. Tatsächlich hatte er einen der Offiziellen interviewen sollen, aber der Herausgeber des Digger hatte ihn schliesslich abberufen „wegen deines bekannten provokativen Tons“. Der in diesem Fall angeblich unangemessen war. Tatsächlich war Vincent ziemlich neugierig auf den Mann und das Projekt gewesen. Aber es endete wie so oft damit, daß er weiter über Popmusik und Filme schrieb.
Vincent sah eine Gestalt von weitem auf sich zukommen. Er fühlte sich etwas unwohl, da es spätnacht war. Die Gestalt war auf der Seite des Supermarkts in die Strasse eingebogen. War es ein Penner? Vincent kannte einige von ihnen. Oder irgendein junger Typ, der nach einer Nacht im Club oder in einer Bar nach Hause stolperte? Die Gestalt kam näher, ihre Silhouette wurde deutlicher. Es war ein Mann. Ein Mann mittleren Alters. Er kam näher. Der Mann mittleren Alters war Guus.
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