Ohne dich
1
Die Fahne am Mast auf dem Hochhaus der Behörde flatterte träge im Wind.
A mochte den Anblick Aufblick, ohne mehr als bloss ein Residuum von Nationalgefühl bei sich festzustellen, wenn er den blaurotweiss gefärbten rechteckigen Fetzen tagtäglich morgens in Augenschein nahm.
Ein Residuum, aber Residuen können dauernd, beständig sein, dachte er, als er die drei Stufen zum Eingang hinaufging. Die offensichtliche Wirksamkeit der Propaganda des Regimes bestätigte dies, ebenfalls tagtäglich.
Der graue Steinbau, der von aussen eine traditionsreiche Bildungseinrichtung vermuten liess (und tatsächlich früher akademisch genutzt worden war), entpuppte sich innen als modernistisch-funktionales, ausschliesslich mit den drei Farben der Nationalflagge aufdringlich bestrichenes, vielgängiges und -türiges Labyrinth, das an eine Laborstätte denken liess, und in dem doch nur Schreib-, Recherche- und Kommunikationsarbeit betrieben wurde, dies allerdings reichlich. Denkarbeit auch, doch, zuweilen.
A machte sich durch den langen Flur im Erdgeschoss auf dem Weg zum Aufzug. Er folgte dem hellroten Streifen, der von zwei kleineren weissen umschlossen war, über und unter denen sich das azurne Blau dominierend, die gesamte Decke einnehmend, ausbreitete, links mit den Augen bis zur Biegung - zur Biegung, hinter der nun I auftauchte, ihm entgegenkam, entgegenstöckelte.
Beim gegenseitigen Näherkommen beobachtete er das eilige Wippen ihrer beachtlichen Oberweite unter der türkisenen Bluse, verbunden mit dem schludrigen Schlenkern ihrer um den Lendenbereich engen schwarzen Hose, und A dachte eindeutige Gedanken, als sie einander mit einem betont kollegialen Gruss grüssten.
I war noch nicht so lange in der Behörde wie A, und er hatte mit ihr lediglich auf dem letzten Empfang ein paar Worte gewechselt. Die zweimal im Jahr, im März und September stattfindenden Empfänge waren nicht mehr als ein kaum zwei Stunden dauernder frühabendlicher Umtrunk, der dem Kennenlernen und, so hiess es offiziell in der Satzung, “der Förderung der institutionellen Synergien” diente.
Dem Gespräch hatte A entnommen, dass I Romanistik studiert und einige Jahre in Spanien gelebt hatte. Ihr annähernd ovales, von halblangen dunkelblonden Haaren umschlossenes Gesicht hatte einen bübischen Zug, den die rotbemalten Lippen offensiv ins prallweibliche Gesamtbild münden liessen. A schaute ihr nun nach, wie sie, mit der obligatorischen Aktenmappe in der Hand, sich entfernte, wahrscheinlich in Richtung des Zentralsekretariats.
I stand, nicht nur aufgrund der kürzeren Beschäftigungsdauer, in der niemals offiziell fixierten, aber dennoch stets mehr oder weniger klaren Hierarchie unter A, was bedeutete, dass er sie gelegentlich für Hilfsarbeiten in Anspruch nehmen konnte. Er hatte es bisher nicht getan, denn er wollte J, seinem Büropartner seit sechs Monaten, seine Neigung I betreffend nicht offenbaren. Der Gedanke an J, den Frühaufsteher, der oben im zweiten Stock sicher schon auf ihn wartete, senkte seine sich noch in der Duftwolke von I’s Aura suhlende Stimmung. A drückte absichtlich nicht mit dem Zeige-, sondern mit dem Stinkefinger auf den Knopf des Aufzuges, vor dem er nun stand.
Flirts zwischen Mitarbeitern waren durchaus im Sinne des Instituts, aber darüber hinausgehendes Techtelmechtel gestaltete sich nicht selten schwierig. Die Institutsleitung hatte vor Jahren angeordnet, dass die Büropartnerschaften, wie sie offiziell hiessen und meist jeweils nicht mehr als zwei Personen umfassten, in der Regel von Gleichgeschlechtlichen, wenn heterosexuell Orientierten, gebildet werden sollten. Zu viel böses Blut zu vieler gescheiterter Affären und Anmachen hatte das Arbeitsklima vergiftet. A konnte sich zwar vorstellen, dass manches nun heimlicher vor sich ging, aber Fakt war, dass für erotische Geschichten im Institut selber seitdem nicht mehr viel Platz war.
A trat in der zweiten Etage aus dem Lift und steuerte links, durch den überall identisch designten Flur mit den schmutzigweissen Plastikfliesen sein Büro an, öffnete die zweite Tür, schmutzigweiss mit dunkelblauem Rahmen, rechts, und ja, da sass J schon über einem Haufen Papieren auf seiner Tischseite.
J blickte auf und drehte den Kopf. “Morgen, Aye” warf er ihm hastig entgegen und wandte sich sofort wieder dem Papierhaufen zu.
“Morgen, Johnno”, erwiderte A. Dies waren die Namen, mit denen sie sich gewöhnlich anredeten
Der Büroraum war kaum 20 qm gross und bot rechts eine grosse Fensterfront mit Blick auf die Hinterseite einer Schule und ihren Hof. An die Fensterfront schloss sich ein Tischkomplex an, der fast die Hälfte des Raumes einnahm. Rechts dahinter stand eine einfache Regalvorrichtung, auf der sich Standardwerke befanden, welche die Behördenmitarbeiter regelmässig benutzten: Lexika, Adressbücher und sonstige Verzeichnisse. Die Behörde befürwortete die weitgehende Digitalisierung, ganz konnte man sich von Büchern aber dennoch nicht trennen. Im übrigen hatte sie vor nicht allzu langer Zeit eine Studie in Auftrag gegeben, aus der hervorging, dass gelegentliches Nachschlagen in Büchern, insbesondere Lexika, in verschiedener Hinsicht die für effektive Arbeit relevanten noetischen Prozesse förderte. A kam dies zupass, er war mit Büchern aufgewachsen, im Gegensatz zu J, der gut fünfzehn Jahre jünger war, ein waschechtes Kind des digitalen Zeitalters.
Wofür die linke Hälfte des Raumes gut war, war für einen Institutsfremden nicht ohne weiteres ersichtlich. Gut, da stand eine billige Liege, auf der jeweils ein Büropartner eine horizontale Auszeit nehmen konnte. Vor allem standen dort auf dem Boden aber fünf, sechs mit verschiedenen Sachen gefüllte grosse Pappkartons, die schon da gewesen waren, als A/J ihre Partnerschaft angetreten und den Raum bezogen hatten. Sie hatten damals, am Anfang, aus Neugier ein wenig darin gestöbert, aber nichts offensichtlich Interessantes entdeckt. Alte Bücher, Sachbücher: Soziologie, Management, Lebenshilfe. Und, aus unerfindlichen Gründen, einige zerfledderte Romanzen im Rosamunde Pilcher-Stil. Weiterhin ausrangiertes Computerzubehör und sonstiges altes Elektronikzeug. Einmal war ein Mitarbeiter aus der Logistikabteilung aufgetaucht und hatte gefragt, ob die Kartons sie störten. A/J hatten unisono erklärt, es sei ihnen egal, sie würden schliesslich nicht hier wohnen. Und so standen die Kartons noch immer herum.
Hinter der Liege und diesem Kram war nichts als die schmutzigweisse, fensterlose Wand, die das Zimmer vom Flur trennte.
A nahm auf seiner Tischseite, der linken, Platz. Wie J’s Seite war auch die seine mit einer Vielzahl von Papierstapeln bedeckt. Sie sah unaufgeräumt aus, A fand sich aber mühelos zurecht. Er schaltete, gleich nachdem er sich mit einem routinierten Ächzen auf den billigen Plastikstuhl hatte fallen lassen, den PC an, wischte Papiere zur Seite und zog die Tastatur näher. J hatte denselben PC, die Computer gehörten zum institutsinternen Netzwerk. J’s Computer befand sich fast genau gegenüber demjenigen A’s. So geschah es, dass beide manchmal unisono und annähernd symmetrisch den Blick zum Fenster wandten. Dieser Vorgang erinnerte A an eine Filmszene, er hatte aber Titel und Inhalt des Streifens vergessen.
A hatte sich kaum auf seiner Seite eingerichtet, als J ihm einige bedruckte Blätter hinhielt.
“Schau dir das einmal an”, sagte er in einem Ton, der erwartungsvoll klang, obwohl er es zu unterdrücken versuchte.
A runzelte die Stirn, dann griff er nach den Blättern. Er nahm sich einige Minuten Zeit, um deren Inhalt in sich aufzunehmen. Dann blickte er auf.
“Das ist ein Verweis”, sagte er.
“Falsch”, antwortete J.
A runzelte wieder die Stirn. “Ein hochrangiger Verweis”, sagte er dann.
“Richtig”, bestätigte J. Er lächelte andeutend. “Warum, glaubst, du, haben sie uns den Job übertragen?”
A hob die Augenbrauen. “Warum denn nicht?” brachte er die Gegenfrage an.
“Ich meine nicht, dass wir nicht die Richtigen sind, oder dass es hier Bessere für den Job gibt. Ich meine, warum gerade wir?”
A liess die Blätter auf den Tisch sinken, lehnte sich zurück und schien zu überlegen. “Sie glauben vielleicht, dass wir eine gewisse Bodenständigkeit haben. Ich habe manchmal den Eindruck, sie sehen uns so. Die beiden Bodenständigen. Oder auch: die beiden Proleten.”
J zeigte ein befreites Lächeln. “Genau das habe ich auch gedacht”, sagte er. “Dabei interessierst du dich nicht einmal für Fussball.”
A kehrte zum Stirnrunzeln zurück. “Ich interessiere mich für Fussball”, sagte er.
J ging ihm schon wieder auf den Zeiger, und er war kaum zehn Minuten hier. Er spielte damit, zum erneuten Male die grundsätzlichere Frage “Warum, glaubst du, haben sie uns zu einer Büropartnerschaft zusammengeschlossen?” in den Raum zu stellen, aber er liess davon ab. Die Antwort war schliesslich nicht schwer. Die Logistik hatte eine bestimmte Menge Menschenmaterial zur Verfügung und kombinierte. Heraus kamen verschiedene Resultate. Es konnte sein, dass Büropartner sich sofort glänzend verstanden, dass sie im grossen und ganzen gut miteinander auskamen, dass sie weitgehend konfliktfrei zusammenarbeiteten, aber die Arbeitsatmosphäre konnte sich auch problematischer gestalten. Das lief dann meist so, dass ein Partner eine Anzeige so heisst es offiziell machte, die wiederum in der Regel die Auflösung der Partnerschaft und Neukombinationen zur Folge hatte. A sah sich als umgänglichen und kompromissbereiten Partner, aber er schloss inzwischen eine Anzeige gegen J nicht aus. Nur, dachte er, konnte man nicht wissen, ob sich die folgende Partnerschaft nicht noch schlechter gestalten würde.
J hatte A’s Widerspruch nicht kommentiert, vielleicht, weil er Streit vermeiden wollte. Fast alle Stellen in der Behörde waren prekär, und wer drei begründete Anzeigen hatte, war so gut wie entlassen. J, dessen Proletenfaktor nicht jedermanns Sache war, hatte nach kaum zwei Jahren schon zwei Anzeigen, was A nicht wusste. A hatte eine, aus dem ersten Jahr, und zu Beginn des nächsten würde sie verjähren Anzeigen verjähren nach jeweils vier anzeigefreien Jahren. Es war Oktober.
A wandte sich wieder den Blättern zu, die die Anordnungen zum Verweis enthielten. Als er an eine bestimmte Stelle kam, runzelte er erneut die Stirn.
J hatte die ganze Zeit über eine zweite Ausfertigung der Anordnungen studiert. “Aye?” liess er sich nun vernehmen.
“Ja?” sagte A.
“Es wäre gut, jemanden dabei zu haben, der Spanisch kann”, sagte er.
“Ja, Johnno. Das ist mir auch aufgefallen.” Er seufzte.
“Hast du vielleicht jemanden?”
Diesmal seufzte A unhörbar. Er schloss halb die Augen und wog in seinem Kopf Argumente gegeneinander ab. Dann griff er zum Telefon, das ganz links, unter dem Fensterbrett stand, nahm den Hörer ab und drückte den Knopf der Durchwahl zum Sekretariat.
2
Als sie eintrat, fielen J fast die Augen aus dem Kopf. A musste zu seinem fortgesetzten Ärger feststellen, dass der Büropartner, nicht zum ersten Mal, einen dummen Kommentar nicht unterdrücken konnte.
“Wow”, gab J von sich, “das ist ja noch besser.”
A nickte I aufmunternd zu, stand auf und rückte einen Stuhl an seine Seite, womit er der Kollegin bedeutete, sie solle sich zu ihm setzen.
“Achte nicht auf ihn”, sagte er, “er hat mal wieder im Pub übernachtet und ist noch nicht ganz auf dem Damm.”
Während J protestierte und sich mühsam in ein besseres Licht zu rücken versuchte (“Ich meine ja… bei einer so charmanten Kollegin… wie geschaffen für unsere Aufgabe…”), ging I zu A hinüber. A stellte fest, dass sie ihre Bluse aufgeknöpft hatte, und zwar so, dass es ihm auffallen musste. Es war nicht besonders warm in dem Gebäude. A fragte sich, ob I Eigenwerbung betrieb, und er stellte fest, dass ihn diese Kleinigkeit nachdrücklich beschäftigte.
“Hast du noch eine Kopie?” fragte er seinen Büropartner.
“Nein, aber ich mache jetzt gleich eine für die Kollegin”, beeilte sich J zu sagen und schien augenscheinlich froh, seine Konstruktivität beweisen zu können. Er wandte sich Tastatur und PC zu.
I hatte inzwischen neben A Platz genommen. Der schob ihr seine Ausfertigung hin.
“Lies dir das bitte aufmerksam durch. Nimm dir Zeit. Wir möchten, dass du bei diesem Job mitmachst.”
“Danke.” I nahm die Blätter in die Hand und schien sie eingehend zu studieren, soweit A das seitlich, ohne den Anschein der Beobachtung Titteninspektion machen zu wollen, feststellen konnte. Er verspürte ein Ziehen im Unterleib, aber es war früh genug, um diese Andeutung einer Anwallung zurückdrängen zu können. Ausserdem beschäftigte ihn das, was er gelesen hatte, und was nun auch I studierte, sehr. Umso mehr, als sich die Frage stellte, ob und wie I die ihr zugedachte Rolle würde ausfüllen können.
Es gefiel A, dass I sich in der Tat Zeit nahm und zu konzentrieren schien.
Es mochten gut und gerne zehn Minuten vergangen sein, als sie aufblickte. (A und J hatten sich inzwischen mit Kleinigkeiten beschäftigt, Papiere sortiert, auf ihre Bildschirme geschaut, mit der Tastatur geklappert.)
“Ja”, sagte I schliesslich gedehnt, und A/J wandten sich ihr unisono zu.
“Was denkst du?” fragte A, da I nicht fortfuhr. “Bist du dabei?”
“Ich habe so einen Job noch nicht gemacht”, sagte I langsam. “Aber wenn ihr mich wollt, bin ich selbstverständlich dabei.”
A überlegte kurz. “Hast du Bedenken?” fragte er dann. “Irgendwelcher Art?”
Er glaubte, ein leichtes Seufzen wahrzunehmen, bevor I sagte: “Ich kann es mir nicht leisten, einen solchen Job abzulehnen.”
A gefiel diese Antwort. Er hätte I gern am Rücken berührt, liess aber davon ab. “Das gilt auch für Johnno und mich, Ith”, sagte er stattdessen mit einer Stimme, die integrierend klingen sollte.
Sie wandten sich einander zu und blickten sich an. A mochte, was er sah.
“Na, dann ist ja alles paletti”, liess sich J plump vernehmen.
A und I blickten zu ihm hin.
“Lasst uns doch gleich mit den Vorbereitungen beginnen”, fügte der Kollege auf der anderen Seite hinzu.
“Nicht so eilig”, sagte A. “Vielleicht hat Ith noch Fragen. Sag doch mal, Ith, wie stellst du dir deine Rolle vor? Wenn du an den Ablauf denkst, den Johnno und ich natürlich genau planen werden, wie würdest deinen Job beschreiben?”
I legte die Blätter zurück auf den Tisch. Sie blickte eine Weile nachdenklich vor sich hin. Dann sagte sie: “Es hört sich vielleicht komisch an, aber wenn ich die Unternehmung richtig begriffen habe, dann… dann würde ich sagen, ich bin im grossen und ganzen nicht mehr als eine Art Geschmacksverstärker.”
A/J tauschten einen aufmerksamen Blick. Keiner sagte etwas.
“Was ist?” fragte I schliesslich. “Habe ich… Ich meine, habe ich vielleicht etwas falsch interpretiert. Ich kann das Ganze noch einmal studieren…”
“Nein”, sagte J, und die beiden Männer grinsten. “Im Gegenteil. Du hast die Sache völlig richtig interpretiert. Es wird immer besser.”
3
“Warst du schon einmal in dieser Gegend?”
A nahm einen Zug von seiner Zigarette und tippte mit einer hastigen Handbewegung die Asche fort. Er betrachtete I, die an der rotbraunen Ziegelmauer des Gebäudes lehnte, in dem sich J zusammen mit der Delegation befand. I trug eine einfache schwarze Jacke und hatte den Reissverschluss wegen der Kälte bis nach oben gezogen. A kam auf einmal in den Sinn, wie er vor zwanzig Jahren mit einer Freundin in seiner Heimatstadt an einer Bushaltestelle gestanden hatte. Es musste an der Art liegen, wie I dastand und ihn anblickte. Nur dass die Freundin hellblonde Haare gehabt hatte. Aber die Situation war ähnlich. Gegenseitiges Abtasten bei fortschreitender Vertrautheit.
“Nein. Mir scheint, es ist keine besonders gute Gegend.”
I’s Blick war von einer Offenheit, die ihm neu schien. Seine Stimme wurde sanft von der Resonanz, die er in ihm auslöste. “Nein, das ist es wohl nicht”, antwortete er. “Es gibt hier aber viele alte Fabrikhallen und Lagerhäuser, manche stehen leer. Da ist es für die Behörde leicht, eine Location zu finden.”
Gegenüber befand sich eine Tankstelle, von der man sich schwer vorstellen konnte, dass sie häufig frequentiert wurde. Wer verlief, verfuhr sich schon in diese Gegend, wenn er hier nicht arbeitete? Fast ein reines Industriegebiet. Es war für A/J nicht leicht gewesen, ganz in der Nähe einen Parkplatz für ihre eigenen und die Autos der Delegation zu finden. Sie hatten mit der Leitung einer stillgelegten Fabrik in Kontakt treten müssen, die ihnen den Hof überlassen hatte.
“Müsste Johnno jetzt nicht langsam kommen?” fragte I. Sie zog den Reissverschluss ihrer Jacke noch weiter nach oben.
“Denke schon”, sagte A.
Ein grauer VW Passat näherte sich von rechts, das einzige Auto weit und breit, und bog in die Tankstelle ein.
“Du bist nicht sehr gesprächig, was?” sagte I, und A meinte in ihren Augen etwas Neckisches wahrzunehmen.
“Das täuscht”, antwortete er. “Ich bin mit den Gedanken bei Johnno und der Delegation.”
“Na, dann kannst du mir vielleicht erklären oder wenigstens andeuten, welchen Hintergrund diese Geschichte hat.” I blickte ihn jetzt wieder in ihrer betont geschäftlichen Weise an.
“Sieh mal, Ith”, sagte A, liess seine Zigarette auf den Boden fallen und drückte sie aus, “man liefert uns den Hintergrund prinzipiell nicht mit. Was nicht heisst, dass wir uns nicht manchmal Gedanken machen, Johnno und ich. Wie wirkt denn die Geschichte auf dich, wenn ich fragen darf?”
I zog geräuschvoll die Luft ein und blickte zur Seite. “Ich weiss nicht”, sagte sie dann vage. “Ein gescheiterter Businessdeal vielleicht. Ein politisch relevanter.”
A lächelte. “Ith, du bist ein Goldstück”, sagte er dann, absichtlich die Grenze des Formellen überschreitend. “Was du sagst, ist gut möglich. Glaub nicht unbedingt, dass Johnno und ich in jedem Fall viel weiter sehen können.”
Es dauerte zehn Minuten, bis Johnno kam. A erkannte schon von weitem, dass die Sache gut gelaufen war. Während J näher schlenderte, zündete er sich eine weitere Zigarette an.
Das erste, was J tat, als er herangekommen war, bestand darin, sich von A eine Zigarette zu schnorren. Er zündete sie mit seinem eigenen Feuerzeug, auf dem schwarzweiss das Logo seines Lieblingsvereins prangte, an und sog genüsslich den Rauch ein. Sagte nichts. A begann sich wieder zu ärgern, zumal er sich vorstellte, wie gut es wäre, mit I allein zu sein. I war es, die schliesslich das Schweigen brach.
“Wie ist es gelaufen?” fragte sie.
J liess es sich nicht nehmen, noch einmal genüsslich zu ziehen. “Gut”, sagte er schliesslich gedehnt. “Wirklich gut. Die Delegation hat ein Einsehen gehabt. Ich denke, wir haben die Message rübergebracht.”
Kurzes Schweigen. Dann fragte I: “Wer sind die Leute, die die Delegation vertrieben haben? Gehören sie zur Behörde?”
A übernahm die Initiative. “Ich sehe, Ith, du hast ein wirkliches Interesse an den Abläufen. Nun, J und ich kennen diese Leute nicht. Es ist eine Gruppe, die von der Behörde für solche Jobs herangezogen wird. Es existiert eine lose Verbindung. Wahrscheinlich fungieren sie offiziell als Security-Firma oder etwas in der Art.”
I schien nachzudenken. Dann fragte sie: “Kommt es nicht manchmal zu Problemen? Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Vertreibung, der Verweis, oder wie immer es von der Behörde genannt wird, stets reibungslos vor sich geht.”
“Die Behörde sorgt in der Regel vor”, antwortete A. “Die Prozedur wird an jeden Fall individuell angepasst.”
Es folgte längeres Schweigen. Dann warf J, der hastig geraucht hatte, mit einem Schwung die Zigarette fort, steckte die Hände in die Taschen seines leicht zerknitterten, aber angemessen teuer aussehenden Jacketts über dem weissen Hemd und sagte jovial: “Also, Leute, ich würde vorschlagen, nach diesem erfolgreichen Abschluss unseres ersten gemeinsamen Jobs gehen wir jetzt zusammen etwas trinken.”
Auf einen solchen Satz von seiten seines Büropartners hatte A gewartet. “Wir gehen etwas trinken”, sagte er, “aber ohne dich.”
A glaubte zu hören, wie I den Atem anhielt, während er den Vorgang beobachtete, der sich auf J’s Gesicht abspielte. Die Zeit, die J brauchte, um etwas zu sagen, war lang. Er sagte es leise und mit heiserer Stimme. Er sagte: “Okay, ich mache mich dann mal auf den Weg.”
A/I sahen unisono dem Kollegen nach, wie er sich langsam und mit leicht gebückter Haltung von ihnen entfernte. Während er rechts in die erste Seitenstrasse einbog und ihrem Blickfeld entschwand, näherte sich aus der selben Richtung eine Reihe von Autos mit fremdem Kennzeichen.
“Das sind die Autos der Delegation”, sagte I, um etwas zu sagen.
“Ja, Ith”, kommentierte A. “Deine Auffassungsgabe ist wirklich erstaunlich.”
Bei der Art, in der er sie anschaute, musste sie lachen. Sie fasste sich schnell.
“Aye”, sagte sie.
“Ja?”
Sie schwieg eine Weile. “Ach, nichts”, sagte sie dann. “Du weisst, dass das eine Anzeige bedeuten kann, oder?”
“Ja”, antwortete er. “Komm, lass uns gehen.”
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