Adorno oder das Kontinuum des Widerstands. Zwoelf Stationen
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“Es führt kein Weg von der Frankfurter Schule zur Anerkennung des heutigen Status Quo in Deutschland. Es führt aber ein Weg von der Frankfurter Schule zu einem aufgeklärten, zeitgemässen Konservatismus.”
Sätze von mir, aufgeschrieben vor wenigen Jahren. Es ging mir mit ihnen zunächst darum, mir selbst meine eigene Richtung des politischen Denkens, wie sie sich in den letzten, sagen wir: zwanzig Jahren herauskristallisiert hat, fasslich zu machen.
Der erste Satz ist gegen zwei Seiten gerichtet. Zum einen gegen laue Linke, die glauben, man könne Theodor W. Adorno und Herbert Marcuse an einen Reformismus anpassen, der vor allem im Sinn hat, die eigenen Anpassungsmechanismen zu rechtfertigen.
Der Satz richtet sich aber auch an die andere Seite des politischen Spektrums. Hier ist es vielerorten Usus geworden, die Frankfurter Schule verantwortlich zu machen für bestimmte kulturelle Entwicklungen, die summarisch als Teil einer einzigen grossen Fehlentwicklung begriffen werden. Wenn ich richtig sehe, ist diese Anklage durch den US-amerikanischen Raum vermittelt worden, der nun allerdings selbst für solche Auswüchse wie Political Correctness, Gender Studies und Woke Ideology verantwortlich gemacht werden kann. Ich bin der Meinung, wenn man schon auf dem Felde der Philosophie einen Buhmann braucht, so bietet sich in diesem Falle doch viel besser die sogenannte French Theory an, also das Destillat aus Michel Foucault, Gilles Deleuze und der im Grunde antiphilosophischen Plaudertasche Jacques Derrida, das die oben genannten Auswüchse beflügelte. Destillate verschiedener Adepten sind es wohl auch gewesen, in denen Theorien der Frankfurter Schule so interpretiert wurden, dass dabei nichts Gutes herauskam. Mit Herbert Marcuse mag es sich etwas anders verhalten, doch der lehrte nicht in Frankfurt, sondern verblieb nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in den USA.
Man wird sich auf der deutschen Rechten damit abfinden müssen, dass zumindest Theodor W. Adorno in den Geisteswissenschaften, ebenso wie etwa Bertolt Brecht in der Literatur, zum “einheimischen Grossen” zu zählen ist, um auf meinen Heidelberger Lehrer Rüdiger Bubner Bezug zu nehmen, in dessen Seminar ich mich mit der Ästhetischen Theorie beschäftigen durfte, und der jedenfalls an der Bedeutung Adornos keinen Zweifel liess.
Kommen wir zum zweiten Teil meines Selbstzitats. Es mag sich dabei vorwiegend um einen Aspekt der persönlichen Selbstbesinnung handeln, der mit meinem individuellen Denkweg von den linksradikalen Anfängen bis zur Entwicklung einer realistischen politischen Haltung nach dem Ende meines Studiums zu tun hat. Ich scheine jedoch mit der darin ausgedrückten Richtung nicht alleine dazustehen. Auch wenn wir uns auf Deutschland beschränken, so ist zum einen festzustellen, dass das alte Rechts-Links-Schema offensichtlich nicht mehr hinreicht, um die wichtigsten Dynamiken des politischen Geschehens zu erfassen, obwohl ich nicht zu denen gehöre, die es angesichts eines zentripetalen Globalismus ganz aufgeben wollen. Zum anderen spiegelt sich diese Richtung zumindest teilweise in ganz konkreten gesellschaftlichen Vorgängen der letzten Zeit, von denen beispielsweise die erfolgreiche Gründung des BSW und die Organisation spektrumübergreifender Widerstandskampagnen gegen dem nationalen Interesse zuwiderlaufende Regierungsentscheidungen zu nennen sind.
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Das erste philosophische Buch, das ich gelesen habe, war die deutsche Ausgabe von Marcuses One-Dimensional Man. Ich war fünfzehn oder sechzehn Jahre alt. Mein keimendes soziales Bewusstsein registrierte, dass um mich herum manches nicht stimmte. Zudem begann sich die Schule zum Prototyp gesellschaftlicher Entfremdung (S. 82) auszuwachsen. Etwas schien grundsätzlich falsch zu laufen. Was war los? Auch die politischen Ereignisse, vom Ende der DDR - je nach Standpunkt als Wiedervereinigung, Vereinigung, Übernahme oder Annexion bezeichnet - und rechtsextremen Angriffen bis zum neuerlichen Golfkrieg lösten in mir keine Zukunftsfreude aus, obwohl “Wind of Change” aus allen Radios dudelte. “Wir sind auf dem Weg in ein neues Jahrtausend”, verkündeten wiederum die Toten Hosen, sonst aber auch nicht viel, und sie wurden bald darauf zu einer schalen Konsens- und Kommerzband. Wohin waren wir denn genau unterwegs?
In dieser Situation lieferte mir Herbert Marcuse Antworten. Sein Buch war 1964 erschienen, vieles zur politischen Lage las sich aber ziemlich aktuell. Vor allem jedoch waren es seine Analysen zum sozialen Bereich und zur Funktionsweise des Bewusstseins im Spätkapitalismus inklusive der Bedeutung der Kulturindustrie, die mir eine begriffliche Handhabe gaben, mich selbst und meine Umwelt besser zu verstehen. Besonders aufmerksam studierte ich das Kapitel über die repressive Entsublimierung.
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Neun Jahre später. Ich bin inzwischen nicht dem Beispiel Bert Brechts, sondern demjenigen Gottfried Benns gefolgt, also nicht dem des Engagements, sondern dem des Eskapismus. Ich führe mein 1994 begonnenes Studium ordentlich fort, träume aber von einem Künstlerdasein ohne gesellschaftliche Verpflichtungen. Ich befinde mich im Hegelsaal des Philosophischen Seminars zu Heidelberg. Zusammen mit fünfzehn, zwanzig Kommilitonen studiere ich unter Anleitung von Rüdiger Bubner und Reiner Wiehl die Ästhetische Theorie. All die Jahre habe ich Adornos Schriften bewusst gemieden, weil ich Marcuse und dem immensen Einfluss seines Buches auf mich treu bleiben wollte. Nun werde ich mit Adornos Brillanz bekannt. Die Ästhetik ist ein Schwerpunkt meines Studiums, ihr gilt mein wirkliches, ursprüngliches Interesse. Ich werde in der Germanistik mit einer halbphilosophischen Arbeit über die Poetiken von Gottfried Benn und Paul Celan promovieren. Es wird aber noch sehr lange dauern, bis ich zu Adorno zurückkehren werde, und sein Denken für mich fruchtbar werden wird.
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Winter 2024/25. Ich befinde mich zusammen mit meiner Mutter und regelmässigen Mitarbeiterin, Paraskevi Sidera-Lytra, in einem Heidelberger Hotelzimmer an der Kurfürsten-Anlage nahe dem Adenauerplatz. Ich habe mir bei Schmitt und Hahn eine neue Ausgabe der Erziehung zur Mündigkeit besorgt, ein Buch, das meine Mutter wohl schon seit Anfang der Siebziger besitzt, das ich aber erst kürzlich zu lesen begonnen habe. In uns reift der Entschluss, einige der darin enthaltenen Texte ins Griechische zu übersetzen. Die vorliegende Einleitung verdankt sich diesem Umstand.
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Wenn eines an diesem Buch, das Vorträge und Rundfunkgespräche Adornos vor allem zu Fragen der Erziehung und des Bildungswesens aus zehn Jahren, von 1959 bis 1969, vereinigt, erstaunt, so ist es seine ungebrochene Aktualität. Diese deutsche Entwicklung, flagrant erst nach dem Zweiten Weltkrieg, deckt sich aber mit der seit Henry Fords “History is bunk” bekannten Geschichtsfremdheit des amerikanischen Bewusstseins, dem Schreckbild einer Menschheit ohne Erinnerung. Es ist kein blosses Verfallsprodukt, keine Reaktionsform einer Menschheit, die, wie man so sagt, mit Reizen überflutet ist und mit ihnen nicht mehr fertig wird, sondern es ist mit der Fortschrittlichkeit des bürgerlichen Prinzips notwendig verknüpft. Die bürgerliche Gesellschaft steht universal unter dem Gesetz des Tauschs, des “Gleich um Gleich” von Rechnungen, die aufgehen, und bei denen eigentlich nichts zurückbleibt. Tausch ist dem eigenen Wesen nach etwas Zeitloses, so wie ratio selber, wie die Operationen der Mathematik ihrer reinen Form nach das Moment der Zeit aus sich ausscheiden. So verschwindet denn auch die konkrete Zeit aus der industriellen Produktion. Diese verläuft immer mehr in identischen und stossweisen, potentiell gleichzeitigen Zyklen und bedarf kaum mehr der aufgespeicherten Erfahrung. […] Das sagt aber nicht weniger, als dass Erinnerung, Zeit, Gedächtnis von der fortschreitenden bürgerlichen Gesellschaft selber als eine Art irrationaler Rest liquidiert werden, ähnlich wie die fortschreitende Rationalisierung der industriellen Produktionsverfahren mit anderen Resten des Handwerklichen auch Kategorien wie die der Lehrzeit, also des sich Erwerbens von Erfahrung, reduziert. Wenn die Menschheit der Erinnerung sich entäussert und sich kurzatmig erschöpft in der Anpassung an das je Gegenwärtige, so spiegelt sich darin ein objektives Entwicklungsgesetz. (S. 13)
Bemerkenswert, wie nah Adorno hier dem ihm verhassten Martin Heidegger ist. Ich habe im Oktober letzten Jahres in Pescara einen Vortrag zum development of the 21st Century mind gehalten und dabei mithilfe von unter anderem Guy Debord und Heidegger die Frage aufgeworfen, ob nicht ein “Kampf um Geschichtlichkeit” ansteht bzw. längst im Gange ist, da das heutige Subjekt mit der Medienmaschinerie des ubiquitären Spektakels aber auch konkreten Repressionsmassnahmen eines Orwell-Huxleyschen Kontinuums konfrontiert ist. Diesen sozusagen externen Angriffen auf Geschichte und Erinnerung stellt Adorno eine entsprechende interne Bewegung gegenüber. Sehen wir die daraus resultierende erinnerungsfeindliche und asoziale, ununterbrochene “Anpassung an das je Gegenwärtige” nicht allerorten in unserer digitalisierten, globalisierten Spektakelkultur am Werk?
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Unter jenen objektiven Konstellationen ist die vordringlichste vielleicht die Entwicklung der internationalen Politik. Sie scheint den Überfall, welchen der Hitler auf die Sowjetunion verübte, nachträglich zu rechtfertigen. […] Nur erbauliche Sonntagsredner könnten über die historische Fatalität hinweggleiten, dass in gewissem Sinne jene Konzeption, welche einst die Chamberlains und ihren Anhang dazu bewog, den Hitler als Büttel gegen den Osten zu tolerieren, den Untergang des Hitler überlebt hat. (S. 16) Ich schreibe diesen Text kurz nach dem Beginn des Iran-Krieges und vier Jahre, nachdem der Ukraine-Krieg die Verhältnisse in Europa grundlegend verändert hat, wie man inzwischen mit Sicherheit sagen kann. Eine Bedrohung durch den Osten, welche Adorno an obiger Stelle noch in Betracht zu ziehen hatte, war heute zu keinem Zeitpunkt gegeben. Die Konzeption, von der er spricht, hat sich zu einer neuen Form des westlichen Imperialismus ausgewachsen. Dieser ist jedoch nicht mehr mit der Welt vergangener Jahrhunderte konfrontiert, sondern mit einem multipolaren Globus, dessen ökonomische Kraftzentren zu einem Grossteil kaum auf diesen neuen Imperialismus gewartet haben dürften. Während wir die Auswirkungen der fortgesetzten politischen Barbarisierung auf unseren Computerbildschirmen betrachten, müssen wir konstatieren, dass Adornos Bemühungen um Erziehung und Bildung aktueller denn je sind.
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Insofern ist ein Vortrag wie Philosophie und Lehrer, der den vorliegenden Band eröffnet, nicht so weit von den drängenden Fragen unserer Gegenwart entfernt, wie es zunächst vielleicht den Anschein haben mag. Wer sich über Adornos Strenge als Prüfer mokiert oder sie gar als unzeitgemäss ablehnt, verkennt, dass Bildung nur durch Arbeit erworben wird, sorgfältige, ausdauernde Arbeit, zu der allerdings eine Aufgeschlossenheit und ein beweglicher Geist sich gesellen müssen, damit ein selbständig denkender Mensch sich ausformt, ein Intellektueller, wie Adorno es nennt (S. 31f.). Den Begriff geistiger Mensch, den Karl Jaspers gebraucht, lehnt er ab, wie ja auch leider die Polemik gegen Jaspers und Heidegger und überhaupt die Existenzphilosophie, konzentriert in der ungerechten, fanatischen Kampfschrift Der Jargon der Eigentlichkeit (1964), die vorliegenden Texte Adornos durchzieht. Wir sind heute in der glücklichen Lage, des polemischen Kontextes (ein Ausdruck meines Lehrers Wolfgang Wieland) der damaligen Zeit enthoben zu sein und Werke aller dieser drei bedeutenden Philosophen für ein zeitgemässes Denken fruchtbar machen zu können.
Gemeint habe ich nur, dass solche, die es über den einzelwissenschaftlichen Bereich hinaus zu jenem Bewusstsein des Geistes von sich selbst drängt, der nun einmal Philosophie ist, im allgemeinen der Konzeption des Examens entsprechen. Kindisch wäre es zu erwarten, ein jeder wollte oder könnte ein professioneller Philosoph werden; gegen eben diesen Begriff hege ich gründliches Misstrauen. Wir wollen unseren Schülern nicht die deformation professionelle derer zumuten, die automatisch ihr eigenes Gebiet für das Zentrum der Welt halten. Philosophie genügt nur dort sich selbst, wo sie mehr ist als ein Fach. (Ebd.) “Philosophie genügt nur dort sich selbst, wo sie mehr ist als ein Fach” - ein gewichtiger Satz. Er wendet sich gegen die Trennung der philosophischen Wissenschaft vom lebensweltlichen Dasein, eine Trennung, die, wie ich andernorts ausgeführt habe, das akademische Studium der Geisteswissenschaften, wie es im allgemeinen praktiziert wird, durchaus fragwürdig machen kann. Dementsprechend bedeutet Bildung bei aller Notwendigkeit harter Arbeit keineswegs die Akkumulation von Wissen, wie man heute allerorten meint, sondern etwas ganz anderes: Bildung ist eben das, wofür es keine richtigen Bräuche gibt; sie ist zu erwerben nur durch spontane Anstrengung und Interesse, nicht garantiert allein durch Kurse, und wären es auch solche vom Typus des Studium generale. Ja, in Wahrheit fällt sie nicht einmal Anstrengungen zu, sondern der Aufgeschlossenheit, der Fähigkeit, überhaupt etwas Geistiges an sich herankommen zu lassen und es produktiv ins eigene Bewusstsein aufzunehmen […] Fürchtete ich nicht das Missverständnis der Sentimentalität, so würde ich sagen, zur Bildung bedürfe es der Liebe; der Defekt ist wohl einer der Liebesfähigkeit. (S. 40)
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Richtet Adorno in Philosophie und Lehrer seinen Blick auf die Universität und das Examen, so geht es im drei Jahre später gehaltenen Vortrag Tabus über dem Lehrberuf um die Schule. Anstatt Adornos einsichtige Ausführungen zu referieren, möchte ich an dieser Stelle lieber einiger meiner Lehrer am Max-Planck-Gymnasium zu Göttingen gedenken, und zwar derjenigen, deren Autorität und positive Wirkung in diesen Tagen zumindest teilweise wohl denjenigen Reformen zum Opfer fallen würden, mithilfe derer oben bereits erwähnte fehlgeleitete Adepten der Kritischen Theorie das Schulsystem ausgehöhlt haben.
Ich denke an Fritz Tamm, einen Lateinlehrer, wie er heute kaum noch vorstellbar ist, so wie es womöglich bald kaum noch vorstellbar sein wird, dass das Erlernen wenigstens einer der beiden Sprachen des klassischen Altertums einmal eine philologische Selbstverständlichkeit war, so dass sich keiner ein Philologe nennen darf, der weder das Altgriechische noch das Lateinische studiert hat.
Ich denke an Günter Neitzel, der mich an manche traditionelleren sozialdemokratischen Charaktere erinnerte, und der es geschafft hat, nicht nur bei mir ein wirkliches Interesse an der Mathematik wachzurufen, einem Fach, zu dem jemand wie ich, dem der Weg zu den Geisteswissenschaften und zur Literatur vorgezeichnet war, wenig Neigung verspürte.
Ich denke an Dorothea Trittel, das wirkliche Geschenk einer Englisch- und Geschichtslehrerin, dank derer mir nicht nur das Englische, das ich zwei Jahre nach dem Lateinischen zu lernen begann, ans Herz wuchs, sondern auch der Hitlerfaschismus früh in dem historischen Licht erschien, das seine objektive Einordnung in den kulturgeschichtlichen Verlauf des 20. Jahrhunderts ermöglichte. Nicht nur sie war mit der Apathie und Ignoranz einer Generation konfrontiert, deren hirnlose Konsumideologie die trügerischen Neunziger Jahre durchzog, meiner Generation.
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Unter den Einsichten von Freud, die wahrhaft auch in Kultur und Soziologie hineinreichen, scheint mir eine der tiefsten die, dass die Zivilisation ihrerseits das Antizivilisatorische hervorbringt und es zunehmend verstärkt. (S. 88) Das ist von keinem Lebendigen als Oberflächenphänomen, als Abirrung vom Lauf der Geschichte abzutun, die gegenüber der grossen Tendenz des Fortschritts, der Aufklärung, der vermeintlich zunehmenden Humanität nicht in Betracht käme. (S. 89) Die einzig wahrhafte Kraft gegen das Prinzip von Auschwitz wäre Autonomie, wenn ich den Kantischen Ausdruck verwenden darf: die Kraft zur Reflexion, zur Selbstbestimmung, zum Nicht-Mitmachen. (S. 93) Nonkonformismus. Aus der Mode gekommen in einer Gesellschaft, die Digitalzombies hervorbringt, mögen es vorgeblich linke woke-Gören mit patenter Gaza-Affinität oder pseudoaristokratische Schreibtischtäter sein, die jedes Demokratieverständnis hinter sich gelassen haben. Keine Systemkritik ohne Spektakelkritik. Das hat uns nicht nur Debord gelehrt. Aber wer von den Jungen ist noch dazu in der Lage? Wer von den Älteren? Dabei ist Adornos Reflexion über die Technifizierung und die durch sie produzierten Charaktere essentiell, nicht nur an der anfangs zitierten Stelle. Die Kontinuität des Prinzips von Auschwitz ist ohne diese Entwicklung nicht denkbar. […] sollte man im Zusammenhang mit dem verdinglichten Bewusstsein auch das Verhältnis zur Technik genau betrachten, und zwar keineswegs nur bei kleinen Gruppen. […] Einerseits produziert jede Epoche diejenigen Charaktere - Typen der Verteilung von psychischer Energie -, die sie gesellschaftlich braucht. Eine Welt, in der die Technik eine solche Schlüsselposition hat wie heute, bringt technologische, auf Technik eingestimmte Menschen hervor. Das hat seine gute Rationalität: in ihrem engeren Bereich werden sie weniger sich vormachen lassen, und das kann auch ins Allgemeinere hinein wirken. Andererseits steckt im gegenwärtigen Verhältnis zur Technik etwas Übertriebenes, Irrationales, Pathogenes. Das hängt zusammen mit dem “technologischen Schleier”. Die Menschen sind geneigt, die Technik für die Sache selbst, für Selbstzweck, für eine Kraft eigenen Wesens zu halten und darüber zu vergessen, dass sie der verlängerte Arm der Menschen ist. (S. 99f.)
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Ich möchte es danach riskieren, auf einem Beine stehend, zu sagen, was ich mir zunächst unter Erziehung überhaupt vorstelle. Eben nicht sogenannte Menschenformung, weil man kein Recht hat, von aussen her Menschen zu formen; nicht aber auch blosse Wissensübermittlung, deren Totes, Dinghaftes oft genug dargetan ward, sondern die Herstellung eines richtigen Bewusstseins. (S. 107)
Der Begriff der Erfahrung spielt, angefangen mit dem am Anfang stehenden Zitat über das ungeschichtliche Bewusstsein, in diesen Texten Adornos eine grosse Rolle. Er spricht von einer weitverbreiteten Erfahrungsunfähigkeit. Der tiefste Defekt, mit dem man es heute zu tun hat, ist der, dass die Menschen eigentlich gar nicht mehr zu Erfahrung fähig sind, sondern zwischen sich und das zu Erfahrende jene stereotype Schicht dazwischenschieben, der man sich widersetzen muss. Ich denke dabei vor allem auch an die Rolle, die im Bewusstsein und Unterbewusstsein, womöglich noch weit über ihre reale Funktion hinaus, die Technik spielt. Wirklich sinnvolle Erziehung zur Mündigkeit diesen Phänomenen gegenüber wäre von der tiefenpsychologischen Fragestellung nicht zu trennen. (S. 113f.) Ich habe an anderer Stelle geäussert, dass bei dem gegenwärtigen Stand der Technifizierung und ihrer psychologischen Auswirkungen “Entfremdung und Atomisierung, wie sie Theorien der Neuen Linken im Anschluss an die Existenzphilosophie zu begreifen suchten, heute nurmehr die nostalgische Erinnerung an eine vergangene, menschlichere Zeit sind”. Der allgemeine Defekt ist so weit fortgeschritten, dass die neuen Generationen im Falle des weitgehenden Entzugs ihrer Verkabelung schweren Schaden erleiden würden. Wäre es das vielleicht sogar wert? Authentizität - das Wort wird womöglich bald aus dem allgemeinen Sprachgebrauch verschwinden - oder auch nur die Ahnung davon ist in kleinsten Dosen zu einem kommunikationstechnischen Luxusgut geworden. Wie lange noch? Wenn irgendwann alles vermittelt und nichts mehr erfahren ist, wird der “Mensch” tatsächlich nur noch ein Verbindungsteilchen im grossen Weltcomputer sein und sich auch als solches begreifen. Aber wer weiss schon, was die Zukunft bringt. Mittlerweile scheint es, dass auch kybernetische U- oder Dystopien von der Krieglüsternheit der Neobarbaren bedroht sind und es vielleicht gar keines intrinsischen Versagens der “Metastructure” wie in Maurice Dantecs Grande Jonction bedarf, damit das menschliche Leben auf diesem Planeten, unser Leben, wie wir es bislang kannten, zerstört wird.
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Man müsste einmal studieren, was die Kinder heute, wie man so sagt, nicht mehr mitbekommen: die unsagbare Verarmung des Bilderschatzes, des Schatzes an “imagines”, ohne die sie gross werden, die Verarmung der Sprache und des gesamten Ausdrucks. (S. 111) In dem im September 1966 gesendeten, Erziehung - wozu? betitelten Rundfunkgespräch mit dem Bildungsforscher Hellmut Becker erweitert Adorno die in Philosophie und Lehrer aufgestellten Prinzipien und stellt sie in den gesellschaftlichen Kontext. Er erneuert die Forderung nach der Verbindung von Geistes- und Lebenswelt, denn die formale Denkfähigkeit ist aber selber bereits eine Verengung der Intelligenz, ein Spezialfall der Intelligenz, dessen es gewiss bedarf. Das aber, was eigentlich Bewusstsein ausmacht, ist Denken in bezug auf Realität, auf Inhalt: die Beziehung zwischen den Denkformen und -strukturen des Subjekts und dem, was es nicht selber ist. Dieser tiefere Sinn von Bewusstsein oder Denkfähigkeit ist nicht einfach der formallogische Ablauf, sondern er stimmt wörtlich mit der Fähigkeit, Erfahrungen zu machen, überein. Denken und geistige Erfahrungen machen, würde ich sagen, ist ein und dasselbe. Insofern sind Erziehung zur Erfahrung und Erziehung zur Mündigkeit, so, wie wir versucht haben, es auszuführen, miteinander identisch. (S. 116) Was Adorno hier in moderner Umständlichkeit zum Ausdruck bringt, ist im Grunde nichts anderes als die aristotelische φρόνησις, der stets auf die jeweilige Situation bezogene Sinn für das angemessene Handeln. Bildung entspricht nur dann ihrem eigentlichen Begriff, wenn sie dazu hinleitet.
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Die Forderung zur Mündigkeit scheint in einer Demokratie selbstverständlich. Ich möchte, um das zu verdeutlichen, mich nur auf den Anfang der ganz kurzen Abhandlung von Kant beziehen, die den Titel trägt “Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?” Da definiert er die Unmündigkeit, wenn die Ursachen derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschliessung und des Mutes liegen, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. “Aufklärung ist Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.” Mir scheint dieses Programm von Kant, dem man auch mit dem bösesten Willen Unklarheit nicht wird vorwerfen können, heute noch ausserordentlich aktuell. (S. 133) Mit diesen Sätzen Adornos beginnt der letzte, titelgebende Text, wiederum ein Rundfunkgespräch zwischen Adorno und Becker, gesendet im August 1969. Verdammt will ich sein, wenn ich ein stummer Fisch sein soll, sagt sich der Fischer Knudsen in Alfred Anderschs grossartigen Roman Sansibar oder der letzte Grund, der im Oktober 1937 in Deutschland spielt. Er wird sich zu einem Akt des Widerstands gegen das totalitäre Regime durchringen. Auch heute stehen der Mündigkeit und der Erziehung dazu oft immense Hindernisse entgegen, so dass man sich fragen muss, in was für einer Demokratie wir eigentlich leben, wenn sie so selten ihrer Idee entspricht. Was ist das für ein Fortschritt, dessen wir teilhaftig geworden sind, seit der Geist Kants und Lessings, Goethes und Schillers in die Welt des beginnenden 19. Jahrhunderts strahlte? Ob wir heute noch in derselben Weise sagen können, dass wir in einem Zeitalter der Aufklärung leben, ist angesichts des unbeschreiblichen Drucks, der auf die Menschen ausgeübt wird, einfach durch die Einrichtung der Welt und bereits durch die planmässige Steuerung auch der gesamten Innensphäre durch die Kulturindustrie in einem allerweitesten Sinn sehr fragwürdig geworden. (S. 144) Und Adorno zieht das Fazit: Ich würde, auf die Gefahr hin, dass Sie mich einen Philosophen schelten, der ich nun einmal bin, sagen, dass die Gestalt, in der Mündigkeit sich heute konkretisiert, die ja gar nicht ohne weiteres vorausgesetzt werden kann, weil sie an allen, aber wirklich an allen Stellen unseres Lebens überhaupt erst herzustellen wäre, dass also die einzige wirkliche Konkretisierung der Mündigkeit darin besteht, dass die paar Menschen, die dazu gesonnen sind, mit aller Energie darauf hinwirken, dass die Erziehung eine Erziehung zum Widerspruch und zum Widerstand ist. (S. 145) Das Kontinuum des Widerstands ist das Erbe, das, recht verstanden, uns Adorno und die Frankfurter Schule hinterlassen haben. In Bildung, Geschichtlichkeit und dem selbstverständlichen Willen zur Freiheit. Nirgends in seinem Werk wird das so klar wie in der Erziehung zur Mündigkeit.
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