Ein Tribut an meinen philosophischen Lehrer

 

Ruediger Bubner: Heiter ist das Leben...
Anmerkungen zu einem aktuellen Phaenomen der Grenzueberschreitung

Einleitung


Ich denke, ich tue meinem akademischen Lehrer Ruediger Bubner nicht unrecht, wenn ich sage, dass er konservativ war. Im Jahre 1973, gerade Anfang Dreissig, erhielt er in Frankfurt am Main, am ehemaligen Wirkungsort Theodor Adornos und Max Horkheimers, eine Professur fuer Philosophie, und nach langen Jahren in Tuebingen kehrte er 1996 zurueck nach Heidelberg, wo er 1964 bei Hans-Georg Gadamer promoviert hatte. Bubner folgte konsequent Gadamers Abgrenzung von neueren, marxistisch oder soziologisch fundierten Denkrichtungen. Wir pflegten damals in Heidelberg zu sagen, dass sich das Philosophische Seminar fest in der Hand der Gadamer-Schueler befinde. Dies traf zweifellos zu und war auch gut so. Nicht zuletzt deswegen, weil die konsequente Linie uns Studenten, den gerade erst die unermessliche Sphaere philosophischer Denkweisen und -traditionen Betretenden, eine Basis verschaffte, von der aus ein jeder, der nach intellektueller Eigenstaendigkeit strebte, sich seinen Weg bahnen konnte.

Ich kam im selben Jahr, 1996, im Wintersemester als junger naiver Moechtegernvertreter der Neuen (inzwischen schon ziemlich alten) Linken nach Heidelberg und erkannte in Bubner einen politischen Gegner. Mehrmals brachte er seinen Spruch von den arbeitslosen Jugendlichen, welche die geisteswissenschaftlichen Faecher bevoelkerten, an, der sich auch in seinem Buch Zwischenrufe findet, und machte damit klar, wo er akademisch-politisch stand. Es ist an anderer Stelle nachzuzeichnen, wie ich mich im Laufe der Jahre vielen seiner Standpunkte, wie sie in den Zwischenrufen artikuliert werden, angenaehert und nicht wenige uebernommen habe. Diese Entwicklung hat schliesslich auch zu unserer Uebersetzung des vorliegenden Textes aus naemlichem Buche gefuehrt, womit ich Bubner endlich einen zwar kleinen, aber wahrhaft dankbaren Tribut zollen kann.

Bubner gelingt es in seinem konzentrierten dreiteiligen philosophischen Essay, der in Teilen erstmals im Jahre 1992 erschien, in verblueffend klarsichtiger und praeziser Weise Entwicklungen zu skizzieren, die sich erst in den Jahrzehnten darauf vollendet haben und inzwischen unleugbar Teil unseres Kulturzustands sind. Ausgehend von Adorno, der Schillers Diktum “Ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst” verwirft, entfaltet Bubner in knapper Form seine These von der “Aesthetisierung der Lebenswelt”, die als grundlegendes Kennzeichen der Gegenwart in den industriell und technologisch fortgeschrittenen Gesellschaften des Abendlandes zu begreifen ist.

Bubner geht zurueck auf Adornos gegen Schiller gerichteten Essay von 1967 und zitiert dabei auch einen von Adornos unglaublichen Saetzen, die nur aus der Zeit und dessen pathologischem Reduktionismus heraus begriffen werden koennen: “Kunst, die anders als reflektiert gar nicht mehr moeglich ist, muss von sich aus auf Heiterkeit verzichten.”

Was ist nicht-reflektierte Kunst? Bzw. inwiefern ist Kunst in reflektierte und nicht-reflektierte Formen zu differenzieren? Und ist das Verbot, das hier ausgesprochen wird, in seiner diktatorischen Faerbung nicht eigentlich ungeheuerlich? Adornos Reduktionismus, der schlechthin alles auf die “juengste Vergangenheit” zurueckfuehrt, fand, wie Bubner richtig sieht, seinen kuenstlerischen Spiegel in Samuel Becketts Stuecken.

Bubner versteht Adornos Forderung der kuenstlerischen Negation als Erbe der Anfang des 20. Jahrhunderts hervorbrechenden Avantgardebewegungen, an denen, in jeweils verschiedener Weise, die Tendenz zur “Einebnung der Differenz von Kunst und Leben”sichtbar wurde. Bubner argumentiert hier besonders knapp, und es beduerfte wohl eingehenderer Erlaeuerungen, um deutlicher herauszustellen, was die “expressionistische Stilform” mit dem “existentialistischen Nachklang” und dadurch sowohl mit der Heideggerschen Richtung als auch der Frankfurter Schule verbindet. Plausibel aber ist, dass mit der Forderung der Negation, die sich zum inakzeptablen Verbot auch noch sublimierter und reflektierter Heiterkeit steigert, ein unmittelbarer Bezug von kuenstlerischer Schoepfung und lebensweltlicher Faktizitaet vorausgesetzt wird. Dieser ist bei Schiller nicht gegeben.

Zum Ende des ersten Teils fuehrt Bubner den Begriff der “Avantgarde als Massenveranstaltung” ein, um den gegenwaertigen Kulturzustand zu fassen. Die naehere Erlaeuterung folgt im dritten und letzten Teil, wo auch die titelgebende Parole Heiter ist das Leben als Signum der Zeitgenossenschaft abschliessend interpretiert wird. Zuvor jedoch, im zweiten Teil, sucht Bubner die “Sonderrolle der Kunst” im Rekurs auf Kants Aesthetik, wie sie in der Kritik der Urteilskraft vorliegt, zu verdeutlichen.
Bubner geht es hier darum, die Sonderrolle der Kunst in der Gesellschaft aus ihrer Exzeptionalitaet heraus zu begreifen. Diese Exzeptionalitaet bezieht sich nicht auf ihre Stellung im Gesellschaftsganzen, sondern auf die aesthetische Erfahrung selbst. Die aesthetische Erfahrung ist eine Ausnahmeerfahrung, ein durchaus seltenes “Innehalten”, in dem das Subjekt aus der “Verbindlichkeit des gewoehnlichen Funktionszusammenhangs” heraustritt. Diese temporaere Freiheit laesst die Kunst produktions- wie rezeptionsseitig in ein “Verhaeltnis zur Welt” treten, also eine Distanz begruenden, in der die alltaeglichen Dinge in einem anderen Licht erscheinen.
Zur Illustration dieses Vorgangs nimmt Bubner ironischerweise Kants
Kritik der Urteilskraft zuhlilfe, also jene Subjektivierung der Aesthetik, die sein Lehrer Gadamer in Wahrheit und Methode historisch einordnet und im Sinne seiner “Ontologie des Kunstwerks” verwirft. Tatsaechlich ist Gadamers Aesthetik gerade in Hinsicht auf eine Sonderrolle der Kunst problematisch. Dies sei hier nur angedeutet, denn in unserem Zusammenhang ist wichtig, dass Bubner in Kants Verbindung von Aesthetik und Teleologie in der Kritik der Urteilskraft die Exzeptionalitaet der Kunst verorten kann. Diesen Zusammenhang, der in jenem epochalen Werk auf 700 Seiten ausgebreitet wird, drueckt verkuerzt eine fruehe Notiz Kants aus: “Die schoenen Dinge zeigen: der Mensch passt in die Welt”.
Der Mensch passt in die Welt, aber die Erkenntnis dieser Kompatibilitaet ist nur als Ausnahmeerfahrung moeglich und findet in der Exzeptionalitaet der Kunst eine exemplarische Verwirklichung. Das bedeutet aber, dass diese Exzeptionalitaet in einer Wechselbeziehung zu einer grundlegenden Normalitaet stehen muss, ohne welche sie ihrer Bestimmung verlustig geht. Dieser Bezug bestand paradigmatisch in der griechischen Antike durch die Einbettung der Kunst in den periodischen Kultuszusammenhang. In der Neuzeit und verstaerkt in der Moderne diffundiert die Kunst in verschiedene soziale Sphaeren, so dass schliesslich nicht nur ihr eigener Begriff, sondern auch der Begriff der Normalitaet seine Selbstverstaendlichkeit verliert.

Diese Entwicklung fasst Bubner in dem Schlagwort “Aesthetisierung der Lebenswelt” zusammen und widmet ihr den dritten Teil seines Essays. Sicherlich ist sein Dreischritt von Schiller zu Adorno und dann zur Aktualitaet sehr abstrakt und verkuerzt und raeumt vor allem der Frankfurter Schule und Adornos Aesthetik eine umfassende geistesgeschichtliche Bedeutung ein, die ihnen nicht zukommt. Es laesst sich jedoch nicht leugnen, dass ungefaehr seit Anfang der 1990er Jahre im Kulturganzen neue Phaenomene und Bedingungen zu beobachten sind, die Bubner schon damals in vielem zutreffend ausgemacht und interpretiert hat. Und hier sehe auch ich, 1974 geboren, mich im Jahre 2025 als Zeitgenosse aufgerufen, auf die fruehe Diagnose meines Lehrers einzugehen und sie auf der Basis meiner eigenenErfahrungen und von meinem eigenen Standpunkt aus zu ergaenzen. Es sei mir gestattet, zu diesem Behuf ueber den genuin philosophischen Bereich hinauszugehen.

In Wolf Gremms Science-Fiction-Film Kamikaze 1989 (1982) werden im Fernsehen Lachwettbewerbe veranstaltet, in denen sich die Kandidaten sinn- und anlasslos ausschuetten. Als ich mir dieses ansonsten schwer zugaengliche und eigenwillige Werk des deutschen Autorenfilms viele Jahre spaeter zu Gemuete fuehrte, war ich erstaunt, auf welch einfache Weise hier in der Verbindung von Verdraengung, Bloedsinn und Kompetitismus der psychopathologische Untergrund dessen vorweggenommen wurde, was in den 1990er Jahren meist polemisch als Spassgesellschaft bezeichnet wurde. Er fuegte sich in seinen medialen Auslaeufern des niveaulosen (Ver-)Lachens und (Ver-)Spottens (RTL, Karl Dall, Stefan Raab etcetera) wohl passend in die historischen Pathologien einer Gesellschaft, in der sich ein Gutteil ja zum Beispiel auch jahrzehntelang ununterbrochen einreden musste, dass er in allem besser und erfolgreicher sei als das Land hinter der Mauer.

Fuer uns Juengere war es damals einfach, darueber hinwegzulaecheln, wenn etwa Hans Peter Duerr sich ueber den “Fun” mokierte, der nun offenbar die voellige Sinnfreiheit der Unterhaltungsmentalitaet repraesentiere, oder, auf der anderen Seite des politischen Spektrums, eben Ruediger Bubner die Universitaeten von weniger Begabten gereinigt sehen wollte. Heute denke ich, dass wir solche Mahnungen ernster haetten nehmen sollen, und ich schliesse mich selbst unbedingt mit ein.

Das Thema Spassgesellschaft war im drauffolgenden Jahrzehnt dann schnell erledigt, es zerrieselte im ausdauernden Staub der Ruinen von 9-11, zerfaserte im neoliberalen Anpassungszusammenhang von der Bologna-Reform bis zu Hartz IV, und es brauchte nicht der Genugtuung eines Peter Hahne, um wahrzunehmen, dass sich die nun mehr oder weniger gesamtdeutsche Gesellschaft in eine neue Richtung bewegte.

Hier sollten wir in unserem Rueckblick einhalten und darauf hinweisen, dass sich die griechische Gesellschaft seit 1990 nicht in der gleichen Weise entwickelt hat wie die deutsche, auch wenn bestimmte Tendenzen, zeitlich leicht verschoben, uebereinstimmen. Der Zeit der sogenannten Spassgesellschaft entspricht ungefaehr die “Lifestyle-Epoche”, die sich ebenfalls daranmachte, Niveaulosigkeit medial zu propagieren und zum Beispiel auch so etwas wie einen griechischen Stefan Raab hervorbrachte (der es allerdings nicht verstand, seinen Bloedsinn weitgehend auf Gesang & Gelaber zu beschraenken).

Die “Lifestyle-Epoche” fiel mit dem Programm του εκσυγχρονισμού zusammen, das der griechischen Gesellschaft von Kostas Simitis und seinen Mitarbeitern aufoktroyiert wurde1. Dieses sollte Griechenland in die Lage versetzen, ein vollwertiges Mitglied der EU im Rahmen der Uebernahme der neuen gemeinsamen Waehrung zu werden, und erreichte durch seine grundsaetzliche, politische wie kulturelle Verfehltheit, das Gegenteil. Waehrend in Deutschland eine Regierung an der Macht war, die bald daran gehen wuerde, im Namen des Globalismus die Errungenschaften der bundesrepublikanischen Nachkriegsgesellschaft zu zerstoeren, waehnten οι σημιτικοί και μετασημιτικοί εκσυγχρονιστές sich jetzt als Teil einer zukunftstraechtigen EU! Bis die Wirtschaftskrise neue politische Reaelitaeten schuf. (Auf den gegenwaertigen Zustand der marginalisierten Bruesseler Allianz und ihre Teilnahme am massenmoerderischen Ukraine-Projekt gewissenloser US-Warlords wollen wir an dieser Stelle nicht eingehen.)

Kehren wir zu Bubner zurueck und suchen wir zu begreifen, wie sich seine These von der “Aesthetisierung der Lebenswelt” innerhalb der Entwicklung der letzten Jahrzehnte bewaehrt hat. Die deutsche und die griechische Gesellschaft sind inzwischen in dieser Hinsicht

1 Eine exzellente Interpretation der entsprechenden Weichenstellungen und ihrer Auswirkungen bietet das kuerzlich erschienene Buch von Γιώργος Καραμπελιάς: Ατελέσφορος εκσυγχρονισμός. Ο Κώστας Σημίτης και η εποχή του.

vergleichbar, auch wenn man sich stets vor uebereilten Gleichsetzungen hueten sollte. Ich moechte in der Folge in durchaus spekulativer Form die Entwicklung der lebensweltlichen Aesthetisierung umreissen, wobei mir “Aesthetisierung” allerdings ein allzu vornehmer, allzu traditioneller Ausdruck fuer das nivellierende Kuddelmuddel zu sein scheint, in dem unser gegenwaertiger Kulturzustand erkennbar ist.

Ich halte es dazu fuer zweckmaessig, auf eine spaete Avantgardebewegung des 20. Jahrhunderts zurueckzugehen: die Situationisten, die sich in Frankreich im Verlauf der 1950er Jahre vom Lettrismus emanzipierten. “Wir stimmten darin ueberein”, erklaerte spaeter Guy Debord, die emblematische Gestalt der Bewegung, “dass es keine Kunst mehr geben solle.” Die Einebnung der Grenze zwischen Kunst und Leben, wie Bubner sie als herausragendes Kennzeichen der Avantgarde ausmacht, wird hier also in der Weise weitergedacht, dass der Kunst-Pol wegfallen soll; insofern kann der Situationismus auch als Endpunkt der historischen Avantgardebewegungen betrachtet werden. Die Kunst, vor allem die Literatur mit ihrem Jahrhunderte umfassenden Bestand, wird dabei nicht etwa ignoriert, sondern geht in fragmentarischer Absorption (wie Debord es beispielhaft in seinem literarisch kargen Werk praktiziert) in die Lebenswelt ein. Auch wenn damit unbedingt eine Steigerung des Erlebens beabsichtigt ist, liegt hier doch nicht die altbekannte romantische Potenzierung vor, denn der produktive Kunst-Pol (z. B. das Verfassen eines anspruchsvollen Romans, wie es damals etwa Goethes Wilhelm Meister darstellen konnte) wird ja explizit abgelehnt.
Meine These ist nun, dass der Vorgang der fragmentarischen Absorption kuenstlerischen Materials inzwischen auf Massenbasis stattfindet, verstaerkt durch die Entwicklung der Informationstechnologie, die ohne Zweifel eine akzelerierende Wirkung hat. Wir haben es ja heutzutage gar mit kuenstlichen Intelligenzen (AIs) zu tun, die Kunst-Stoff aus allen Epochen nach bestimmten Kriterien und Zielsetzungen bearbeiten und filtern koennen. Die Fragmente aus diesem Datenwust werden lebensweltlich appliziert, in Programmen, Kampagnen, PR- Zusammenhaengen, Politprojekten; sie finden sich in Reden, Verlautbarungen, AI- Generierungen, Chatbots und noch in der Oralitaet eines Technoproletariats wieder, von dem man hin und wieder den Eindruck hat, dass es, wie in Maurice Dantecs
Grande Jonction, auch einfach nur binaere Codes von sich geben koennte.
Unter diesen Umstaenden lassen sich die Kunstwerke, die heute entstehen und gefoerdert werden, schwerlich anders denn als Teil des umfassenden globalen cultural engineering auffassen. Oligarchie-Technokratie-Totalitarismus bedienen sich ihrer instantan, und ihre Schoepfer muessen sich nolens volens in einen Zusammenhang eingliedern lassen, in dem der alte Traum von der Autonomie des Kuenstlers mehr als bloss fragwuerdig erscheint. Soviel zur
Seite des Kunst-Pols in der heutigen Zeit, aus dessen unvermeidlicher und sanktionierter Interaktion mit den lebensweltlichen Gegebenheiten des Digitalzeitalters ersichtlich wird, dass Bubners These von der fortgeschrittenen Einebnung der Bereiche Kunst und Leben Bestand hat, ob man nun den Ausdruck “Aesthetisierung der Lebenswelt” gebrauchen moechte oder nicht. Wenn wir jetzt den Blick auf den anderen Pol, den Pol der Lebenswelt richten, so fuehren Akzeleration, Digitalisierung und Infotechnik subjektiv offenbar auf breiter Basis zu einem filmischen Wirklichkeitsverstaendnis. Das heisst zum Beispiel, dass Subjekte sich angehalten oder auch gezwungen sehen, dem eigentlich unerfassbaren und uneinholbaren Horizont der Lebenswelt (wir stuetzen uns hier bewusst auf Husserl) eine sinnhafte Kontinuitaet zu hypostasieren, der praktisch zu entsprechen sei. Dies ist nun allerdings etwas ganz anderes als die Kantische Teleologie, die kein menschliches Produkt darstellt, und es wirkt sich auf die aesthetische Erfahrung dergestalt aus, dass sie diese mindert und verallgemeinert bzw., wie wir nach Bubner sagen koennen, ihrer Exzeptionalitaet enthebt.
Eine der Konsequenzen dieser Entwicklung deutet Bubner an, wenn er vom Ummuenzen der biographischen Identitaet zum Rollenspiel spricht. Realitaet als Film degradiert die Existenz 
zur Darstellung. Zu solchen Subjektivitaetsmodifikationen, die mit der “Aesthetisierung der Lebenswelt” einhergehen, waere noch viel zu sagen. Wir muessen uns hier darauf beschraenken, bestimmte Grundlinien der Entwicklung hervortreten zu lassen. Eine Parallele betrifft die einstmals herausgehobene Kunstform des Films, die zumindest die zweite Haelfte des 20. Jahrhunderts dominierte. Ich gehoere zu einer Generation, der das Wort “Kinoerlebnis” noch etwas sagt, auch wenn ich in einer Zeit aufwuchs, in der das Fernsehen und der Videomarkt die Zuschauerstroeme der Filmpalaeste deutlich reduzierten und ins technisch zusehends aufgeruestete Heim zurueckleiteten. Die neuen Generationen, visuell ueberfuettert mit all dem Kram, den sie auf Handy und Laptop konsumieren, koennen unseren alten Begriff von Film nicht mehr verstehen. Das Fernsehen wird von ihnen als das Maengelexemplar eines Computers wahrgenommen. Wie sich unter diesen Umstaenden die Kinobranche aesthetisch, produktions- und marketingtechnisch entwickelt hat, ist ein Thema fuer sich.

Auf all diese Weisen gewinnt ein Real-Idealismus Raum, der auf der permanenten Wechselbeziehung zwischen Kunst- und Lebenspol basiert. Viele, insbesondere Juengere, fuegen sich ihm fraglos, da er mit ihrer visuellen Ueberfuetterung und dem Bildschirmdasein korrespondiert, das ihr Aufwachsen von klein auf bestimmt. Doch diese Hypostasie ist anfaellig fuer Signifikantenbrueche und Dekonditionierungen. Ein Film kann auf verschiedene Weisen interpretiert werden, die continuity kann unterbrochen werden, und man kann sich sogar weigern mitzuspielen. Oft genug beruhen scheinbare Notwendigkeiten auf Denkgewohnheiten. Es kann Sand ins Getriebe der Ausbeutungsmechanismen gestreut werden. Autoren wie etwa William S. Burroughs haben ein ganzes Instrumentarium entwickelt, mit dem das emanzipierte Subjekt dem Spektakel im Geiste der Freiheit begegnen kann.
Und wir brauchen – ich nehme hier begriffliche Anleihe bei dem Denker, bei dem ich wie Bubner in die Schule gegangen bin – eine
Rehabilitation der Normalitaet. In den 1990er Jahren befand sich Deutschland auf einem insgesamt guten Weg. Die Herausforderungen des neuen Milleniums trafen auf eine Gesellschaft, die zwar die Turbulenzen der Wiedervereinigung zu bewaeltigen hatte, im Westen aber nach dem Kriege an Festigkeit und Wohlstand gewonnen hatte, so dass ein zukunftstraechtiges Fundament bestand. Was damals auf breiter Basis – auch von mir – als Normalitaet empfunden wurde, war mit verschiedenen politischen Aktualitaeten konfrontiert, etwa mit der notwendigen Verschlankung des Sozialstaates (Hartz IV allein war keine Katastrophe) und der Anpassung des Bildungssystems (das Langzeitstudium ist kein Menschenrecht), der Regulierung der Einwanderung und der Konfrontation mit kulturfremden Bevoelkerungsgruppen.
Aber im Verlauf des neuen Jahrzehnts wurde ich das beunruhigende Gefuehl nicht los, dass die Tendenzen in allen gesellschaftlichen Bereichen
zusammengenommen ein Klima schufen, in dem das Fundament, von dem ich oben gesprochen habe, Risse aufzeigte. Der Spiegel sprach von der “liquid democrazy”, in der wir, digitaloptimiert, nun offenbar alle plantschen wuerden, und ein literarischer Chronist wie Rainald Goetz schlug dazu die Leier, in seinem Kulturszenendurchgangstourdeforceritt Loslabern begann oder endete jeder zweite Satz mit “crazy”. “Crazy” hier, “crazy” da, “crazy” war wohl das neue normal, und alles, was fest, bestaendig, bewaehrt war, sollte poroes, fluessig, fragwuerdig werden, verwert- und veraenderbares Teilchen im inter-nationalen Datenflow.
Es war das Praeludium der 2010er Jahre, des katastrophalen Jahrzehnts, des Jahrzehnts der Globalisten und ihrer Marionetten, der Obamas-Merkels-Macrons, der “Abschaffung” des biologischen Geschlechts und der unkontrollierten Migrantenstroeme. Parallel dazu schwappte die Wirtschaftskrise ueber Europa, Griechenland war besonders betroffen, und die EU, welche die Herolde του εκσυγχρονισμού als Garanten nationaler Prosperitaet gepriesen 
hatten, dekonstruierte sich, schrumpfte zur diktatorischen Rumpfbuerokratie der Bruesseler Satrapen.

2025. Mancher mag mir entgegenhalten, dass der Grossteil der Entwicklungen, die ich angerissen habe, unumkehrbar sei und mir raten, mich damit abzufinden. Nichts liegt mir ferner, als Tatsachen zu leugnen. Jede wirkliche Veraenderung beginnt mit der Anerkennung des Faktischen. Ich bin mir bewusst, dass viele Juengere eine Perspektive wie die meine nur bedingt nachvollziehen koennen. Was wir Aelteren historisch einordnen koennen, ist das scheinbar Selbstverstaendliche, in dem sie aufgewachsen sind. Befinden Konservative wie ich uns in Europa also auf verlorenem Posten? Ich denke, nein. Die Gegenbewegungen sind gewaltig und wirken auf breiter Front. Es gibt weltpolitisch weithin sichtbare Zeichen. Ueber dreissig Jahre nach seiner Veroeffentlichung praesentiert sich Bubners Essay so als unvermindert aktuell. Seine Ansichten zur Stellung der Kunst und zum Begriff der Normalitaet, der in den Zwischenrufen mit seiner Konzeption der Politik als Normeneinheit und der Nation als historisch situierter Rechtsordnung zusammenzulesen ist, haben allen globalistischen Unterminierungstendenzen zum Trotz ihre Geltung behauptet. Damit ist aber meine Einfuehrung beendet, und Ruediger Bubner hat nun selbst das Wort, zwar nicht im Kant-, oder besser noch im Hegel-Saal des Philosophischen Seminars zu Heidelberg, aber immerhin auf den Seiten des Mediums, das Ihnen, geschaetzter Leser, seine Rede zugaenglich machen wird.

Agis Sideras, Thessaloniki, August 2025 


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