Die Schnitzeljagd (Folge II)

 3


Dumpfes, einer Heavy Metal-Gitarre zuzuordnendes Dröhnen erfüllte den Flur. Vincent schloss ab und warf einen Blick zur letzten Tür rechts gegenüber hin.

"AC/DC. Dirty Deeds. Das muß Rocko sein. Das Album sollte ich mir auch endlich mal  besorgen."

"Wer ist Rocko?"

"Der einzige, mit dem du auf dieser Etage ein vernünftiges Wort wechseln kannst. Er sagt, er arbeitet in der Immobilienbranche. Der Typ würde dich vielleicht auch interessieren. Ich stelle ihn dir mal vor."

"Aber bitte nicht heute, Vincent. Komm. Ich habe Lust auf etwas frische Luft. Ist ziemlich verraucht hier. Mit der Decke steht es auch nicht zum besten." Guus zeigte auf die beiden aufgerissenen Flächen, welche die niedrige schmutzigweisse Decke nicht weit von Vincents Tür entfernt verunstalteten. "Und sieh mal hier, an der Wand. Da ist so viel Putz abgeblättert."

"Ja ja, ich weiss. Die Hausverwaltung tut nichts. Du weisst ja, nicht mal die Klingelanlage funktioniert."

Der schmale dunkle Flur wurde zu beiden Seiten durch ein Fenster begrenzt. Die beiden Fenster wurden von den Bewohnern selten geöffnet. Guus zählte insgesamt neun Türen. Guus und Vincent schritten ins Treppenhaus, das sich direkt neben Vincents Wohnungstür befand. Einen Fahrstuhl gab es nicht. Vincent wohnte im dritten, dem höchsten Stock.

Das Treppenhaus versprühte den funktionalen Charme der siebziger Jahre. Vor der dunkelgrünen Wand, die in gutem Zustand war, führte ein mit leuchtend rotem Plastik verkleidetes, dünnes hohes Geländer die Stockwerke hinauf und hinunter.

"Als ich in die Stadt zurückgekommen bin und eine billige Bleibe gesucht habe", erzählte Vincent, "wusste ich, es gab zwei Häuser, in die ich nicht ziehen wollte. Ich war über dreissig, und ich wollte etwas Ruhe. Ein paar Quadratmeter mehr, keine Bruchbude. An dem einen Haus werden wir auf unserem Spaziergang wohl vorbeikommen. Das andere liegt nicht weit vom Bahnhof an der grossen Strasse, die nach Grone führt. Als ich dort das letzte Mal über den Hof gegangen bin, hing immerhin die Deutschlandflagge aus einem Fenster."

"Der Wohnkomplex, von dem du sprichst, ist mir nicht unbekannt. Der Kommissar, mit dem ich mich gestern getroffen habe, hat ihn erwähnt.”

“Ja? Hat er auch von der Gegend in der Weststadt gesprochen, die auf RTL zum Ghetto erkoren wurde? Das haben einige Offizielle hier nicht so gut aufgenommen."

"Sagt mir nichts."

"Da komme ich manchmal auf meinem Weststadtspaziergang vorbei. Heute haben wir dafür sicher keine Zeit."

Vincent und Guus waren aus der Haustür getreten und standen nun vor dem Haus. Das Abendrot hatte die Stadt ganz umhüllt; ein sattes Grün und Töne von Dunkelrot bis Lila erfüllten den Himmel. Die türkische Familie war verschwunden. Das Geschäft war geschlossen: Es brannte kein Licht, und auch der Lieferwagen stand nicht mehr auf dem Hof.

Der Fussweg beim Studentenwohnheim daneben war noch beleuchtet. Der Komplex war weiträumig und besass auch einen kleinen Waschsalon, der viel benutzt wurde. Vincent und Guus beobachteten eine zeitlang die Studenten, die ein und aus gingen. Vincent war etwas nervös, was Guus nicht entging.

"Ich würde dir den direkten Weg empfehlen, Vincent. Musst du nicht sowieso bald unter die Haube? Ich habe nie wirklich verstanden, warum dein Liebesleben so desaströs war. Die Aussage deines T-Shirts", Guus tippte Vincent auf die Brust, "ist übrigens nicht dazu angetan, Vertrauen in einer respektablen weiblichen Person zu erwecken."

"Ich habe mich jedenfalls nicht so früh in den Hafen der Ehe verzogen wie du, Guus", sagte Vincent ärgerlich. "Und dass du nichts verstanden hast, wundert mich, ehrlich gesagt, nicht. Verdirb es dir nicht mit mir, sonst springe ich doch noch ab."

"Schon gut. Ich will dir ja nur helfen, die Frau zu finden, nach der du so lange auf der Suche bist."

Vincent bedachte Guus mit einem sauren Blick. "Ich suche eine Frau für heute nacht, das würde meine Laune erheblich bessern. Gehen wir los, ich zeige dir mal diese fabelhafte Gegend."

Es war warm für die Jahreszeit, aber Vincent hätte dennoch gut daran getan, eine Jacke mitzunehmen. Er verschränkte die Arme vor der Brust, während Guus und er Richtung Supermarkt gingen. Er trug eine schwarze Jeans, und fast ganz in schwarz schritt er neben dem Mann in Anzug und Krawatte her, den er manchmal seinen Freund nannte und manchmal nicht.



Die Strasse, in der Vincent wohnte, war lang und mässig befahren. Sie verlief parallel zur Hauptverkehrsstrasse, der Hannoverschen Strasse, die sich hinter dem Supermarktgelände befand, und dem sich Vincent und Guus jetzt näherten. Auf der anderen Seite befand sich eine gleichförmige Reihe billiger zweistöckiger Mietshäuser. Aus einem von diesen dröhnte der Erfolgssong eines der Berliner Rapper, die seit kurzem die Charts eroberten.

"Zur Zeit läuft hier nachts einer mit ´ner Knarre herum und raubt Leute aus", erzählte Vincent. "Neulich traf er auf einen syrischen Studenten, der hat die Knarre weggedrückt und sich beschwert. Da ist er weggelaufen."

"Hört sich nicht gut an. A propos, Vincent, du hast doch keine Feuerwaffe gebunkert, oder? Du weisst, dass das nicht zu deinen Befugnissen gehört."

"Ich weiss es. Sicher weiss ich es." 

Vincent und Guus standen jetzt vor dem Supermarktgelände. Der Strom der Kunden hatte nachgelassen; der grosse, spärlich beleuchtete Parkplatz lag fast leer vor ihnen. Ein dickes eisernes Schiebegitter trennte die Strasse von dem Gelände. Der niedrige Supermarktomplex nahm die ganze rechte Seite ein. Rot-weiss strahlte das Logo des Konzerns über dem Eingang.

"Es ist neuerdings so viel Stoff in dieser Region im Umlauf, und wir wissen nicht, wo er herkommt", sagte Guus nachdenklich. "Kokain, Speed & Co., Cannabis, Pillen. Wir haben ein paar alte Dealer in der Stadt und im Umland ausgecheckt. Die Leute, die wirklich Dreck am Stecken haben. Wir haben keine Verbindung gefunden. Wir brauchen eine Schlüsselperson, wir müssen herausfinden, von wo das Zeug in die Gegend gelangt. Und hier kommst du mit deiner Spürnase ins Spiel."

"Soweit alles roger."

Eine hochgeschossene Gestalt näherte sich den beiden und hob die Hand zum Gruss.

"Montagseinkauf, Vincent?"

Vincent blinzelte, dann erkannte er die Gestalt, als sie näher kam.

"Mein Kühlschrank ist voll, Bert. Wir machen nur einen kleinen Spaziergang."

Sie schüttelten sich die Hände. Bert, der lange Lulatsch in der abgewetzten Lederjacke und dem roten Rollkragenpullover, beugte sich verschwörerisch zu Vincent herunter. "Ich war auch nur auf  ´nen Sprung. Vincent, im Vertrauen: Wenn du mal ´ne Nutte suchst, bei der das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt, dann kann ich dir einen Tip geben."

"Alles klar."

"Macht´s gut, ihr beiden." Bert entfernte sich.

"Ein Freund von dir?" grinste Guus.

"Ein Bekannter. Wir unterhalten uns ab und zu."

Vincent und Guus gingen weiter und bogen rechts in eine dunkle Seitenstrasse ein. Dann bogen sie links in eine Parallelstraße zu Vincents Strasse und fanden plötzlich den in hautengen blauen Leggins verführerisch swingenden, saftigen Hintern einer jungen Mulattin direkt vor ihren Augen. Das Mädchen schien überdies frisch geduscht zu haben und sich auch sonst nicht um die Jahreszeit zu bekümmern. Von dem Anblick in Anspruch genommen, gingen die beiden Ermittler an einem hell erleuchteten grossen Getränkemarkt, einem Discounter und einem chinesischen Imbiss vorüber. Das Mädchen bog schliesslich in den Eingang zu einem grossen Hochhaus ein, das, in einigem Abstand von den anderen, niedrigen Häusern, wie ein brauner Monolith schmal in die Höhe ragte.

"Ein urbaner Brocken", bemerkte Guus. "Wieviele Stockwerke sind das?"

"Dreizehn", sagte Vincent. "Ich war schon ganz oben. Da hat man einen super Blick über die Stadt. Hier findet übrigens auch Prostitution statt. Vielleicht wollte Bert mich ja hierher verweisen. Wie wär´s, Guus? Ich schenke dir den Blick vom höchsten Sozialbunker der Stadt. Wir beide gehören nach ganz oben."


"Gauloises. Na ja. Bist du frankophil, Vincent?"

Guus nahm die angebotene Zigarette.

"Sowieso. Gauloises war meine Marke in Heidelberg. Die Nähe zur Grenze. Die Fahrten nach Strassburg und in den Süden. Die guten Zeiten."

Guus und Vincent blickten auf die Lichter der Stadt und das Flachland mit den niedrigen Erhebungen dahinter. Es war nun ganz dunkel geworden. 

"Ich muss dir ja nicht mehr viel erklären", sagte Guus. Sie standen in einem Vorraum neben dem Fahrstuhl und blickten durch ein geöffnetes Fenster hinaus. "Hör dich ein bisschen um. Auf dem Campus. Hier in deiner Gegend. Wo und bei wem auch immer. Wir arbeiten mit den örtlichen Behörden zusammen. Ich stehe mit den zuständigen Beamten in Kontakt. Du bist mir direkt unterstellt, wie immer. Du meldest dich bei mir beziehungsweise ich mich bei dir. Man weiss über dich Bescheid, aber du darfst deine Kompetenzen nicht überschreiten. Du bist mir gegenüber verantwortlich, also Den Haag. Tu was."

"Das ist der Hartz IV-Spruch der Ausgebeuteten. Gefällt mir irgendwie. So ein allgemeiner Aufruf gegen Lethargie." 

"Wir sind die Guten, Vincent. Du hast eine Entwicklung durchgemacht, die dich zu uns geführt hat."

"Auf  Umwegen, Guus, auf Umwegen."

"Wir bezahlen dich. Das ist immerhin ein kleiner Nebenverdienst für dich. Du solltest wirklich darüber nachdenken, ob du nicht ganz zu uns stossen willst. Ich kann mich für dich einsetzen, dafür, daß du eine richtige Anstellung bei uns bekommst."

Vincent wurde nachdenklich. Er blickte nach unten auf die Lichter der Stadt. 

"Ich als Eurocop."

"Wir brauchen Leute wie dich. Du musst weg von den Zuträgerjobs, weg von der Hartz IV-Scheisse. Was machst du eigentlich den ganzen Tag?"

"Ich bin Journalist." Vincent lachte.

"Das warst du doch schon immer. Ich weiss, dass du schreiben kannst. Du wolltest doch mal nach Berlin. Jemand wie du hätte grossartig nach Berlin gepasst."

"Ich wollte sehr schnell nicht mehr nach Berlin. In den Neunzigern wollten alle nach Berlin. Und ich weiss, wer sie waren. Die Idee Berlin ist tot."

"Was schreibt der Journalist Vincent Meurer?"

"Ich beliefere regionale Medien und Internetmagazine. Bin ja ein neugieriger Mensch. Ich sehe mich gerne um. Ich habe mit dem Gedanken gespielt, eine Detektei zu eröffnen. Das wäre mein Start-Up, meine Ich-AG, wie sie es jetzt nennen.“

„Du solltest bei uns bleiben. Laß uns bei diesem Fall zusammenarbeiten und dann weitersehen. Du gehörst zu uns. Ich werde mit den Leuten in Den Haag sprechen.“

Vincent holte tief Luft. „OK.“ Pause. „Wenn ich zurückschaue, sehe ich einen langen, gewundenen Pfad, der mich schliesslich auf die Seite des Gesetzes geführt hat. Und hier bin ich nun. Hier sind wir nun. Also gut, sprich mit deinen Leuten.“


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