Die Schnitzeljagd (Folge I)

AJ Smith


Die Schnitzeljagd


Noir-Roman





„Du sollst dich einmal hier in Nordingen umhören.“

Guus sah ihn prüfend an und nahm einen letzten Schluck Kaffee. Er behielt ihn eine ganze Weile im Mund und ließ ihn dann langsam die Kehle hinunterrieseln. Bedächtig stellte er die blaue Tasse zurück auf den niedrigen Holztisch.

„Ich habe ja sonst nichts zu tun. Das heisst, wenig. Abgesehen von meiner Bürgerpflicht als Hartz IV-Lückenfüller. Und allem anderen. Abgesehen von meinem Leben.“ Vincent starrte mit übertrieben finsterer Miene auf seine gleichfalls azurblaue Tasse, die er seit mindestens fünf Minuten nicht mehr angerührt hatte. Kalter Kaffee. So fühlte er sich.

„Ich brauche dich nicht daran zu erinnern, dass es eine Vereinbarung zwischen dir und mir gibt. Nicht nur zwischen dir und mir.“

„Ich muss nicht jeden Auftrag annehmen.“

„Du musst zeigen, auf welcher Seite du stehst. Wir brauchen in dieser Sache deine Unterstützung. Wir haben dich damals aus bestimmten Gründen ausgewählt.“

„Die Schatten der Vergangenheit. Dafür ist es noch zu früh am Tag, G-Man.“

Der graublaue Himmel über der Weststadt schickte sich augenscheinlich an, das Abendrot zuzulassen. Es war der Zeitpunkt des Übergangs; kaum wahrnehmbar hatte das Dunkel sich auszubreiten begonnen. Guus stand auf und trat ans Fenster. Er sah auf der anderen Strassenseite eine lose Reihe von Menschen, die offensichtlich auf dem Weg in den nahegelegenen Supermarkt waren. Sie trugen Taschen oder Rucksäcke und verschwanden einer nach dem anderen rechts hinten in der grossen Einfahrt des Supermarktgeländes.

„Es ist meistens zu früh”, antwortete er. “Und bitte nenn mich nicht G-Man. Ich nenne dich ja auch nicht V-Mann.“

„Ich war nie ein V-Mann. Ich würde nie als V-Mann arbeiten.“ Jetzt wurde Vincent doch etwas wütend. Dann grinste er breit. „Ich werde dich Dabbel-Juh nennen.“

„Wie Bruda Schorsch aus Übersee? Oder wie darf ich dein Gelalle verstehen? Laß doch den Quatsch.“ Guus sah ihn milde an. „Wir sind Europäer, wie du weisst. Trotz unserer transatlantischen Verpflichtungen.“ Er wandte den Blick wieder nach draussen. „Gefällt mir, die Gegend hier. Nicht hässlich. Viele alte Häuser. Rewe gleich um die Ecke. Hier lässt sich´s wohnen, wie?“

„Da hinten auf unserer Strassenseite ist auch noch ein Lidl. Diese Gegend hier“ – Vincent machte ein paar fahrige Handbewegungen – „ist eine Art Grenzgebiet. Links, über den Kreuzbergring, geht es zur Uni. Du siehst das gediegene Studentenwohnheim direkt gegenüber. In der anderen Richtung sinkt der Sozialkomfort deutlich.“

„Was ist das für ein Geschäft unten im Hof neben dem Wohnheim?“

„Ein Gebrauchtwarenladen. Die türkische Familie, der er gehört, sitzt fast immer draussen.“ Vincent stand auf und trat zu Guus ans Fenster. „Da sitzen sie. Mann, Frau und Kind.“

Guus Schröer zog seine Krawatte zurecht. Sie hatte einen unaufdringlichen violetten Farbton, der mit seinem dunklen Anzug harmonierte. Das Hemd war grau. Guus war kräftig und ziemlich füllig. Das dunkelblonde Haar mit dem rötlichen Schimmer war dicht und sorgfältig gekämmt. Die hellblauen Augen hatten einen melancholischen Zug. Sein Gesicht war ebenmässig und scharf geschnitten, die Nase markant, ein bisschen klobig.

Vincent Meurer war drahtig und schmal, ein wenig kleiner als Guus Schröer. Er hatte schwarze Haare und ein Gesicht, das etwas zu knorrig für seine Attraktivität war. Die grünen Augen wiesen nach Süden. Er trug ein ungebügeltes schwarzweisses Vampyros Lesbos-Fanshirt, das er extra angezogen hatte, um Guus zu ärgern.

„Um auf die Sache zurückzukommen“, sagte Guus, „ich verstehe deinen Widerwillen nicht. Das ist doch ein lockerer Job, oder etwa nicht? Wenn ich richtig informiert bin, ist dort hinten auf dem Campus die Mensa. Gehst du da nicht vielleicht manchmal essen?“

„Da gehe ich manchmal essen.“

„Na siehst du. Du bist doch hier gleich nebendran. Das ist schliesslich nicht das erste Mal für dich.“

„Und du glaubst wirklich, dass man im Studentenmilieu fündig werden kann? Ich konnte deine Argumentation am Telefon ja halbwegs nachvollziehen, aber...“

„In dem Fall, der uns vor vielen Jahren in Heidelberg zusammengebracht hat, lieber Vincent, führte die Spur vom Campus direkt zum Grossdealer. Damals habe ich etwas gelernt: nicht nur im landläufigen Sinne zu denken.“

„Dein Gedächtnis trügt dich. Es gab mindestens einen Umweg über Emmertsgrund.“

„Der Schlüssel waren deine Freunde. Studenten, wenn auch nicht unbedingt gewöhnliche.”

„Es waren nicht alles meine Freunde. Nachdem ich mich exmatrikuliert habe und in den Bunker am Czernyring gezogen bin, habe ich sowieso den Überblick über die Machenschaften der Gruppe verloren.“

„Den du nie hattest. Als wir den engeren Kreis hochgehen liessen, hast du Augen gemacht.”

„Ihr habt damals einen grossen Fisch gefangen. Ein anderer ist euch entwischt. Aber über den alten Kram können wir ein andermal reden – wenn´s unbedingt sein muss. Du willst, dass ich mich auf dem Campus und anderswo umtue? Ich mach´s. Für meinen alten Kumpel Guus.”

Guus fasste Vincent, der ebenfalls ans Fenster getreten war, an der Schulter. „Vergiss nicht, ich habe dich entdeckt. Wer weiss, was aus dir geworden wäre, wenn ich dich nicht aus deinem Verhau geholt hätte. Ich habe dein Talent für unsere Arbeit erkannt. Und ich habe dir immer wieder deinen Weg erleichtert, der weissgott nicht einfach war.“

„Let the good times roll. Deiner stark vergröbernden Darstellung sei an dieser Stelle stattgegeben. ´Ich hab mein Herz an Europol verloren´ heisst ein Schlager, den ich neulich an einem regnerischen Abend gedichtet habe. Wir beide sollten damit als Duo im Morgenmagazin auftreten.“

Wie die beiden Männer am Fenster standen, bildeten sie ein eigenartiges Gespann. Guus´ rechte Hand lag immer noch auf Vincents Schulter. Vincent zeigte jetzt, den kalten Kaffee in der anderen Hand, mit der Rechten leicht nach links.

„Das ist das Mädchen. Die gefällt mir.“

„Das ist die, von der du am Telefon geschwärmt hast? Kann ich nicht glauben.“

„Die ist es.“

Es war dunkler geworden. Guus machte auf der anderen Strassenseite eine hagere brünette, mindestens 25jährige Frauengestalt in einem dunkelroten Mantel aus, deren Profil er nicht besonders ansprechend fand. Seine Verwunderung hielt sich jedoch in Grenzen, denn er wusste, dass Vincents Frauengeschmack von seinem mehr oder weniger deutlich abwich, gelegentliche Überschneidungen nicht ausgeschlossen.

Auch die Brünette war mit ihrer grauen Umhängetasche auf dem Weg zum Supermarkt. Vincent nahm an, dass sie in dem Studentenwohnheim lebte; er hatte sie mehrmals im Eingang verschwinden sehen. Dieser Weg führte allerdings auch weiter, über einen Hinterhof und von dem Wohnheim fort.

„Ich hätte Lust auf einen Spaziergang“, sagte Guus. „Dabei kann ich dich ausführlich über den Ermittlungsstand unterrichten.“ Er wandte sich ab und schritt zur Diele. „Komm, Vincent. Vielleicht bekommst du die Gelegenheit für ein tête-á-tête. Let´s go.“

Vincent drehte sich um, stellte seinen alten Panasonic-Player ab, der gerade die letzten Takte von New Orders Ceremony spielte, und folgte Guus zur Tür.




2


Der Mann hatte Geld. Der Mann hatte Geld in der wirklichen Bedeutung dieses Satzes, und er war sich dieser Bedeutung in ihren verschiedenen Facetten vollkommen bewusst. Der Mann liebte das Geld, er liebte seinen Reichtum. Er liebte die damit einhergehenden Privilegien und Genüsse. Der Mann hatte das, was man ein Vermögen nennt. Ein Grossteil dieses Vermögens war in Widerspruch zu den Gesetzen erwirtschaftet worden, und der Mann machte keine Anstalten, an dieser Praxis etwas zu ändern. Ganz im Gegenteil.

Vor langer Zeit einmal hatte sich der Mann häufig in Gefahr gebracht, als er in der Illegalität operierte. Das war, als er noch kein Geld hatte. In dieser Zeit, auf die er manchmal, aber nicht oft nostalgisch zurückblickte, hatte er die Grundlage seines Vermögens geschaffen. Er hatte auch viele andere Dinge getan, es war seine „wilde Zeit“ gewesen. Durch Glück und Geschick war es nie zu einer Verurteilung wegen seiner zahlreichen Delikte gekommen, obwohl er häufig mit dem Gesetz in Konflikt geraten war und aus keiner reichen Familie stammte.

Der Mann war intelligent. Er hatte seine Intelligenz vor allem dazu benutzt, Geld zu verdienen und Beziehungen zu pflegen, die ihm angenehm und dienlich waren. Das Fehlen bestimmter Skrupel und das allmähliche Über-Bord-Werfen anderer auf seinem Weg brachte ihn dahin, wo er jetzt war.

Der Mann, von dem die Rede ist, sass in einem gelbweiss gestreiften Liegestuhl am Swimmingpool in seinem Anwesen, und eine junge Schönheit in einem dunkelblau leuchtenden Bikini brachte ihm eine Bloody Mary. Im Hintergrund pumpte Giorgio Moroders Scarface-Soundtrack. Der Mann war sich der Klischeehaftigkeit dieser Szene bewusst und genoss sie. Immer wieder einmal feierte er mit den Seinen ein privates 80s-Revival, wobei die Geschmacklosigkeiten nicht vernachlässigt wurden.

Dieser Mann, der im Gegensatz zu vielen anderen, die Geld haben, tatsächlich Geschmack besass, führte seit langem das Leben eines disziplinierten Geschäftsmannes. Er sass tagsüber meist in seinem Büro am Schreibtisch und kümmerte sich um das Netzwerk seines kleinen Imperiums, das sich organisch in den allgemeinen Wirtschaftskreislauf einfügte. Wenn die Polizei einen Dealerring, der in einem bestimmten Landstrich aktiv war, einbuchtete, konnte es geschehen, dass der Mann eine leichte Vibration an irgendeinem der Stränge des dichten Geflechts aus Firmen, Geschäften und Finanztransaktionen wahrnahm. Wie aber Ermittler, die sich mit so hässlichen Dingen wie der Einfuhr und dem Verkauf von Drogen beschäftigten, zu ihm durchdringen sollten, das konnte er sich beim besten Willen nicht vorstellen. Dann waren da noch seine einflussreichen Freunde.

Das Bikinimädchen, eine aschblonde Kroatin aus Fiume, näherte sich ihm erneut. Jetzt hielt sie sein obszön unförmiges weisses Retro-Mobilphone in der Hand. Er griff mit der freien Linken danach, im selben Augenblick kniff ihn die Kroatin durch die Badehose hindurch in den Schwanz.

„Aua!“

Die Transaktion war heikel, er balancierte und verschüttete doch ein paar Tropfen von der Mary. Dann hatte er das Gleichgewicht wiedererlangt, während sich die Kroatin hüftewiegend entfernte. Er nahm das Phone ans Ohr.

„Hallo. Mit wem spreche ich?“

„Oh, pardonnez-moi, Monsieur, wohnt in dieser WG möglicherweise ein Lucien Tenebretti?“

„Lass die blöden Witze, ich habe deine Stimme erkannt. Das kann doch nicht wahr sein. Wie bist du an diese Nummer gekommen?“

 

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